DIE WAHREN HELDEN DES ARBEITERAUFSTANDS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

Dissidenten
DIE WAHREN HELDEN DES ARBEITERAUFSTANDS

Wenn die Prawda hinter der Streikbewegung in Polen "antisozialistische Elemente" am Werk sieht und dabei Dissidenten vom Schlage eines Kuron im Auge hat, dann verdächtigt sie einen völlig Schuldlosen. Kuron und sein KOR haben den Streik nicht angezettelt! Sie haben nie einen Zweifel daran gelassen, daß sie erklärte Gegner der Forderungen der Arbeiter sind:

"Massive Lohnerhöhungen können überhaupt nichts bewirken, denn wenn man an einer Seite der Decke zieht, um sich zuzudecken, so deckt man zwangsläufig eine andere Seite bloß." (Kuron, Spiegel 32, 4.8.80)

Diese Beurteilung der Streikbewegung nach dem Kriterium angeblicher "Zwangsläufigkeiten" der "ökonomischen Vernunft" gehört sich für eine Opposition, die ihre nationale Verantwortlichkeit und Denkweise als Beweis ihrer Qualifikation für die Herrschaft in Polen heraushängen läßt. Das KOR und seine Sympathisanten haben für die Lösung der polnischen Krise - und die besteht ja bekanntlich im Streik der Arbeiter - ein originelles Rezept bereit:

"Wir von der Opposition haben seit vielen, vielen Jahren davor gewarnt, daß man nicht einerseits von der Bevölkerung Opfer fordern und sie andererseits wie Unmündige behandeln kann." (Kuron) (Kuron, Spiegel 32, 4.8.)

Alternative Staatsmänner sind sie, denen es erstens die größte Selbstverständlichkeit ist, daß die Bevölkerung dazu da ist, Opfer zu bringen; und die zweitens, um ihr Konzept anzupreisen, die einnehmende Wahrheit ausplaudern, daß Demokratie nichts als eine alternative, aber weitaus effizientere Herrschaftstechnik ist.

Völlig verfehlt ist es also, ausgerechnet diese Möchtegernpolitiker, die das Gleiche wie der polnische Staat durchsetzen wollen, der Rädelsführerschaft bei einem Streik zu zeihen, der um mehr Fleisch geht!

Allerdings - bei einer so massenhaften Widerstandsbewegung wie die Streiks es waren, wollten die Dissidenten ihre verantwortungsbewußte Ablehnung der "extremen Lohnsteigerungen, die von den Streikenden gefordert und von den Direktoren gewährt wurden" nicht zum Hindernis werden lassen. Nichts wie hin, und wenn sich auch die streikenden Arbeiter nicht einfach als Fußvolk für den Kampf um mehr Demokratie okkupieren lassen - als Erfolg der eigenen langjährigen Arbeit lassen sich die Streiks allemal interpretieren, um sie als Vehikel zur Stärkung der eigenen Position im Lande zu benützen.

"Das vierjährige Wirken einer gut organisierten Opposition zeigt Resultate." (Kuron)

Diese Trittbrettfahrer des Arbeiteraufstands beherrschen auch ohne reelle Macht das Politikerhandwerk perfekt: Jede Regung im Volk reklamieren sie als Drang zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele und informieren die Massen auch gleich über die weitere Perspektive, der sie sich zur Verfügung zu stellen haben:

"Die jetzige Protestbewegung ist eben deshalb so wichtig, weil sie der Anfang einer Neuorientierung der Arbeiter ist. Deshalb sage ich, daß wir heute in Polen schon in einem anderen Land sind. Dies ist der einzige Weg zur Rettung für unser Land, ein Weg zur Demokratie und zur Überwindung der Krise zugleich: Nur eine in freien Wahlen organisierte Gesellschaft ist in der Lage, ein vernünftiges Programm (wessen wohl?) anzunehmen." (Kuron)

Mit der 'Neuorientierung der Arbeiter', die nicht gerade in Richtung freier Wahlen gegangen ist, darf man es nicht so genau nehmen, wenn man in der mißlichen Lage von Politikern ohne Massenbasis steckt, und als kleine radikale antikommunistische Minderheit einer Arbeiterschaft mit anderen Sorgen als dem Bedürfnis nach einer Demokratisierung der Ausbeutung gegenübersteht. Schließlich verdankt das KOR sogar noch die Möglichkeit, die Streiks als Mittel für die Propagierung seiner Ziele zu benützen, seinen Freunden im Westen. Sie stellen ihm die dortige Öffentlichkeit zur Verfügung und damit erst Gehör und Publikum. Ohne diese können sie nämlich im eigenen Land weder mit ihrer Geltung als politischer Faktor noch mit taktischen Rücksichtnahmen der Regierung rechnen, die sie angesichts der Weltmeinung nicht immer gleich einsperrt. Allerdings erhalten sie diese Unterstützung von außen auch nicht zwecks Einrichtung der Demokratie in Polen.

Zur Veranschaulichung des selbstgefälligen Urteils, dies sei ein Streik für uns, für Schmidt, Strauß und die Demokratie gewesen, drängt die versammelte Mannschaft von ARD, ZDF und Tageszeitungen den KOR-Leuten die Schlüsselrolle auf, die diese nur zu gerne spielen. Zur Beweisführung für die tiefe Sehnsucht des Volkes nach Demokratie, für Erfolge oder Scheitern der Entspannungspolitik, je nach Bedarf, dienen die Dissidenten als überaus glaubwürdige Zeugen vor Ort und bekommen im Austausch einen Höhepunkt nach dem anderen in ihrer politischen Karriere. Kaum genug polnische Systemkritiker für die Bedürfnisse der westlichen Medien nach Exklusivinterviews und Lagebeurteilungen, so daß auch noch ein abgestandener Faschist durch die ihm zuteilwerdende Aufmerksamkeit zu Sprüchen über die Ostgebiete, die den Russen wieder entrissen gehören, aufgeputscht wird und sich so der polnischen Regierung ans Messer liefert.

Zwar taugen sie ihren westlichen Liebhabern auch nur als Aushängeschild für die universelle Geltung der demokratischen Ideale, verhandelt und kalkuliert wird nach wie vor mit der Regierung, die in Polen regiert. Schließlich ist man im Westen nicht so blöd sich in der Politik an die eigenen Ideologien zu halten. Aber im Bereich der Propaganda leistet man sich den Spaß, ihren Weg zur politischen Macht zu erörtern. Daß die Arbeiter auch noch die Freilassung der Dissidenten erzwungen haben, ist für den "Spiegel" Indiz für die Hilflosigkeit der Streikenden, die ohne die Führungskräfte des KOR aufgeschmissen gewesen wären. Als hätten nicht die Proleten mit dem Einsatz ihrer Macht ernst gemacht, kommt die Dissidentenmafia als Drahtzieher im Hintergrund groß heraus:

"Walesa war der Leutnant im Graben, aber mit Sicherheit nicht die Stabszentrale an der Streikfront. Dort saß ein Brain-Trust von KOR, der das Streikkomitee in jeder Situation beriet und die Verhandlungstexte mit der Regierung juristisch ausfeilte."

Daß die Arbeiter per definitionem zu blöd für die höhere Politik sind und die Intellektuellen als Führungskräfte dringend nötig haben - diese Einschätzung teilen die Dissidenten mit den Kollegen der westlichen Presse. Ebensowenig, wie es darauf ankommt, was sie mit den Streiks eigentlich durchsetzen wollten - der kleine Unterschied von Fleisch und freien Wahlen fällt bei der Begutachtung durch die KOR-Leute nicht ins Gewicht -, ebenso lässig abstrahiert das polnische Schattenkabinett vom Interesse der Streikenden, wenn es die bisherigen Ergebnisse in seinen selbstgefälligen Optimismus als Sieg auf der ganzen Linie ausgibt. Angesichts von Zugeständnissen, deren Realisierung in allen Punkten überhaupt erst noch durchgesetzt werden muß, Siegesgewißheit zu verbreiten und den braven Arbeitern schulterklopfend ihr Verdienst um die Demokratisierung Polens zu bescheinigen, ist eben die gemeine 'Hilfe' von Möchtegernpolitikern, die sich in ihrem Erfolg bespiegeln. Die 'Beratung' durch diesen 'Brain-Trust' verschafft den polnischen Arbeitern kein Gramm Fleisch mehr und keine Stunde Arbeit weniger.