DIE WÜSTENRATTE GEHÖRT GETÖTET

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1986 erschienen.
Systematik: 

Desinformationsskandal auf amerikanisch
DIE WÜSTENRATTE GEHÖRT GETÖTET

In den Vereinigten Staaten soll es unlängst einen Skandal gegeben haben, als die Regierung einen Truppenaufmarsch vor Libyen melden ließ, der hochgespannten Öffentlichkeit dann jedoch kein entsprechendes Kriegsspektakel bot.

Was hierzulande von verständigen Presseheinis als Punktverlust der ungeschickten Reagan-Administration gehandelt wurde ("Reagan sät Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit"), stellt in Wahrheit einiges über das schöne arbeitsteilige Verhältnis klar, das diese Regierung mit der amerikanischen Meinung pflegt, wo es um den "Kampf gegen den internationalen Terrorismus" geht: Da wird locker darüber geplaudert, wie man am besten Gadafi das Licht ausbläst und wann wohl der günstigste Zeitpunkt ist.

Außenminister Shultz vor Journalisten:

"Wenn sich die Flotte von einem Ort zum anderen bewegt, dann seid ihr doch verpflichtet und entschlossen, es zu melden, auch wenn ihr vielleicht möchtet, daß sie im geheimen operiert. Deshalb können wir uns absolut darauf verlassen, daß ihr losschreit, wenn die Flotte dies oder das tut. Gadafi hört es, und wir machen uns dann daran, irgendetwas zu unternehmen - oder auch nicht." (Süddeutsche Zeitung vom 4./5.10.)

Freies Amerika - wo über solch ein "oder auch nicht" die öffentfichen Leidenschaften hochschlagen.

Und was war denn an der Meldung - US-Flotte formiert sich vor Libyen - eigentlich die "Desinformation"? Sind im August nicht tatsächlich drei Flugzeugträger vor der nordafrikanischen Küste aufgetaucht? Und hat sich Gadafi etwa nicht auf einen zweiten US-Bomben-Angriff vom Wasser und aus der Luft einstellen müssen? Für die Glaubwürdigkeit ihrer Maßnahmen hat die US-Regierung jedenfalls alles Nötige getan:

"Um 'den Gerüchten einer neuerlichen militärischen US-Aktion gegen Libyen Glaubwürdigkeit zu verleihen' (Plan des Sicherheitsberaters Poindexter) flogen US-Jets mehrmals in den Einzugsbereich der libyschen Flugüberwachung und entlang der von Gadafi zur 'Todeslinie' erklärten 'libyschen Hoheitsgrenze'in der Großen Syrte." (Spiegel 42/1986)

Die am 25. August vom "Wallstreet Journal" zitierte US-Militär-Erklärung, Gadafi wegen "neuer Terrorakte" (so "amerikanische und westeuropäische Geheimdienste sowie hohe US-Regierungsbeamte") "eine weitere Lektion zu erteilen und Teile der libyschen Wirtschaft in Schutt und Asche zu legen", wird von den Zitierern für so überaus ahgemessen befunden, daß sie den Noch-Nicht-Vollzug dieser Aktion in ein peinliches Schwächezeichen unschlüssiger Sprücheklöpfer verfabeln:

"Wenn in der nächsten Zeit die Regierung ihr Wort gegen das von Kritikern oder einer anderen Nation stellt, wird sich ihre Glaubwürdigkeit vermindert haben. ... Amerikaner wuchsen mit der Überzeugung auf, daß ihre Werte anderer Art und aufgeklärter sind, aber wenn 'Desinformation' aufhört, ausschließlich ein russisches Wort zu sein, beginnen die Unterschiede zu verschwimmen und dem Rest der Welt vermittelt sich ein tief beunruhigender Eindruck." (Newsweek/October 13, 1986)

Die psychologische Kriegsführung gegen Libyen, bei der der nächste Schlag freiweg angekündigt wird, gilt in den aufgeklärten Journalistenkreisen der USA als Verrat an der amerikanischen Stärke, die als oberster Wert der Nation gehandelt wird. Der Glaube der amerikanischen Presse an die selber angekündigte Endlösung des Falles Gadafi sieht sich bitter enttäuscht, wo sich die Angelegenheit noch ein wenig hinzieht. Amerikas Glaubwürdigkeit als internationaler Anti-Terror-Spezialist, für den man sich mit den eilfertigen Aufmarschmeldungen stark gemacht hatte, soll ausgerechnet an diesen eindeutigen Botschaften gescheitert sein? Die amerikanische Presse versteht sich als Speerspitze des Rechts ihrer Regierung, auf der Welt für Ordnung zu sorgen, so daß sie jede Ankündigung dieser Art glaubt unmittelbar einklagen zu müssen. Wenn Außenminister Shultz gerade die Freiheiten im Umgang mit einem "Terroristen" wie Oberst Gadafi betont und sich damit von der Suche nach Anlässen einer fälligen "Bestrafung" ziemlich unabhängig macht, meint die US-Presse, sie müsse die Regierung sofort beim Wort nehmen und eine Strafexpedition fordern dürfen. So etwas muß natürlich zu einem "Kontikt" mit der Regierung in Washington führen, die ihre "Optionen" schließlich nicht von der Presse abhängig macht.

Die US-Presse bietet ihr Verständnis dafür, daß eine Regierung in Kriegsangelegenheiten gewisse Freiheiten im Umgang mit der Pressefreiheit braucht, dezidiert an und kritisiert, daß dieses Angebot nicht im Sinne Amerikas genützt würde. Nach dem Überfall auf Grenada, zu dem das Pentagon vergessen hatte, das Fernsehen und die Zeitungsreporter einzuladen, hatte man sich geeinigt, in Zukunft immer rechtzeitig und korrekt die Presse zu informieren, wenn's kracht. Dafür verpflichtet sich die "vierte Gewalt", auf keinen Fall militäiïsche Aktionen voreilig zu vermelden, weil das dem Gegner unliebsame Schlüsse erlauben würde. So war auch der unerklärte Krieg gegen Gadafi einiges an pressedienstlicher "Zurückhaltung" wert: Vor dem großen Show-down in Libyen mochte kein seriöser Reporter über Gadafis Exitus kolportieren. Ungeduld ist hier natürlich angesagt. Die US-Zeitungen konnten daher auch nicht verstehen, wieso sich Außenminister Shultz so bedeckt hielt, als er die Notwendigkeit betonte, Gadafi im Ungewissen über den Zeitpunkt amerikanischen Zuschlagens zu lassen. Als Shultz meinte:

"In Kriegszeiten ist die Wahrheit so kostbar, daß man sie mit einer Leibwache von Lügen umgeben muß." (SZ vom 6.10.),

dachten die Jungs von der Pressefront in den geforderten welthistorischen Dimensionen und fanden heraus, daß Shultz hier Churchill zitiert hatte und der Spruch auf Hitler gemünzt war. Die Aufklärung der Presse folgte auf dem Fuße:

"Als sei eine Wüstenratte wie Muamar el-Gadafi mit einem Monster wie Adolf Hitler zu vergleichen, entrüstete sich der amerikanische Journalist Joseph Laitin." (Spiegel, 42/86).

Die amerikanische Presse versteht es einfach nicht, wieso mit einer "Wüstenratte" nicht kurzer Prozeß gemacht wird, wenn sie schon kein weltgeschichtliches Problem wie Hitler-Deutschland darstellt.

So gehen in den USA eben die Skandale: Mit Shultz absolut darin einig, daß der Zweck der Vernichtung von Gegnern jedes Mittel heiligt, wird deren Einsatz wochenlang kommentiert und für problematisch befunden. Der keineswegs zögerliche Einsatz von US-Raketen gegen Libyen wird besprochen als ein

"von der Reagan-Administration kunstvoll aufgespanntes 'Netz der Lügen'" (ib.),

das dann auch "nicht länger als 38 Tage halten konnte". Das journalistische Berufsethos 1986 lautet eben sehr aufgeklärt: Mit uns ist jeder Krieg zu machen - aber die Kriegsmacher dürfen uns dann doch nicht hängen lassen!

Schutz der Freiheit vor der Presse

"Die amerikanische Regierung plant die Einrichtung einer Behörde, die Buch über Versuche der Sowjetunion und anderer Staaten führen soll, die USA mit Falschmeldungen und ähnlichem in ein schiefes Licht zu rücken. Präsident Reagan hat, wie ein Sprecher des Außenministeriumi sagte, dem Vorhaben zugestimmt. Die Behörde soll dem Außenministerium unterstehen. Ihre Einrichtung gehe auf eine Anregung von Außenminister Shultz zurück." (Süddeutsche Zeitung, 8.10.)

Desinformationskampagne von Interpol?

"Der Generalsekretär von Interpol, der Brite Reymond Kendall, hat die libysche Polizei wegen deren Zusammenarbeit mit der internationalen Polizeiorganisation bei der Untersuchung der Terroranschläge auf die Flughäfen in Wien und Rom gelobt. Die libysche Polizei habe dabei 'erstklassige Arbeit geleistet', sagte Kendall in Belgrad, wo die 55. Generalversammlung von Interpol stattfindet." (Süddeutsche Zeitung, 11./12.10.)