DIE TALK-SHOW ALS MORALISCHE LYNCH-ANSTALT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1990 erschienen.
Systematik: 

Karl-Eduard Schnitzler im West-Fernsehen
DIE TALK-SHOW ALS MORALISCHE LYNCH-ANSTALT

Demokratischer Pluralismus; freie Presse, freier Rundfunk und freies Fernsehen; politische Streitkultur westlicher Prägung, sachlich, ideologiefrei und undogmatisch, weder rassistisch noch nationalistisch; Entertainment auf allen Kanälen, aber mit Niveau; keine Bevormundung. Das alles hat den Zonis immer gefehlt. Da ist was dran. Die Frage ist nur, was sie bisher verpaßt haben und worauf sie sich jetzt schon freuen dürfen.

SAT 1 hat es neulich vorgeführt und einen Vorgeschmack dessen geliefert, was das deutsch-deutsche Jahr der Hoffnung verspricht. Klarstellungen zur Demokratie nämlich, die sämtliche kommunistischen Einwände gegen sie bestätigen, nur mit dem kleinen Unterschied, daß Demokraten von heute sich fröhlich und skrupellos dazu bekennen: Pluralismus war noch nie anders gemeint als ein gnadenlos totalitärer Standpunkt des Bekenntnisses zur einzig menschengerechten Herrschaftsform; und wer da nicht mitmacht, verdient weder Gehör noch irgendeine Rücksicht. Da braucht dann niemand mehr gleichgeschaltet oder "bevormundet" zu werden, wo alle Hirne gleichgeschaltet sind; und der Verdacht des staatstreuen Dogmatismus erledigt sich von selbst, wenn alle Beteiligten, Publikum und Macher der Öffentlichkeit, ihre autonome Stasi-Gesinnung stolz und selbstbewußt vor sich hertragen.

Sternstunden erlebt die hiesige Öffentlichkeit, wenn sie über ihre erklärten Feinde herfallen und sich dabei nach Herzenslust austoben kann. Und verbunden mit einer unterhaltsamen Talk-Show wird aus dem demokratischen Niedermachen ein intellektueller Genuß. Eduard von Schnitzler ist eingeladen, der Mann vom "Schwarzen Kanal", dessen Sendung im DDR-Fernsehen zwar kaum ein Westmensch je gesehen hat, von dem aber noch die hinterletzte Schwarzwaldoma weiß, daß der nach Bautzen gehört. Mindestens! Eine solche Show will gut vorbereitet und gekonnt durchgeführt sein. Wir im Westen kennen eben nur echtes Profitum.

Die Teilnehmer

1. Die Moderatoren:

  • Florian Fischer-Fabian (SAT 1-Yuppie; unterscheidet zwischen Ärschen, in die er bevorzugt hineinkriecht, und solchen, die er verabscheut)
  • Heidi Schüller (olympische Flamme, jetzt für den deutschen Wahn; kontinuitätsbewußt)

2. Die Gäste:

  • Töpfer (gesamtdeutscher Minister für Umwelt; zuständig für die Reinhaltung der Republik, diesmal vom Schmutz des Kommunismus)
  • Otto Schily (Wendehals der SPD und moralischer Staatsanwalt des guten Deutschland; Korruptionspezialist)
  • Reginald Rudolf (ehemals SED-Kommunist, dumm gewesen, aber lange her; jetzt schlau geworden, "Bild"-Kolumnist)
  • Lothar de Maiziere (Ost-CDU; stellvertr. Ministerpräsident der DDR; Gelegenheits-Opportunist; nützlicher Idiot, Kronzeuge und Mitangeklagter)
  • Ben Herzberg (SPD-Ost, Null)

3. Der "Überraschungsgast":

  • Eduard von Schnitzler (Schwarzer Kanal, Ost; keine Überraschung: Untermensch)

4. Die Zuschauer:

  • "Das Volk" (Statist; bestellt und mit selbst erteiltem Auftrag)

Die Sendung

1. Prolog zum "Dialog"

Das gemeinsam getragene Vorurteil wird nicht etwa plump aufbereitet, sondern mediengerecht inszeniert, was aber sowieso dasselbe ist: Heute ist ein Untermensch der "Überraschungsgast" bei "Talk im Turm", Eduard von Schnitzler, das kommunistische Monstrum persönlich, dem bundesdeutsche Freiheitshelden schon immer mal gerne ins Gesicht springen wollten und noch manches mehr, wie sich zeigen wird. Das macht den Reiz der Sendung aus. Alle haben es gewußt, Gäste und Publikum, deswegen sind sie ja gekommen. De Maiziere hat sich etwas einfallen lassen und zwei Stunden vor der Sendung mit den Moderatoren vereinbart, daß er mit Schnitzler nicht reden will (tosender Beifall). Genauer gesagt, er "kann" nicht, denn Schnitzler war, ist und bleibt "faschistoid", ein "Verderber unseres Landes". Sonst redet de Maiziere mit jedem, aber nicht mit einem der "nicht dialogfähig" ist (tosender Beifall). Also wird er demonstrativ den Saal verlassen, sobald Schnitzler diesen betritt. Er hat schon eine Menge gelernt, was eine gut verhetzte demokratische Öffentlichkeit betrifft, aber manches eben doch noch nicht kapiert. Die anderen bleiben da, um Schnitzler das ins Gesicht zu sagen.

Frau Schüller hat "Verständnis für die emotionale Reaktion" und hakt nach. Der Herr de Maiziere soll sich nämlich bloß nicht täuschen. So billig lassen sich westliche Meinungsmacher nicht von Wendehälsen beeindrucken, die den Krenz weggespült haben, um Modrow zu "dienen". Der hat als "Reformer" und Hoffnungsträger der Opposition auf demokratische Erneuerung der DDR schon lange ausgedient. Wir wollen doch mehr: nicht die SED erpressen und zersetzen, das ist passiert, sondern den Kommunismus endgültig zerschlagen; nicht die DDR erneuern, sondern endlich übernehmen. Daher die Frage an de Maiziere: Wollen Sie wirklich nichts gewußt haben seit 40 Jahren: Kennen Sie den Schnitzler nicht schon länger: Und waren Sie etwa immer so schneidig gegen ihn: Ein wohlgezieltes Stichwort, das seine Wirkung nicht verfehlt, weil es die anderen Fanaten auf den Plan ruft.

eginald Rudolf z.B., der 1946 ein "glühender Anhänger des Marxismus war, weil dieser auf alle Fragen eine perfekte Antwort wußte"; der alle drei Bände des 'Kapital' von Marx mit "heißen Ohren" gelesen hat, später aber aus der SED ausgetreten ist und 1957 vom Stasi "eingelocht" wurde; der dann in den Westen rübergemacht und direktemang bei der"Bild-Zeitung" gelandet ist, wo er seine neue ideologische Heimat gefunden hat. Sein abgrundtiefer Haß auf alles, was nach Kommunismus riecht, ist dadurch nicht nur enorm glaubwürdig, sondern besitzt auch noch die natürliche Sachkompetenz, die gebrannten Kindern und reuigen Sündern, wie "wir" sie mögen, von Haus aus zukommt. So ist dieser Haß nicht blind und fanatisch, sondern ein Beweis der lautersten Absichten und menschlicher Reife. Mit 18 Kommunist gewesen - das zeugt von einem sozialen Herzen; und mit spätestens 30 am Ziel aller westdeutschen Träume: endlich Antikommunist! - das zeugt von einem klaren Verstand. Denn es war schon immer der Gipfel der Vernunft, als "Bild"-Zeitungsredakteur gewisse Bildungselemente unters Volk zu bringen. Als intimer Kenner und Feind der DDR weiß Rudolf natürlich, daß die Ost-CDU mitsamt de Maiziere immerhin 40 Jahre auf der falschen Seite gestanden hat und "weiterhin nur als Wurmfortsatz der SED fungiert". So ein rechter Scharfmacher mißtraut nämlich jedem, der noch taktisch mit dieser Partei umgeht, anstatt sie offen zu bekämpfen. Der durchschaut die durchsichtige Berechnung de Maizieres und seiner Blockpartei - wir wußten nichts und konnten nicht anders -; aber er kann sie überhaupt nicht leiden, weil er dabei die Kompromißlosigkeit der Feindschaft vermißt. Zwischen Modrow und Schnitzler mag er nicht unterscheiden und findet deshalb, daß Herr de Maiziere besser seinen Hut einrollt und geht.

Dann Otto Schily, der Kritik schon immer für dasselbe gehalten hat wie eine staatsanwaltschaftliche Ermittlung; dem als ehemaligem GRÜNEN die Hetze der "Bild-Zeitung" gegen den Kommunismus stets eingeleuchtet hat, weshalb es ihm persönlich "wurscht" ist, ob man die Ost-CDU einen "Wurmfortsatz der SED" nennt oder nicht - er meint ja sowieso dasselbe; der die Verantwortung der Macht kennt und deshalb unzufrieden mit der Ohnmacht einer moralischen Opposition wird; der deshalb zur SPD wechselt, dabei kein Wendehals ist, weil er sie für keine Schweinerei "haftbar" macht. Dieser aufrechte, sein Leben lang mit Rücktrittsgedanken befaßte Mann, die er aus Verantwortung immer den anderen nahelegt, hat auch für de Maiziere den originellen Ratschlag des ewigen Saubermanns:

"Sie repräsentieren hier heute die Ost-CDU, die für das Desaster voll mitverantwortlich ist. Sie sind voll in der Haftung. Wer die Verantwortung für einen Schlamassel trägt, der tritt zurück."

Und schließlich den Minister Töpfer, der de Maiziere nicht zum Hauptfeind erklären möchte. Er ist als der eigentliche Vertreter der DDR-Opposition anwesend, die drüben "keine Chancengleichheit" besitzt und unbedingt westdeutsche Minister als Wahlhelfer braucht. Daneben ist er eigentlich nur noch gekommen, um mit dem Mann vom "Schwarzen Kanal" "ganz hart" ins Gericht zu gehen. So hart, daß er die Methoden, die er den "kommunistischen Propaganda-Anstalten" immerzu vorwirft, als Gebot der Menschenwürde und in Form einer Beschwerde über einen unglaublichen Mißbrauch bezüglich demokratischer Meinungsfreiheit gerade für die hiesige Öffentlichkeit einfordert:

"Und ich will hier auch ganz deutlich sagen, daß ich es für eine an die Grenze der Zumutbarkeit gehende Entscheidung halte, Herrn von Schnitzler hierhin überhaupt einzuladen."

Damit hat der Mohr seine Schuldigkeit getan. Und es geschieht ihm recht. Die Kampffront steht. Wenn schon de Maiziere seine Vergangenheit als Mitläufer der SED zum Vorwurf gemacht wird, dann ist bei Schnitzler die Sache endgültig klar. Hier wird nicht einer zu einer Talk- Show ein-, sondern zu einem Tribunal vorgeladen. Ein Showdown aller Gehässigkeiten, die der bürgerliche Verstand aufzubringen imstande ist, kann beginnen; und das ganze Arsenal von Rachegedanken, die den Standpunkt des Lynchens als unterhaltsames Spekkel einnehmen, darf und soll abgerufen werden. Welch ein Vergnügen!

2. Der "Unmensch" als Gast

Diese Idee ist wirklich ein besonderer Spaß. De Maiziere tritt ab, Schnitzler tritt auf und hat gleich Gelegenheit, den brunzdummen Witz einer charmanten Olympiatante zu bewundern: "Willkommen beim Klassenfeind! " Freude und Genugtuung darüber, daß der ehemalige Propagandachef des SED-Staatsfernsehens so blöd war, der Einladung zu folgen, schwingen mit, denn die Gelegenheit ist endlich da dieses Scheusal höchstpersönlich zu besichtigen und zum Abschuß freizugeben. Damit aber auch klar ist, daß da nicht etwa ein Mensch sitzt, der einen anderen politischen Standpunkt hat, der die Lage in der DDR und in der Bundesrepublik anders beurteilt als die hiesigen Betonköpfe; damit also gar nicht erst das Mißverständnis aufkommt, hier wäre so etwas wie ein Streit über die unterschiedlichen bzw. gegensätzlichen Auffassungen und Interessen zu erwarten, muß Schnitzler als menschliches Ungeheuer entlarvt werden. Als ein Mann, bei dem jeder noch so gehässige Angriff wie ein Akt der Milde und Gnade erscheint, den er im Grunde gar nicht verdient. Das wird cool erledigt, indem man die eigenen Vorurteile n ihm vollstreckt, und darin bestand schon die ganze Dramaturgie der Sendung.

Wie es sich gehört fürs westdeutsche Fernsehen, erhält der Gast, den man einlädt, um ihn als Unhold bloßzustellen, zunächst ein Begrüßungsgeld eigener Art. Er wird einfach mit dem geballten Haß konfrontiert, den man für ihn übrig hat, natürlich wie immer in Form einer interessanten Frage:

"Herr von Schnitzler, wie leben Sie damit, einer der meistgehaßten Männer im Osten bzw. natürlich selbstverständlich auch im Westen zu sein?" (Florian Fischer-Fabian)

Ja, wie lebt er mit den Anfeindungen seiner "Klassenfeinde": Hält er sie aus? Bevor Schnitzler antworten kann, kräht es schon aus dem Publikum:

"Er hat immer gut damit gelebt, weil er kein Gefühl für Menschlichkeit hat."

Fischer-Fabian befürchtet, daß dieser Zwischenruf nicht überall angekommen ist, und verdreht ihn gleich in seinem Sinne:

"Ich darf noch mal wiederholen, weil es vielleicht nicht rübergekommen ist. Ihnen wird vorgeworfen, daß Sie nicht das geringste Gefühl für Menschen haben. Und daß Sie deshalb immer sehr gut gelebt haben in den letzten Jahrzehnten. Antworten Sie darauf!"

Anders als Heidi Schüller, die mit dem Vorwurf von Frau Schnitzler an die Moderation, ihren Mann nicht ausreden zu lassen, "sehr gut leben kann", muß sich Eduard von Schnitzler den Gehässigkeiten seiner "Gastgeber" stellen. Er ist zweifellos nicht nur ein böser Mensch, der gerechterweise alle Anfeindungen verdient, sondern auch ein abgrundtief perverser Charakter, bewiesen dadurch, daß ihm seine Feinde hier ihr eigenes Vorurteil als materielle Vorteilsrechnung anhängen: "Unmenschlichkeit" als Motiv und Quelle der Bereicherung. Dieser Vorwurf braucht noch nicht einmal den Schein von Glaubwürdigkeit zu wahren. Aus welchen Gründen und ob überhaupt sich da einer "bereichert" haben soll, spielt nicht die mindeste Rolle. Deshalb nützt Schnitzler weder der Hinweis, "ganz normal gelebt" zu haben, noch der Versuch, die Maßstäbe gerechterweise ein wenig zurechtzurücken, Stichwort "Seniorenparadies Wandlitz", wo er gar nicht gewohnt hat:

"Ja ich bin selber zweimal in Wandlitz gewesen und ich glaube nicht, daß ein Minister der Bundesregierung in so'n Haus einziehen würde."

Das läßt aufgeputschte Demokraten völlig kalt: "Wir leben hier in einem anderen System". In einem System nämlich, in dem der Luxus für die Repräsentanten wohlverdientes Recht ist und zum Beruf gehört. Das gilt für die DDR grundsätzlich nicht. Dort beweist dies zweifelsfrei Korruption und gilt als guter Grund fürs Volk, sich seiner unwürdigen Führungselite zu entledigen.

Besonders reizvoll, einem Mann, der sein politisches Lebensprogramm ganz dezidiert als Anti-Faschismus definiert und praktisch daran ausrichtet, auch noch die "Nachfahren" des seligen Adolf, die in Wahrheit Sumpfblüten vor allem des BRD-Nationalismus sind, vor- bzw. anzurechnen. Schnitzler ist nicht nur selbst"faschistoid", sondern letztendlich auch persönlich verantwortlich für alle faschistischen Gruppen und Tendenzen - in der DDR natürlich:

"Sind Sie nicht vielleicht auch mitschuldig an den Neonazis und Skinheads. Ich frage mich, wo kommen die eigentlich her?" (Heidi Schüller)

Möchte die Dame sich wirklich fragen, wo Skinheads herkommen? Wo Republikaner, Wehrsportgruppen und andere bekannte Politfraktionen bis hin zur SPD und CSU so prächtig gedeihen? Möchte sie "Talk im Turm", sich und ihren Fabian da für "mitschuldig" erklären ? Ach wo! Sie möchte bloß eine echt demokratische Manier der Verdächtigung in Anschlag bringen. Skinheads in Fußballstadien (ausgerechnet!), Schmiereien am sowjetischen Ehrenmal usw. - könnte da nicht der Stasi, also die SED selber dahinterstecken? Und selbst wenn er/sie nicht direkt das Subjekt war: Minister Töpfer, der sich als CDU-Wahlkämpfer da sehr gut auskennt, reicht allein der Umstand, daß die SED die Lage für sich ausnützt, für den Verdacht, daß sie letztlich doch der Urheber all dieser "rechtsradikalen Tendenzen " ist. Rechtsradikale in der BRD bringen selbstverständlich weder CDU/CSU/FDP/SPD noch Rundfunk/Fernsehen/Verfassungsschutz in Mißkredit. Ein eindeutig sachdienlicher Hinweis auch zur Akte Schnitzler, der im Unterschied zu Schüller, "die Sprache als Waffe und ideologisches Kampfmittel benutzt". So fragt sie sich deshalb, warum er, der Journalismus als Ersatz für Politikmachen betrachtet, nicht gleich Politiker geworden ist. Reginald Rudolf- "Bild" springt ihr zur Seite:

"Dann wäre er vielleicht Ceausescu geworden."

Das hätte zweifellos den Vorteil, daß man ihn ohne große Worte gleich standrechtlich hätte erschießen können. Gerecht wäre es allemal:

"Einen ganzen Staat, die DDR, zu den Insassen eines riesigen KZ's zu machen, dies ist Faschismus. Und Sie haben dabei mitgeholfen."

Otto Schily ist dieser Rundschlag intellektuell gesehen zu primitiv. Er bevorzugt ein differenzierteres Feindbild, das der Wahrheit die Ehre gibt, statt mit "historischen Lügen" die Propagandatrommel zu rühren. Die DDR mit Nazi-Deutschland gleichzusetzen, das geht nur zum Teil in Ordnung, weil dort die "systematische und großindustrielle Vernichtung" von Menschen einfach nicht stattfindet. Er möchte lieber ein "neutraleres Wort", sagen wir "Gefängnis", für die DDR reservieren; Mauer und Stacheldraht sprechen ja schon für sich. Herr Rudolf von"Bild" läßt sich nicht lumpen. "Gefängnis" - das gefällt ihm ausnehmend gut, zumal ja sein Blatt seit Jahrzehnten nichts anderes erzählt. Dennoch, ganz einig will Schily sich mit seinem Gegenüber nicht werden, denn als SPD-Politiker beansprucht er für seine Partei das Monopol auf den bundesdeutschen Antikommunismus, den er in der Sache, nicht aber in der Masche mit den Revolverblättern des Hauses Springer teilt:

"Und Sie Herr Rudolf mit Ihrem Blatt. Das ist eben auch, was Sie trifft als "Bild"-Zeitungsredakteur, daß Sie diese falschen Vergleiche unters Volk zu bringen versuchen. Und da gucken Sie auch manchmal in den Spiegel, was Ihr Medium angeht. Also ich weiß nicht, ob Sie so sehr zum Ankläger heute taugen."

"Anklagen" - das möchte man in dieser Talk-Show am liebsten so recht im juristischen Sinne. Die Vraussezungen dafür wären im Prinzip gegeben, nur Schnitzler in seinem Starrsinn will nicht begreifen, daß seine Einladung tatsächlich als Vorladung gemeint war ("Ich bin hier nicht auf der Anklagebank!"), die Unterhaltung mit ihm folglich als Verhandlung über seinen "Fall" geführt werden muß, bei der die Teilnehmer der "Diskussion" sich als mehr oder minder kompetente Staatsanwälte exponieren. So geht nämlich demokratische Kritik. Der fanatische Haß von reaktionären Kommunistenfressern wird von den "besonnenen Kräften" dadurch "gemäßigt", daß sie die Konkurrenz auf diesem Felde eröffnen: Wer ist der glaubwürdigste Verfechter und Vollstrecker des gemeinsamen Kampfprogramms. Logisch, daß der Minister für Umwelt noch einmal eigens betonen muß, daß er den Konsens in Sachen " Gefängnis" irgendwie doch als faulen Kompromiß ansieht:

"Damit ist aber auch kein Stück davon zurückzunehmen, daß der Begriff von Faschismus hier an dieser Stelle im Zusammenhang auch mit Ihrer Arbeit richtig ist. Möchte ich deutlich und klar nochmal unterstreichen."

Nachdem Schnitzler als "faschistoider" Schmutzjournalist entlarvt, als verkappter Ceausescu an den Pranger gestellt und für einen Göbbels-Vergleich für zu mickrig befunden worden ist ("Dafür sind Sie zu klein", Reginald Rudolf), weil Demokraten gerade da noch ihre eigenen "Charts" haben, ist es an der Zeit, einen Zahn zuzulegen, indem man den Vorwurf an ihn, sich faschistischer Argumentationsmuster zu bedienen, endgültig durch deren Anwendung ersetzt. Schnitzler ist ein Hygieneproblem, und "Schmutz" muß weg:

"Der Talk im Turm ist doch kein Platz für ideologische Umweltverschmutzung. Wir haben hier einen Minister für ökologische Umweltverschmutzung und für ideologische ist hier kein Platz. Wenn Herr von Schnitzler die Dreckschleuder von Herrn Honecker war und der gelernte Bauchredner von Herrn Ulbricht... Wir sind doch keine Wiederaufarbeitungsanlage für einen abgebrannten Herrn von Schnitzler."

Kritik als "Entsorgungsfrage" von Gedanken und Auffassungen zu betrachten - da kennen sich Demokraten aus. Beseitigen lautet der Standpunkt, der einen ideologisch keimfreien Volkskörper fordert, in dem jede abweichende Meinung mitsamt ihrem Träger als "Müll" behandelt und ausgemerzt gehört. Man fragt sich, was diese Leute eigentlich gegen "Stalinismus" haben, der doch nach ihrer Auffassung alles vernichtet, was nicht ins System paßt. Sollte es der Unterschied sein, geladene Talk-Gäste, die man leider nur ideell "einlochen" kann, höchst demokratisch aufzufordern, sich dann zumindest "freiwillig" davonzutrollen:

"Man muß sich fragen, ob Sie überhaupt etwas von politischer Hygiene mitbekommen haben, daß Sie diese unglaubliche Situation nicht anders einschätzen müßten und Sie derjenige wären; der hier rausgehen müßte, statt de Maiziere." (Töpfer)

Zur Bekräftigung dessen darf das Publikum, gewöhnlich Statist, aktiv werden. In seiner Eigenschaft als mündiges Accessoire hat es immerhin so viel zu bieten, daß die Hetze der Sendungsmacher sich auf ein aufgehetztes Echo berufen kann. Das eine oder andere Echo ist dafür extra einbestellt worden: Herbert K. zum Beispiel, ein ehemaliger DDR-Häftling, vom Stasi verfolgt, eingeknastet, den eigenen Onkel hingehängt, weil erpreßt; von Schnitzler öffentlich fertig gemacht, "teilweise durch Schauspieler ersetzt" usw. Wenn Schnitzler erwidert -

"Ich mußte damals aufgrund des mir vorliegenden Materials so handeln."

- entlarvt ihn das als sturen journalistischen Befehlsempfänger einer verabscheuungswürdigen Macht. Für ihn gelten selbstverständlich, die Karriere- und Befehlsnotstände ehrenwerter westdeutscher Minister- und Bundespräsidenten nicht. Dem Mann Schnitzler fehlt einfach der menschliche Zug, dem westdeutschen Publikum einzugestehen, daß er einer der größten Verbrecher der Nachkriegsgeschichte gewesen sei. Da muß dann wieder so ein Fossil auftreten, ein Parlamentarier aus der Trümmerzeit, und sagen, was alle guten Menschen, das sind "wir", empfinden:

"Sie sind unerträglich! Einfach unerträglich."

Ehrlich in dem Sinn, daß sie ihre Urteile als schlichte Feindschaftserklärung, die sie nun einmal sind, kenntlich machen, sind aufrechte Demokraten nie. Sie bringen es tatsächlich fertig, den eigenen Haß als Betroffensein durch den abgrundtief bösen Charakter ihres Opfers hinzustellen und so zu tun, als wäre der Ekel, den sie kräftig zur Schau stellen, die höchste Form der Menschlichkeit, also auch ein Zeichen, daß sie hier und heute die eigentlichen Opfer und damit die besten Zeugen der Anklage gegen den verruchten Täter sind.

Epilog: "Es hat sich ausgeschnitzlert."

Jemanden in eine Talk-Show zu holen, um ihn dort grundsätzlich für "nicht dialogfähig" zu erklären, ist alles andere als ein Widerspruch. Es ist der erklärte Zweck der Veranstaltung, dies möglichst effektvoll in Szene zu setzen; ganz einfach dadurch, daß man ihn mit unaufhörlicher Penetranz für "diskussionsunwürdig" befindet. Den ersten Beweis, wie richtig man liegt, liefert der illustre Gast, noch bevor er Piep sagen kann, indem er tatsächlich kommt:

"Wir haben hier heute abend eine merkwürdige Situation. Herr de Maiziere setzt sich mit Ihnen nicht an einen Tisch. Jetzt würde mich interessieren: Warum wollten Sie eigentlich hierhin? Sie könnten doch zu der Einsicht kommen, der späten, ich habe furchtbar viel Mist gebaut. Und jetzt sagen Sie mal, statt 30 Jahre Mist reden, gehen Sie mal für 10 Jahre in ein Trappisten-Kloster. Wie wär' denn das?" (Otto Schily)

Sind Schily, Töpfer, Rudolf und all die anderen vielleicht nicht gekommen: Ganz zu schweigen von dem "Mist", den sie seit mehr als 30 Jahren "bauen". Wie "merkwürdig", also entlarvend, daß das auch Schnitzler getan hat! Nun sitzen sie da in einer Runde, aufgefordert zum Talk. Und schon wieder beweist der Mann vom "Schwarzen Kanal", wie ignorant, instinktund taktlos seine ebenso schwarze Seele ist. Er redet:

"Die Frage an Herrn von Schnitzler ist doch: Warum hat er das Bedürfnis zu reden, anstatt zu schweigen?" (Otto Schily)

"Sie haben 30 Jahre genug gesagt. " (Heidi Schüller)

"Wie wär's denn, daß Sie jetzt mal sagen: ich schweige lieber." (Otto Schily)

Hätte es Schily und Schüller gefallen, wenn Schnitzler wie weiland der "Prinz von Homburg" im Sportstudio einfach und stur auf Funkstille geschaltet hätte, kein Ton, kein Pieps, nur geguckt? Nein, auch da sind Demokraten wieder sehr verlogen. Das war ja der Knüller der Sendung, daß er kam und auch noch naiv glaubte, er wäre gefragt:

"Wollen wir uns nicht lieber darüber unterhalten, was ich sage?" (von Schnitzler)

Diese Unsitte hat die westliche Öffentlichkeit in der Tat längst abgelegt: Einen Streit um irgendeine Sache zu führen; ein Argument inhaltlich zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn zu widerlegen; überhaupt ein Interesse daran zu haben, Positionen und Auffassungen nach ihren Gründen zu befragen usw. - das hat sie schlicht nicht nötig. Insofern trennen Schnitzler und das Fernsehgericht, dem er sich gegenüber sieht, wirklich Welten. Was die Verrohung des Geistes betrifft, hat der angebliche Unhold einfach nichts Gleichwertiges zu bieten. Bei aller Kritik, die wir an ihm hätten, ein sympathischer Zug.

Den dritten und praktisch eindrucksvollsten Beweis, daß Schnitzler jedes Recht auf Gehör verwirkt hat, liefern die Talkies von SAT 1 und ihre ehrenwerten Gäste lieber selber ab: Sie lassen ihn einfach nicht zu Wort kommen:

"Lassen Sie mich doch mal ausreden, verdammt noch mal. Ich bin kein Krenz und Sie nicht Pleitgen. Wenn Herr Krenz sich das gefallen läßt, sich von Pleitgen dauernd unterbrechen zu lassen, ich lasse es mir nicht gefallen." (von Schnitzler)

Der formelle Widerstand nützt Schnitzler gar nichts. In einer Runde, die den Geist dieser Republik exakt "widerspiegelt"; die sich an demokratischen Idealen der Meinungsfreiheit etc. nicht mehr blamieren läßt, weil sie die auf ihren harten Begriff bringt; in dieser Runde hat der Kommunist von drüben keine Chance:

"Da müssen Sie sich bei mir mal an anderes gewöhnen. Wir konnten Sie 30 Jahre nicht unterbrechen. Und Sie werden sich daran gewöhnen müssen, daß, wenn Sie Lügen und Unverschämtheiten sagen, Sie sofort unterbrochen werden." (Reginald Rudolf)

Ums Unterbrechen in dem Sinne geht es natürlich nicht. Da hätte die "Bild"-Zeitung Schwierigkeiten mit ihrem Umbruch, wie Schnitzler zurecht bemerkt. Stellvertretend für alle anderen wollte Reginald R. aber bemerken, daß der finstere Gast lügt, wann immer er den Mund aufmacht, weil er es grvndsätzlich für eine "Unverschämtheit" hält, wenn Kommunisten was sagen. Was liegt näher als die Konsequenz, endlich die Randale im Fernsehen zu provozieren. Alle Gesichtspunkte des bürgerlichen Anstands und der gängigen demokratischen Heuchelei haben ausgedient; Tumulte im Maritim SAT 1-Studio. Das Publikum wird freigelassen zum unverhüllten Haß gegen den "Überraschungsgast", so daß sich am Ende das Resümee von Fabian - "es hat sich ausgeschnitzlert" - fast wie ein Akt friedlicher Versöhnung ausnimmt: Immerhin durfte er das Studio als freier Mann verlassen.

P.S. Die"Süddeutsche Zeitung" gibt am Tag darauf einen Kommentar zur Sendung heraus. Tenor: Eine Gelegenheit verpaßt, Schnitzler gekonnt = mit Niveau zu erledigen. Feine Kritik! Die gleiche Absicht und Tour, nur raffinierter. Etwa so, wie ein liberales Weltblatt in seinem "Streiflicht" dagegen polemisiert, daß das Satiremagazin "Titanic" Schnitzler als Gastschreiber zu Wort kommen läßt.

Das "Neue Deutschland" nimmt ebenfalls Stellung, im Geiste der "Erneuerung": Wer Schnitzler zu Wort kommen läßt, schadet der DDR!

Deutschland kommt sich offenbar immer näher.