Die Schuldfrage

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1988 erschienen.
Systematik: 

Die Schuldfrage

Gleich, wie's ausgeht, solange es demokratisch zugeht, sorgt die Inszenierung beim demokratischen Skandal dafür, daß kein einziger Grund benannt, nicht ein einziger der ehrenwerten Zwerke von Politik und Marktwirtschaft in Frage gestellt und garantiert kein nationales Anliegen ernsthaft behindert wird. Und das geht so:

- Wenn ein kapitalistisches Unternehmen bei der Abwicklung seines Geschäfts systematisch Gift in die Landschaft setzt, das Abschmieren von Behörden als laufende Kosten fest einkalkuliert, aus staatlichen Aufträgen zur Müllbeseitigung Waffengeschäfte macht und dabei international so erfolgreich ist, daß NUKEM laut "Spiegel" 80% des Weltmarkts kontrolliert, dann liegt das um Gottes Willen nie und nimmer am System, sondern an (bislang) 2 Menschen: Die Geschäftsführer von NUKEM sind beurlaubt worden!

- Wenn ein demokratischer Rechtsstaat die Produktion von Plutonium genehmigt, das Verschieben von spaltbarem Material über die Grenzen in Auftrag gibt, fortlaufend neue Atomkraftwerke in Betrieb nimmt und so immer mehr "Atommüll" in die Welt setzt, dessen "Entsorgung" er seinen nationalen Geschäftsleuten als Geschäft anbietet, dann darf kein Gedanke aufkommen, der der Politik ihre menschenfreundlichen Absichten nicht mehr abnimmt. Im Gegenteil: Eine kritische Öffentlichkeit phantasiert angesichts des kontrollierten Einstiegs der BRD in die Plutoniumwirtschaft und der geplanten Option auf Nuklearwaffen, hier sei was "außer Kontrolle" (Spiegel) und ein Minister bzw. sein Staatssekretär habe versagt.

Weil also parteiübergreifend feststeht, daß "wir" die "friedliche" Nutzung der Kernenergie brauchen, weswegen sich die Aufbereitung von Rohstoffen und die Technologien der Nuklearbewaffnung wie von selbst ergeben, ist der "Skandal" auch im aktuellen Falle "menschliches Versagen".

So enthält die Schuldfrage nach den versagenden Personen immer schon den Freispruch in der Sache und die mildernden Umstände für die allerhöchsten Verantwortlichen. Minister Töpfer:

"Wir können und wollen auch bei der Kernenergie den Menschen nicht das Grundrecht auf Irrtum aberkennen."

Merke: Wenn Politiker "das Menschliche" in Schutz nehmen, dann handelt es sich allemal um eine staatliche Sauerei.