DIE SCHÖNSTEN AFGHANISTAN-VERGLEICHE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1983 erschienen.
Systematik: 

DIE SCHÖNSTEN AFGHANISTAN-VERGLEICHE

Wer es ganz einfach nicht leiden kann, daß Staaten bei der Durchsetzung ihrer Interessen beständig Elend, Terror und Leichen produzieren, dem wird bei der US-Invasion in Grenada gewiß nicht als erstes Stichwort "Afghanistan" einfallen. Das blutige amerikanische Eingreifen in der Karibik wird durch das, was in Afghanistan geschieht, weder entschuldigt noch irgendwie schlimmer, und erklärt wird es dadurch schon überhaupt nicht.

Der bundesdeutschen Presse ist zu Grenada überhaupt nichts anderes eingefallen als "Afghanistan, Afghanistan!" Und zwar so:

"BILD"-Kommentar vom 26.10.: "Wer Vergleiche mit Afghanistan ziehen möchte, dem sei gesagt: In Afghanistan wird ein ganzes Volk von 100.000 Sowjets terrorisiert. In Grenada wird eine Diktatur beseitigt und die Demokratie wiederhergestellt."

Also: 'Das ist doch wohl klar, daß in der Weltpolitik mit zweierlei Maß gemessen gehört. Wenn der Westen zuschlägt, war Gewalt nötig, um das gute System zu retten. Wenn der Osten zuschlägt, hat das schlechte System gezeigt, wie gewalttätig es ist. Krieg im Namen der Demokratie: Ja, bitte!'

"Abendzeitungs"-Kommentar vom 26.10.: "Die moralische Autorität, mit der Amerika vielleicht noch auf Afghanistan reagieren konnte, ist allerdings dahin. Reine Machtpolitik bestimmt die Handlungen der Supermächte, auch die unseres großen Verbündeten."

Also: 'Wir möchten unserer verbündeten Supermacht ihre moralische Heuchelei glauben können. Dieser Seelentrost hat durch den US-Einmarsch in Grenada Schaden genommen. Wir bleiben also die einzigen Moralkanonen auf der Welt. Der Machtpolitik unseres großen Führungsstaates halten wir fortan ohne Illusionen die Treue!!'

"Frankfurter-Rundschau"-Kommentar vom 27.10.: "Wie soll man im Westen glaubwürdig sowjetische Interventionen wie in Afghanistan verdammen, wenn die eigene Führungsmacht gleiche Methoden einsetzt?"

Also: 'Die USA machen es ihren auf Beifall festgelegten freien Journalisten aber auch gar zu schwer, hemmungslos mit größter moralischer Wucht gegen den richtigen Feind zu hetzen!'

"Frankfurter-Allgemeine"-Kommentar vom 29.10.: "Die bisher allzu unangefochtene Lehre, daß untätiges Zusehen, höchste moralische Anstandspflicht sei, wenn die Sowjetunion kleine Staaten erpreßt und ihre Lebensweise unter revolutionären Veränderungsdruck setzt, ist in der zurückliegenden Woche zur Diskussion gestellt worden. Vielleicht war das schon lange nötig."

Also: 'Es war ein Fehler, daß der Westen nicht schon längst energischer, auch mit Waffengewalt, auf seinem Monopol auf die Erpressung anderer Staaten bestanden hat. Erst recht war es ein Fehler, daß er für sich selber dieselben moralischen Maßstäbe hat gelten lassen, in deren Namen er die Sowjetunion zu verurteilen pflegt. Höchste Zeit, daß beides aufhört. Die Welt gehört dem Westen, und eine höhere Moral gibt es nicht!'