DIE ROLLE DER KRANKHEIT IN DER POLITIK

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1984 erschienen.
Systematik: 

Breschnev, Anropov, Tschernenko
DIE ROLLE DER KRANKHEIT IN DER POLITIK

Tschernenko ist krank, war fast tot, er läuft wieder herum, er zeigt sich nicht mehr, ist er schon gestorben? Nein, da ist er wieder, was hat er denn? Er ist gestolpert, aber braungebrannt war er. Was hat er denn? Lungenemphysem oder Herzmuskelschwäche oder Parkinson oder alles zusammen? Lebt er überhaupt noch oder wird er gedoubelt?

Nicht nur "Bild", sondern auch die sogenannten seriösen Zeitungen; und nicht nur die Medien, sondern auch Regierungssprecher und andere offizielle Persönlichkeiten verbreiten unentwegt ihre Mutmaßungen über den Gesundheitszustand des sowjetischen Staatschefs als unglaublich wichtige Mitteilungen. Als ob es nicht genügend kranke Leute gäbe, nein, jeder Schnupfen im Kreml ist so interessant, daß dafür teure Sendeminuten zur Verfügung gestellt werden und Regierungen ihre kostbare Regierungszeit den spekulativen Krankheitsbulletins widmen. Zum Vergleich: Ein Verhaspler während einer Parteirede ist um ein Vielfaches bedeutsamer als ein paar tausend Tote bei einer indischen Überschwemmungskatastrophe.

Politiker krank, au weia

Man muß schon ziemlich geistig umnachtet sein, um Politikerkrankheiten überhaupt für erwähnenswert zu halten. Denn erstens sind unter Garantie schon genügend Ärzte damit befaßt, und wenn sich nichts mehr machen läßt, dann läßt sich eben nichts mehr machen, und man feiert eine schöne Leich. Und zweitens ist uns nicht bekannt, daß wegen Politikerkrankheit jemals irgendwo ein Stück Politik ausgefallen wäre. In der Sphäre, wo regiert und entschieden wird, ist Personalmangel wirklich das allerletzte, worum man sich Sorgen zu machen bräuchte. Die amerikanische Prozedur, wo der Vize gleich im Jet vereidigt wird, kennt man bestens, und die Sowjets, die sonst überall die Todsünde begehen, planen zu wollen, werden für solche Fälle neben ihrer kollektiven Führung sicher auch einen Plan in der Schublade haben.

Um Politikerkrankheiten bedeutsam zu finden, muß man also der demokratischen Unsitte anhängen, Staaten mit ihrem höchsten Repräsentanten so grundsätzlich zu verwechseln, daß mit deren leiblichem Wohl und Wehe jeweils auch der ganze Politikapparat auf dem Spiel stehen soll. Personenkult nennt man das. Die angeblichen Erfinder dieser Unsitte im Osten halten es zwar durchaus nicht für nötig, so zu tun; als wäre die sowjetische Politik durch Tschernenkos Unpäßlichkeiten beeinträchtigt. Haupt- und Generalthema sind sie im Westen, der sogar höchstoffiziell seine Botschafter zur Beschwerde ausschickt, daß er darüber nicht genauestens informiert wird.

Politiker krank, au fein

Denn wenn es im Osten kein Thema ist, muß man gerade deshalb im Westen eines daraus machen. In Anbetracht östlicher Politiker gilt nämlich derselbe Demokratenglauben an die Rolle der Persönlichkeit in der Politik, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Wenn es bei westlichen Politikern mitleiden und mitbangen heißt, ist bei russischen Generalsekretären mitfreuen allerchristlichstes Gebot. Krank ist der Sowjetchef, krank ist die große Sowjetmacht. Und Schadenfreude ist die reinste Freude. So böse, wie sie sind, so hinfällig sind sie auch. Und so wird die nie endenwollende Krankheitsstory zur Erbauung des zivilisierten westlichen Publikums vorgeführt, als Versinnbildlichung der Hoffnungen, die man sich machen darf: Der Feind ist schwach, also besiegbar.

Demokratische Instanzen sind allerdings längst nicht so bescheiden, es bei dieser grundanständigen Freude zu belassen. Wie bei allem, was die Sowjetunion treibt und tut, muß auch bei den Krankheiten ihrer Politiker ein Vergehen vorliegen, das "uns" zu den ernsthaftesten Vorwürfen berechtigt.

Politiker krank, ein Skandal

Daß ein bettlägriger Politiker unweigerlich einen Stillstand in der ach so lebensnotwendigen Politik bewirken soll, dient zur Freude, soweit es die Lähmung des bösen Feindes betrifft. Empörung aber ist angebracht, soweit "wir" einen Anspruch auf einen handlungs- und entscheidungsfähigen Sowjetrepräsentanten erheben - handlungs- und entscheidungsfähig für "unsere" Wünsche! "Uns" steht ein Verhandlungspartner zu, der sich nicht heimtückisch durch Krankheit seinen Pflichten entzieht! Der tatkräftig die Politik macht, die "wir" von ihm verlangen. Insofern ist die Krankheit im Kreml ein Skandal, an dem weder die tatkräftigen Handlungen und Entscheidungen der sowjetischen Politik etwas ändern noch die blendende Gesundheit dcs geschäftsführenden Außenministers. Der ist ja bloß ein Scharfmacher, auch wenn er sicher das eine oder andere Mal niest.

Die Hinfälligkeit sowjetischer Politiker ist also eine sehr berechnend dargebotene Pseudoerklärung, eine der vielen Lügen, mit deren Hilfe der Fortschritt der Weltpolitik gegen die Sowjetunion als bedauerliche Stagnation präsentiert wird, an der sich unsere Friedenspolitiker unermüdlich und topfit abarbeiten, aber leider, leider wegen der unfähigen kranken Kremlmannschaft wenig ausrichten können. Warum finden keine Rüstungsverhandlungen statt, warum ist Honecker nicht gekommen? Weil Tschernenko im Rollstuhl sitzt - so etwas will als seriöse Erklärung geglaubt werden. Warum ist Verständigung so schwer? Beileibe nicht deshalb, weil sich das Objekt einer tödlichen Raketenbedrohung schlecht darüber "verständigen" kann. Auch nicht deshalb, weil der Westen gar nicht daran denkt, seine Aufrüstung zur Diskussion zu stellen. Die Bildzeitung kennt die richtige Antwort:

"Bild-Kommentar

Gipfel der Gegensätze

Stellen wir uns mal vor, es käme endlich zum Gipfeltreffen Reagan/Tschernenko. So würde das aussehen:

Reagan (73), vor Gesundheit strotzend, würde mit federnden Schritten auf Tschernenko zugehen und strahlend mit einem einzigen Schritt die zwei, drei Stufen des Rednerpodiums nehmen.

Tschernenko (72), herz- und lungenkronk, müßte von zwei Krankenpflegern gestützt werden und hätte Schwierigkeiten zu sprechen.

Kann sich die gigantische Militärmacht Sowjetunion so zeigen?

Nein!

Wovon die Verständigung auf Erden so abhängt..."

"Stellen wir uns mal vor", das Politbüro würde sich den Spaß erlauben und einen jungen, knackigen Brecher, der das letzte Mal vor 23 Jahren wegen Masern das Bett hüten mußte, zum Generalsekretär wählen. Westliche Politiker und Öffentlichkeit wären in Null Komma nichts umgeschwenkt und würden sich unisono über die Ungeheuerlichkeit entrüsten, die unermeßliche weltpolitische Verantwortung einem unerfahrenen, geistig und charakterlich noch gar nicht ausgereiften Subjekt anzuvertrauen. Mit diesen Russen läßt sich einfach keine anständige Politik machen.