DIE NEUE SPARSAMKEIT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1985 erschienen.
Systematik: 

Rainer Grießhammer: Der Öko-Knigge
DIE NEUE SPARSAMKEIT

Das Buch verspricht umweltfreundliches Verhalten, das man auch praktizieren kann, wenn man 8 Stunden am Tag arbeitet. Und es soll Spaß machen. Wir haben das Buch gelesen. Unser Tip: "Papierflut eindämmen", "oberstes Gebot: Müll vermeiden", DM 24.- einsparen und dem Wald eine gute Tat erweisen.

Der Inhalt ist hinlänglich bekannt.

Dient die DB der Umwelt? Aber immer:

"Die sogenannte Ölkrise ist fast schon vergessen, auf den Autobahnen wird wieder gerast wie je zuvor. Der Primärenergieumsatz von PKW ist pro Person und Kilometer etwa dreimal so hoch wie bei der Bahn!" (216)

Die DB hilft die Natur schützen! Die Rechnung bezüglich Energieumsatz pro transportierter Tonne ist allerdings nicht neu und bei Technikern sehr beliebt, wenn sie die Wirtschaftlichkeit des Rhein-Main-Donau-Kanals z.B. vorrechnen.

Soll man jetzt immer die Bahn benutzen wegen der Umwelt? Nein, denn der Öko-Knigge möchte vernünftig sein. Aber es könnte ja sein, daß Sie ein falsches Vorurteil gegen unsere Bahn haben.

"Überraschung Nr. 1: Bahnfahren 'spart' Zeit. Überraschung Nr. 2: Beim Bahnfahren bekommt man leicht Kontakt und erlebt die komischsten Geschichten... überraschung Nr. 3: Mit etwas Übung kann man den Bundesbahnfahrplan durchaus leicht gebrauchen..."

Sie hätten es vielleicht nicht gedacht, aber so einfach aufregend kann Umweltschutz sein. Die Bundesbahnwerbung wird wahr. Und wem die Bahn zu teuer erscheint oder wer schon lange für Freifahrt für alle ist:

"Überraschung Nr. 4: Bahnfahren kann ganz schön billig sein... das Rosarote Wochenende u.a.m."

Finanzierbar ist der private Naturschutz auch!

Das Muster der Argumentation wird deutlich. Man kann täglich etwas für die Umwelt tun, ohne ein "radikaler" Grüner zu werden.

"Nicht nur die AEG, sondern auch ein paar Müsli-Freaks wollen uns zeigen, wo's langgeht... Als Alltagsökologen arbeiten wir acht Stunden, essen meistens in der Kantine, haben einen langen Anfahrtsweg und kaum Zeit, bewußt einzukaufen...

Angewidert von der unanständigen Verachtung der Natur und genervt von unerfüllbaren Fundamentalvorstellungen, 'wollen wir neue Wege finden'. (Hoechst AG)" (11 f.)

Der Autor hat daraufhin sein Leben reflektiert und ganz viele Punkte gefunden, wie auch du und ich sich anständig verhalten können. Haben Sie darauf geachtet, den Meßbecher für Waschmittel nicht bis zum Rand vollzumachen, sondern nur bis zur Meßmarke, da "die 'Voll'-Markierung sich unterhalb des Becherrandes befindet" (51)? "Die grüne Tat":

"Umweltschutzpapier verwenden

Einwegflaschen in den Altglascontainer bringen (aber: Glassammeln ist gut, Mehrwegflaschen sind besser!!!)

Batterien zum Händler bringen...

nicht rauchen

mäßig Alkohol trinken...

streßfrei leben..." usw.

Jeden Tag eine gute Tat für eine bessere Welt. Ab 15 in der Woche gibt's ein gutes Gewissen in lindgrün.

Worauf sich der Öko-Knigge beruft, wenn er seine werte Leserschaft dazu aufruft, beim Kauf eines Elektrogerätes auf geringen Stromverbrauch zu achten, ist auch klar. Er stützt sich auf die Kalkulationen, die die Menschheit mit ihrem knappen Geldbeutel ohnehin anstellt. Wer hat keine Mutter, die nicht auf sparsame Verwendung von Geschirrspülmittel achtet.

"Ein kleiner Tip: Wenn Sie die Spülmittelflasche oben nur ein klein wenig aufschneiden, kommt bei Druck nur sehr wenig Spülmittel. Sie müssen dann zwei, dreimal drücken, bis genug herauskommt. Und weil das so lästig ist, drücken Sie bestimmt kein viertes Mal." (56)

Der 'Brigitte'-Tip weiland war besser: Verdünnen Sie das Spülmittel mit Wasser, und Ihr Mann oder Sohn, der im Haushalt hilft, kann soviel Spülmittel nehmen wie üblich... Wer hat keinen Onkel mit Eigenheim, dem der Wasserverbrauch im Haus ein täglicher Dorn im Auge ist:

"Toilettenspülkasten. Verringerung der Gesamtspülwassermenge... Ziegelstein in den Spülkasten legen..." (26)

Wer hat keine Großmutter, die auf Kaffeesatz für den Kompost schwört (zieht die Würmer an. Keine Filtertüten verwenden!)

"Küchenabfälle: auf den Kompost bringen." (97)

Der Bürger soll alle Kalkulationen, die er ohnehin wegen seiner Sparsamkeit anstellt, um einen neuen Gesichtspunkt bereichern: Dient es der Umwelt? Und so hat er einen Grund mehr, sich wie die Kleinbürger des Kriegsdeutschland aufzuführen. Die Theorie, die zugrundeliegt, ließe sich leicht erschließen, würde der Autor sie nicht selbst im Vorwort erläutern.

"Die Zeiten, in denen man und frau für diese Umweltzerstörungen leichter Hand nur die Industrie verantwortlich machen konnte, sind vorbei...

Die Umweltzerstörung ist auch ein Resultat des ungehemmten Massengüterkonsums, des Überkonsums und der Wegwerfmentalität." (10)

Die durch die Industrie verursachten Schäden sollen damit beileibe nicht weggeredet werden. Ganz im Gegenteil: In vollem Bewußtsein muß man dagegen anstinken.

"Das schönste Energiesparen wird zum Hohn, wenn das große Kohlekraftwerk neben dran ohne Wärmekraftkoppelung läuft und ohne Rauchgasentschwefelung." (267)

Ein Ökoknigge versteht dies nicht als Einwand gegen ein Privatprogramm zur Rettung der Natur, sondern allenfalls als Behinderung des Öko-Anstands. Wider besseres Wissen erklärt man sich von der Allgemeinheit einer ganzen Produktionsweise - unserer schönen Marktwirtschaft nämlich - für unabhängig.

"...wir möchten den ungespritzten Apfel schon heute kosten. Wir wollen die Zerstörung unserer Umwelt und Lebensgrundlage nicht mitmachen und wollen wenigstens im persönlichen Bereich, da wo wir wohnen, essen und uns erholen, umweltfreundlich sein." (11)

So, als würde der Verbraucher bestimmen, was er von der deutschen Industrie frisch auf den Tisch serviert bekommt, stellt sich keinerlei Unzufriedenheit mit dem Markt ein. Der grüne Mensch hat tausend Möglichkeiten, wenn er es nur richtig anstellt, und es gibt alles für den Umweltschutz - zu kaufen. Der Autor will dabei noch nicht einmal bemerken, daß ein paar Qualitätsprodukte für die Leute im Lande ein wenig mehr kosten würden, und daß dafür der Geldbeutel der Mehrheit ein wenig erweitert werden müßte. Aber das wäre wohl zuviel verlangt für die deutsche Wirtschaft? Ein Ökoknigge richtet sich ein und rechnet sich aus, daß Umweltsparen billig ist.

Ein schönes Resultat: Anstand gegenüber der Natur geht! Wovon hängt er ab? Von der Aufklärung des Verbrauchers. Woran liegt es, daß immer noch so wenig passiert? An der mangelnden Vermassung des Öko-Anstands. Also muß er vermaßt werden und "politisch" werden. Treten Sie einer Bürgerinitiative bei!

"Die Ökologie ist immer vernetzt, und wenn Sie ökologisch wirken wollen, müssen Sie sich mit vielen anderen vernetzen."

Nach 267 Seiten Öko-Knigge auch das noch. Mit anderen Wegwerf- Flaschen gemeinsam ein Vereinsleben aufmachen!