DIE NATO ENTLARVT EINE SCHWACHE REAKTION

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1984 erschienen.

Sowjetische Bedrohung I
DIE NATO ENTLARVT EINE SCHWACHE REAKTION

Eine Aufrüstung der Sowjetunion, die nur defensiven Zwecken dient und dies noch nicht einmal auf glaubwürdige Weise tut. Zu diesem überraschenden Urteil sind ausgerechnet die Fachleute für sowjetische Bedrohung gekommen: Kein geringeres Subjekt als die NATO hat öffentlich verkündet, die von der Sowjetunion beschlossenen neuen Waffen brächten ihr keinen neuen Vorteil ein.

Ist das vielleicht die Überprüfung eines Feindbildes wert? In der Tat ist das Bemerkenswerte an der Antwort des östlichen Militärbündnisses auf die Raketenaufrüstung in Westeuropa die Begutachtung, die sie durch die NATO erfahren hat. Ganz selbstverständlich spricht man von einer Reaktion des Ostens auf einen als unwiderruflich deklarierten Aufrüstungsschritt, den man gegen diesen unternommen hat. Ganz ohne Verstellung werden die Ankündigungen der Sowjetunion als der zu erwartende Versuch genommen, eine Antwort auf die Pershing II und cruise missiles zu finden. Ziemlich gleichgültig gegen das Eingeständnis, das man dabei ablegt - von wegen "Nach"rüstung, eigener "Defensive" und so -, wird beurteilt: Wie schafft es die Sowjetunion, sich aus der Zwangslage zu lösen, in die sie die NATO mit der Veränderung des strategischen Kräfteverhältnisses in Europa gebracht hat? Ausgehend davon, daß es sich um Gegenmaßnahmen handelt, wird bei der NATO gefragt: Sind sie wirklich geeignet, einen Ausgleich (!) gegen die amerikanischen Mittelstreckenraketen zu schaffen und die von diesen Dingern ausgehende Bedrohung zu kompensieren?

Was die NATO als Resultat ihrer neuesten Lageeinschätzung mitteilt, ist voller Selbstzufriedenheit. Weder der sowjetische Beschluß, mit dem Bau der SS-20 fortzufahren, noch die Stationierung neuer Raketen mit kürzerer Reichweite, die speziell auf die BRD, England und Italien gerichtet sind, und nicht einmal die Verstärkung der vor der amerikanischen Küste kreuzenden U-Boot-Flottille sind nach Ansicht der Sprecher der NATO dazu angetan, das Ziel des Marschalls Ustinow zu erreichen, "das Gleichgewicht der Kräfte aufrechtzuerhalten und die konkrete Gefahr zu neutralisieren, die für uns und unsere Verbündeten insbesondere von jenen Richtungen ausgeht, wo die neuen amerikanischen Raketen stationiert sind." Njet, sagt uns die NATO. In bezug auf die SS-20 heißt es schon lange, die bloße Erhöhung ihrer Stückzahl könne an der durch Pershing und cruise missile geschaffenen "neuen Lage" nichts mehr ändern. Die neuen SS 21, 22, 23 schrecken die NATO-Stäbe schon deswegen nicht, weil sie selbst längst über vergleichbare Kurzstreckenraketen verfügen und darüberhinaus eine neue Variante der Pershing I vorbereiten. Das Pentagon schließlich gefällt sich darin, das sowjetische Bemühen, den USA eine "passende Antwort" auf die kurzen Vorwarnzeiten der Pershing II zu erteilen, indem man vor der amerikanischen Küste mehr U-Boote aufkreuzen läßt, schlicht ins Lächerliche zu ziehen. Erstens gehöre dies zum "alten Spiel", zweitens sei es gar nicht schlecht, wenn mehr russische U-Boote als bisher in den unmittelbaren Bereich der amerikanischen Abwehr fallen, und drittens demonstriert das Pentagon, wie leicht man das "sowjetische Manöver" ins Leere laufen lassen könne. Potentiell gefährdete "B-52-Bombergeschwader mit strategischem Auftrag seien 'längst' von der Küste ins Innere des Landes verlegt worden.

So ergibt sich für den an den Aufrüstungsalltag gewöhnten Zeitgenossen das nur auf den ersten Blick erstaunliche Phänomen, daß "die unseren" dem Feind zur Abwechslung einmal rundheraus bestreiten, mit seiner Aufrüstung zur "Verschärfung der Kriegsgefahr" beigetragen zu haben justament zu einem Zeitpunkt, wo der Gegner ausdrücklich seinen Willen bekundet, dem Westen mit erhöhtem militärischen Druck zu begegnen.

Was in der Einschätzung der NATO über die Wirksamkeit der sowjetischen Gegenmaßnahmen fast nach Beschwichtgung aussieht, ist der Sache nach das Gegenteil. Die sehr nüchterne Einordnung der sowjetischen Antwort - die sich im übrigen immer noch um einen geschäftsmäßigen Ton bemüht: "Die Gegenmaßnahmen der Teilnehmerstaaten des Warschauer Paktes werden auch künftig strikt innerhalb der Grenzen liegen, die notwendig sind, um das Gleichgewicht der Kräfte aufrechtzuerhalten..." -, hinsichtlich der Konsequenzen für das eigene Programm ist durch nichts anderes bestimmt als durch das Bekenntnis zu der Fortsetzung des eigenen Programms. Wer wie die NATO vom Willen zur Eskalation in der militärischen Waffenkonkurrenz beherrscht ist, bekennt sich auch in allem Freimut zur Anerkennung aller Notwendigkeiten, die aus der gewollten Eskalation folgen. Hat man vorher, als man den Beschluß zum Ausbau Westeuropas als Brückenkopf eines Atomkrieges gegen die Sowjetunion fällte, die Reaktion des Feindes bereits eingerechnet, so wird die wirkliche "Beantwortung" der sowjetischen Antwort durch die NATO nicht lange auf sich warten lassen.