DIE NATO DER VATERLÄNDER - KRITISCH

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1981 erschienen.

Gerhard Kade, "Generale für den Frieden - Interviews"
DIE NATO DER VATERLÄNDER - KRITISCH

Acht ehemalige NATO-Generale, mehr als bloß repräsentative Teilnehmer an sämtlichen Kriegen der letzten Jahrzehnte, sozusagen Spitzenfunktionäre, angefangen vom Weltkrieg II über sämtliche Kolonialkriege vom Kongo, Algerien, Vietnam bis zu Angola und Mosambik, nebst einigen weniger bekannten in Südostasien, Afrika und im Friedensdienst der UNO, vorgestellt unter dem Titel "Für den Frieden" sind kein schlechter Witz des Herausgebers. Im Gegenteil - dieses Exemplar eines Friedensforschers meint, die moralische Berechtigung seiner Sorte Vaterlandsverteidigung ganz unwiderleglich zu machen durch Zeugen aus dem für das Morden im Staatsdienst zuständigen Berufsstand.

Daher die einem Friedensfreund gar nicht peinlichen Komplimente für die Herren Generale:

"Allein die bedeutenden, hohen und höchsten Stabsfunktionen und Kommandoposten, die sie in der Überzeugung, ihrem Vaterlande zu dienen, bis zu ihrer ehrenvollen Verabschiedung innehatten, zeugen von der Gewissenhaftigkeit, dem Ernst und der Hingabe, mit der sie ihren militänschen Beruf ausübten."

Mit "Ernst und Hingabe" ein Leben lang die modernen Methoden trainiert und in allen Ernstfällen der letzten 40 Jahre das eigene Personal "mit Gewissenhaftigkeit" zum Umbringen und Umbringenlassen losgeschickt zu haben, das berechtigt in den Augen des Herausgebers zu einem gewichtigen Urteil. Das gibt Glaubwürdigkeit, die der normale Mensch entbehren muß. Wer wollte einem General, der sein Leben lang zweifelsfrei patriotisch begründete imperialistische Feldzüge geplant und unternommen hat, die Lauterkeit seiner Friedensliebe bezweifeln, eine Friedensliebe rein um der Nation willen und frei von jedem Verdacht auf Eigennutz? Nicht nur das, die Herren sind vom Fach.

"Die Perfektionierung der Waffensysteme, die auch das Militär erfassende Spezialisierung und Automatisierung und nicht zuletzt der Schleier der Geheimhaltung machen das Tun und Lassen militärischer Führungskräfte in unserer Gesellschaft schwer durchschaubar und entziehen den militärischen Bereich weitgehend der Kontrolle der Öffentlichkeit... Es fehlt weitgehend eine sachliche, vorurteilsfreie Information der Öffentlichkeit, um qualifiziert das beurteilen und bewerten zu können, das da geschieht... Ihre militärischen Fachkenntnisse machen sie zu Zeugen."

Denn hätten die Russen wirklich 28 3/4 Sprengköpfe mehr oder ließe sich ein Atomkrieg übersehbar begrenzt abhalten, ja dann müßte ein solcher Kriegsgegner seine "qualifizierten Urteile" wohl noch einmal überdenken. Als ob ohne Statistiken über die 300%igen Overkillkapazitäten kein Urteil über die westlichen Rüstungsabsichten abzugeben wäre, als ob ohne die Aussage echter Militärs, daß und wie der Westen rüstet, den Auskünften ihrer politischen Auftraggeb er null Information zu entnehmen wäre - "militärische Fachkenntnisse" sollen vonnöten sein. Das "qualifizierte Urteilen" fällt denn auch dementsprechend aus: Solche Art Friedensliebe erklärt sich von Beweisen, Autoritäten und Bedingungen abhängig, deren gültige Interpretation und Benützung die Fachleute der westlichen Politik längst vorgelegt haben, nur eben in entgegengesetzter Richtung und mit der Autorität der Sachwalter der Nation auf ilirer Seite.

Wären sie wenigstens Fachleute, die Generale, die sich da über die Weltlage aussprechen.

Denn die kleine Verwechslung des Herausgebers, daß die eigentlich erschütternden Erkenntnisse die übers Kriegshandwerk und dessen Funktionäre waren, die es zu verbreiten gilt, und nicht Aufklärung über die Politik, die in dieser Abteilung wie in jeder anderen bloß ihre Beamten für die Ausführung der jeweils fälligen Aufgaben unterhält - diese Verwechslung stellen die Interviewten auf ihre Weise richtig. Zu Protokoll geben sie keinerlei Enthüllungen aus den Armeestäben oder NATO-Konferenzen, sondern verbreiten ebendieselben Ideologien über Krieg, Frieden und Politik, wie sie jeder Zivilist, wenn auch nicht in dieser kritischen Absicht vertritt.

Das Märchen, von dem der Herausgeber sich hat inspirieren lassen, daß nämlich im Militär die eigentlichen Fädenzieher säßen, widerlegt sich auf jeder Seite damit, daß diese Generale a.D. auch keine sonderlichen Erkenntnisse verbreiten. Wenn sich schon jeder Lehrer das geistig-seelisch-leibliche Wohl seiner Schüler als Berufszweck zurechnet, warum soll ausgerechnet ein General an weniger harmonische Idiotien als Aufgabe seines Berufsstandes glauben und mehr Durchblick haben als andere Mitglieder seiner friedlichen Gesellschaft? Merkwürdig an den acht Figuren ist nur eines: Daß lebenslange NATO-Funktionäre nun, wo es auf die Einlösung des NATO-Auftrags zugeht, auf einmal ihre Zweifel bekommen. Ein normaler General - und die acht sind eben acht Ausnahmen, deshalb hat der Professor Kade nach seiner Idee auch so lange suchen müssen - ist fürs Siegen und trägt sein Scherflein dazu bei, egal mit was für Vorstellungen im Kopf. Allerdings, daß da acht Generale auf einmal mit der nunmehr von den westlichen Politikern beschlossenen Methode des Siegens ihre Probleme bekommen, ist wiederum so merkwürdig auch nicht, zieht man ihre Begründungen heran: Acht Nationalisten, als a.-D.-ler in andere staatliche Funktionen abgewandert, nehmen die ihnen gewohnten Lügen über ihre nationale Aufgabe so ernst, daß sie zu dem Schluß kommen, die würde neuerdings von der NATO mißachtet, und melden dagegen ihren Protest an.

Ein Panoptikum nationalistischer Räsonnements des Westens, sortiert je nach Rang und Potenz des jeweiligen Vaterlands, mit Inbrunst vertreten je nach den gültigen Sprachregelungen eben dieses Vaterlands und gemäß den Formen seiner selbstgefälligen Selbstdarstellung - so sehen die acht Zeugnisse "für den Frieden" aus.

John Marshall Lee,

"Tätigkeit in leitenden Kommando- und Stabsfunktionen der US-Marine, als Chef des Planungsstabes beim stellvertretenden Verteidigungsminister, als stellvertretender Leiter des Internationalen Stabes beim Militärausschuß der NATO und schließlich im Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung der USA 1970-73",

hat nicht wie die meisten seiner Mit-Generale ein Problem mit einer zu kurz kommenden Souveränität seiner Nation, sondern bloß mit

"der modernen Militärtechnik", die "könnte" nämlich "die Grundlagen der gegenwärtigen Abschreckungsstrategie zum Wanken bringen",

indem die ganz ohne Wissen und Wollen der Zuständigen sich mehrenden Mittel der Kriegstechnik eine gestreßte Regierung in Versuchung geraten lassen:

"Also unter einem derartigen Streß" ("Feindseligkeiten", die auch einfach so "ausbrechen") "und zumindest in der vagen Hoffnung, daß keine endgültige Eskalation folgt, könnte es mitunter schwerfallen, der Versuchung eines begrenzten Einsatzes zu widerstehen."

How to manage the problem? Als ehemaliger SALT-Beamter sieht Lee einfach nicht ein, sich das Patentrezept der Abschreckung durch die blöde Waffentechnik und deren Entwicklung kaputtmachen zu lassen - daß deren Entwicklung, die ja irgendwer im Pentagon veranlaßt hat, die Widerlegung seiner SALT-Ideologie sein könnte, so etwas Böses will er seiner Regierung nicht nachsagen. Der alte Titel der US-Aufrüstung - zwecks Abschreckung garantiert unverwundbare Zweitschlagskapazität - einfach mal als Zweck der Aufrüstung genommen, läßt ihn im Weiterrüsten einfach keinen Sinn mehr erkennen.

"Die Vereinigten Staaten gehen einer Situation entgegen, in der etwa Mitte der achtziger Jahre ihr heutiges Minuteman-System zumindest theoretisch durch einen Präventivschlag der UdSSR in Mitleidenschaft gezogen werden kann... Die sowjetischen Raketen der vierten Generation würden die Minuteman bedrohen. Die MX wären eine Gefahr für die vierte Generation. Dann würden Neuentwicklungen folgen, mit denen wiederum die MX in Gefahr geraten würde.

Zusammenfassend kann deshalb festgestellt werden, daß der Weg der Waffenentwicklung, des Wettrüstens keine zuverlässige Grundlage ist und unausweichlich zum Abbau der Stabilität führt. Er wäre weniger gefährlich, weniger kostspielig und mit weniger Feindseligkeit belastet, wenn sich die Ausgaben mit Hilfe einer vereinbarten Rüstungskontrolle lösen ließen."

Eine strategische Rücksichtnahme - wenn die andere Seite eher schießt, noch möglichst viel zum Zurückschießen sicher übrig zu haben - als obersten Zweck des Rüstens zu behandeln, und zwar als auf beiden Seiten so gehandhabtes Mittel der wechselseiti gen Abschreckung, so daß der eine den Frieden vorm anderen schützt, der ihn wiederum vor ihm schützt, ist schon keine sonderlich gescheite Vorstellung. Wenn sich beide darin einig sind, wäre das Ganze auch einfacher zu haben. Da traut Lee seiner eigenen Ideologie im übrigen auch nicht völlig: Gegen die "Kriegsgefahr" will er zur Sicherung doch immer genug in Händen haben. Sein Spezialproblem ist aber, keinen bestimmten technischen Stand als Optimum der Unverwundbarkeit entdecken zu können, von daher alles weitere für sinnlos zu befinden und deshalb seiner Regierung zu empfehlen, sich der weiteren Gefährdung ihrer schönen Zweitschlagskapazität durch naturwüchsige Technik nicht auszusetzen und dies den Ruuen auch auszureden. Dieser Grad von Spezialistenborniertheit, die es zum höchsten Anliegen amerikanischer Politik erklärt; die Unverwundbarkeit der 3. US-Raketengeneration durch die 4. sowjetische und vice versa zu schützen, verdankt sich einem ziemlich grenzenlosen Vertrauen in die boys im Weißen Haus, so daß ein Ami-General auch ganz SALT-Technokrat sein will und darf und jenseits all dessen, wozu seine Raketenabzählerei und -vergleicherei und Unverwundbarkeitsoptimierungsmodelle per SALT getaugt haben.

Lee will sich seinen Glauben nicht nehmen lassen:

"Die Führungsspitzen auf beiden Seiten sind sich voll und ganz der Tatsache bewußt, daß auch ein begrenzter Einsatz von Kernwaffen große Zerstörungen anrichten und hochgradig mit der Gefahr der Eskalation in einem allumfassenden Schlagabtausch einhergehen würde",

beharrt störrisch auf seinen Erfahrungen als Rüstungskontrolltüftler, die doch zu schade dafür sind, einfach links liegen gelassen zu werden:

"Die Kontrollmaßnahmen müssen hautnaher gestaltet werden. Das erfordert Phantasie und harte Verhandlungen, ist aber nicht undurchführbar. Ein schönes Beispiel hierfür sind die in SALT-II festgelegten Regeln zum Zählen von Mehrfachsprengköpfen. Sie ermöglichen eine Kontrolle der Einhaltung der vertraglichen Verpflichtungen zur oberen zahlenmäßigen Grenze bei Raketen mit Mehrfachsprengköpfen. Ursprünglich schien hier ein unzumutbar hautnahes Inspektionssystem unumgänglich zu sein, aber die Verhandlungspartner überwanden die Schwierigkeit durch die Ausarbeitung eines höchst phantasiereichen Systems von Zählregeln."

Vor lauter Sprengköpfezählen, mit ein bißchen Einbildung, das wäre der Sinn von Rüstungskontrollverhandlungen, läßt sich deren Zweck eben auch vergessen. Aber wenn er auch die Zeit nicht mehr ganz verstehen mag mit ihren Wein- und Eagleburgers, denen seine SALT-Erfolge als ein einziger Ausverkauf amerikanischer Positionen gelten, seinem Herzensanliegen der Unverwundbarkeit kommen sie schon auch nach. Mit dem Programm des Totrüstens ist für den Ernstfall ganz unverwundet genügend zum Zünden da. Das amerikanische Volk wird er mit seinem SALT-Spleen wohl kaum gegen Reagan auf die Beine bringen.

Der deutsche Kollege gibt demgegenüber schon eine wesentlich komplexere Stellungnahme ab.

Wolf Graf Baudissin

gelang "1930 die Flucht vor dem Nationalsozialismus" hinein in die Wehrmacht, in der er bis zum Kriegsende unter Rommel den Nationalsozialismus ehrbar verteidigte, danach "Aufbau der Inneren Führung", Karriere bis ins NATO-Oberkommando Europa, "beobachtete" dort "mit etwas Neid, welche Hilfe vor allem amerikanische Mitarbeiter von ihren think-tanks erhielten", und beschloß nach Ende seiner militärischen Laufbahn, selber so einer zu werden.

Der Graf nützt dementsprechend die Gelegenheit schamlos aus, für sein politologisches Weltpolitikmodell Reklame zu machen, das er bereits bis zum Grad der Formelbildung vorangetrieben hat. Es heißt KRSt = Kooperative Rüstungssteuerung.

Darin nimmt er sich die Freiheit, den Gegensatz der Weltmächte und Blöcke einmal von oben herab zu betraehten und ihn - ganz Methodiker der Weltordnung - so um seine Existenz zu bringen.

"Sicherheit gibt es nur noch für alle unter gemeinsamen Anstrengungen und nicht mehr zu Lasten Verunsicherter. Sicherheitspolitik wird damit mehr und mehr zur Hilfsstrategie für Entspannungspolitik."

Daß die Politik darum ringt "Sicherheit" zu stiften, Sicherheit vor den "Konflikten", die sie selbst in die Welt setzt, bereitet Baudissin kein Kopfzerbrechen, genauso-wenig wie sein nächster Schritt, der an eben diesen Sicherheitsbestrebungen die seltsame Wirkung der "Destabilisierung" ausmacht:

"Die Stabilisierung des internationalen Systems destabilisiert also die Subsysteme... Eurokommunismus" (kommt bloß rein aus Gründen der Symmetrie) "... Dissidenten... Polen... Rumänien... "

Das stellt nebenbei auch im Rahmen des Stabilitätsmodells klar, wer mehr Instabilität schafft, "Systeme, die sich pluralistisch verstehen und daher auf Konflikte aller am und ihrer Regelung eingestellt sind, haben es leichter, sich entspannungskonform zu verhalten..."

Das macht jedoch das gemeinschaftliche Sicherheitsstreben umso notwendiger und wirklicher, nur trifft dies dann ausgerechnet auf "Interessengegensätze und schwer vereinbare Zielvorstellungen der Weltmächte" als Hindernis, wobei gar nicht zufällig die Zielvorstellungen des Ostens noch unvereinbarer sind als die des Westens -

"Moskaus Strategie bleibt aber eine besondere Form des internationalen Klassenkampfes mit dem historisch vorgegebenen Ziel des weltweiten Sieges über den Kapitalismus. Friedlich ist dabei einzig der Verzicht auf heißen Krieg", während "der Westen in einem 'friedlichen Wandel' des östlichen Systems eine wesentliche Voraussetzung für ein gewaltfreies Neben- und Miteinander auf längere Sicht" sieht -,

womit im Rahmen der weltumspannenden Gemeinsamkeit auch noch die Schuldfrage geklärt wäre. Daß Baudissin in ideologischer Verbrämung die durchaus imperialistische Intention des Westens benannt hat, stört ihn weiter nicht, denn getrennt von der Politik pflegt er die Überzeugung von der "Sinnlosigkeit des Krieges", wodurch die Waffen gleich alle unter dem Titel Kriegsverhinderung laufen. An Problemen gibt es dabei nur die, daß die zwecks Kriegsverhinderung aufrüstenden Nationen 1. eine "ungenügende Konfliktfähigkeit" haben, die brauchen sie wieder wegen der Baudissinschen Gemeinschaftlichkeitsperspektive, die die Konflikte aus dem Nichts entstehen läßt; 2. sehen sich die geplagten Politiker auch noch einem "Modernisierungs- und Perfektionierungsdruck" ausgesetzt, "der sich nur noch gemeinsam auffangen läßt."

Bei soviel Verständnis für die Staatschefs, die gegenüber all den Konflikten und Problemen fast schon mit dem Rücken zur Wand stünden, hätte er nicht sein KRSt-Konflikt- und Lernfähigkeitsmodell für sie parat, hat der Graf selbstredend auch genügend Einsicht in die Erfordernisse seines alten Ressorts. Ausgerechnet untei dem Namen "Kriegsverhütungsstrategie" ist nämlich wegen deren Glaubwürdigkeit die totale Aufrüstung unabdingbar:

"Hier muß das Risiko so hoch und so erkennbar wie möglich bleiben; es muß glaubwürdig und kalkulierbar demonstriert werden, daß ein Angreifer nach relativ kurzer Zeit vor der Alternative stünde, den status quo wieder anzuerkennen oder aber eine irreparable Katastropbe zu erleiden."

Und "daß Streitkräfte im Kernwaffenzeitalter nur noch kriegsverbütende, höchstens friedenswiederherstellende Funktionen haben dürfen",

wer wollte einem altgedienten General das quidproquo verdanken, wo doch auch Kollege Weinberger die blöden Fragen nach Sieg oder Abschreckung - was denn nun? - nicht leiden kann.

"Es ist mir egal, wie Sie das nennen."

Daß der Herausgeber bei der Vorstellung seines Buchs die acht Generale als Gegner der Nachrüstung angepriesen und damit den guten Baudissinschen Namen doch etwas mißbräuchlich verwandt hat - schließlich hält der ja den Doppelbeschluß für einen guten Schritt in Richtung auf sein KRSt, pflegt die besten Beziehungen zur Hardthöhe und trägt mit seiner Fliege gerne zur wissenschaftlichen Zukunftsproblematisierung im Rahmen der SPD bei -, so etwas muß man einem auf die Generalswürde erpichten Friedensfreund schon verzeihen.

Michael Harbottle,

"im 2. Weltkrieg in Italien verwundet... Ihre militärischen Aufgaben haben Sie in viele Länder Europas, nach Afrika und nach Indien geführt...", schließlich "Stabschef der UNO-Friedenstruppen auf Zypern Mitte der sechziger Jahre",

findet auch, daß "Waffensysteme" das gute alte Abschreckungskonzept "unterminiert" - haben, weil einerseits

"eine einflußreiche Rüstungslobby immer wieder den Kongreß und das Weiße Haus im Sinne einer ständigen Veränderung der sogenannten Verteidigungsausgaben manipuliert" und andererseits "gewisse Leute im Pentagon... unrealistische, aber gefährliche Spekulationen anstellen" und "die Neigung zum Einsatz dieser Waffen in der neuen USA-dministration bedeutend sein dürfte."

Dagegen muß er im Namen Großbritanniens Protest einlegen:

"Wie ist es möglich, daß Großbritannien oder ein anderes NATO-Land sich an eine Politik gebunden fühlt, die das Überleben der ganzen Nation in Frage stellt im Ergebnis von Entscheidungen, die von einem geheimen NATO-Komitee getroffen werden dann vielleicht in Brüssel obne öffentliche Diskussion oder parlamentarische Zustimmung gebilligt werden, um dann die Verfügung dieser Kernwaffen in die Hände von ausländischen Militärs zu legen, die selbst im angeblich sicheren Bunker sitzen und deren Heimatland von einem solchen begrenzten Krieg nicht berührt würde?"

Auf einmal fällt ihm auf, daß ein Krieg Opfer zu verursachen pflegt -

"Sind wir selbst darauf vorbereitet, den Einsatz solcher Waffen gegen Unschuldige, gegen Kinder und Alte auf der Seite des sogenannten Feindes zu unterstützen?" -,

als ob ihm bei den "militärischen Aufgaben, die ihn nach Afrika und Indien geführt" haben, nie Alte und Kinder untergekommen wären - aber das waren dann wohl keine "Unschuldigen".

Der plötzliche Aufschwung moralischer Skrupel in Harbottles Gewissen verdankt sich seiner Kosten-Nutzen-Kalkulation "das Überleben der ganzen Nation in Frage gestellt" -, weshalb er dann auch ganz blindwütig die guten imperialistischen Interessen Großbritanniens nicht mehr kennen will, für die er sein Leben lang unterwegs gewesen ist und wegen derer sein "Land" sich keineswegs bloß an die NATO-Politik "gebunden fühlt.".

"Ist der Tod von 15 oder 20 Millionen und die völlige Zerstörung des Landes gegenüber einer Besetzung vorzuziehen, die doch immerhin die Möglichkeit von Aufständen und einer Selbstbefreiung nach einiger Zeit bieten könnte?"

Obwohl er das doch selber besser wissen müßte, daß eine Nation seines Kalibers sich nicht von der zweifelhaften Aussicht auf einen 'Sieg im Volkskrieg' abhängig zu machen pflegt, sondern eben dafür eine Armee und ein Bündnis hat, mittels derer ihre Interessen auf Kosten einiger Portionen Volk geschützt werden. Eine solche Unterscheidung zwischen Großbritannien und seiner Bevölkerung ist ihm aber wohl zu unbritisch: Harbottle setzt dagegen auf Labour gegen die Tories, die samt dem TUC ausgerechnet für den "demokratischen Druck der Bevölkerung" stehen, und zitiert wohlwollend einen betriebsrätlichen Alternativplan zur Arbeitsplatzerhaltung in der Rüstungsindustrie, mit dem er liebenswerterweise auch die manipulierende Rüstungslobby für andere Profitmöglichkeiten zu erwärmen sucht:

"Gelänge es nachzuweisen, daß alternative Produktionen ähnlich profitabel wie die Rüstungsproduktion sein könnten, könnte möglicherweise auch der Widerstand einflußreicher Interessengruppen gegen eine Reduzierung der Rüstungseusgaben abgebaut werden."

Der Weltpolitik, auf die er mit der angeblichen Aufgabe, "Konflikte zu lösen", auch nichts kommen lassen will, empfiehlt er, sich von den "Waffensystemen" zu trennen, die "in unserem technologischen Zeitalter Militärstrategie und taktische Konzepte diktieren."

Stattdessen "könnte die Entwicklung der UN-Friedenstruppen die Basis für solche Strukturen schaffen, die diesen Gefahren entgegeriwirken."

Das hat ihm wohl auf Zypern gut gefallen, die Vorstellung, daß die UNO dort in der Mitte zwischen Griechen und Türken als "Wächter ihres Friedens und ihrer Sicherheit" herumgestanden sein soll. Bei seinem UNO-Idealismus fällt ihm nur rückwirkend ein, daß dessen Betätigung irgendwie etwas mit den Interessen der beteiligten Nationen zu schaffen hat:

"Das setzt allerdings voraus, daß die UN-Mitgliedsstaaten ihre Entschlossenheit und ihren festen Willen zur Schaffung solch effektiver Mechanismen unter Beweis stellen, die erforderlich sind, um die UN-Friedenskräfte wirksam zur Geltung zu bringen."

Gegenüber diesem denn doch etwas matten britischen UNO-Imperialismus, der der ganzen Welt garantiert unparteiische Truppen neben ihre Konflikte zu stellen verspricht, ist der Vertreter der Grande Nation jenseits des Kanals von einem erfrischenden, wenn auch leicht verrückten Nationalismus.

Antoine Sanguinetti,

Kampfgefährte de Gaulles, "als stellvertretender Generalstabschef der französischen Marine und Oberbefehshaber der französischen Mittelmeertotte haben Sie wesentliche Abschnitte der französischen Militärpolitik nicht nur beobachten und analysieren, sondern an hervorragender Stelle auch mitgestalten können", zwar nicht ganz bis zum Sieg in Algerien, aber wunde Punkte vermeidet der komplimentierende Herausgeber.

Sanguinetti läßt sich nicht lange bitten und entlarvt die NATO schonungslos als eine einzige Intrige zur Zerstörung der europäischen Wehrfähigkeit und Moral:

"Sie spielt eine tragische Rolle bei der Unterwerfung Westeuropas unter das Diktat der Rüstungsproduzenten und US-amerikanischen Interessengruppen... Die europäischen Verbündeten Amerikas büßten sukzessive zunächst die Unabhängigkeit ihrer Rustungsproduktion, obwohl diese durchaus bedeutsam war, und sodann die Kontrolle über einen wachsenden Teil ihres Industrieapparates ein. Sie erlebten zum Beispiel den Niedergang ihrer Schiffswerften, ihrer Flugzeugindustrie, ihrer Hüttenindustrie, während Schlüsselsektoren wie die Kernindustrie oder die Datenverarbeitung von multinationalen Konzernen übernommen wurden, deren Koordinierung von Washington aus erfolgt. Die Passivität oder auch die Komplizenschaft der herrschenden Kreise angesichts dieser Aggression, die sie einfach nicht ignorieren konnten, wurde in der üblichsten Art und Weise, durch Geld und Angst, erlangt... Alle diese Gründe moralischer, militärischer und ökonomischer Unterwanderung veranlaßten General de Gaulle 1966 zu dem Aufsehen erregenden Austritt Frankreichs aus der NATO..."

Nicht nur in den ZKs, auch in den europäischen Regierungen lauter ausländische Agenten. Nationalökonomisch ist der Admiral nicht gerade der Stärkste; erst sieht er, verursacht durch die amerikanische Unterjochung, einen Ruin der europäischen Industrien, prophezeit dann einen "Wirtschaftskrieg", denn trotz der ungeheuerlichen Unterwanderung ist Europa mittlerweile

"die führende Handelsmacht in der Welt der freien Marktwirtschaft, auf der ihre Prosperität beruht".

Das US-Weltwirtschaftssystem aber, Resultat einer

"ökonomisch eingefleischt konsenativen Ideologie des 'freien Unternehmertums' und der freien Marktwirtschaft, wie sie direkt aus dem einstigen Feudalismus henorgegangen ist, die den Reichsten und Skrupellosesten begünstigt und auf der die amerikanische Macht beruht",

entspricht "nicht mehr den Bedingungen der modernen Welt". Die "Prosperität Europas" können die USA, obwohl identisch mit der Prosperität der unterwandernden Multis, einfach nicht dulden:

"Europas Vernichtung würde also den transatlantischen Interessen überaus dienlich sein."

Verschwörungstheorie 2. Teil:

"Bleibt die Schwierigkeit der Auslösung der Katastrophe durch das gegenüberstehende Lager - damit das amerikanische Volk das unerläßlich gute Gewissen behält - und der sorglichen Heraushaltung des amerikanischen Territoriums..." "Wie ein amerikanischer Offizier mir vor ein paar Jahren er klärte: 'Der Trick, wenn wir Europa zerstören müssen, wird der sein, die andere Seite dazu zu bringen."

Und eben dies regelt alles die Nachrüstung:

"Das ist die einzig zufriedenstellende Erklärung...,

sie ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn man die Überlegung weiterführt und davon ausgeht, daß der Präsident der Vereinigten Staaten eines Tages die Entscheidung über diese Waffen abtreten könnte... Mithin könnte die BRD, wenn sie eines Tages in den Besitz einer eigenen ballistischen Streitmacht gelangt,... unter direkter Verletzung der vierseitigen Pariser Verträge eine souveräne politisch-militärische Entscheidungsfähigkeit zurückerlangen, unter der Europa bereits viel gelitten hat und unter der es noch weiter zu leiden haben könnte...", denn damit wären die Russen bereits geleimt: "Die Affäre mit den sogenannten eurostrategischen Raketen könnte genügen, wenn die Sowjetunion sich einem Deutschland gegenüber sähe,... ohne daß zuvor die Probleme im Zusammenhang mit Berlin und der Wiedenereinigung geregelt wurden..." "Diese Hypothese verleiht der ganzen Angelegenheit Logik."

Der Groll einer Siegermacht, die sich von der Mitsiegermacht nicht nur eine "European Recovery" schenken, sondern auch die Untubarkeit ihrer Kolonialpolitik beweisen und schließlich die umfassende Wiederaufrüstung der besiegten Konkurrenz gefallen lassen mußte, kann schon so weit gehen, vor lauter antiamerikanischer Erbitterung den eigentlichen Feind der Freiheit aus den Augen zu verlieren. Die bestechende "Logik", daß die USA, um ihr Kapital zu schützen, dessen Anlagesphäre Europa von den Russen zerbomben lassen möchten und sich zu dem Zweck aus ihrer nuklearen Verantwortung schleichen; die kruden antikapitaiistische- Anwürfe gegen Multis als Abkömmlinge des Feudalismus, mit der ein Vertreter der Nation, die bekanntlich die Freiheit entdeckt hat, sein nationales Kapital, weil national, ans Herz schließt, um gleich danach zum Sturz des "freien Unternehmertums" aufzurufen, weil US-amerikanisch; die ganze wirre Verschwörungsphantasie eines senil gewordenen Gaullisten konzentriert sich zuguterletzt auf den Kern seines nationalen Gewissens: den in seinen Augen trostlosen Zustand der französischen Marine.

"Zwischen 1975 und 1985 wird die französische Flotte mangels Erneuerung um ein gutes Drittel abnehmen... die Marine die arme Verwandte... Aus meiner Sicht ist der Zustand der französischen Marine ein Beispiel dafür, wohin eine Politik führen kann, die von Ambitionen inspiriert ist, die transnationale und 'atlantische' Aspekte weitaus mehr als das Interesse der Nation reflektieren."

Dem Manne kann geholfen werden. Die Marine wird Mitterand in seiner nationalen Erneuerung sicher nicht vergessen und, wenn sich dabei ein wackerer Franzose denkt, es ginge darum, endlich mal den Amis zu zeigen, was eine Harke ist, dann schadet das auch nichts.

Nino Pasti,

"nach seiner brillanten Karriere in den italienischen Luftstreitkräften und höchsten NATO-Gremien... in den Senat der Italienischen Republik gewählt",

leistet sich als Sprecher einer Nation, die sich hinter den großen mehr ins Bündnis einzureihen pflegt, nicht ganz so ambitiöse Protestsprüche wie der französische Kollege, sondern weint den schönen Zeiten hinterher, als Italien durchs Mitmachen sich angeblich einmal besser gestanden haben soll:

"Für die Jupiter-Raketen hatte Italien tatsächlich einen 'zweiten Schlüssel', und die Raketen konnten nicht ohne unsere ausdrückliche Zustimmung eingesetzt werden. Daß Italiens Zustimmung für den Einsatz dieser für die Erhaltung des strategischen Gleichgewichts zwischen den beiden Mächten notwendigen Raketen erforderlich war, hat Italien natürlich eine nicht zu unterschätzende politische Bedeutung verliehen. Was die nuklearen Probleme angeht - und nicht nur die -, so ist die Bedeutung unseres Landes heute auf das Niveau eines Kolonialbesitzes geschrumpft."

Überhaupt war die Vergangenheit rosig, die Strategie der Abschreckung

"rein defensiv, sie schloß die Möglichkeit eines für beide Seiten selbstmörderischen Krieges aus und erforderte dabei gleichzeitig relativ wenig strategische Kräfte."

Seltsam, woher die USA auf einmal ihre "überwältigende strategische Übermacht" genommen haben (wohl hinter dem Rücken sämtlicher Pastis gebaut?), und wie sie auf einmal zu diesem überraschenden Konfrontationskurs gelangt sind, wo doch nach Pasti die NATO nicht Bündnis gegen die UdSSR, sondern eine Institution zur Herstellung von Gleichgewicht gewesen sein soll. Bezüglich ihrer NATO-Vergangenheit halten sich alle der Protestierenden getreulich an die Ideologien der Friedenssicherung, als hätte bis dato dieser Verein nie dazu gedient, die UdSSR unter Druck zu setzen - eben so erfolgreich, daß nunmehr die endgültige Beendigung dieser Gleichgewichtsstörung ins Auge gefaßt wird. Die vorkriegsmäßige Gestaltung der Weltordnung - was unter dem 'Schutz' der NATO im Mittelmeer z.B. alles 'geregelt' wurde, dürfte Pasti ja nicht unbekannt sein - war allen Beteiligten sehr recht. Pasti hat auch gar keinen Grund, sich von den liebgewonnenen Lügen über die Tugenden der NATO von ehedem zu trennen. Die nicht zu bestreitenden voraussehbaren Kriegsschäden in Europa bringen ihn zu der Auffassung, daß das nicht mehr im Interesse seiner Nation liegen könne. Nach lauter Enthüllungen über das Überlegenheitsstreben der NATO kann er seine

"Besorgnis darüber nicht verhehlen, daß die Staaten der NATO allein durch das Bestehen dieses Bündnisses zwangsläufig mit derartig abenteuerlichen Konzeptionen verknüpft werden und nicht nur finanzielle Belastungen, sondern auch existentielle Risiken zu tragen haben."

Die einfache Frage, was die Nationen denn alle in einem für sie so prekären Bündnis zu suchen haben, stellt sich einem Alternativ-Staatsmann nicht, der seiner Nation andere Aufgaben zugedenkt:

"Italien, als europäisches Land und NATO-Mitglied, sollte im Sinne einer Mittlerfunktion wirken und zur Erhaltung des Gleichgewichts beitragen."

Da aber weniger die Nation als ihre Bürger die "existentiellen Risiken" tragen, da daher die Vorteilskalkulation der Nation mit der NATO anders aussieht als die ideelle, die ein Pasti anstellt und in der er ja schließlich auch erst ab einem gewissen Grad von Schäden das Unternehmen zu einer "abenteuerlichen Konzeption" erklärt, dürfte er die italienische Bündnistreue mit dem Appell, sich aus dem Kolonialstatus zu befreien, schwerlich erschüttern. Umgekehrt: Als das gute Gewissen, das er für die italienische Republik im Senat vertritt - Italien ein unschuldiges Opfer der US-Machtpolitik -, sichert auch er den Regierenden die Loyalität ihrer Untertanen, schließlich hat aller Protest nach Pasti einer für Italien zu sein. Und wenn es schön um Italien geht - dafür werden sich schon die passenden Argumente finden lassen, daß die elementaren Interessen Italiens nur in der NATO und mit der Nachrüstung geschützt sind und die immer noch "nicht zu unterschätzende politische Bedeutung Italiens" darin verteidigt werden muß. Pertini, ein anderer italienischer Saubermann mit mehr Sinn für die berechtigten Ansprüche eines freiheitlichen Kolonialbesitzes:

"Ich werde Reagan sagen, daß die Europäer Verbündete der USA sein wollen, in Aufrichtigkeit, Klarheit und vor allem Gleichrangigkeit, wir wollen nicht einfach Unterworfene sein. Ich habe Giscard gesagt, daß er nicht meinen darf, alles mit Schmidt im Einverständnis gelöst zu haben. Nichts gegen dieses Einverständnis, aber ich frage: und all die anderen?"

Die königlichen Niederlande haben einen völlig spiritualisierten Protestgeneral aufzuweisen:

M.H. von Meyenfeldt,

"als Freiwilliger in die damalige niederländische Kolonie Indonesien..., um dieses Land von der japanischen Fremdherrschaft zu befreien... auch eine gewisse Abenteuerlust..., seit Ende der 60er Jahre Mitglied der Kommission für Kriegs- und Friedensfragen bei der Synode der Reformierten Kirche der Niederlande",

kommt nach einigem humanen Gefasel über den Menschen, die Technik und die friedlose Konsumgesellschaft, das sich für einen Kirchenmann geziemt, und nach einigen Auslassungen über die superdemokratische Menschenbildung im holländischen Militär,

"Erfolg auf dem Kriegsschauplatz der Zukunft wird namentlich bedingt durch Übungsmaß, Kampfbereitschaft und Improvisationstalent des einzelnen Soldaten und der kleinen Gruppe; beide werden unter oft mißlichen Umständen ihre Aufgabe selb ständig erfüllen müssen... Solche Qualität en und Eigenschaft en können in einem Lebens- und Arbeitsklima herangebildet werden, das eine maximale Entfaltung des Individuums ermöglicht..."

schließlich auch zum Kern der Sache:

"...Tatsache, daß den kleineren NATO-Staaten in den strategischen Plänen der NATO seit jeher wichtige Funktionen zufielen... Die kleineren NATO-Staaten haben eine verhältnismäßig größere Last an den Verteidigungsaufgaben zu tragen. Es geht nicht an, daß ihre Stimme bei den NATO-Beschlüssen weniger ernst genommen wird, vor allem, wenn es die Stimme der Vernunft ist. Auch wir als kleines NATO-Land erheben den Anspruch, über die Geschicke unseres Volkes selbst und ohne Bevormundung von außen zu entscheiden..."

Die Rede von der Bevormundung der Kleinen - wenn sie von den USA und der BRD erpreßt werden, dann doch eben mit ihrem Interesse am Bündnis - widerlegt der Synodale noch höchstpersönlich, indem er eine NATO vorstellt, wie er sie sich wünscht:

"Als Aufgaben für Amerika sehe ich fürs erste: Aufrechterhaltung des nuklearen Gleichgewichts, Schutz der atlantischen Seewege und vorkommendenfalls Verstärkung der westeuropäischen Verteidigung mit Einsatzverbänden des Heeres und der Luftwaffe. Der Unterschied zwischen der globalen Verantwortung Amerikas und der regionalen Westeuropas wird deutlicher gestaltet werden müssen... Auf politischem Gebiet ist es erwünscht, daß Westeuropa selbständiger auftritt, ohne dabei dem Bündnis mit Amerika zu schaden. Für den Frieden glaube ich, daß es wichtig ist, wenn sich Europa für eine untergeordnete politisch-strategische Position entscheidet, sich also nicht zu einer politisch-strategischen Großmacht wie Amerika und die Sowjetunion entwickelt..."

Als ein solcher Trittbrettfahrer der politisch-militärischen Weltordnung 1. einen höchst gelungenen Imperialismus zustande gebracht haben, und 2. mit der Gleichung klein = also unschuldig einen dermaßen blütenweißen moralischen, Nationalismus pflegen, daß Militärs und Kirchenmänner sich nicht voneinander unterscheiden wollen, 3. die Lasten des Bündnisses nicht teilen wollen, sich dann 4. auf einmal aufs Selbstbestimmungsrecht der eigenen Nation, 5. auf "Solidarität mit und Liebe für alle Machtlosen, Unterdrücker und Unterdrückte, Arme und Reiche" berufen - das ist doch mal ein Bild von einer opportunistischen Nationalideologie.

Nur, solange wie ein solcher pfäffischer Freiheitskrieger mit dem Selbstbestimmungsrecht seiner Nation hantiert, für das er sich alle Handlungsfreiheit durchs nukleare Gleichgewicht erbittet, wird er wohl auch wenig dagegen einwenden können, wenn schließlich auch die holländische Regierung ihrer Christenpflicht zur Bündnistreue nachkommt - mit Gequengel, siehe Lasten, aber anders ist die "westeuropäische Verteidigung" heutzutage nicht zu haben -, aber auch mit reinstem Gewissen: Wer, wenn nicht der Osten, tritt Menschen- und Nationenrechte pausenlos mit Füßen?

Wo der Niederländer ganz vom Standpunkt der gelungenen Nutznießerschaft an der NATO dieser die weiterhin erwünschten Dienstleistungen für sein Königreich zuweist, beschwert sich mit dem Portugiesen der Vertreter einer Nation, die sich ihr 'Auf dem Weg zu...' nicht nehmen lassen will:

Francisco da Costa Gomes,

"Oberbefehlshaber der portugiesischen Kolonialtruppen in Angola und Mocambique", wo er plötzlich die Einsicht erlangte, "daß diese Kolonialkriege mit militärischen Mitteln nicht zu lösen waren". Daher "einer der führenden Köpfe der Offiziersbewegung (MFA), die am 25. April 1974 zum Sturz des faschistischen Regimes in Portugal führte. Als Staatspräsident unterzeichnete er die Schlußakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa."

Das verpflichtet, weshalb Costa Gomes sich und Portugal immer noch als eine einzige Volksbewegung für Demokratie, gegen Rassismus und Kolonialismus, die KSZE als Erfolg einer Bewegung sämtlicher Völker, die Entspannungspolitik als ein Versprechen für die vielen kleinen Völker, sich gegenüber den Supermächten ausbreiten zu dürfen, und die Weltlage nunmehr konsequent als Verstoß gegen die KSZE zu sehen beliebt. Ganz im Sinne der in Portugal üblichen Einkleidung der politischen Vorhaben in unumgängliche Maßnahmen für einen massenfreundlichen Aufschwung mißbilligt Costa Gomes die NATO-Linie als Hindernis fürs Sozialprogramm. Über die Selbstverständlichkeiten der Staatsmacherei in Portugal will er erst gar keine Debatte aufkommen lassen -

"Solange es aber Blöcke gibt, müssen wir der NATO angehören." -,

aber die Folgen gefallen ihm nicht: "Allerdings haben wir überhaupt kein Interesse daran, unser Engagement zu erhöhen, was nur auf Kosten anderer Aufgaben möglich ist, die wir anpacken müssen, um aus der sozialökonomischen Krise herauszukommen, in der wir uns befinden. Wenn wir in die Streitkräfte investieren, können wir z.B. nicht in das Bildungs-, Gesundheits- oder Transportwesen investieren.... Folglich können alle Einsparungen im militärischen Sektor, der fast ausschließlich unproduktive Ausgaben und nur geringfügige Auswirkungen zugunsten des Lebensstandards der Bevölkerung mit sich bringt," (das ist doch mal eine schöne Anwendung der portugiesischen Entwicklungsideologie, ausländische Militärbasen in ihrer Wirkung auf den einheimischen Lebensstandard in Betracht zu ziehen!) "in eben jene Sektoren geleitet werden, wo sie in ganz anderem Maßstab und mit viel spürbarerem Nutzen für alle Portugiesen verwendet werden können.

Ich verstehe deshalb nicht, welche Gründe zur Haltung der portugiesischen Regierung geführt haben, denn auch politisch und militärisch haben wir keinerlei Interesse an diesem Beschluß."

Alter Heuchler. 1. ist es auch für einen gealterten MFAler eine ziemlich kapitale Leistung, portugiesische Politik so zu besprechen, daß "wir" pausenlos "große Anstrengungen" in Richtung Soziales und Kultur machen, während "wir" seit der Offiziersrevolution mit dieser Ideologie die Massen zu einem einzigen Angebot an das Kapital der EG herrichten. 2. soll er nicht so tun, als wären ihm die Gründe der portugiesischen NATO-Politik so schleierhaft: Eine Entwicklung für den Staat, die er gewohnheitsmäßig als eine für die Massen deklariert, ist eben nur im Anschluß an die geneigten europäischen Partner zu haben, ohne sie jedenfalls schon gleich gar nicht. Das Unschulds- und Ohnmachtsgetue solcher Kleinmächte, dabei sein zu müssen und eigentlich gar nicht so recht zu wissen warum, ergänzt der erfolglose Kolonialkrieger und damit neuerstandene Friedens- und Versöhnungspolitiker konsequent durch Aufrufe gegen ein absolut nicht ausmachbares Subjekt des Bösen in der Welt. Nicht einmal die NATO traut er sich verantwortlich zu machen für das, was sie tut, stattdessen sieht er "Kräfte" am Werk:

"...die gleichen, immer noch sehr starken Kräfte des militärisch-Industriellen Komplexes, die versuchen, die Bedeutung unserer Aktionen in der Friedensbewegung herabzumindern oder zu ignorieren, werden zur Zeit äußerst aktiv bei der Vervielfachung ihrer Anstrengungen und Versuche der Diversion sowie der allgemeinen Verschärfung der brennenden Fragen der zugespitzten internationalen Situation...",

und gegen solche "Kräfte" behilft man sich am besten mit eben solchen nebulösen Gegenkräften:

"Die Weltöffentlichkeit reagiert immer stärker gegen alles, was zu einer Gefährdung der Entspannung führt... Wir alle denken, daß die Bewegungen für den Frieden, seien es religiöse oder kulturelle, immer besser in der Lage sind, zu verhindern, daß die Regierungen solche Entscheidungen fällen und durchsetzen..."

Der Griech' aus Griechenland, ein weniger feiner Abschluß der acht Friedensgeneräle,

Georgios Koumanakos,

"in seiner letzten militarischen Funktion Erster Stellvertreter des Generalstabschefs der Streitkräfte Griechenlands" - kein Kompliment zum Zypernkrieg, hier ist der Herausgeber wieder sehr feinfühlig -, "heute Vorsitiender des Griechischen Komitees gegen ausländische Militärstützpunkte."

Damit ist eigentlich auch schon alles gesagt. Ausländische Militärstützpunkte sind ein Pfahl im Fleische des Volkes, mit ihnen

"werden die Mittelmeerländer und ihre Völker fast schon in Unterwerfung gehalten... Militärstützpunkte heben die bestehenden Gesetze, vor allem Straf- und Steuergesetze des gastgebenden Landes auf und öffnen der Geschäftemacherei und moralischen Korruption Tür und Tor. Daraus ergibt sich eine Schwächung des Gefühls der Souveränität des Volkes und der nationalen Unabhängigkeit, das Volk gewöhnt sich an nationale Knechtschaft und akzeptiert die Abhängigkeit vom Ausland als etwas Verständliches und ist oft sogar noch dankbar dafür... Die Lebensweise des Personals der Stützpunkte, die sich von der der einheimischen Bevölkerung unterscheidet, der Drogenmißbrauch und -Handel und andere Laster üben einen negativen Einfluß auf die traditionelle Lebensweise und die Kultur des Volkes aus. Die zerstören sie und werden schließlich zu einer Gefahr für die nationale Identität des Volkes."

Das hätte Hitler weiland nicht schöner sagen können, nur hatte der es leichter, Taten folgen zu lassen. Denn einfach den Pfahl aus dem Fleische reißen, geht auch nicht, weil bei eben den Inhabern der Stützpunkte um Unterstützung der nationalen Sache nachgesucht wird.

Auf wen er da am meisten schimpfen will, darin ist sich der General nicht ganz einig. Erst unterdrücken die USA einträchtig alle Mittelmeervölker miteinander, dann

"erpreßt die Türkei buchstäblich die Amerikaner und die NATO mit ihrer Forderung nach Intervention und Hilfe. Unsere beiden großen nationalen Probleme, nämlich das Zypern- und das Ägäisproblem, befinden sich auf Grund der von den Amerikanern, die offen eine protürkische Position beziehen,"

- jetzt sind es wieder die Amis -

"stimulierten unversöhnlichen Haltung der Türkei... Die Gefahren, die aus der verfehlten und schwankenden Politik der USA sowie aus der Habgier und Böswilligkeit der Türkei gegenüber Griechenland erwachsen..."

- jetzt sind es wieder die Türken. Und gezetert wird umso faschistischer, je klarer die Alternativen sind, die sich für die nationale Sache mit oder ohne Stützpunkte und Bündnis bieten, nämlich ohne gar keine:

"Anstatt geschützt zu werden, litt Griechenland sieben Jahre unter einrr Diktatur" der Kollegen von Koumanakos, die er seinerzeit kaum unterwandert haben dürfte, "und den türkischen Provokationen und Drohungen im Ägäischen Meer."

Da weder der Professor Kade Herrn Koumanakos einen ordentlichen Schutz gegen die Habgier und Böswilligkeit der Türkei wird anbieten können, noch die Koketterie mit der Hilfe der Sowjetunion sonderlich ernst gemeint ist, wird wohl auch dieser Querulant mit der Papandreou-Politik bestens bedient sein. Die NATO als das Hindernis des griechischen Weges zur Größe beschimpfen, um dann mit ihr über günstigere Konditionen zu feilschen, ist für einen so immerzu enttäuschten Nationalismus eben doch die erfolgversprechendste Linie. Vielleicht kann Papandreou in Brüssel auch die Koumanakossche Erkenntnis vermitteln,

"Amerika überbewertet den Faktor Türkei, dem es eine Bedeutung und einen Wert für die Bewältigung der Nahostkrise zumißt, die sie in Wirklichkeit gar nicht hat.",

damit der Faktor Griechenland sein Gefühl von Souveränität an etlichen weiteren ausländischen Stützpunkten im Lande aufblühen lassen kann.

Ein Türke

fehlt. Entweder es hat sich keiner finden lassen, weil da alle vollauf zufrieden mit der NATO und der eigenen Rolle sind, oder es war dem Herausgeber wirklich einmal zu peinlich, auch noch einen für Militärdiktaturen und KZ's Reklame machen zu lassen. Aber das können wir eigentlich nicht glauben - angesichts dessen, was der Interviewer alles als ehrenwerte Meinung ohne einen Funken von Kritik zur Verbreitung bringt. Einem solchen Opportunisten, der sich weder für Komplimente zu "brillanten Offizierskarrieren" noch zu den entsprechenden Kriegen zu schade ist, der die Hetze gegen die Türken und für ein sauberes Volkstum ohne Schamröte drucken läßt, der einem Baudissin mit der Bestätigung einer eurostrategischen Unterlegenheit in den Arsch kriecht, sich von anderen hinwiederum mit Begeisterung die Überzahl der NATO-Sprengköpfe vorrechnen läßt, der mit Baudissin die Russen in Afghanistan verurteilt und mit einem anderen die Annexion zur bösartigen Lüge erklärt, nacheinander alle Sorten von Dummheiten niederschreibt, daß der Frieden aus der Seele der Menschen kommen muß, der Krieg wiederum aus der Technik entsteht - dem ist alles recht, wenn er nur seine acht Generalsaffen unter dem Titel "Für den Frieden" und mit irgendwelchen, egal wie nationalistischen oder bescheuerten Argumenten als Kronzeugen dafür arführen kann, daß eine bessere NATO besser wäre.