DIE MENSCHEN - ZU VIELE!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 9-1984 erschienen.
Systematik: 

DIE MENSCHEN - ZU VIELE!

So hieß das einhellig anerkannte Problem einer UNO-Konferenz über "die Weltbevölkerung", das, folgt man den Katastrophenprophezeiungen der die Konferenz begleitenden Leitartikel, gar nicht ernst genug zu nehmen ist.

Man hätte Platzangst bekommen können,

"Heute wissen wir, daß die Erde nur dann Raum für alle hat, wenn alle nicht zu viele sind",

wäre nicht andererseits klar, wer und wo die "zu vielen" sind:

"Und wenn sich die meisten von den vielen dann auch noch überwiegend in den armen, noch wenig entwickelten Regionen zusammenballen, ist Besorgnis wahrlich angebracht." (Frankfurter Allgemeine)

Wir haben nämlich unsere Zahl richtig eingependelt, während die "zu vielen" es sträflich vernachlässigt haben, sich ins rechte Verhältnis zu setzen:

"Mithin kommt alles darauf an, ihre Zahl in einer Region in Übereinstimmung zu bringen mit den Möglichkeiten, sie zu beschäftigen und zu ernähren... In Europa hatte man dafür 200 Jahre Zeit."

So philosophiert der Bevölkerungsstratege Heigert von der "Süddeutschen Zeitung". Als wäre die Bevölkerung in gewissen "Regionen" ein unvernünftiges Etwas, das sich einerseits einfach vermehrt wie die Karnickel, andererseits leichtfertig gar nicht daran denkt oder von einer merkwürdigen Unfähigkeit befallen ist, sich von seiner Hände Arbeit zu ernähren. So mußte es ja zu dem bekannten Hungerproblem kommen. Grund ist die Überbevölkerung, weil sie "über" ist im Verhältnis zu "den Möglichkeiten, sie zu beschäftigen und zu ernähren". Diese Einrichtung heißt auch Wirtschaft; und deren genannter guter Zweck darf gerade dann nicht in Zweifel gezogen werden, wenn die Wirkungen besichtigt werden, die die wirkliche Weltwirtschaft dort anrichtet.

Die "Entwicklung" der "Dritten Welt" bedeutet die Einbeziehung dieser Landstriche in das kapitalistische Geschäftswesen. Das hat sie als Produktions- und Lebensmittel für die da ansässigen Völkerschaften untauglich gemacht. Damit ist der Maßstab gesetzt, mit dem eine 'Weltbevölkerungskonferenz' dann feststellt, daß die Menschen zu viele sind und sich dabei auch noch vermehren. Daß das ganze Elend eine Frage des Eigentums ist, daß die vormaligen Eingeborenen dem Kriterium der Rentabilität unterworfen werden ohne Chance, es jemals zu erfüllen: das kann für seriöse Bevölkerungstheoretiker das Problem nie sein. Für die liegt ein eklatantes Mißverhältnis zwischen der Zahl der Bevölkerung und "ihrer" Wirtschaft vor. Zur Aufarbeitung dieses Problems lieferte die UNO-Konferenz samt der hiesigen Nachbereitung folgende Alternative:

A) Die Wirtschaft entwickelt sich nicht, weil ihr Ertrag immer gleich weggefressen wird.

"Alle volkswirtschaftlichen Gewinne werden von den vielen neuen Essern immer wieder aufgezehrt."

Man soll auch nicht immer Dollars oder DM verfressen wollen! Zumal die Gewinne ja erst auf den Konten ausländischer Banken zustandekommen.

B) Die Bevölkerung wächst zu sehr, weil die Wirtschaft sich nicht entwickelt und der Neger seine Nachkommen als Ersatz für unsere Altersversicherung einspannt. Wie das gehen soll, wenn sie gleichzeitig mangels Wirtschaft verhungern, fällt wohl unter Negerlogik. A) und B) ergibt dann die Diagnose "Teufelskreis".

Achtung, sie kommen!

"Die unaufhaltsame Katastrophe" (Heigert) bahnt sich an:

"Massenhafte Verwahrlosung ist die Folge, mit Hunger, Krankheit, Kriminalität und dem Zusammenbruch jeglicher Selbstachtung und Solidarität. Deshalb sind Aufruhr und Vandalismus zu erwarten, blutiger und bösartiger denn je."

"Viel gefährlicher durften jene Wanderbewegungen werden, von denen wir schon die ersten Ausläufer zu spuren bekommen." (FAZ)

"Die Welt kann bald in Brand geraten, mit schwersten Krisen und Zusammenbruchen. Und dagegen hilft dann keine Hochrüstung und keine Atombombe."

Man mag es sich kaum vorstellen, daß die Hungergestalten und Wasserbauchkinder demnächst sengend und brennend in Europa einfallen. Aber unsere Bevölkerungspropheten werden es wohl wissen.

Jedenfalls wissen sie mit ihrer ganzen apokalyptischen Faselei ganz genau, unter welchem Gesichtspunkt das sogenannte Bevölkerungsproblem zu betrachten ist. Ein Experte, der Ex-Weltbank-Chef McNamara, drückt es etwas sachlicher aus:

"Manche Entwicklungsländer wachsen weit über die Grenzen hinaus, die mit politischer Stabilität zu vereinbaren sind."

Zwar ist auch das leicht übertrieben und tut unserer bisherigen Entwicklungshilfe unrecht: Soviel Unterricht in den Methoden zur Herstellung politischer Ordnung haben auch die Drittweltstaaten schon genossen, daß sie sich nicht von überzähligen Hungerleidern durcheinanderbringen lassen. Aber eine gewisse Hilfestellung hat die Besprechung der "Bevölkerungsprobleme" auf der UNO-Konferenz denjenigen, die sie angeblich haben, doch geleistet: Man ist sich wieder einmal einig geworden, daß eine nicht zur Wirtschaft passende Bevölkerung, also eine rundum lästige Über-Bevölkerung, ein Ärgernis ist.

Die Endlösung der Hungerfrage

Zumal ja alle Beteiligten wissen, wie dessen "Lösung" aussieht. Nicht umsonst haben sie auf gewisse Naturgesetze hingewiesen, wie sich z.B. Überbevölkerung in der Karnickelwelt gemäß den natürlichen Gegebenheiten regelt. Und wozu sonst hat man die schrecklichen Teufelskreise ausgemalt, wenn nicht zur Klarstellung, daß da nur drastische Mittel helfen können. Falsche Scheu vor einer Sache wie Euthanasie ist unangebracht, zumal wenn sie sich fast wie von selber regelt:

"Wenn die armen Länder ihr Bevölkerungsproblem anpacken sollen, müssen wir aufhören, sie durch undurchdachte Entwicklungshilfe vor den Konsequenzen der eigenen Fehler zu schützen... 'Sterben lassen, damit andere überleben' vor dieser Konsequenz schrecken wir zurück, aber sie mag in vielen Ländern die einzige sein." (Christoph Bertram in der liberalen "Zeit")

Das Getue drumherum heißt dann "Bevölkerungsplanung"; und für deren Abwicklung rücken die Gläubigerstaaten auch schon mal ein paar Millionen heraus. Über die Modalitäten kann man natürlich streiten.

Kreuzzug für das Leben oder: Differenziertes Herangehen

Menschlich muß es dabei natürlich schon zugehen. Der US-Delegierte hat durchgesetzt, daß Gelder des Weltbevölkerungsfonds in Zukunft nicht mehr für Abtreibungen verwendet werden dürfen. Dabei hat ihn weniger die Frage interessiert, ob es die ungeborenen Babies den USA danken werden, wenn sie nach der Geburt mit "Selbstachtung" krepieren dürfen. Er hat umgekehrt bei Staaten, die Abtreibungen zulassen, eine Todsünde entdeckt: mangelndes Vertrauen in die freie Marktwirtschaft, "den natürlichen Mechanismus für eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums". So etwas ist fast kommunismusverdächtig:

"An den Krisen sind diese Länder durch zuviel Intervention und Dirigismus selbst schuld."

"Mehr freie Marktwirtschaft, weniger Staat und mehr Vertrauen in die Zukunft",

empfiehlt der Vertreter der Macht, die das freie Wirken all dieser segensreichen Kräfte und Mechanismen mit beträchtlichen gewaltsamen Kraftanstrengungen weltweit in Kraft gesetzt hat. Ihr steht daher auch der Zugriff auf das zugehörige Menschenmaterial weltweit zu - egal, ob die "dirigistische" Entscheidung irgendeiner schwangeren Indiofrau gegen ihren Balg irgendeine weltwirtschaftliche oder stabilitätspolitische Wirkung hat oder nicht.

Der Vertreter der BRD wollte sich diesem Standpunkt nicht ohne Differenzierungein anschließen.

"Eine ausachließliche Globalbetrachtung wurde die äußerst unterschiedliche Interessenlage nach Regionen und Nationen vernachlässigen", nämlich die "auseinanderlaufende Bevölkerungsentwicklung in den Industrieländern und der Dritten Welt".

Man kann die Sache natürlich auch so sehen, daß es u viele Menschen, aber viel u wenig Deutsche gibt. Siehe vorher!

Staatsbürgerliche Phantasie

Ob als Springflut oder Atompilz (Naturphänomen!) - 'die Bevölkerung' ist eine Katastrophe für den Globus und für seine Verantwortlichen. 'Die Menschheit' gibt es doppelt: als wachsende Menschenflut und als deren Opfer. Das eine sind die Neger, Indios, Chinesen und andere Karnickelvölker, das andere ist die Welt, sind 'wir'. Die zivilisierten Herrschaften sind also die ohnmächtigen Opfer der Elendslawinen, die sie ins Rollen bringen; die verhungernden Massen aber haben keine Probleme, sie sind eins. Was zuviel ist, ist zuviel! darüber wird täglich durch die Gewalt der imperialistischen Umstände entschieden. Insofern ist die Angst vor der bedrohung auch ersichtlich gekünstelt.

Die Stimme der Wissenschaft

"Deshalb ist es an der Zeit, den verhängnisvollen Unfug anzuprangern, der mit jenen kleinen Zeitungsanzeigen getrieben wird, aus deren Bildern einem ein dunkelhäutiges Kind mit großen Hungeraugen entgegenblickt", meint der 'Umweltfachmann' Hoimar v. Ditfurth im 'Spiegel'. Und? Will er die Frechheit zurückweisen, mit der Politiker und Pfaffen die Untertanen für die Wirkungen von internationalem Geschäft und Weltpolitik moralisch haftbar machen. Nein! Die zivilisierte Menschheit hat die Ideologie von den gottgegebenen Schranken der Natur, an die 'wir' alle stoßen, nicht radikal genug zuende gedacht, meint er: "Wenn nicht sehr bald etwas geschieht, dann treiben wir einer Katastrophe entgegen..." Die einen verpflichten hungernde Neger auf die Segnungen der Marktwirtschaft, die anderen uns alle auf Sparsamkeit und Bescheidenheit. Das paßt zusammen!