DIE LINKEN - EIN SPD-PROJEKT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1988 erschienen.
Systematik: 

DIE LINKEN - EIN SPD-PROJEKT

Als die SPD noch auf Reformpolitik machte, hatten die jungen Sozialdemokraten viel zu tun. Tagsüber taten sie ihre erste sozialdemokratische Pflicht und führten an Hochschulen und sonstwo Wahlkampf für die SPD. Obwohl sie die Parteimutter gar nicht übel fanden, bezeichneten sie sie gelegentlich als das "kleinere Übel" und hatten schon wieder ein paar Stimmen kassiert. Abends auf ihren Seminaren rückten sie, mit Billigung der Parteispitze, ein wenig von der Realpolitik ab. Dabei entdeckten sie ihre Partei ganz neu als die Verkörperung von vielen wunderschönen Idealen, für die doch jedermann sein müsse, auch und gerade, wenn sie noch in weiter Ferne lägen. Also auch für die SPD. Diese Aufteilung ihres Zeitbudgets nannten die Jusos "Doppelstrategie", weil sie damit einen Wähler mit zwei Schlägen erwischten.

Später hatte die Partei für diesen kleinen Umweg weniger Verständnis; zuerst mußte sie entschieden regieren, dann dringend wieder an die Regierung zurück. Das sahen die Jusos ein und verfolgten dieselbe Strategie einfach. Darüber sind sie erstens ruhiger geworden und zweitens älter. Jetzt sitzen sie im Parteivorstand oder haben einen Lehrstuhl inne.

Die Programmdebatte hat die alten Schleicher wieder animiert. Ganz freiwillig haben sie ihren Part in der SPD-Werbekampagne übernommen: die "Linken" (oder was von ihnen noch übrig ist) in die SPD zu quatschen. Das geht so:

"Sagen, was ist; begreifen, wie die Welt heute wirklich aussieht; die Augen öffnen vor dem Ausmaß schon verzehrter Zukunft - das ist der 'kategorische Imperativ' unserer Zeit. Es scheint die einzige Chance, dem Fluch unserer Nachkommen zu entgehen, der einzige Weg, jene Leidenschaft zu entfachen, die nötig ist, um weltweit Arbeits- und Lebensweisen zu verändern, doch noch das Verdikt abzuwenden, wonach die Lebenden einst die Toten beneiden werden." (Detlev Albers, Alternativen zu Irsee)

Der sozialdemokratische Linke und linke Sozialdemokrat kennt seine Pappenheimer aus den 60er Zeiten. Mit Klassenkampf und Anti-Imperialismus, mit 'Kampf der Wissenschaft' und außerparlamentarischer Bewegung kann er ihnen nicht mehr kommen. Aus ihnen sind längst kleine Weltverbesserer, Sinnstifter, Biotopliebhaber und Philosophen geworden. Deswegen setzt sich der kleine Rattenfänger aus Bremen auch gleich in die ganz große Weltgeistpose und auf die Irseer Präambel anderthalbe drauf. Er wirbt weder für Irsee, noch stellt er sich groß dagegen. Er läßt einfach den geistigen Hauch der Sozialdemokratie noch einmal wehen, so daß zumindest die geistige Einheit mit den Abzustaubenden schon einmal hergestellt wäre.

Nur: Die politische Landschaft kennt er auch, sprich: die Konkurrenz in grün. Er setzt zur zweiten Umarmung an:

"Das 'Reformprojekt Bundesrepublik' kann und muß, eben weil es die Interessen von unten mit denen des Ganzen, bei uns und weltweit, zu verbinden erlaubt, für all jene geöffnet werden und zustimmungsfähig (!) bleiben, von den Selbständigen, Intellektuellen und Künstlern bis hin zu den Managern und Unternehmern in einer demokratischen Wirtschaft, die bereit sind, die Fortschreibung ihrer Klassenprivilegien gegenüber der gemeinsamen Veränderungsaufgabe zurücktreten zu lassen." (ders.)

Für Klassenkampf wird es der Projektmanager in Sachen Reform wohl selbst nicht halten, wenn C-3-Professoren, Drehbuchautoren, Börsenjobber und Arbeitsdirektoren über alle Schranken hinweg sich im Heimatbund BRD zusammenschließen. Er sucht ja Mitmacher, denen die Republik so gut gefällt, daß sie ihr gar nicht erst die Zustimmung versagen. Eher verändern sie noch was an ihr. Aus der Berufsrolle raus, rein in die SPD - ein schönes Umsteigerkonzept. Aber, seien wir nicht voreilig. Noch hat sich die SPD Albers' Aufruf zum Weitermachen gar nicht angeschlossen. Das muß ihm auch aufgefallen sein; deshalb bringt er sie ins Spiel.

Wir merken uns: Statt Wahlsieg sagt man heute "Hegemonie".

"Die SPD hat in das Ringen um die Gestaltung der Bundesrepublik ein unentbehrliches politisches Erbe einzubringen" (sich eben, ergo...) "darf (nicht) in Zweifel stehen, daß wir die Regierungsmacht anstreben, um den Zielen des Grundsatzprogramms näher zu kommen." Für den nicht ganz auszuschließenden Fall, daß einer Albers und seine Partei mal wieder beim Etikettenschwindel ertappen sollte, ist der Alt-Juso auch schon gewappnet:

"Und wehe uns, wenn wir auf Dauer leere Versprechungen machten, wenn es uns nicht gelänge, die Grundzüge der Wirklichkeit um uns herum so weit zu erfassen, daß unsere Antworten den Anforderungen der nächsten Jahrzehnte standhalten - eine Krise der Glaubwürdigkeit, ungleich tiefer als jene, die hinter uns liegt, wäre die unvermeidliche Folge."

Nicht auszudenken. Aber, ehe es zum schlimmsten kommt, hat der Parteivorstand Kassandra Albers erst einmal in die Programmkommission berufen.