DIE LEGENDE VON RHEINHAUSEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1988 erschienen.
Systematik: 

DIE LEGENDE VON RHEINHAUSEN

Wenn die VW-Tochter Audi ankündigt:

"Das für eine sichere Zukunft geplante Gewinnziel ist nur über drastische Kostensenkungen und Rationalisierungsschritte zu erzielen. Wir müssen bei Audi Fett in Muskeln umsetzen. Konkret bedeutet das unter anderem einen Stellenabbau noch in diesem Jahr um 2000 auf dann etwa 37.000 Arbeitsplätze." (Vorstandschef Piech) -

dann gerät das Städtchen Ingolstadt, der Standort von Audi, deswegen nicht in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Was die Firma da durchziehen will, ist normal und hat seinen anerkannten guten Grund: Lohnkosten müssen wegfallen, damit die Gewinne stimmen. Auch die Abwicklung des "Abbaus von Arbeitsplätzen" ist nichts Besonderes. Sie passiert immer wieder in den Unternehmen überall in der Republik. Die ihren Arbeitsplatz verlieren, werden nach marktwirtschaftlichen Gesetzen und mit sozialstaatlichen Instrumenten sortiert: Einige gehen in Rente, andere in den Vorruhestand. Ein Teil der Entlassenen findet Arbeit bei anderen Firmen; ein anderer Teil wird arbeitslos - mit oder ohne Sozialplan, nimmt das Recht auf Arbeitslosengeld in Anspruch, solange es dauert, und muß zusehen, wie es weitergeht.

In Rheinhausen

ist nichts anderes als dieses so normale Verfahren der freien Marktwirtschaft praktiziert und zu Ende gebracht worden. Wegen Unrentabilität macht Krupp die Hütte programmgemäß dicht - ein Jahr später als ursprünglich angekündigt und nach einer neuerlichen Prüfung, ob sich dann die Weiterführung doch noch lohnt. Daß ein Hochofen noch bis 1990 brennt, ändert aber nichts an dem Programm, die Hütte von Rheinhausen stillzulegen und die gemeinsame Stahlproduktion von Krupp und Mannesmann in einem anderen Werk mit verringerter Belegschaft einzurichten. Von den 5. 300 Stahlkochern in Rheinhausen dürfen einige noch am Standort arbeiten, solange es etwas zu tun gibt. Andere haben das Versprechen, anderswo bei Krupp und Mannesmann eingestellt zu werden. Bundespost, Regierung und Land haben nämlich Zuschüsse und Aufträge zur Regionalförderung in Aussicht gestellt. Der Rest der Belegschaft scheidet aus dem Arbeitsleben aus oder wird arbeitslos: Rente, Vorruhestand, Sozialplan bis zum Vorruhestand, Sozialplan und Arbeitslosengeld...

Was gelaufen ist in Rheinhausen, ist also genau das, was tagtäglich im Kleinen und immer wieder auch auf einen Schlag und massenhaft in dieser florierenden Republik passiert nach den Grundsätzen des freien Unternehmertums und der sozialen Marktwirtschaft: Unrentable Anlagen werden geschlossen oder mit neuer Technik und verringertem Personal rentabel gemacht; nach neuen Geschäften wird Ausschau gehalten; die Wirtschaftspolitik hilft tatkräftig mit - und das Arbeitermaterial wird entsprechend sortiert. So kommen Beschäftigung und Arbeitslose zustande, in Rheinhausen und anderswo. Insofern kann man dem Fall Rheinhausen, und wie er zu Ende geführt wird, eine Lehre entnehmen: Existenzsicherheit für Lohnabhängige gibt es nicht, nicht im Ruhrgebiet und nicht sonstwo.

So soll man es aber gerade nicht sehen. "Rheinhausen", das soll nicht dasselbe sein wie Ingolstadt oder Völklingen an der Saar. Im Ruhrgebiet soll nicht ein stinknormales Stück Kapitalismus regelgerecht über die Bühne gegangen, sondern ganz etwas Besonderes geschehen sein. Und zwar deshalb, weil die Werksschließung dort von Protesten begleitet war - fast ein halbes Jahr lang. Weil in Rheinhausen die Betroffenen gestreikt, demonstriert, protestiert und sich dauernd versammelt haben; weil maßgebliche Instanzen sich demonstrativ des harten Schicksals der Stahlkocher von Rheinhausen angenommen haben und Gewerkschaftsfunktionäre, Kirchenmänner und Politiker Verständnis für die Sorgen der Rheinhausener zeigten und ihre Verantwortung daran hochzogen, gilt Rheinhausen als der Ausnahmefall im Werkelalltag der Republik. Das "Symbol Rheinhausen" geistert durch die Öffentlichkeit, Zeichen sollen die Leute von Rheinhausen gesetzt haben.

"Mich tröstet aber die Gewißheit, daß wir mit dem Kampf in Rheinhausen Zeichen gesetzt haben. Ich bin sicher, Rheinhausen ist für viele Belegschaften, die von Stillegungen betroffen sind, ein Vorbild." (Betriebsratsvorsitzender Bruckschen) Nichts von dem, was die Stahlkocher in Rheinhausen gefordert haben, ist in Erfüllung gegangen; aber Symbol, Zeichen, Vorbild soll ihr Kampf sein - allein dadurch, daß er stattgefunden hat. Die Prüfung, ob die Ziele und Mittel des Kampfs richtig waren, was er gebracht hat, kommt da natürlich nicht mehr auf, wenn sich die Entlassenen für ihr Schicksal auch noch feiern lassen dürfen. Der Nutzen des Kampfes in und um Rheinhausen liegt in seiner Legende. Und die hört nicht einmal auf, wo der ganze Rummel zu Ende ist und feststeht, daß "die Hütte stirbt".

"Nach Rheinhausen steht fest, daß Belegschaften nicht überfahren werden dürfen. " (Thoma, Süddeutsche Zeitung, 6.5.)

Nach Rheinhausen steht fest, daß zwar mit den Belegschaften dasselbe passiert wie immer, wenn Arbeitsplätze abgebaut werden, sie dabei aber gehörig eingeseift werden - wie in Rheinhausen. Am Vorbild Rheinhausen soll man den Schein glauben, daß das Ergebnis der Stillegung der Hütte, und wie sie geregelt wird, irgendwie auch durch den Kampf der Stahlkocher zustandegekommen wäre. Deshalb werden die endgültige Schließung bis 1990 und das Versprechen, einige "Ersatzarbeitsplätze" bereitzustellen, d.h. woanders, wo Arbeitskräfte gebraucht werden, ordinäre Arbeitslose nicht, sondern speziell Rheinhausener einzustellen auch als "Kompromiß" verkauft. Politiker, Gewerkschaftsführer und Kirchenmänner tun dabei so, als hätten sie zwischen den berechtigten Anliegen der Stahlarbeiter und den wirtschaftlichen Sachzwängen von Krupp vermittelnd gewirkt; als hätten sie so etwas Gutes für die Arbeiter getan, zumindest Schlimmeres verhindert. So wird von oben den vielen Enttäuschten in Rheinhausen die Einsicht beigebracht, daß an den "Sachzwängen" des Geschäfts und an den Notwendigkeiten der Politik nicht gerüttelt werden kann. Gleichzeitig wird ihre Illusion bestärkt, ohne ihren aufrechten Kampf wäre das zwischen Wirtschaft, Gewerkschaft und Politik ausgekartete Ergebnis nie und nimmer zustandegekommen.

Der Kampf der Stahlarbeiter von Rheinhausen ist in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen. IG Metall-Chef Steinkühler ist der Ansicht, daß die Rheinhausener Arbeiter den "Verdienstorden der Bundesrepublik" verdient haben. Die Stadt Duisburg veranstaltet eine Ausstellung über den Kampf in der Stahlstadt. Der Betriebsrat von Krupp-Rheinhausen arbeitet an einer Dokumentation und Analyse dieses Arbeitskampfes. Selbst der KruppKonzern schließt sich auf seine Art dem Lob des Kampfes der Stahlkocher an.

"Abgerundet wurde die Einigung über Rheinhausen durch die Zusicherung von Krupp, daß keiner der Stahlkocher wegen seiner Beteiligung an den Protestaktionen und Arbeitsniederlegungen der vergangenen Monate disziplinarisch zur Rechenschaft gezogen wird. 'Das ist erledigt', sagte Rau." (Süddeutsche Zeitung, 4.5.)

Vorbildlich!