DIE GEWERKSCHAFT KÄMPFT UM IHRE GLAUBWÜRDIGKEIT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1984 erschienen.
Systematik: 

Die Tarifrunde in der "heißen Phase"
DIE GEWERKSCHAFT KÄMPFT UM IHRE GLAUBWÜRDIGKEIT

Die Tarifrunde tritt nun in ihre "heiße Phase". So heißt es zumindest - doch die in den Zeitungen vermeldeten Aktionen erwecken eher den Eindruck, daß es da lauwarm bis stark unterkühlt zugeht. Der größte Teil der Aktivitäten erstreckt sich weiterhin auf Kulturveranstaltungen, Diskussionen in Fußgängerzonen, Verteilen von Aufklebern, in einem Wort: "Öffentlichkeitsarbeit". Von der IGM handgezählte 2470 Arbeiter haben in einem Dorf namens Herborn die Frühstückspause auf zwei Stunden ausgedehnt, wird groß gemeldet. Tags darauf sollen knappe 5.000 Metaller - verteilt über das ganze Bundesgebiet - warngestreikt haben, und die Tagesschau widmet dem gleich einen ganzen Beitrag.

Aber nicht nur, daß man von Kampf und gar Schädigung der Unternehmer so recht nichts merken kann, auch die Fronten sind gewissermaßen ver-rückt:

- Die Gewerkschaft sagt, daß sie streiken läßt, weil sie eigentlich nicht streiken will. Sie beschwert sich ausgiebig darüber, daß ausgerechnet die Unternehmer ihr einen Streik aufzwingen wollten - während sie doch bloß "linden Druck" ausüben und keinesfalls "Arbeitsplätze kaputtstreiken" will (Hans Mayr, 1. Vorsitzender IGM). Sogar ihre Warnstreiks veranstaltet sie ja nur, um vor dem Streik zu warnen und beschwört die "Gefahr des schlimmsten Arbeitskampfes in der Geschichte der Bundesrepublik".

- An den Unternehmern dagegen entdeckt man keine Spur von Angst vor Auseinandersetzungen. Sehr cool registrieren sie die paar Warnstreiks, erklären gelassen, daß man sich schon einigen wird, und Arbeitgeberchef Kirchner ermahnt sogar die Regierung, sie solle die Angelegenheit nicht so aufbauschen: "Die Politiker sollten sich aus der laufenden Tarifrunde lieber heraushalten."

"35-Stunden": Ein Angebot an die Unternehmer

Die Gelassenheit der Unternehmer beruht auf der Gewißheit, daß das Ergebnis der Tarifrunde schon feststeht - und zwar zu ihrem Vorteil. Selbstverständlich wird es einen "Einstieg in die 35-Stunden-Woche" geben. Den können die Unternehmer leicht gewähren. Denn die Gewerkschaft hat schließlich mit ihren 37 Kompromißbereitschaftserklärungen klargestellt, daß sie für diesen "Einstieg" jede Menge Lohnabschläge und die freie Verfügung der Unternehmer über die Gestaltung der Arbeitszeit abzusegnen bereit ist. Dazu brauchte sich die Gewerkschaft gar nicht erst durchzuringen - die Forderung nach der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich war ja von vornherein darauf angelegt. Die Gewerkschaft hat nie darauf bestanden, daß die Arbeiter längst weniger Arbeit und mehr Lohn brauchen. Mit ihrer 35-Stunden-Wochen-"Forderung" wollte sie das "gesellschaftliche Problem der Arbeitslosigkeit" aufgreifen: Angesichts von Rationalisienngen und massenhaften Entlassungen fiel ihr nicht ein, das zu verhindern. Sie wollte die Unternehmer dazu bewegen, im Interesse der Volkswirtschaft weniger Arbeitslose zu produzieren. Tausend Rechenexempel hat die Gewerkschaft dafür angestellt, die praktisch alle nur darauf hinauslaufen, den Unternehmern lauter neue Kalkulationsmöglichkeiten mit den Arbeitern anzubieten.

"Kämpferisch" vorgetragen: "Noch jede Arbeitszeitverkürzung mußte gegen die Untemehmer durchgesetzt werden,... und die sind allemal noch gut damit fertig geworden." Und darauf kommt es der deutschen Gewerkschaft auch an.

Mehr noch. Um ihren Rechenkunststückchen jeden Anschein von Unternehmerfeindlichkeit zu nehmen, hat sie ihren eigenen Leuten folgende Rechnung aufgemacht: "Die 1982 in Überstunden geleistete Arbeit hätte für 1,2 Millionen neue Arbeitsplätze ausgereicht. Daß einige unbegrenzt arbeiten und verdienen, während andere arbeitslos sind, ist kein Zustand, der gefördert werden sollte." Mitten in der Tarifrunde tritt die Gewerkschaft gegen einen angeblichen gemeinwohlschädlichen Materialismus der Arbeiter an - als ob nicht Überstunden und Nebenjobs von den Unternehmern angeordnet würden, und als ob sie von den Arbeitern nicht deshalb angenommen würden, weil sie mit den gewerkschaftlich ausgehandelten Tariflöhnen nicht über die Runden kämen.

Die Antwort der Unternehmer

wird einerseits schon längst praktisch gegeben - mit allen möglichen Sorten von "Flexibilisienng der Arbeitszeit". Und während ein Widerstand in den Betrieben dagegen nicht stattfindet, tobt der Kampf der Worte um so mehr. Der größte Teil der Öffentlichkeit, die Regierung und die Unternehmer machen sich über die gewerkschaftliche "Forderung" her, als handele es sich da um den "Einstieg" in die Revolution. Jahrelang erprobte Gewerkschaftsfunktionäre - will heißen: Leute, die der "deutschen Wirtschaft" noch nie ein Zahnrädchen gekrümmt haben, statt dessen sorgfältigst darauf achten, daß die von ihnen verwaltete Arbeiterklasse sich reibungslos ins profitable Funktionieren dieser Wirtschaft einpaßt - werden plötzlich als kommunistische Agitatoren oder gar als nützliche Idioten Moskaus bezeichnet. Niemand meint das wirklich so - Gewerkschaftschef Breit als 'Agent Moskaus' ist auch zu albern! -, niemand meint, die 35-Stunden-Forderung hätte Revolutionäres an sich. Die Herrschaften von Presse, Staat und Kapital bauen ein absichtsvolles Mißverständnis auf, denn sie vertreten nun mal ein eindeutiges Interesse: das Wachstum und den Profit der deutschen Wirtschaft - und diese hohen Güter dulden keine Ansprüche der Arbeiterklasse, im Gegenteil! Sehr klassenkämpferisch betonen sie die Unversöhnlichkeit von Kapital und Arbeit. Wenn die Gewerkschaft so tut, als wäre ihre "Forderung" doch "irgendwie" zum Vorteil der Arbeiter; irgendwie "wäre dieses Programm gegen die Arbeitslosigkeit" auch eins zur Sicherung von Arbeitsplatz und Lohn für die Arbeiter, dann nimmt die Gegenseite diesen Schein für ihre Propagandazwecke her. Sie erklärt, daß das schon ein unzulässiges Anspruchsdenken sei.

Nun kann die Gewerkschaft nicht sagen, daß der Zusatz "im Interesse der Arbeitnehmer" tatsächlich nur der Zuckerguß war, den sie auf ihre volkswirtschaftlich so verantwortungsbewußte Forderung gekleistert hat: Sie kann nicht sagen, daß das einzig "Revolutionäre" an dieser Forderung tatsächlich nur das unumschränkte Eingehen auf Unternehmerwünsche ist. Erst recht kann sie aber nicht behaupten, sie wolle der Gegenseite wirklich was abkämpfen, das sei nun mal eine Forderung, die sich mit den Interessen von Staat und Kapital nicht vertrage... Sie will ja einen Vorschlag gemacht haben, der der Wirtschaft nützt - und wenn die Wirtschaft eiskalt antwortet, daß das automatisch den Schaden der Arbeiter mit einschließt, dann hebt sie den Streit auf eine höhere Ebene: Für sie ist das erklärtermaßen ein

Politischer Prinzipienstreit

"Unsere Forderung nach Arbeitszeituerkürzung ist offensichtlich für die Arbeitgeber nur das Vehikel, die Generalauseinandersetzung zu suchen, um uns kaltzustellen. Die 35-Stunden-Woche ist nur noch ein Vorwand. Die wollen zahnlose Gewerkschaften, um dann ungehindert ihre Interessen durchzusetzen." (Steinkühler)

Weil sie selber keine materiellen Ansprüche für ihre Mitglieder stellt, kann die Gewerkschaft sich auch gar nicht vorstellen, daß die Gegenseite für ihre materiellen Interessen kämpft. Interesse gegen Interesse das kommt dieser Gewerkschaft geradezu unmoralisch vor. Nicht an der ausgeübten ökonomischen Macht stört sich ein 'radikaler Gewerkschaftsfunktionär' wie Steinkühler - das müssen ja bloß die Arbeiter ausbaden. Unerträglich findet er die demonstrative Unnachgiebigkeit der Unternehmer und ihre gewerkschaftskritische Propaganda - das geht ja gegen das Ansehen der Gewerkschaft. Dagegen führt die Gewerkschaft einen moralischen Abwehrkampf. Sie pocht auf ihre Anerkennung als die konstruktivste demokratische Kraft, die je in einer kapitalistischen Republik ihr Unwesen getrieben hat. Dafür benutzt sie "die 35-Stunden-Woche als Vorwand".

So idealistisch und moralisch ist dieser gewerkschaftliche Kampf um die Öffentlichkeit, daß die Untemehmer es sich leisten können, die Lohninteressen der Arbeiter für sich als Argument ins Feld zu führen. Sie besorgen sich einen Schwung Meinungsumfragen, worin die Arbeiter selbst die 35-Stunden-Woche ablehnen. Das ist kein Wunder! Denn wenn man von seiner eigenen Gewerkschaft dauernd zu hören kriegt, die Wirtschaft müsse unbedingt wieder in Fahrt kommen und sie - die Gewerkschaft - hätte dafür einen fortschrittlichen Vorschlag zu machen, dann rechnet ein normaler Mensch mit einem Sack voll Schäden, den die Gewerkschaft einem einhandelt. Und außerdem ist es dann viel überzeugender, wenn die Herren der Wirtschaft erklären, über ihren Vorteil wüßten sie selbst doch immer noch am besten Bescheid. Gegen den Unternehmervorwurf, jede gewerkschaftliche Aktion würde nur die Arbeitsplätze noch mehr "gefährden", weiß die Gewerkschaft nur noch ein Gegenargument: Der Vorsitzende Mayr gibt der Unternehmerpropaganda recht - "keine Arbeitsplätze kaputtstreiken" - und will nur den Unternehmern die Schuld zuschieben dafür, daß die Gewerkschaft trotzdem nicht ganz aufs Streiken verzichten kann - "zwingen uns den Kampf auf..."

Streiken für die Öffentlichkeit...

Wenn ihr die Gefolgschaft der Mitglieder bestritten wird, ist die Gewerkschaft am Zentralnerv getroffen. Nicht, weil sie mit dieser Gefolgschaft etwas gegen das Kapital durchsetzen will, sondern weil sie auf eine "Basis" verweisen können muß, wenn sie ihre Stimme in der Öffentlichkeit erheben und weiterhin als geachtete gesellschaftliche Kraft gelten will. Von daher stammen die düsteren Visionen eines Franz Steinkühler, wenn er von "Sein oder Nichtsein der Gewerkschaften " spricht oder den Unternehmern den Willen zu einer "Generalauseinandersetzung" andichtet. Er hat die Sorge, daß die führenden Herrschaften nicht mehr auf ihn hören, genauer: ihm nicht mehr zuhören...

Deswegen beweist die Gewerkschaft der Öffentlichkeit, daß sie noch eine "Basis" hat. Dafür veranstaltet sie ihrerseits eine Reihe von Meinungsumfragen und berichtet optimistisch von der Kampfbereitschaft aus den Betrieben. Und m das u untermauern, läßt sie ihre Leute in Warnstreiks antreten. Der Aufruf zum Warnstreik geht witziger- und logischerweise so (im Klartext):

'Die Unternehmer und die Regierung verfolgen uns ganz ungerechtfertigterweise und schießen mit großen Kanonen auf uns kleine Spatzen. Sie hängen uns eine klassenkämpferische Unvernunft an, der wir seit Jahrzehnten abgeschworen haben. Das müssen wir kämpferisch zurückweisen!'

Die Gewerkschaft verlangt also von ihren Leuten eine Demonstration, daß es die "Basis" noch gibt - und sagt gleich dazu, daß mehr daraus nicht folgen soll. Die Öffentlichkeit muß beeindruckt werden; damit sie die Gewerkschaft weiterhin ernstnimmt; zugleich muß sorgfältig auf das Wohlwollen der Öffentlichkeit geachtet werden, die doch jede Sorte von Streik sehr krumm nimmt. Das ist schon eine sehr verrückte Art zu "kämpfen", wo der "Kampf" die Gegenseite von der eigenen Friedfertigkeit überzeugen soll! Da kann es sogar passieren, daß die Gewerkschaft einen richtigen "großen" Streik ausruft, bloß damit man ihr auch wirklich glaubt...

...und was man davon hat

Wenn die Gewerkschaft ihre Mitglieder sozusagen als Zusatz zu einer Allensbach-Umfrage antreten läßt - Lohnverluste gehören selbstverständlich dazu! -, dann vertraut sie darauf, daß die sich in 35 Jahren DGB-Arbeit schon an einiges gewöhnt haben. Daran nämlich, daß ihnen eine Solidariiät mit der Gewerkschaft abverlangt wird, die sich für sie nie und nimmer auszahlt. Mitglieder mit dieser schlechten Angewohnheit. - die aus moralischen Gründen warnstreiken, Pappsärge tragen und tiefsinnige Transparente hochhalten, während ihr Arbeitgeber schon alles für die 39,2Stunden-Woche mit 10,5-Tage-Rhythmus und den 11 3/4-Stunden-Tag, also für den "Einstieg in die 35-Stunden-Woche" herrichtet - solche Mitglieder verschaffen der Gewerkschaft ihre Freiheit. Die Freiheit, auch künftig mit den Unternehmern und Wirtschaftspolitikern einvernehmlich die Arbeitsbereitschaft, Arbeitslosigkeit und Lohnsenkung zu regeln. Alles für "die deutsche Wirtschaft"!

Gewerkschaftliche Rechenkunststücke

"Rein rechnerisch macht die Summe der durch die 35-Stunden-Woche ausfallenden Arbeitsstunden rund drei Millionen Arbeitsplätze aus. Die Hälfte dieser Stunden können die Unternehmer keinesfalls mit Rationalisierungen wettmachen. Das bedeutet: Sicherung und Schaffung von 1,5 Millionen Arbeitsplätzen."

Da haben wir sie wieder, die schöne Rechnung. Und kaum hat sich der DGB rein rechnerisch um die Schaffung von 3 Millionen Arbeitsplätzen verdient gemacht, halbiert er sie schon wieder. Und der Einfall, der ihm da gekommen ist, hat es in sich: Auch künftig will er "Mut und Kraft" seiner Organisation nicht dafür einsetzen, einmal etwas zu verhindern, was seine Mitglieder an Gesundheit und Geldbeutel zu spüren kriegen. Ganz locker rechnet er schon in die Zukunft voraus, daß die Produktivitätssteigerungen durch modernere Maschinerie auch weiterhin auf Kosten der Lohnabhängigen gehen.

Für die Tarifrunde hat er für alle Funktionäre und Mitglieder ein feines Programm aufgestellt. Sie können mit Unternehmern darüber streiten, ob die 35-Stunden-Woche nun Arbeitsplätze schafft oder vernichtet. So begegnen sich statt zweier Parteien, deren Interessen sich widersprechen, nur zwei Lügen, die sich dazu mit erlesenem Zahlenmaterial garnieren können.

Die Wahrheit ist nämlich die: Wieviel gearbeitet werden muß für wieviel Geld, wieviele Entlassungen stattfinden und wie es den Arbeitslosen geht, hängt immer noch davon ab, was die Gewerkschaft sich von den Kalkulationen der Unternehmer gefallen läßt!

Der DGB aber rechnet lieber Gott und der Welt vor, daß die Herren "Arbeitgeber" seinetwegen ganz bestimmt nicht zu kurn kommen!

Streit im DGB: Pack schlägt sich - Pack verträgt sich

Die richtige Taktik im Tarifstreit ist Gegenstand der Auseinandersetzung in und zwischen den Gewerkschaften. Einige von ihnen - z.B. Chemie, Textil, Nahrung - bezweifeln, ob es richtig ist, für den Beweis der eigenen Kompromißbereitschaft und tiefen gesellschaftlichen Verantwortung ein solches Kampftheater aufzuziehen. Die IG Chemie wirft der IG Metall vor, sie würde sich und die gesamte Gewerkschaftsbewegung durch übertriebene Selbstdarstellung schon wieder unglaubwürdig machen. Die IG Chemie sieht die erfolgreichste Methode darin, sich umstandslos an die Gegenseite anzubiedern und sich die Tarifrunde aufgrund einer gesetzgeberischen "Vorruhestandsregelung" ganz zu ersparen. Dabei will sie natürlich ein Wörtchen mitreden und beklagt sich lauthals über die "Starrheit" der anderen Seite. Damit man sie aber ja nicht mißverstehen möge, diestanziert sie sich heftig von irrigen Auffassungen innerhalb des DGB:

"Es geht nicht um Sein oder Nichtsein der Gewerkschaften, wie uns linke Agitatoren weismachen wollen." (gewerkschaftspost)

Dieser unverblühmte Angriff auf den gewerkschaftskollegen Franz Steinkühler wird noch ergänzt um eine ganz neue Sorte zwischengewerkschaftlicher Diplomatie:

"Die 35-Stunden-Woche entspricht der Beschlußlage dieser Gewerkschaften."

Heißt: das haben die zwar beschlossen, aber die sollen ja nicht glauben, daß wir uns dem anschließen. "Solidarität im DGB" besteht heutzutage eben darin, daß lauter gewiefte Öffentlichkeitsmanager darauf schauen, daß ihre Gewerkschaft einen möglichst guten Eindruck macht. Dafür würgt man der anderen Gewerkschaft auch mal gerne eins rein.