DIE GEMEINDE MACHT WEITER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1984 erschienen.
Systematik: 

Der Ostermarsch 84
DIE GEMEINDE MACHT WEITER

"Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt." (Joh. 11, 25)

"Unser Nein gegen die Stationierung von Pershing II und Cruise Missiles bleibt bestehen!" - dieser trotzige Satz findet sich in allen Aufrufen zum diesjährigen Osterfest der Friedensfreunde. Allen interessierten Prognosen von Politik und Öffentlichkeit, mit der vollzogenen Stationierung sei die Luft raus, wollte man am passenden Tag im Kirchenjahr die Auferstehung vordemonstrieren.

Am Ende waren beide Seiten zufrieden: Ostermärsche mit Zubehör (Menschenketten, Blockadeversuche, Feste und Feierstunden) fanden statt. Die Teilnehmerzahl war im Vorjahrsvergleich geschrumpft, und die Veranstaltungen liefen so ab, daß sie in den Lokalteilen der Presse harmonisch neben den Reportagen vom österlichen Ausflugsverkehr ihren Platz fanden.

Die moralische Mehrheit

war Ostem unterwegs. Und sie versicherte sich unterwegs, daß sie auch die numerische Mehrheit des Volkes darstellt. Zwischen 70 und 9O% kursieren die Zahlen der friedensbewegungseigenen Demoskopie, was die Ablehnung der Stationierung betrifft. Neben der Moral wußte man also auch die Zahlen auf seiner Seite. Der Umstand, daß die Bundesregierung sich bei der Durchführung ihrer Beschlüsse vom erfundenen Widerstand nicht beeindrucken läßt, macht die Bewegung nicht irre: "Die Mehrheit des Bundestags hat den Willen der Mehrheit der Bevölkerung mit Füßen getreten." Diese hingegen tut alles andere, als der Regierung auf die Füße zu treten, sondern arbeitet an Werktagen und fährt Ostem ins Grüne. Sie lehnt es einfach ab, wegen kleiner Meinungsverschiedenheiten bezüglich Zeit, Ort und Waffen des nächsten Krieges, ihren Frieden mit der Obrigkeit eintrüben zu lassen. Wenn die Wortführer der Bewegung Kohl und den Seinen das Mandat in Sachen "Nach"-rüstung entziehen wollen mit dem Argument, sie verdankten ihre Mehrheit bei den Wahlen nicht der Rüstungspolitik, dann merken sie gar nicht, daß sie damit die Ohnmacht ihrer Protestpolitik gegen die Grundlage der politischen Macht aussprechen: Wer je nach Bedarf "unserer" Wirtschaft zum Arbeiten oder zum Stempeln geht; wer mit seinem Staat der Auffassung ist, daß Ordnung sein muß und der Feind im Osten steht; wer brav Steuern zahlt und die Kürzung von Sozialleistungen nach dem Kriterium gerecht/ungerecht beurteilt; wer dafür ist, daß Deutschland was darstellt in der Welt; wer die Menschheit in rechtschaffene Bürger und Asoziale einzuteilen gelernt hat; wer alle Staatsgewalt als Recht und Gesetz akzeptiert und sich vor Rechtsbrechern so sehr fürchtet, daß ihm der Staat gar nicht hart genug zuschlagen kann; wer die deutsche Teilung beklagt und den Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital für die nationale Grundlage aller (Markt-)Wirtschaft hält; wer meint, der Aufschwung des Kapitals sei eine günstige Bedingung für seine Brötchen; und wer nach Meinung der Friedensbewegung deswegen den Kohl gewählt hat - warum sollte so einer ausgerechnet wegen einer neuen Waffengattung auf deutschem Boden entsetzt feststellen, daß die Uhr "5 vor 12" geschlagen hat, und den "Herrschenden die Grenzen ihrer Macht" aufzeigen? Nicht einmal zum Demonstrieren läßt er sich "aufwecken". Eben dies haben die Ostermärsche mit ilnrem gesmten Ritual demonstriert.

Die Bewegung

hat nichts bewegt außer sich selbst. Und das machte sie 1984 so sehr zum Zweck der Bewegung, daß man vor innerer Bewegung nicht mehr weiß, ob man nun weinen oder lachen soll. Szenen deutscher Opposition am Osterfeste:

- Im Württembergischen wind einer Kaserne der Name "entzogen". Nicht länger soll sie nach dem patriotischen Offizier der Reichswehr Eberhard Finckh sich nennen dürfen, der 1944 erkannte, daß Hitler schlecht für Deutschland war und seine Mittäterschaft am 20. Juli mit dem Leben bezahlte. Für Leute, die es 1984 gut mit Deutschland meinen, sind die Pershings das Stalingrad des Imperialismus, weswegen ihrem Beschluß zufolge seit Ostersonntag in Großengstingen nur noch eine "Muspelheim-Kaserne" steht. Die Benamsung nach dem germanischen Hades wird die Bundeswehr erst noch verkraften müssen.

- In München umzingelten 10.000 Menschen den Schuttberg neben dem Olympiagelände und gemahnten so an die eingebuddelten Fragmente deutscher Niederlage und Zerstörung, die es zu verhindem gelte.

- In Bodelhausen fuhren 400 Osterstrampler mit dem Rad zu einem Tanklager und protestierten gegen den Mißbrauch von "Benzin für den Krieg".

- In Frankfurt/Main gelangte bei der Schlußkundgebung ein "Manifest gegen den Bau von Schutzbunkem für Atomangriffe aus dem Präsidium des Bundes Deutscher Architekten" zur Verteilung.

- Vor Mutlangen "warf sich eine Handvoll japanischer Mönche in den Staub und betete für den Frieden, laut trommelnd und ständig ihre mystische, buddhistische Gebetsformel monoton singend."

- Und in Dortmund erklärte ein Polizist der "Westfälischen Rundschau": "Wissen Sie, am Ostermarsch direkt beteiligen kann ich mich ja in meiner Position schlecht. Aber ich sorge dafür, daß ich Ostern immer Dienst habe. Und auf diese Weise bin ich dann eben doch immer mit dabei." Dieses

Dabeisein ist alles

charakterisiert die atmosphärische Mischung der diesjährigen Ostermarschkampagne aus olympischem Geist und christlichem Bekennertum. Der Stolz des Weitermachens im Angesicht der neuen Raketen paart sich mit dem Läuterungserlebnis ein paar solidarischer Stunden im Kreise Gleich-Bessergesinnter.

Die verminderte Resonanz des Osteraufmarsches der Bewegung, verglichen mit dem Vorjahr, hat ihren Grund nicht in der Bewegung selbst. Sie ist sich gleich geblieben. Was sich geändert hat, sind die Verhältnisse und das ist ein Eifolg der Regierung. Bonn ist es gelungen, einen weitgehenden nationalen Konsens darüber herzustellen, daß die Raketenfrage mit der Stationierung beantwortet und damit vom Tisch ist. Mehr noch: Kaum waren die ersten Batterien gefechtsklar, stellten und stellen die Planungsstäbe in Bonn, Washington und Brüssel auf allen Ebenen der Rüstung weiteren "Nach"rüstungsbedarf nicht nur fest, sondern sind auch zügig dabei, ihn zu befriedigen. So wird konsequent klar zum Gefecht gemacht und dabei die Parole "Business as usual" ausgegeben. Aufrüstung ist zum zivilen Normalfall der Republik geworden.

Die Friedensbewegung fängt jetzt an, sich vor dieser "Normalität" zu rechtfertigen. Angesichts einer Öffentlichkeit, die mit den Raketen zur Tagesordnung übergegangen ist, kriegt sie ein Problem mit dem Nachweis der Berechtigung ihrer eigenen Fortexistenz. Staatstreu, konstruktiv und verantwortungsbewußt, wie sie von Anfang an gewesen ist, reagiert sie auf den kalten Wind, den ihr die Obrigkeit und ihre - Öffentlichkeit ins Gesicht blasen läßt, sehr beflissen. Jeder Vorwurf "kommunistischer Steuerung" wird nicht nur mit dem prompten Dementi zuruckgewiesen, sondem auch mit dem eigenen Bekenntnis zum Antikommunismus und der Wachsamkeit vor dem Feind im Osten bedient. An Vaterlandsliebe will man sich von niemandem übertreffen lassen. "Unsere" Bundesrepublik ist den Protestierern als Heimat heilig und das "nationale Interesse" begründet noch jede Kritik an denen, die es zur Zeit maßgeblich verwalten.

Auf der Grundlage zweifelsfrei erwiesener nationaler und demokratischer Zuverlässigkeit will der "Widerstand" aber immer noch das Aber gegen die Rüstungspolitik retten. "Alle Warnungen der Friedensbewegung beginnen sich zu bewahrheiten. Mit der Stationierung der neuen Atomraketen ist die Gefahr eines Atomkriegs größer geworden." Wo man neue Waffen zur "Kriegsgefahr" erklärt, also nichts wissen will von den politischen Absichten, die sich die Vernichtungspotentiale zulegen, sondern selbst den obersten Kommandeuren einen prinzipiellen, leider irrenden Friedenswillen zugesteht, gerät man gegen das von oben verkündete "Es hat sich nichts geändert!" in Beweisnot. Da wird dann die Beschwörung der "Kriegsgefahr" leicht zur Glaubensfrage. Häufigster Dialog der Marschierer mit den Passanten: "Ich glaube nicht, daß es einen Krieg gibt. Diese Raketen sind für alle zu gefährlich!" - "Eben deshalb glauben wir, daß sie zu gefährlich sind, um sie aufzustellen!".

Was bleibt

ist einerseits der grenzenlose Opportunismus nicht zuletzt jener Linken in der Bewegung, die sie nach offizieller Hetze im Auftrag des Hauptfeindes "unterwandert" haben sollen: "Wir mussen konsequent den Herrschenden klarmachen, daß eine von uns tolerierte Politik nur ohne diese Raketen denkbar ist." Wir würden euch ja gerne gehorchen, wenn ihr uns nur mit diesen Raketen verschont, verkündet hier die DKP-Hochschulgruppe in Bochum in angeberischer Verdrehung der so akribisch beobachteten "Kräfteverhältnisse", während sich die Führer in Bonn noch was darauf zugute halten, daß sie noch die Friedenbewegung tolerieren, wo das Volk geschlossen mitmacht. Was andererseits an politischer Kritik noch bleibt, versucht sich an ausgesprochen reaktionären Spruchen: "Pershing II und Cruise Missiles - Stück für Stück in die USA zurück!" reimt die VVN-Bund der Antifaschisten als Appell an einen so natürlich gar nicht vorhandenen Anti-Amerikanismus beim Normalbürger. Und Erhard Eppler erklärt den Demonstranten in Köln alles Übel auf der Welt aus dem "Wahnsinn der Reagan-Administration". Gute Menschen gegen Geistesgestörte, die Mehrheit gegen eine gewählte Minderheit, Deutsche gegen Raketenkrempel aus den USA - das ist der Übergang von der Bewegung zur Gemeinde.

"Also dann bis zum nächsten Jahr!" verabschiedete sich ein Ostermarschierer vom oben zitierten Dortmunder Polizisten. Man sieht: "DIE FRIEDENSBEWEGUNG LEBT!". Eben so.