DIE GEISTIGE FREIHEIT ZUR MACHT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1981 erschienen.
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Wissenschaftliche Revue (I)
DIE GEISTIGE FREIHEIT ZUR MACHT

"Es handelt sich bei diesen Wissenschaftlern überhaupt nur darum, neue Phrasen zur Interpretation der bestehenden Welt zu erfinden, die um so gewisser in burleske Prahlereien ausarten, je mehr sie sich über diese Welt zu erheben glauben und in Gegensatz zu ihr stellen." (Marx/Engels, Die deutsche Ideologie)

Daran hat sich auch 1981 nichts geändert. Während die weltpolitischen Zeichen auf Sturm stehen, liefert die Wissenschaft - Interpretationen dieser veränderten Lage. Das zumindest ist sie ihrer Prätention schuldig, für die Zwecke der Gesellschaft tauglich zu sein. Was dabei herauskommt, wäre des Aufhebens nicht wert, wenn die Wissenschaft keine Institution wäre; sie ist aber eine und verschafft sich durch diese Autorität bei Intellektuellen durchaus Glaubwürdigkeit, die in ihren Argumenten schwerlich zu finden ist. Nur deshalb lohnt sich das Stöbern in den Konjunkturen des freien Geistes, den jedes Jahr weniger von der Macht trennt.

Denn was bewegt sie schon, die Wissenschaftler: Den einen taugt der drohende Krieg zur Illustration ihrer alten Idee, daß die Macht ohne Geist nicht weit kommt; die zweiten beweisen, daß sie im Gegensatz zur Politik die Lage im Griff haben; und die dritten propagieren den Geist zur einzigen Macht und bewegen sich in einer vollends verrückten Welt. Die ausgewählten Beispiele aus diesem Geisterreich sind deshalb repräsentativ, weil der herrliche Pluralismus nach der Ausräumung einiger Mißverständnisse inzwischen trostlos uniform ist: Die Wissenschaft will nichts anderes mehr, als dem Kapitalismus nützlich sein - soweit es ihren Willen angeht, ist sie das auch.

I Teil: Psychologie der Vorkriegszeit

Die Politik psychologisch zu betrachten, ist eine nicht erst seit 1981 in den verschiedensten Wissenschaften eingeführte Mode. Schon immer hat sich die Zufriedenheit mit den Verhältnissen des modernen Kapitalismus als theoretische Reflexion auf die Subjekte vorgetragen, aus deren übergesellschaftlicher Natur Wissenschaftler ihre Maßstäbe abzuleiten behaupten. Die politische Wirklichkeit figuriert in solchem Denken daher nur als Bedingung eines seinerseits ganz bedingungslosen Handelns, dessen eigentliche Zwecke und Beweggründe jenseits der Realität gesucht und in abenteuerlichen Konstruktionen der menschlichen Innenwelt gefunden werden. Theoretische Gutheißung und Ablehnung der gesellschaftlichen Zustände, die von da aus jeweils ins Blickfeld gerückt werden, tragen sich dann auch vor als Abwägung von Wirkungen, die vom tatsächlichen Tun der Menschen auf ihre nur dem Psychologen bekannte Bedürfnis-, Gefühls- und Denkstruktur ausgeübt werden bzw. umgekehrt. - Dieses Kammerdienerdenken hat indes Fortschritte gemacht, die es als Vorkriegsideologie tauglich machen: Was in seinem Idealismus schon angelegt ist, die Tilgung der Differenz von "Außen-" und "Innenwelt", wird nun offensiv hervorgekehrt.

Ganz offensichtlich fasziniert von der Tatsache, daß der je als illusionär und verderblich deduzierte Materialismus der Massen nun von Staats wegen Grenzen gesetzt bekommt und sich das Volk alles das gefallen läßt, mögen Psychologen (und nicht nur die vom Fach) sich nicht mehr vom Standpunkt der angeblich wahren Bedürfnisse aus gegen die ihm zuwiderlaufenden Verhältnisse wenden. Stattdessen erklären sie ihr Gespenst des "subjektiven Faktors" zur einzigen Realität, die sie noch setzen wollen; folglich gehen alle Bedrohungen, die von der Politik in die Welt gesetzt werden, nun von jenem Geistersubjekt aus, das in eine Krise geraten ist und sich nur noch am eigenen Schopf wieder daraus retten kann. Da niemand alle Abteilungen der daraus resultierenden Buß- und Tugendpredigt perfekter beherrscht als der Gießener Sozialpsychologe Horst Eberhard RICHTER, steht er im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Revue zu diesem 1. Teil.

1. Das jüngste Gericht der Psychologie

Der RICHTER hat vor einiger Zeit eine Anklageschrift gegen den Wohlstandsmenschen vorgelegt, in der er diesem einen "Gotteskomplex" attestierte und damit schon ankündigte, daß der Prozeß wohl nicht gut ausgehen wird. Nachdem er inzwischen in einer "Spiegel"-Serie "über die Ursachen des 3. Weltkriegs und das Ende der Menschheit" (unter dem Titel "Alle redeten vom Frieden" bereits als Buch erschienen) das Urteil des Jüngsten Gerichts im voraus publiziert hat, gestatten wir uns einen Rückblick auf den dazu erforderlichen Gedankengang.

Beweisaufnahme: Die kranke Gesellschaft

Streng daran orientiert, was ihm durch öffentliche Diskussionen gerade als gültiges Problem vorgesetzt wurde, hat der RICHTER emsig Material über den Zustand der BRD zusammengetragen. Dieser besteht danach aus folgendem (u.a.): In der Familie gibt es Konflikte, Probleme gibt es mit Drogen, Jugendlichen und dem Alter, das midlife steckt in einer crisis, der Strauß in uns allem, die Psychotherapie erlebt mitsamt der Umwelt, den Sekten und dem alternativen Landleben einen Boom - und jetzt kommt noch die Aufrüstung dazu. Wem diese Auflistung etwas beliebig vorkommt oder wer gar danach fragt, ob denn die Leute überhaupt nicht mehr arbeiten, wählen gehen oder sonst etwas tun, verfehlt den Witz an der Methode des RICHTERS. Dieser führt nämlich einen Indizienprozeß und läßt die Tatsache, daß es die aufgezählten Probleme schon gibt, einfach dafür sprechen, daß es auch die Gegenstände sind, an denen die Gesellschaft krankt. Die zu Indizien umfunktionierten Phänomene entfalten so flugs einen recht universellen Charakter. Der"Psychoboom" z.B. stellt

"den kompromißhaften Versuch (dar), die Unerträgtichkelt der Gesellschaft zu kompensieren, wobei man gleichzeitig in derselben mitspielt und diese Unerträglichkeit weiter aktiv mltreproduziert," (Vortrag "Sich besinnen, um sich zu stellen", abgedr. in "Die Zeit", 26.6.81)

Die "Alternativbewegung" ist umgekehrt kompromißlos, kommt damit aber in eine "Zwangslage":

"Ihre Anhänger spüren, daß sie ihre Identität nur bewahren können, wenn sie an ihren Modellen festhalten. Aber sich nur diesen alternativen Modellen zu widmen, läßt die Angst nicht mehr zu, die durch die überhandnehmenden Bedrohungen von außen stetig gesteigert wird." (a.a.O.)

Der Beweis geht eben so und so rum. Die Verhandlungsführung bleibt immer dieselbe: Zuerst liefert der RICHTER Material dafür, daß die Betroffenen sich um das Zurechtkommen mit Verhältnissen bemühen, die diesem guten Willen offenbar einiges abverlangen. Dann interessiert er sich für die objektiven Zustände, an denen der Wille da zuschanden wird, aber gar nicht weiter, sondern nimmt die "Unerträglichkeiten der Gesellschaft" als ein Problem, das die ihr Unterworfenen unter sich auszumachen haben - wobei den einen der Gang zum Psychologen, den anderen die frische Landluft einfällt. Weil das wiederum die Krankheit der Gesellschaft bezeugen soll - man weiß noch nicht einmal, welche -, versetzt der RICHTER schließlich seine Zeugen in den Anklagestand: Obwohl sie Opfer sind, sind sie eigentlich Opfer ihrer eigenen Misere, "spielen mit" (was denn?) und gehören deshalb (!) zu den aktiven Subjekten der Zustände, an denen sie leiden. Und wer nicht "mitspielt", baut bloß außerhalb der Gesellschaft alternative Modelle und wird dann schon von der "Angst" darauf gestoßen, daß er genauso Verantwortung für das "Unerträgliche" zu übernehmen hat. Das Absurde dieser Logik ist 1., daß ihr jeder Inhalt abgeht - denn wenn Ursache und Wirkung, Macher und Betroffene, Objektivität und subjektive Reaktion nicht unterschieden werden können, ist die Gesellschaft ja ebenso erträglich wie unerträglich. Also liefern die Indizien 2. überhaupt keine Indizien für das, worauf der gute Mann hinauswill.

Diesem Dilemma entkommt der RICHTER durch dialektisches Denken, indem er seine eigenen Ungereimtheiten zu genau dem Problem proklamiert, das die Gesellschaft beherrschen soll. Den dabei notwendigen Verlust an faktischer Anschaulichkeit (die Fakten sind als Belege für Tiefergehendes ja schon abgeheftet) ersetzt er durch gewinnende Bilder:

"Der gut geölte, aber" (= deshalb!) "auf den Ruin zusteuernde Lauf der Maschine Gesellschaft"

ist es dann, der

"vielfältige illusionäre Sachzwänge (erzeugt), welche die Massen wie automatisch in die Prozesse hineinverwickeln, die auf unser aller unbewußte Selbstzerstörung hinauslaufen."

Nämlich:

"Körperliche Gesundheit und lange Lebenserwartung, die geheillgten Ziele der sich trimmenden Fitnessgesellschaft... Macht und Geld.. (verlangen eine) symptomfreie Gefühlsunterdrückung, die jede Form angepaßten Mitfunktionierens möglich macht." Folge: "Leiden an innerer Unfreiheit." (a.a.O.)

Zwischenergebnis: Die zirkuläre Maschine

Die Deduktion des Gerichts ist zwar nur scheinbar über die anfängliche Belegsammlung hinausgekommen und nicht weniger inhalts- und kriterienlos als diese. Aus keinem anderen Grund als dem schönen "Funktionieren" der "Maschine Gesellschaft" lassen die Massen sich hineinverwickeln, und genau aus demselben Grund würden sie sich am liebsten gleich wieder herauswickeln. Die bloße Ausmalung dieses Undings von Gedanken bringt aber immerhin die Idee zum Vorschein, die dem RICHTER zur Urteilsfindung dient. Erstens ist dieser unparteiische Beobachter ohne Umstand und namentlich ohne jedes Argument für die gesellschaftlichen Zustände, gegen die er der Form nach Partei ergreift. Ohne daß der Kapitalismus überhaupt vorkommen würde, kommen am Maßstab seines Erfolges - der tautologisch nur darin besteht, daß ihm kein Widerstand entgegengesetzt wird (wie und warum, interessiert ja nicht) - nur positive Urteile über ihn heraus: Das ist mal eine "gut geölte Maschine"; die schafft vielleicht vielfältige Befriedigungsmöglichkeiten (so hinreißende, daß sie sich sogar zu "illusionären Sachzwängen" mausern); da geht es aber um "Produzieren, Managen, Administrieren, Machen und Funktionieren", die "Steigerung von Lebenskomfort und somit des Wohlbefindens" (in: "Spiegel" 39/81); mit einem Wort - ein wahres Wunderwerk menschlichen Erfindungsgeistes! Von diesem Gesichtspunkt ist auch den sonst bekrittelten Massen kein Vorwurf zu machen: Neben dem Füllhorn an Wohltaten, das ihnen da zuteil wird, hat RICHTER ihre Beteiligung an der Teufelsmaschine durch das luzide Argument des "Automatischen" sogar zusätzlich abgesichert.

Wenn der Dialektiker aber zweitens auf die negative Seite dieser von ihm hochgelobten Reichtumsproduktion zu sprechen kommt, ist es wundersamerweise auch nicht ihre Schädlichkeit, die er beklagt. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind für den Unparteiischen so sehr über jede Kritik erhaben, daß er sie gleich für viel zu gut hält - nämlich für "den Menschen", dessen inneres Gleichgewicht den ganzen äußeren Segen einfach nicht verdauen kann. Diese Idee eines menschlichen Maßes, das nicht ungestraft überschritten werden darf, steht zwar in überhaupt keinem Verhältnis zu den wirklich verfolgten Zwecken und deren wirklichen Schranken. Insofern entbehrt sie auch jeglichen Inhalts (so daß das Gelingen "der Gesellschaft" ziemlich übergangslos in das glatte Gegenteil, ihren Ruin, übergeht). "Der Mensch" wird aber dadurch zum Maßstab, daß RICHTER ihn als solchen verwendet; sein Inhalt richtet sich dann danach, was die Theorie gerade brauchen kann. Und damit hat das "menschliche Maß" seinen Inhalt: Es ist die Vielfalt der dem menschlichen Innenleben aufgebürdeten Bedingungen, unter denen sich RICHTER den Fortgang von Ökonomie und Politik ohne deren zerstörerische Auswirkungen vorstellen kann. Diese Bedingungen wechseln mit dem, wofür sie sorgen sollen.

Kein Wunder daher, daß RICHTER mit seinen Anklagen der Wohlstandsgesellschaft die ganze Zeit über, wo dies die offizielle Ideologie darstellte, richtig lag - und kein Wunder, daß ihm die inzwischen erfolgte Absage an diese Ideologie erst recht zupaß kommt. Während die Macher der wirklichen BRD die verschärfte Einschränkung des niedrigen Lebensstandards ihrer "Massen" bestenfalls noch damit begründen, "es" gehe halt nicht mehr anders, tritt ihnen der Erfinder der "Maschine Gesellschaft" mit einer apokalyptischen Geschichtsphilosophie zur Seite, die der staatlichen Gewalt eine mystische Notwendigkeit beilegt. Das Instrument dieses Hokuspokus ist eben jener "Mensch", der auf allen Seiten der realen Herrschaftsverhältnisse gleichzeitig wirkt und insofern ein greulich mit sich selbst zerstrittenes Wesen ist.

Exkurs: Geschichte eines Zauberlehrlings

Dieser "Mensch" hat nämlich folgendes hinter sich: Erst - das muß wohl nach dem Krieg gewesen sein - mit "ex ansionistischer Anspruchshaltung" und "totalem Kontrollbedürfnis über die innere und äußere Natur" die große Versorgungsmaschinerie geschaffen; dann - wir vermuten etwa die Zeit der Großen Koalition - allmählich vor lauter Funktionieren in suchtartige Abhängigkeit vom eigenen Geschöpf verfallen; und jetzt Gegenwart - geradezu gebeutelt von einer "ungeheuren Angst, völlig hilflos zu sein", wenn das Tischlein-deck-dich eines Tages versagt (alle Zitate nach "Spiegel" 39/81). Die historische Phantasie des RICHTERS ist eine bestechende Mischung aus Gemeinheit und Extravaganz. Gemein deshalb, weil in sozialpsychologischer Sicht der Zwang, sich wegen der eigenen Armut dem Wachstum des "ökonomischen Riesen" BRD zur Verfügung zu stellen, in Wahrheit auf den Expansionismus der Opfer zurückzuführen ist, denen im Namen ihres gefährdeten Innenlebens schon die Anschaffung eines VW-Käfers mißgönnt wird. Und reichlich extravagant, weil der große geschichtliche Wurf mit Erklärungen, deren Inhalt die Unerklärlichkeit menschlicher "Haltungen" ist, nicht gerade sparsam umgeht. Das Verdikt, das über den angeblich an seine Grenze gestoßenen massenhaften Luxus gefällt wird, ist denn auch ziemlich paradox: Keiner kann was dafür, wenn jetzt die Zeiten schlechter werden, jeder ist bloß irgendwie "hineinverwickelt" worden und kennt sich mittlerweile überhaupt nicht mehr aus - und genau mit diesem unbewußten Automatismus muß sich jeder den Vorwurf gefallen lassen, nicht schon früher die Notbremse gezogen zu haben. Was greift ein RICHTER eigentlich an, der für alles eine Generalentschuldigung und eine Generalverdammung parat hat. Eben - nichts. Er stellt der Geschichte - so als ob sie gar kein Resultat politischer Aktionen und bestimmter Zwecke wäre - nur den Persilschein aus, daß "Menschen halt so sind".

Mahnworte: Apocalypse now oder Wir-Gefühl?

Wenn sie aber "so sind", traut der RICHTER ihrer Besserungsfähigkeit wenig. Ohne "motivierenden Leidensdruck" bzw. "solange Not noch nicht sinnlich faßbar ist und sich nur in Vorboten andeutet" (Vortrag), lassen sie sich einfach nicht Mores lehren. Zum Glück - für dieses abgeschmackte Gedankengut - kommt dem Weltgericht wieder rechtzeitig die Weltgeschichte entgegen; in der westlichen Rüstungsoffensive begrüßt der RICHTER die willkommene Gelegenheit, ein letztes Exempel zu statuieren. Weder Westen noch Offensive kommt dabei natürlich vor, zur intellektuellen Verarbeitung der Kriegsvorbereitung genügt dem RICHTER die mehrfach bewährte Gedankenfigur des Zirkels:

"Über jedem Kopf hängen bedrohlich Dynamitwürfel von 2 1/2 Metern Kantenlänge."

Kaum schauert es den Leser und er fragt sich, wo die wohl herkommen, macht RICHTER ihm klar, daß er in Wirklichkeit nichts sieht:

"Hier wirkt eine gigantische beschwichtigende Sebsttäuschung." (päd. extra 12/80)

Der Umstand, daß "die Menschen in zumindest äußerlicher Gelassenheit" auf zunehmende Kriegsdrohungen reagieren, ist RICHTER nämlich Anlaß genug, die zukünftigen Kriegsopfer wieder zu Mitschuldigen n dem zu erklären, worauf sie reagieren. Dieser verzwickte Beweis fordert der Psychologie neue Leistungen ihrer zirkulären Einbildungskraft ab:

"Nehmen die Menschen nicht massenweise widerspruchslos und weithin sogar unbewußt an einem archaisch primitiven Paranoid teil, nämlich an der projektiven Fixierung an ein absolutes Feindbild, das uns die unerträgliche Wahrnehmung der eigenen Mitverantwortung für eine irrwitzige Politik des gigantischen Wettrüstens erspart?" (a.a.O.)

Und als ob dieses theoretische Monstrum nicht schon irrwitzig genug wäre, kommt auch noch eine "kreisförmige Selbstverstärkung" dazu,

"indem jede Seite die andere, wie unbewußt auch immer, zur Eskalierung des Bösen treibt, das sie auf jene projiziert" (a.a.O.).

Mehr als der feste Wille, in der Aufrüstung ja keinen politischen Zweck zur Kenntnis zu nehmen, ist für diese konstruierten Winkelzüge der irrationalen Menschennatur wirklich nicht haftbar zu machen; denn wie RICHTER hier pure Einbildungen in Dynamitwürfel verwandelt, spottet jeder Beschreibung, Eine Russenfeindschaft mag es ja geben; aber daß sich die aus einem menschlichen Urtrieb erklärt, eigene Feindseligkeiten - was für welche überhaupt? - lieber auf andere zu projizieren, ist zumindest gewagt. Haß und Furcht gegenüber Angehörigen anderer Staaten fällt den Leuten auch nicht gerade von sich aus ein; aber daß diese nationalistische Haltung einem unbewußten, archaischen Verfolgungswahn entspringt, der schon vor seinem verdrängten Anlaß, dem Wettrüsten, auf der Welt ist, ist auch im Reich der Triebe ein starkes Stück. Richtig ist schließlich, daß die Rüstungspolitiker bisher keinen Massenaufstand zu gewärtigen haben; aber daß diese Widerspruchslosigkeit - unbewußt ist sie ja außerdem! - einen gleich für Staatsaktionen mitverantwortlich macht, von denen "die Menschen" gemeinhin solange ausgeschlossen sind, bis sie als Kanonenfutter gebraucht werden, ist ein verrückter Schluß. Der Rest ist dann nur noch Idiotie: Erst verdrängt man die eigene Beteiligung am Wettrüsten - dann entsteht das Wettrüsten sogar daraus, daß man es verdrängt! "Kreisförmig"! Soweit kommt ein Theoretiker, der sich seine einmal gefaßte Idee, "die Gesellschaft" sei für "den Menschen" da, auch dann nicht nehmen lassen will, wenn der Mensch im Dienste seiner Gesellschaft in die Luft fliegt.

Der RICHTER bescheinigt seinen Kunden aus diesem Grund Unzurechnungsfähigkeit, und aus demselben Grund mahnt er im Anschluß daran die Schar der Verrückten, sie sollten doch im eigenen Interesse ihren Irrwitz lieber ablegen. "Dem Menschen" ist offenbar selbst die Quadratur des "Kreises" nicht unmöglich; wozu man nur aus dem Feld der seelischen Abgründe in die Welt der Religion übergehen muß. Dort wird nämlich erhöht, wer sich selbst erniedrigt:

"Der erste Schritt wäre (sic!) also, uns der gewaltigen Angst und der Scham zu stellen, daß wir alle verantwortliche Mittäter der fatalen Rivalität bzw. der daraus folgenden Gefahr der gemeinsamen Selbstzerstörung sind." (a.a.O.)

Ganz überneugt ist allerdings der RICHTER selbst nicht von diesem guten Ratschlag, weshalb er sein Besserungsprogramm vor sichtshalber im überreichlichen Konditionalis vorträgt (fast eine Seite lang). Bei aller Unverschämtheit des Gedankens hat die Absurdität der psychologischen "Hilfe" hier auch eine mehr belustigende Seite - man stelle sich den Büßer Horst Eberhard vor, wenn er in der Fußgängerzone mit dem Schild "Auch ich habe wettgerüstet!" die Passanten aufrüttelt.

Einen Hoffnungsschimmer hat der Prophet immerhin schon entdeckt, wenn auch nur "bei Wenigen" und "ohne Optimismus". Er hat da die alternativen Bewegungen im Auge:

"Die zentrale entscheidend neue Qualität erscheint mir ein verändertes Wir- Bewußtsein. ... Dieses neue Wir-Bewußtsein, das dem Sachzwang (?) des Rivalitätsprinzips (?) widerspricht, erklärt auch jenes unmittelbar erlebte Verbundenheitsgefühl mit den Unterdrückten in der Dritten Welt und mit den Generationen der Zukunft bzw. mit denen, deren Zukunft wir heute zu zerstören uns anschicken." (Vortrag, a.a.O.)

Frappant, wie mitten in der verkehrten Welt des Psychologen Töne anklingen, die einem bekannt vorkommen. Der Nationalismus, der in diesem "Wir" gewöhnlich steckt ("Ich kenne keine Parteien mehr..."), kommt hier allerdings etwas verfremdet daher. Dennoch kann man die Natur der Solidarität, die sich ansonsten nicht klar ausdrücken will, schon an dem Prüfstein ermessen, den sich der RICHTER ausgesucht hat: Wer sich besonders "verbunden" mit denen fühlt, die von der Schönheit des Imperialismus schon gleich gar nichts haben, der fühlt sich eben in einer Gemeinschaft des Verzichts zu Hause - und grenzt sich von jenen ab, deren Bemühungen, zu etwas zu kommen, er als überholtes "Rivalitätsprinzip" geißelt. Verantwortung für die Zukunft trägt diese Gemeinschaft außerdem, wenn sie auch nur im "Bewußtsein" ihrer Adepten besteht. Vom wirklichen Nationalismus unterscheidet sich dieses Ideal eines Gemeinwesens, das sich aus prinzipieller Bescheidenheit und verantwortlichem Gemeinsinn einschränkt, also genau darin - wie so vieles in den bisherigen Gedankenwindungen -, daß ihm nur der Inhalt fehlt, der zu dem "Wir" sonst dazugehört. Für die Nation sein zu können, ohne für die Nation sein zu müssen, ist der offensichtliche Wunsch, der so zum Vater einer ganzen Theorie geworden ist.

Das Katastrophen-Komplott

Die Fiktionalität seiner Wissenschaft hätte RICHTER nicht dadurch krönen müssen, daß er sich mit der eingangs erwähnten "Spiegel"-Serie auch noch als Autor von science fiction präsentiert. Den Beweis, daß er mit seiner Psychologie brandaktuelle Aufklärungen über die Sorgen der Zeit zu bieten hat, wollte der Mann der Theorie aber nicht der bloßen Fachwelt vorbehalten; er bringt daher denselben Senf auf populär, was uns einige zusätzliche Einsichten erlaubt.

Da die Urteilsverkündung in der RICHTER-Form als Rekonstnktion des Untergangs der Erde durch "intelligente Wesen von einem anderen Stern" vorgenommen wird, macht es erstens nichts aus, wenn unlösbare Rätsel seiner eigenen Theorie einfach so dargeboten werden. RICHTER als fiktiver Marsmensch kann RICHTER als wirklichen Psychologen lässig verblödeln. Zum Beispiel:

"Warum sollten die Erdvölker vernichtet haben, was sie zuvor planvoll mlt gewaltigen Anstrengungen aufgebaut haben?" (Spiegel 39/81)

Diesen Widerspruch der "Erdvölker" hat doch nur H.E. in die Welt gesetzt, der "den Menschen" zu einem derart verzwickten Wesen gemacht hat. Oder:

"Warum hätten diese Leute ihr Leben, für dessen Erhaltung und Verlängerung sie so gewaltige Opfer brachten, um der Sättigung feindseliger Gefühle oder der Freude an kriegerischen Eroberungen willen leichtfertig aufs Spiel setzen sollen?" (a.a.O.)

Ja, warum? Diese exquisiten Kriegsgründe stammen freilich auch nur aus der psychologischen Werkstatt. Selbst seinen famosen Selbststeuerungsatomtodmechanismus von vorhin deklariert RICHTER, der Marsmensch, nun für abwegig:

"Den Massen der Halbnarkotisierten, der Süchtigen, der menschlichen Roboter und der realitätsblinden Klienten des Psychobooms können wir jedoch schwerlich zutrauen, daß sie die ungeheure Energie aufgebracht haben sollen, das gesamte Erdenleben durch ein beharrlich und systematisch vorbereitetes Atombomben-Massaker auszulöschen." (a.a.O.)

Neben der Selbstwiderlegung muß aber noch angemerkt werden, daß hier auch der außerirdische RICHTER Ideologien spinnt: Wie sollen denn ganze Völkermassen in langjähriger Planungsarbeit - wohl im Bombenzielwurf? - einen Atomkrieg vorbereiten? Und seit wann werden Kriege nicht um des Sieges willen geführt, sondern gleich zur Auslöschung des "gesamten Erdenlebens"?

Statt nun seine alten Theorien wegen der selbst bemerkten Brüche aufzugeben, hat sich der RICHTER zweitens lieber einen neuen Hintergrund ausgedacht, durch den das Unerklärliche gerade noch erklärt werden könnte. Für das breite Publikum, dem die Abgründe "des Menschen" vielleicht zu unfaßlich sind, serviert er ein internationales Komplott von Geheimdienstlern, die alle Fäden ziehen. Als gigantisches Euthanasieprogramm rückt die These des "kollektiven Selbstmords" schon eher in die Nähe volkstümlicher Politikbegriffe:

"Allen leuchtete ein, daß man der schwerwiegenden Verantwortung nicht länger entgehen konnte, der unheilbar kranken Zivilisation eine aktive Sterbehilfe zu verschaffen." Diese sei nämlich, wie das deutsche Volk unter Hitler, schon lange nicht mehr "von einem Intakten Lebenswillen beseelt". (a.a.O.)

Der geistige Standort dieser Phantasie ist wirklich nicht weit vom Führerhauptquartier entfernt. Eine Verschwörung von Dunkelmännern, die keine Nationalunterschiede kennt (wahrscheinlich jüdische Bolschewiken im CIA), führt die Völker hinters Licht - und daß die dabei draufgehen, haben sie wegen ihrer morschen Knochen auch redlich verdient! Natürlich: Nach einem gescheiten Führer will der RICHTER nicht gerufen haben, aber Führung vermißt er zutiefst und appelliert an seine Leserschaft, die realen Politiker einmal daraufhin zu überprüfen.

Von diesen zeichnet er drittens ein jämmerliches Bild und liefert sie dem fiktiven Geheimdienst-Komplott als willfährige Idioten aus:

"Ein wichtiger Fall war die Beeinflussung von führenden Staatsmännern. Aber es bereitete in der Regel wenig Schwierigkeiten, sie zu manipulieren. Staatsmänner waren nur nach außen souveräne Führergestalten. In Wirklichkeit waren es zumeist erschöpfte, kränkliche Figuren, gebeutelt" (Jesus maria!) "durch eine Vielzahl auf sie einwirkender Entscheidungszwänge, denen keiner von ihnen noch gewachsen war." (Spiegel 40/81)

Welch psychologischer Tiefblick! Ausgerechnet die Figuren, von denen in Frieden und Krieg die Entscheidungszwänge ausgehen, werden von ihnen gebeutelt. Die Souveränität von Politikern soll - als ob die Macht nicht genügen würde - in ihrer Gesundheit und Nervenstärke bestehen. So wenig sind sie Herren ihrer eigenen Taten, daß jeder dahergelaufene Agent sie lässig manipulieren kann. Eine Charakterisierung dieser Theorie als Entschuldigung der Politik, die einen Krieg ins Auge faßt, ist fast selber verharmlosend; hier wird der Politik ja gleich vorgehalten, daß sie im Grunde gar nicht stattfindet und zwar durchaus im üblichen, unidealistischen Sinn. Mit dem Wunsch nach der richtigen Gewalt, dem effektiveren Nationalismus, geht der RICHTER aus der psychologischen Innenwelt der unverwirklichten Ideale in die politische Außenwelt über.

Dort findet er schließlich - und das ist das wahre Urteil des jüngsten Gerichts - viertens die schrittweise, aber nur zögerliche Realisierung seiner Ideen auf. Der BRANDT wäre sein Mann gewesen:

"Dieser sensible Mann hatte sich um keinen Preis von der Idee abbringen lassen wollen, das HERMES-Projekt" (so heißt das Atomkriegs-Komplott) "durch eine starrsinnige sogenannte Versöhnungspolitik zu Fall zu bringen." (Spiegel 42/81)

Auch CARTER war so ein "Softy", der gerade noch dadurch auf "Konfrontations-Kurs gehalten werden" konnte,

"indem man ihn durch eine Aktion der Roten Armee so in Panik (!) versetzte, daß er endlich ein neues gewaltiges Raketenprogramm nachschob" (a.a.O.).

Die Zwecke der Politik kennt ein RICHTER eben so lange nicht, wie er den Krieg bespricht - der kommt irgendwie von selbst, per Massenpsychose oder Verschwörung. Dort, wo die Politik sich aber selbst den Anschein gibt, nichts als den Frieden um jeden Preis im Sinn zu haben, tauchen sie plötzlich wieder auf. Hier wird RICHTER im Umgang mit seinem Personal geradezu liebevoll und attestiert der "Entspannungspolitik" - also just der Periode, in der die heute "über unseren Köpfen" hängenden Dynamitwürfel angeschafft wurden - nur gute Absichten. Wie es der Zufall will, schaut lediglich die Rote Armee blöd dabei aus. Haben die Russen "Versöhnungspolitiker"? Wer versetzt wen in Panik? Na also! Warum sollen denn auch für die Welt der Theorie andere Maßstäbe gelten als die der wirklichen Welt?

2. Durch peistige Führung aus der Krise

Wie man gesehen hat, bringt die Logik der Sozialwissenschaft es mit sich, daß von der Identität der theoretischen und politischen Maßstäbe zwar nicht ausgegangen wird, sie aber im Resultat herauskommt. Selbstverständlich ist dies nicht, weil bereits existente Zwecke und Idealvorstellungen kaum noch einer Ableitung bedürfen - doch Begründungen sind nun einmal das Geschäft der Wissenschaft. Daß sie immer zum richtigen, nämlich mit der Tendenz der praktizierten Politik übereinstimmenden Ergebnis kommen, muß wohl an den Fragen liegen, die von der Theorie gestellt werden. Der jeweilige Gegenstand spielt dabei eine offenbar untergeordnete Rolle, so daß das Problematisieren von Woher und Wohin des "Menschen" keineswegs eine Domäne der Sozialpsychologie ist.

Die Innenwelt der Demokratie...

So hat sich doch dem langjährigen Verkrustungstheoretiker Wolf-Dieter NARR aus Berlin, der die Demokratie immer "nach unten hin verstopft" sah, diese politische Obstipation inzwischen zu einem höchst komplexen Problem ausgewachsen. Mit dem früheren Hinweis auf die mangelhaften politischen Strukturen meint er zu kurz gegriffen zu haben, da so das "Bedingungsknäuel zwischen psychischer Verarbeitung und gesellschaftlichen Impulsen" (Seminarpapier SS 81) ungenügend berücksichtigt werde. Er fragt sich also nun,

"wie Menschen ohne Bewußtseins- und Verhaltensstörungen heranwachsen können, welcher Gesellschaftlichen, aber auch (!) welcher psychischen Vorbedingungen es hierzu bedarf. Wie ist die Ekstase des aufrechten Gangs gesellschaftlich und (!) psychisch möglich?" (a.a.O.)

Diese Verdoppelung in Außen- und Innenbedingungen des Staatsbürgers ist eine aufschlußreiche Modifikation der ursprünglichen Problemstellung. Nicht mehr (nur) die Bürgernähe des Staates, sondern die Existenz eines intakten Demokratiebewußtseins wird hier in Zweifel gezogen, indem nach seiner "Möglichkeit" gefragt wird. Und dies auch nicht einfach politisch, so daß die Formulierung eines politischen Bildungskonzepts anstünde, sondern zugleich psychologisch, so daß die politische Aufklärung selbst der Skepsis verfällt. Von seinem Ausgangspunkt her stößt also auch NARR auf die Schranken, die dem Subjekt durch sein Innenleben erwachsen. Daß die Bürger der BRD alles mitmachen, was ihr Staat ihnen abverlangt, und sich ganz und gar nicht als die Demokratieidealisten gebärden, als die der Politologe sie einst unterstellt hatte, veranlaßt ihn nicht, nach dem Grund dieses staatsbürgerlichen Gehorsams zu fragen. Was der Staat von seinen Bürgern will, rückt daher nicht in den politologischen Horizont. Stattdessen kann er sich die Willfährigkeit der Leute (und den inhaltlosen Protest der Jugend, der insbesondere zum Beispiel genommen wird) nur als Verhaltensstörung erklären, die - schon weil daran nichts Politisches ist - jedenfalls nicht im Staat ihren Grund hat, bestenfalls durch "Impulse" verstärkt wird.

Bereits die Fragestellung ist verkehrt. Wer ein falsches Bewußtsein - das in seinen Fehlern beweist, wie gut es funktioniert - für gestört halten will, der affirmiert dessen Inhalt, indem er die Schwierigkeiten seiner Verfolgung als von diesem getrennten Problem behandelt. Methodisch wird damit Bürgern und Staat recht gegeben: Die Bürger können dann ja gar nicht anders, als ihren Staat schalten zu lassen, wie er will, wenn sie schon an der "Ekstase des aufrechten Gangs" scheitern. Und umgekehrt muß der Staat gegenüber seinem demokratischen Charakter wieder mehr die Ordnungsmacht geltend machen, damit seine Bürger wenigstens erfahren, wohin die Reise geht, wenn sie sich mit der "psychischen Verarbeitung" schon so hart tun.

Da dies nur der Inhalt der NARRschen Problemstellung ist, die sich ihrerseits ganz inhaltslos bzw. offen vorstellt, gestaltet sich der immanente Fortgang für NARR anders; er geht zum wissenschaftlichen Skeptizismus über. Im "Bedingungsknäuel" sortiert er drei "Faktorenbündel" auseinander - 1. den Menschen in seiner Leiblichkeit, 2. denselben als Individuum, 3. dasselbe als gesellschaftliches -, die sich nur durch seinen Willen zur Komplexität überhaupt unterscheiden, um dann zu orakeln:

"Es ist alles andere als klar, wie diese drei riesigen (!) Faktorenbündel zusammenhängen" (dabei hat er sie doch unterschieden!) "und was sie bedeuten." (a.a.O.)

Weiß der Geier, wie ein NARR Faktoren bündelt, deren Bedeutung ihm genausowenig präsent ist wie ihr Verhältnis zueinander. Es kann jedoch festgehalten werden, daß diese Abdankung der Theorie m Resultat dasselbe ist, was die Frage ihrer Methode nach schon war: eine Bekräftigung der Politik, deren Orientierungen man dank der unentwirrbaren Knäuel des menschlichen Daseins nicht krumm nehmen kann.

...und ihre moralische Perfektionierung

Kollege Iring FETSCHER aus Frankfurt legt sich die Krise der modernen Demokratie zwar genauso zurecht und greift die dominierende "Verhaltensweise der Außengelenktheit" an, die Staatsbürgern ein so schlechter "Kompaß" ist. Auch er hält den Widerspruch seiner Ideen zur politischen Praxis also für ein Mißlingen der letzteren und äußert sich rein methodisch darüber (der "Gelenktheit" fehlt Inhalt und Richtung). Nachdem er diesen Gedanken aber veranschaulichen will, wird schon eher klar, welchem Interesse sich die Methode verdankt:

"Wer 'außengelenkt' ist, sein Verhalten nach dem anderer richtet," (der Staat sind - die anderen) "der nimmt am anderen nur die Äußerlichkeit wahr (?) und verliert In sich selbst den 'Kompaß' für sein Verhalten, als der das Gewissen einst diente." (Vortrag "Innerlichkeit - Flucht oder Rettung?", Juni 81 )

Das Argument ist eigenartig. Als Mitläufertheorem drückt sich in ihm ein Zweifel am Staat aus, den man sonst nur aus der Faschismuskritik kennt; dennoch ist die Psychologie des "außengelenkten Menschen" eine Entsprechung des Staatsbürgers zu seinem Staat. Das Fehlen der "moralischen Substanz" im Lande wird also beklagt, ohne daß FETSCHER irgendeine politische Greueltat vermelden würde, dergegenüber der Ruf nach der moralischen Verantwortung der Bürger sonst ertönt. FETSCHERs postulierte Moral der Politik ist rein negativ und bewegt sich folglich in komplementären Gegensätzen:

"Der substanzlose Funktionär der Macht, der seelenlose Technokrat" (Namen, Namen!) "ist ebenso gefährlich wie der realltätsblinde Romantiker und gesinnungsethische Träumer." (a.a.O.)

Gerade in dieser Negativität kommt aber das Positive des Ideals ium Ausdruck, eben die Einheit der genannten Gegensatzpaare. Um Nationalismus als reine, durch politische Interessen ebensowenig wie durch absolute Moralvorstellungen getrübte Tugend ist es ihm zu tun. Und daß FETSCHER diese Tugend immer nur dadurch beschreiben kann, daß sie etwas anderes nicht ist, ohne sagen zu können, wo eigentlich der positive Identitätspunkt liegt, ist insofern logisch. Der Wille, sich und den Staat ohne Rücksicht auf die Differenz identisch zu setzen, hat nämlich von Haus aus keinen Grund; und es ist der Fehler des Politologen, ein nur auf Gewalt beruhendes Verhältnis zwischen Staat und Bürgern zum Herzensbedürfnis der "in sich verlorenen" Individuen umzufabulieren.

Dem Hegelkenner FETSCHER ist dabei nicht einmal aufgefallen, daß die Einheit von Macht und Substanz, Politik und Gesinnung gerade moralisch nur formell ist - dieses Ideal fordert ja die schnörkellose Erfüllung der Staatsaufgaben unter Hintanstellung des Eigeninteresses der Machthaber wie der Unterworfenen - und daher kaum zum Inhalt des Gewissens taugt, das nicht gleichzeitig die Moral und ihre politische Relativierung als höchste Werte wollen kann. Zeitgemäß ist die Vorstellung natürlich schon, wird doch mit ihr ausgerechnet die soldatische Moral der Hingabe an die Aufgabe zum Hilfsmittel des inneren Verlusts der Menschheit! Wenn er dies ausführt "Am Beispiel eines Beraters der polnischen freien Gewerkschaft Solidarnosc können wir beides: gesinnungsethische Grenzen und verantwortungsethischen Realismus bewundern." (a.a.O.) -,

so umschifft er die Klippe, der Regierung allzu sehr nach dem Mund zu reden, durch das ungemeine Glück, daß gerade der polnische Nationalismus nicht mit dem dortigen Staat zusammenfällt und der Papst nur ein ideeller Befehlshaber ist. Davon gar nicht zu reden, daß Gesinnung und Verantwortung der polnischen Gewerkschaft auch noch auf der richtigen Seite verbunden sind.

Die Außenwelt der idealen Tendenz

Die einmal zurechtgelegte Betrachtungsweise, wo das Grundproblem der Gegenwart und seine erwünschte bzw. notwendige Verlaufsform zu suchen ist, hat den Mangel, keine Grundlage ihres Idealismus zu bezeichnen. Die Identität des Gesellschaftszustands mit der Verfaßtheit des in die Krise geratenen Individuums wird zwar durch die Methode suggeriert, aber nicht belegt. Dafür finden sich immer Wissenschaftler, die zum Beweis der Realität des Idealismus antreten.

Oskar NEGT aus Hannover etwa ist der "Anomie" der "Identitätsweisen in komplexen Industriegesellschaften" auf der Spur, in der sich "tiefliegende gesellschaftliche Veränderungen" ausdrucken sollen:

"Es ist ein Zustand, in dem alte Normen nicht mehr gelten, die regulierende Kraft der Traditionen... teilweise oder ganz außer Kraft gesetzt ist, aber neue Handlungsorientierungen, die Sicherheit im Alltagmerhalten verbürgen, noch nicht gefunden sind," (Psychologie heute 2/80)

Auch diesem Denker beliebt es somit, die Zunahme der staatlichen Ansprüche an die Bürger als Abnahme geistiger Orientierung zu betrachten. Der innenpolitische Fortschritt der Politik, mit dem Übergang in einen Vorkriegszustand die Verordnung staatlicher Zumutungen nicht mehr an irgendwelchen Idealen messen zu lassen, sondern die Bürger im wörtlichen Sinn in die Pflicht zu nehmen, schafft für NEGT ein Vakuum der Ideologie. Nur weil die Normen und Traditionen, die ihm bisher zur Legitimation seiner demokratisch-emanzipatorischen Erwartungen dienten, von der praktizierten Umdefinition der politischen Ziele (Sicherheit statt "mehr Demokratie wagen"!) relativiert und zur Ansichtssache erklärt werden, sieht der Soziologe gleich überhaupt keine "Handlungsorientierungen" mehr. Als ob Spar- und Friedensagitation nicht jeden Tag stattfände! Daß es eine andere "Sicherheit im Alltagsverhalten" braucht als die durch materielle Zwänge und deren ideologischen Ausnutzung verbürgte, ist ja lediglich die Unterstellung NEGTs. Daß dies keine bloße Unterstellung ist, sucht er nun an der Situation der Jugend heutzutage zu beweisen: Diese soll nämlich aus der Gesellschaft hinausmarschieren.

"Nicht Abenteuerlust... ist das Motiv dieses Massenauszugs. Motive dieser Art sind immer auf Rückkehr angelegt. Vielmehr geht es hier um viel existentieflere Bedürfnisse; um freiere Lebensentwürfe, um den Sinn von Arbeit und menschlichen Beziehungen, die nicht von Apparaturen und Verhältnissen als bloßen Anhängseln mitgeschleift werden." (a.a.O.)

Der Beleg reicht dem Gedanken das Wasser, den er belegen soll. Nur weil es unter Jugendlichen, die sich auf immer weniger Wohltaten der Gesellschaft einstellen dürfen, die Ideologie gibt, darum sei es ihnen ohnehin nicht gegangen, nimmt NEGT das vollkommen gegenstandslose "Bedürfnis" nach Existenz, Entwurf und Sinn als Umschreibung ihrer wirklichen Situation. Diese unverblümte Begrüßung eines falschen Bewußtseins erlaubt sich nacheinander folgende Fehler: 1. zieht eine Jugend, die sich mit einer ganz eigenen Kultur innerhalb der Gesellschaft identifiziert, nicht aus dieser aus, sondern richtet sich in dieser ein. 2. geht es jemandem, der sich seine Existenz zum Problem macht oder dem sie eins ist, eben deshalb nicht mehr um seine Bedürfnisse. Ein "existentielles" oder gar "existentielleres" Bedürfnis ist also Unsinn. 3. hat die Arbeit überhaupt keinen Sinn, sondern ernährt einen oder auch nicht. Daß man sie auch als orientierungsstiftend betrachten kann, wird selbst durch ein entsprechendes "Motiv" nicht zu ihrer Eigenschaft. 4. finden Arbeit und menschliche Beziehungen vielleicht mittels Apparaturen bzw. in Verhältnissen statt. Von letzteren "mitgeschleift" werden sie aber nicht, wohin auch! - Wer die gesellschaftlichen Zustände mit diesen Fehlern beurteilt, gibt summa summarum nur bekannt, daß er an den Arbeits- und Lebensbedingungen, o wie sie sind, schon deshalb nichts auszusetzen findet, weil sie ihn nicht interessieren. Er sucht nur Qualitäten der Wirklichkeit, die es erlauben würden, sich mehr für sie zu begeistern - und findet immerhin den wirklichen Wunsch danach.

Auf den naheliegenden Gedanken, daß in einer Zeit, wo die Politik alle wirklichen Anhaltspunkte einer Übereinstimmung mit ihr und den durch sie beherrschten Verhältnissen ausräumt, in der Tat der bloße Wunsch nach Übereinstimmung auch das einzige "Motiv" dafür ist, das Aufgeben des Bürger-Idealismus also genau seine zeitgerechte Form darstellt, verfällt NEGT natürlich nicht. Er will ja für diese Frontbegradigung der Politik sein können. Die sinnige Bemerkung

"Aus alledem folgt, daß das, was früher einmal nachsichtig-verständnisvoll Generationskonflikt genannt wurde, heute ein Stück Geheimgeschichte dieser Gesellschaft selber ist." (a.a.O.)

drückt die ganze Zufriedenheit und Einfalt eines Theoretikers aus, der für seinen Drang zur Übereinstimmung mit einer historischen Tendenz gottseidank noch leibhaftige Repräsentanten gefunden hat, auf die er bis zur nächsten Tendenzwende setzen kann. Und was diesen Gedankengang angeht, steht NEGT inmitten der heutigen Forschergemeinde wahrhaftig nicht allein da.

Das Primat der Wissenschaft

Wenn - wie bisher erörtert - der Grund für die bedrohliche Situation der 80er Jahre in einer Krise der Individualität und der Ausweg darin liegen soll, daß diese über sich hinauswächst und sich "wahre Gemeinschaft" und Sinnerfüllung zum Anliegen macht, so hat die Theorie neben ihrem Interesse nur ein Paradoxon formuliert. Der schönste "Beleg" für vorhandene Ansätze der kollektiven Umorientierung kommt über die Münchhausiade nicht hinweg, die alle Krisen-Wissenschaftler ihrem Gegenstand da abverlangen. Möglich ist allerdings, sich auch zu diesem Dilemma heutiger Wissenschaft affirmativ zu verhalten und die Ungültigkeit bzw. Notwendigkeit des Widerspruchs von Orientierungslosigkeit und Neuorientierung zu begründen. Sofern dazu nicht gleich ins Reich der kompletten Befreiung vom Gegenstand übergegangen wird (siehe den III. Teil der Revue), macht auf diesem Gebiet namentlich die Soziologie von sich her.

a) Methodischer Dogmatismus

Diese Wissenschaft schafft den Sprung vom gemeinschaftslosen Individuum zur kollektiven Individualität zunächst durch reine Anmaßung. Mit folgender Strategie empfiehlt sich der unerreichte Niklas LUHMANN aus Bielefeld:

"Die Strategie der Subjektivierung vermag... allein das vorausliegende Problem nicht zu lösen; sie trägt nur dadurch zu einer Lösung bei daß sie ihm eine veränderte Fassung gibt, die es als leichter lösbar erscheinen läßt, also (!) die Lösungschancen erhöht. Sie bewirkt gleichsam eine Umdefinition des Urproblems..." (Zweckbegriff und Slstemrationalität, 183)

Mit einem solchen Rüstzeug gestaltet sich der Einstieg in die Welt der fehlenden Werte und ihre Rückgewinnung problemlos. Mit einer nur leicht "veränderten Fassung" dessen, was er schon immer gesagt hat, steht LUHMANN mitten in der Diskussion des Jahres 1981 und konnte zu den Berliner Hochschultagen mit Einsichten über "Gesellschaftliche Differenzierung und Individualismus" aufwarten. Kurzfassung:

"Gegenüber dem Mittelalter zeichnet die moderne Gesellschaft sich durch zunehmeade Komplexierung und Differenzierung aller Lebensbereiche aus. Der Gegenhalt des eindeutigen Gruppenbezugs ist mit der Entlassung des Individumms in die Autonomie geschwunden, das sich nun einer Gesellschaft ohne Mitte und ohne Spitze, also unübersehbarer Komplexität gegenübersieht. Durch selektive Systemmechanismen werden jedoch die Individuen als Anspruchsindividualisten definiert, die sich durch Selbstbezug dem System einfügen, indem sie über das sondierende Einführen von Erwartungen in die Geseflschaft jene Komplexitätserfahrungen machen, die ihnen die individuelle Reduktion von Komplexität erlaubt."

Zu deutsch: Ich sehe zwar dasselbe Problem, das meine Kollegen bewegt - eine Gesellschaft ohne "Mitte", ein Individuum ohne "Gegenhalt" und ein Handeln ohne "Eindeutigkeit" -, aber "leicht umdefiniert" ist da überhaupt kein Problem. LUHMANN hält eben gegenüber den negativen Systemgedanken etwa eines RICHTER, bei dem gerade das Funktionieren der Gesellschaft durch seine Teufelskreise zur Krise führt, die reine Methode des Systemdenkens hoch: Das "Funktionieren" des Ganzen besteht doch genau darin, seinen "Bestand zu sichern", d.h. eine Krise auszuschließen. Der moderne Mensch benötigt zu seiner "Orientierung" nichts weiter als die Gesellschaft, die diese Orientierung ist. So läßt sich die Deduktion der notwendigen Übereinstimmung von staatlichem Zweck und individuellem Wertgefühl natürlich bedeutend abkürzen - ohne daß man sich überhaupt auf irgendetwas Bestimmtes einlassen müßte, bekundet die bloße Existenz der Nation schon (wenn sie nämlich als System betrachtet wird) ihren Erfolg in der Ausrichtung ihrer Mitglieder.

Die funktionale Betrachtungsweise lügt sich zwar etwas in die Tasche, wenn sie die Unergründlichkeit des "Systems" und der "Motivation" seiner Elemente einfach durch ihre mannigfaltigen tautologischen Grundlosigkeiten ersetzt; denn auch sub speciem "System" braucht ein moderner Staat seine Untertanen nicht zu so merkwürdigen Zielen wie "Integration", "Differenzierung", "Bestandserhaltung", "Abgrenzung" u. dgl. Dafür gelingen LUHMANN, der wegen seiner Methode vor dem albernen Gegensatz zwischen Werte-Idealismus und Zweck-Materialismus gefeit ist, in dem die sonstigen Theoretiker hausen, die schönsten Zynismen und die aktuellsten Wahrheiten der ganzen Wissenschaft. Seine soziologischen Sprüche von 1968 passen prächtig aufs Sparprogramm der Regierung -

"Die Elastizität des Systems wird dadurch erreicht, daß die Motivation der Mitglieder" (Schelm!) "auf einen chronischen Mangel, insbesondere auf Geldbedarf, gestützt wird, der so generalisiert ist," (auch gut!) "daß seine Befriedigung" (na!) "mit einer Vielzahl unterschiedllcher Systemzustände vereinbar ist." (Zweckbegriff, 141) -

und auf die Vorkriegsideologie:

"Die Werteordnung erfordert geradezu einen elastischen Opportunismus: daß einmal der Frieden auf Kosten der Freiheit und dann wieder die Freiheit auf Kosten des Friedens gefördert wird... Eine Rangordnung, die in die gleiche Abstraktionshöhe gebracht würde wie die Werteformeln" (bissig!) "selbst, würde den Menschen" (also den Staat) "übermäßig verpflichten, ja bis zur Lebensunfähigkeit fesseln." (a.a.O., 40)

b ) Wissenschaftliche Perspektiven

Mit dem beruhigenden Gefühl im Rücken, daß weder Politik noch Wissenschaft in eine Krise geraten können, die nicht funktional wäre, läßt sich nun munter voranforschen. Man leistet sich Zweifel:

"Empirische Anzeichen und theoretische Überlegungen werfen die generelle Frage auf, ob und inwiefern politische Systeme im hochindustrialisierten Kapitalismus eine normative Kontrolle durch Sozialisationsprozesse überhaupt ausüben können." (PAWELKA, Potitische Sozialisation, 175)

Der Eindruck, dieser Mann könnte meinen, daß die Bürger heutzutage ziemlich generell ihrem Staat die Gefolgschaft aufgekündigt haben und sich den feuchten Kehricht um dessen "normative Kontrolle" scheren, trügt sehr. Er hat die Frage nämlich nur aufgeworfen, um zwei Sätze weiter die nächste Frage aufzuwerfen, die das Gegenteil unterstellt:

"Es stellt sich die Frage nach den Bedingungen und Mechanismen einer politischen Sozialisation angesichts der Tatsache, daß sich das polltische System in einer extrem interdependenten inter- und (!) transnationalen Struktur immer stärker und funktional umfassender der kurz- und mittelfristigen Krisenbewältigung widmet." (a.a.O.)

Uns stellt sich ja eher die Frage, worüber dieser Vorreiter eines "in dynamischer Entwicklung begriffenen" neuen Spezialfachs eigentlich 175 Seiten lang geredet hat, wenn sich auf der vorletzten Seite diese Frage stellt. Die Frage ist allerdings kein Geheimnis, sondern das Geheimnis einer wissenschaftlichen Methode, die sich ihren Gegenstand schon zurechtgelegt hat, bevor sie von seiner Realität Kenntnis nimmt. Die Antwort versteht sich dann aber auch von selbst: Die Realität wird ihrem vorher angefertigten Begriff entsprechen und sich von ihm unterscheiden, so daß sich erneut "eine Frage aufwirft"...

Hier diene ein Urteil über die "Integration" der Industriearbeiter nur als Beispiel, das dem "abstract" einer empirischen Untersuchung entnommen ist:

"Weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft sehen sie ein Leben verwirklicht, das nicht das diskriminierende Stigma lohnabhängiger Arbeit trägt. Dieser fortdauernde Widerspruch... verhindert nach wie vor, daß sie sich auf Dauer mit der Gesellschaft, in der sie leben, identifizieren und allenfalls von einer vorgründigen, partiellen Integration auf der Basis eines gestiegenen Lebensstandards gesprochen werden kann." (OSTERLAND in: KOHLI, Soziologie des Lebenslaufs, 288)

Der Beitrag der Soziologie zur politischen Psychologie ist also drollig: Die ganze Fragestellung ist dem wissenschaftlichen Konsens entnommen, daß man den Bedingungen für das "Überleben" der Gesellschaft in einer "schwierigen Situation" nachzuspüren hat, wie sie sich im Bewußtsein der Betroffenen darbieten. Der zuletzt erwähnte OSTERLAND befragt deshalb nicht einfach Arbeiter, sondern läßt sie ihre Lebensgeschichte erzählen. Gerade das soziologische Dogma aber, daß die Theorie sowieso nur eine funktionale Rekonstruktion der Realität, also nie dazu fähig ist, deren Komplexität zu erfassen, macht die Orientierungs- und Identitätsprobleme, über deren mögliche Bewältigung die restliche Theorie Sorgenfalte auf Sorgenfalte häuft, zu einer reinen Frage der Wissenschaft. Die untersuchten Phänomene werden ganz selbstsicher zu bloßen Bedingungen der wissenschaftlichen Perspektive erklärt (im Beispiel die Lohnabhängigkeit zur Bedingung der Identifikation mit der Gesellschaft, also zum hinderlichen Stigma, also zu einem gleich doppelt existierenden Ding - sind die Arbeiter nun eigentlich vom Lohn abhängig oder sehen sie das nur so, wenn sie ihr Leben betrachten?), die über ihre Scheinresultate ("partielle Integration"!) nicht weiter traurig ist, weil sie nur Anstoß zur nächsten Unter suchung geben. Das Konjunkturmäßige der Soziologie unterscheidet sich deshalb auch vom Zeitgeist der anderen Wissenschaften: Weil dieses pur methodische Denken immer mit dem jeweiligen Stand der Politik übereinstimmt, wird der bloße Schein des Aktualitätsbezugs auch immer augenfällig - innerhalb des Kategorienkreisels finden ja nur Stellenwechsel statt.

In der nächsten MSZ

Schluß des I. Teils: Das Besinnungsprogramm des nationalen Geistes - "Mut zur Erziehung" konservativ und kritisch

II. Teil: Die politischen Alternativen der Wissenschaft - Beiträge zur Staatsverschuldung und Friedenspolitik

III. Teil: Der absolut freie Geist - Kampf gegen wissenschaftliches Denken und Anbetung von Erfahrung, Unmittelbarkeit und Phantasie