DIE FRIEDENSBEWEGUNG GEHT NACH DRÜBEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1982 erschienen.

Friedensbewegung in der DDR
DIE FRIEDENSBEWEGUNG GEHT NACH DRÜBEN

Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik hat die Friedensbewegung in der DDR entdeckt. Brav folgt sie der Anweisung, die jede Kritik an der Bundesrepublik seit ihrer Gründung als Dienst am Feind entlarvt: Zu mindest theoretisch geht sie nach drüben und erklärt sich solidarisch mit den inneren Gegnern des feindlichen Systems - längst bevor die wissen, ob sie welche sind.

Die Friedensbewegung in der DDR hat diese Sorte Solidarität durchaus verdient. Sie verleiht nämlich einem genuin DDR-deutschen Freiheitsdrang Ausdruck. Gegen die Vorbereitung des weltweiten Verteidigungsfalls durch die NATO will sie nichts gesagt haben. Die friedensbewegte Jugend der DDR will mit Politik nichts zu schaffen haben: Sie will Gewissen zeigen dürfen.

Gewissen: nichts als die herzensgut-saublöde Meinung, daß es der Menschheit gut anstehen würde, Waffen zu verabscheuen und Pflüge für gut zu halten. Genauer bezüglich ihres Adressaten wollen sie sich ebensowenig äußern wie über die Zwecke, die ein und dieselbe Politik mit Waffen und Pflügen verfolgt.

Zeigen: die zitierte Auffassung am Gewand mit sich herumtragen; wenn sie als Bausoldaten schon die schmutzigen Waffen nicht anzufassen brauchen, auch nicht den Namen Soldat tragen müssen;

Dürfen: Erlaubt soll es sein, das Aufnähertragen und ein sozialer Friedens-Staatsdienst.

Und dieser ehrenwerte Standpunkt hat, nachdem ihm alltäglich unter Anleitung des Westfernsehens der Systemvergleich aufgemacht und die BRD als ein einziger Hort des erlaubten Gewissens vorgeführt wird, das Bedürfnis entwickelt, die eigene Moralität ebenso bunt und lieb vortragen zu dürfen. Schließlich loben ja auch die eigenen staatlichen Organe die westdeutsche Friedensbewegung über den grünen Klee.

Während in der BRD jede Distanz zu den nationalen Aufgaben auf den Kommunismusverdacht hin überprüft wird, während die Parteien sich untereinander sehr einig sind, was dem Bürger wegen der Aufrüstung zu gemutet werden muß, während hier der Friedensbewegung, trotz ihrer Friedfertigkeit eine Auflage nach der anderen gemacht wird, bewundert der Staatsbürger/Ost die paradiesische Freiheit, sich die Argumente fürs Untertanensein aus dem ebenso breiten wie eintönigen Angebot selbst auswählen zu dürfen. Da steht die sozialistische Menschengemeinschaft schlecht da, weil sie nicht erlaubt, neben dem Mitmachen das Selbstbewußtsein ganz origineller persönlicher Verantwortlichkeit zu pflegen und stattdessen nur Bekenntnisse zur staatlich vorformulierten Moral verlangt. Man kann sich sogar für den eigenen Staat schämen, es als Schande für die DDR nehmen, daß sie Demonstrationen für den Frieden neben ihrer Friedenspolitik für überflüssig erklärt, und sich persönlich aufgerufen fühlen, Abhilfe zu schaffen. Oder aber man sieht im Frieden ganz einfach eine gute Sache, für die man als guter Mensch auch "mal selber etwas tun" möchte.

Abrüstung der DDR zur Aufrüstung der Kirche

Das Verdienst, mit dieser Sorte moralischen Engagements eine "Bewegung" gegründet zu haben, kommt den evangelischen Kirchen zu. Und der Gründungsakt war ebenso einfach - nämlich mit der Verteilung des Aufnähers passiert - wie genial: ein berechnender Schachzug, der eigenen Obrigkeit mit einem Symbol der sowjetischen Friedensliebe zu kommen.

Mit dem Bibelspruch "Schwerter zu Pflugscharen" und der Abbildung einer von der UdSSR der UNO geschenkten Scheußlichkeit des sozialistischen Realismus haben die Gottesbrüder 1. die Bibel, 2. die UdSSR und die eigene Satellitenregierung ideell hinter sich gebracht, melden 3. mit der ganzen scheinheiligen kirchlichen Bravheit Protest gegen die Politik der DDR an und empfehlen sich als Sammelbecken oppositioneller Staatsbürgermoral.

Im Unterschied zu den westdeutschen Kollegen betreiben die DDR-Synoden nämlich Opposition. Die bundesdeutschen Kirchen haben die Frage "Gewissen und Politik" nach ausgiebiger Befragung des obersten Herrn entschieden; viel Gewissen erlaubt noch lange nicht, der Politik Schwierigkeiten zu machen; umgekehrt ist Respekt geboten gegenüber dem"Amt der politischen Verantwortung" weil es "eine gnädige Anordnung Gottes ist"; und der "Versuch, einen Frieden in Freiheit durch Atomwaffen zu sichern", geht mit dem christlichen Gewissen in Ordnung (EKD-Friedensdenkschrift).

Die Ostevangelen hingegen wollen es zwar nicht "wagen", den Wehrdienst zu verurteilen,

"Wir halten daran fest, daß Christen auch in unserer Zeit trotz des erklärten Risikos den Dienst in der Armee wagen können",

erklären sich aber um so entschiedener zur Partei für alle, denen ihr Gewissen mehr als die Unterwerfung unter die staatliche Friedenspolitik abverlangt. Sie scheuen sich nicht, für eine einseitige Abrüstung ihres Staatswesens zu plädieren:

"Die Synode spricht sich für kalkulierte und mit den Verbündeten abgestimmte Vorleistungen in der Abrüstung, zum Beispiel Reduzierung der SS-20Raketen, und für defensive, bedrohungsarme Sicherheitssysteme, zum Beispiel Abbau der zahlenmäßigen Panzerüberlegenheit, aus."

In allerchristlichster Demut natürlich,

"Wenn unsere Kirchen diese Anregungen vortragen, respektieren sie das politische Mandat des Staates, für die Verwirklichung solcher Überlegungen zu sorgen."

Die bundesdeutsche Öffentlichkeit rechnet der DDR-Kirche hoch an, was sie ihr in der BRD nie durchgehen lassen würde: eine rein politische Forderung, noch dazu die nach einseitiger Abrüstung. Freilich bieten die Hiesigen dazu auch keinen Anlaß. Während die Kirchen in der Republik sich in aller Staatstreue von der Friedensbewegung distanzieren, bzw. einzelne Kapläne in ihr für die Reinheit des Geistes sorgen, machen sie in der DDR selber eine auf. Und das ist in beiden fällen bloß Kirchenpolitik - mit dem kleinen Unterschied, daß die Kirche/West in aller Zufriedenheit mit der Staatsgewalt, unter der sie die Abteilung öffentliche Moral verwalten darf, ihre Knechtsgesinnung predigt und die Waffen segnet, während die Kirche/Ost gegen einen Staat, der von einer Arbeitsteilung mit dem Vatikan nichts hält, zäh und hartnäckig ihr Terrain zurückerobert.

Schafe im sozialistischen Wolfspelz

Dabei hat sich die DDR-Kirche im Unterschied zu den erfolgreicheren polnischen Brüdern eine besonders anbiedernde Taktik zugelegt. Sie beteuert ständig, daß sie gegen die Behörden nichts gesagt haben will, wenn sie ihnen mit dem eigenen Friedensideal eine wehrunwillige Jugendbewegung organisiert. Sie kann überhaupt nicht verstehen, warum die Behörden das nicht gerne sehen und das

"dadurch erwachende Bewußtsein für die Friedensverantwortung ungenutzt bleibt."

Sie ist ja außerordentlich dafür,

"Wir unterstützen die Abrüstungs- und Friedensinitiativen, die seit Jahren von der Sowjetunion ausgehen und die nach unserem Eindruck im Westen gesprächsoffener und verhandlungsbereiter aufgenommen werden sollten.",

möchte ja bloß unter der unverdächtigen Flagge ein bißchen in eigener Sache tätig werden und zeigen, "daß auch die Friedensbemühungen unseres Staates den christlichen Abrüstungsimpuls nicht erübrigen."

Und wenn die Staatsmacht schon immer behauptet, daß ihr der Friede das Höchste sei, muß auch die Frage gestattet sein dürfen, ob man da mit der Verteidigung nicht etwas übertreibt und ob nicht

"nach unserer Erkenntnis Erfordernisse der militärischen Sicherheit über das Maß des unbedingt Notwendigen hinaus geltend gemacht werden."

So taktieren die Kirchen im realen Sozialismus: Sie heucheln Loyalität gegenüber der Staatsmacht, der sie schon einige Predigtfreiheit verdanken und der noch mehr Raum für die Organisation von "Glaubens- und Gewissensfreiheit" abgehandelt werden soll, und lassen sich auf der anderen Seite den Friedensknüller nicht entgehen. Das fördert den Nachwuchs, der wiederum mit seinen Bekenntnissen die Behörden unter Druck setzt, was der Kirche die Position verschafft, den Anwalt der Unschuldigen zu spielen und für neuen Zulauf sorgt.

Erst wird die Jugend mit dem Friedensaufnäher in die Welt geschickt. Dann reagieren die Staatsorgane auf die vorhersehbare Weise, mißmutig. Dann erklärt die Kirche den jurigen Menschen, dies sei ein bedenklicher Angriff auf ihre "Entwicklung zu eigenständigen Persönlichkeiten", legt ihnen alles als großes Gewissensproblem nahe,

"Ihr müßt überlegen, welche Bedeutung dieser Aufnäher für Euer Friedenszeugnis hat, ... danach entscheidet...",

und wäscht, nachdem sie sich einiger Gewissenstäter sicher sein kann, ihre Hände in Unschuld:

"Wir müssen Euch aber sagen, daß wir nicht mehr (?) in der Lage sind, Euch vor den Konsequenzen, die das Tragen des Aufnähers jetzt mit sich bringen kann, zu schützen (?)!"

Geistigen Beistand gibt es im Überfluß: "Haltet Euch an erfahrene Gemeindemitglieder, sprecht mit Kirchenältesten, geht zu Eurem Pfarrer. Wenn einer von Euch doch in Schwierigkeiten gerät, die über seine Kräfte gehen, dann soll er wissen: Die Fürbitte der Gemeinde umgibt und tragt ihn."

Die Staatsmacht verbittet sich ebenso wie die westdeutsche eine unbefugte Einmischung in ihre Politik; sie setzt ebenso wie die westdeutsche gegen die friedensbewegte ihre Parole: Frieden schaffen mit Waffen.

Eine Zeitlang sieht sie dem Wapperltragen zu, auch um die Glaubwürdigkeit ihrer Friedensliebe jenseits der Grenze nicht in Zweifel ziehen zu lassen. Nachdem ihr das mit der begeisterten Besprechung gedankt worden ist, daß es jetzt auch endlich in der DDR eine richtige Opposition und echte Bewegung gibt - das westdeutsche Fernsehen immer eilfertig zur Stelle -, will sie sich auf die praktische Unterwürfigkeit ihrer Jugend nicht länger verlassen und dringt auf die Beseitigung des Anscheins, es könnte jemand was gegen die Friedenspolitik der Partei gesagt haben. Sie tritt an die Jugend heran, diese möchte auf das Signum einer möglicherweise sozialismusfeindlichen Einstellung verzichten. Sonst käme man nicht umhin, dem Verdacht durch Unannehmlichkeiten nachzuhelfen.

Es ist geschafft: Die Friedensbewegung in der DDR steht.

Die Friedensbewegung/West hilft den Brüdern und Schwestern

So entwickelt sich ohne Absprache eine arbeitsteilige gesamtdeutsche Friedensbewegung: Hier nimmt man sich den Vorwurf der Einseitigkeit zu Herzen, entdeckt den nationalen Feind als den eigenen und säubert die eigenen Reihen von der "Agentur des anderen Blocks" (Bahro). Dort nimmt man sich an der Bewegung in der BRD ein leuchtendes Vorbild, tritt ganz einfach für das Recht ein, ebenso demonstrieren zu dürfen, daß man ein eigenes, persönliches Gewissen hat, das dem Frieden verpflichtet ist und tritt so ziemlich einseitig gegen die DDR auf: Einen äußeren Feind kennt die Friedensbewegung in der DDR nicht. Wenn sie ihrem eigenen Staat sein erklärtes Ideal vorhält, dann unterscheidet sie sich von der hiesigen Friedensbewegung: Diese bemerkt, daß der Westen in der Offensive ist, und unterstützt das mit der Parole "Freiheit - unteilbar!" Die Friedensfreunde im realen Sozialismus wollen dagegen von NATO-Offensiven und westlicher Aufrüstung nichts wissen. Stattdessen verlangen sie vom eigenen Block den Nachweis glaubwürdiger Friedfertigkeit ausgerechnet durch das Eingehen auf Reagansche "Abrüstungsvorschläge". Damit machen sie sich zum nützlichen Idioten für hiesige Propaganda und zum brauchbaren Partner für westdeutsche Friedenspolitiker.

Sich als Idealist der Politik, als unbeirrbarer Friedensliebhaber gerieren, heißt eben in beiden deutschen Staaten etwas Verschiedenes. Was hier als moralische Sorge um den Bestand der Nation zur Unterwerfung unter deren reale politische Vorhaben taugt, bewirkt in der DDR das Gegenteil: einen Streit mit den Staatsorganen, was erlaubt sein müßte. Mit ihrer eilfertigen Empörung über diesen Sachverhalt gelingt der westdeutschen Friedensbewegung - an der Spitze Eppler und die Grünen, "theoretische" Rückendeckung von Bahro - eine allgemein anerkannte Verbeugung vor den Zwecken unserer Nation, wenn sie "Solidarität mit der Friedensbewegung in der DDR" auf ihre Fahnen schreibt. Das genügt ihr aber nicht:

Noch ehe ein einziger Schüler in der DDR wegen des Aufnähers von der Schule geflogen ist, ein einziger Lehrling seine Stelle verloren hat, wird der DDR-Bewegung Solidarität gegen die "Repression" ihres Staats angedient - quasi als Aufforderung, die zu ihr gehörenden Opfer durch kompromißloseres Vorgehen nachzuliefern. So werden Beweise geschaffen, ganz unabhängig davon, ob und wie die DDR-Behörden das tun, was sich Bahro wünscht, "junge Menschen drangsalieren, die den Aufnäher tragen".

Wenn man die DDRler nur lange genug zur unterdrückten Opposition hochstilisiert und als solche einlädt, wird es sicherlich zu den entsprechenden Verboten kommen, womit dann alles klar ist.

"Wer demonstriert in Moskau?"

(Spruchband, von einem Flugzeug über die Bonner Demonstration am 10.10. gezogen)

Heinrich Böll, sein Vorzeigekommunismusopfer Kopelew immer unterm Arm, hat jetzt der Friedensbewegung offiziell die Auflage gemacht, für demokratische Wühlarbeit im Osten zu sorgen:

"Jede weitere Kundgebung, die nicht darauf Bedacht nimmt, die, Friedensbewegung in der DDR zu stärken, schadet der Friedensbewegung hier."

Warum und wieso, kein Argument nötig. Der Anstandsdackel der deutschen Intelligenz braucht nicht zu begründen, warum die Friedensbewegung in einem Staat, der zur Eroberung des Ostens aufrüstet, kein wichtigeres Ziel hat, als die Friedensbewegung in dem Staat zu stärken, gegen den aufgerüstet wird. Für die Freiheit wird es doch wohl angebracht sein, die Wehrkraftzersetzung im Lager des vorgesehenen Opfers voranzubringen.

So werden die deutschnationalen Reihen geschlossen. Die FAZ lobt die Stoßrichtung und leistet sich den Spaß, auch mal Verständnis für die DDR zu heucheln:

"Niemand erwartet oder verlangt, daß die DDR-Führung ihre militärischen Instrumente beiseitelegt. Der Spruch 'Frieden schaffen ohne Waffen' ermangelt tatsächlich der Überzeugungskraft."

Aber?

"Aber entscheidend ist, ob man sich in eine sogenannte Friedensbewegung einreihen darf oder ob man bei solchem Tun zum Freiwild wird. Solchermaßen schlägt die Friedensfrage plötzlich (?) in die Freiheitsfrage um: In der Bundesrepublik darf dem Prinzip des bewaffneten Friedens jeder seine private Absage erteilen, obwohl er sie nicht einleuchtend vertreten kann. In der DDR wird ihm sogar schon beim Verdacht entsprechender Gesinnung - mit repressiven Mitteln entgegengetreten."

Ein merkwürdiges Argument: Wenn die Bundesregierung gemeinsam mit sämtlichen offiziellen Politikern die Friedensbewegung als eine unerwünschte Opposition behandelt, nie würde - sich da jemand einfallen lassen, daß sich damit die behauptete Friedenspolitik von Schmidt und Genscher blamiert. Bei der DDR genügt es, festzustellen, daß sie sich keine Friedensbewegung leisten will, und alles weitere steht fest: Drüben findet Unterdrückung statt; eine Politik aber, die die Friedensbewegung unterdrückt, kann sich keine leisten, versucht also nur zu verbergen, daß sie militaristisch ist.

FAZ: Die nützlichen Friedensdeppen gehören also nach drüben.

Böll: "Der Rote Platz eignet sich vorzüglich für Friedensdemonstrationen."

Bahro: "Ihr (DKP und Ostblock) Friede muß bewaffnet sein", die Waffen im Ostblock sind also der Skandal.

Alle Friedensfreunde beherrschen also die Isolierung von Feinden im eigenen Lager und die Spekulation auf subversive Kräfte im Feindesland.

Frieden gesamtdeutsch

Auch in Sachen Nationalismus hat die Friedensbewegung/West ihre ostdeutschen Bewunderer gefunden. Nach dem überwältigenden Erfolg des gesamtdeutschen Abrüstungsappells an Breschnew - Erfolg, was die Anzahl westdeutscher Unterschriften unter den ostdeutschen Havemann-Brief betrifft, die die Wiedervereinigung zumindest im Geiste geschafft haben - hat der Havemann-Freund Eppelmann, Ostberliner Jugendpfarrer, bekannt geworden durch seine "Blues-Messen" für die Jugend, entdeckt, daß der Frieden überhaupt eine besonders deutsche Angelegenheit ist, und hat einen "Berliner Appell" lanciert.

"Wir schlagen vor: Verhandlungen zwischen den beiden deutschen Staaten über die Entfernung aller Atomwaffen aus Deutschland.

Das geteilte Deutschland ist zur Aufmarschbasis der beiden großen Atommächte geworden. Wir schlagen vor, diese lebensgefährliche Konfrontation zu beenden. Die Siegermächte des 2. Weltkrieges müssen endlich die Friedensverträge mit den beiden deutschen Staaten schließen, wie es im Potsdamer Abkommen von 1945 beschlossen worden ist. Danach sollten die ehemaligen Alliierten ihre Besatzungstruppen aus Deutschland abziehen und Garantien über die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der beiden deutschen Staaten vereinbaren."

"Deutschland als Aufmarschbasis", das empört einen Friedenswiedervereiniger ganz jenseits der Realitäten, in denen sich weder das eine noch das andere Deutschland offiziell als Aufmarschbasis, als Opfer seines Bündnisses begreift. Der ideelle Nationalismus erspart sich die Kenntnisnahme, daß beide Deutschlande sich gerade in der Anstrengung besonders einig sind, die Frontstaatenrolle für einen ansehnlichen Aufstieg der Nation auszunützen. Stattdessen werden sie in einem imaginären, unterdrückten Friedenswillen, nämlich als ewige Opfer des 2. Weltkriegs vereinigt, die endlich ihre Friedensverträge bekommen sollen. Ein DDR-deutscher Treppenwitz: Ausgerechnet im Vorfeld des 3. Weltkriegs gilt die "ordentliche" Beendigung des 2. neuerdings als sicherer Weg zum Frieden. Ausgerechnet nach 37 Jahren Deutschlandpolitik der BRD, in denen sämtliche Deutschlandpolitiker von Hallstein bis Bölling jeden Gedanken an Friedensverträge als Anerkennung der DDR und Beleidigung des GG-Auftrags zur Wiedervereinigung abgeschmettert haben, leistet sich ein Ostpfaffe die idyllische Vorstellung, daß zwei endlich in die komplette Souveränität entlassene deutsche Staaten einen Frieden miteinander machen würden, daß es nur so kracht.

Als ob er zeit seines Ostberliner Blues-Lebens nie mitbekommen hätte, wie ganz speziell die BRD, ganz ohne, daß ihr die "Besatzungstruppen" das aufgezwungen hätten, den Kommunismus zu einer Krankheit erklärt, von der ganz speziell die BRD ihre Brüder und Schwestern befreien muß.

Man kann ja viel gegen die DDR einwenden, aber das möchten wir wirklich gerne wissen, was an der Vorstellung, ohne Russen und Amis, gesamt-deutsch unter uns zu sein, für einen DDR-Bürger eigentlich so anheimelnd ist. Von der Bundeswehr die Staatsgrenze schützen lassen? Von Lambsdorff und DGB die "verdeckten Arbeitslosen" in den VEB freisetzen lassen? Oder will er bloß ein paar Deutschrocker für seine Messen abbekommen?

Vier typische DDR-Gemeinheiten

1. Schießbefehl mit bundesdeutschem Gesetz legalisiert

"Die Volkskammer legalisierte auch den bisher nur als Dienstanweisung bei den Grenztruppen der DDR bestehenden Schießbefehl. Die Vorschrift des Grenzgesetzes über die Anwendung von Schußwaffen entspricht fast wörtlich den entsprechenden Bestimmungen des Bonner 'Gesetzes über den unmlttelbaren Zwang bei Ausübung öffentlicher Gewalt durch Vollzugsbeamte des Bundes' von 1961."

2. Ein enttäuschendes Wehrgesetz

Zuerst hat die DDR die in sie gestellten Erwartungen bezüglich Militarisierung nicht erfüllt und den Wehrdienst nicht verlängert. Stattdessen kopiert sie wieder die BRD und will verstärkt Reservisten hinzuziehen. Dann gestattet sie auch noch den Einsatz von solchen Wehrpflichtigen, "die aus religiösen Anschauungen oder aus ähnlichen Gründen den Wehrdienst mit der Waffe ablehnen" als Bausoldaten und läßt die nicht einmal länger "dienen" als die ehrlichen Soldaten. Sie ist sogar so heimtückisch, die Bausoldaten ganz zivil,

"beim Straßen- und Verkehrsbau, aber auch in Versorgungseinheiten und Gärtneperhapseien und in letzter Zeit im sozialen Bereich, zum Beispiel in Lazaretten"

zu beschäftigen, bloß damit

"der Forderung nach Einführung eines sozialen Friedensdienstes der Boden entzogen wird."

Aber immerhin konnten die DDR-Gesetzgeber ihre Absichten nicht ganz verbergen und haben für den Verteidigungsfall die Einberufung der Frauen in die allgemeine Wehrpflicht als Kannbestimmung beschlossen. Oder sollten ihnen etwa ihre Agenten in der BRD bereits zugespielt haben, daß bei uns demnächst auch per Gesetz die "bedingt Tauglichen" ein- und Frauen für "zivile Dienste" herangezogen werden können?

3. Die DDR macht uns die Vorneverteidigung nach

Die "Vertrauliche Verschlußsache 572 910", die uns die DDR wahrscheinlich aus Gründen der "gutnachbarlichen Beziehungen" verraten hat, sieht vor, daß die DDR-Grenztruppen im Kriegsfall in 70 Minuten Gefechtsbereitschaft herstellen und, statt weiter ihre Grenze zu schützen, durch "überraschendes, entschlossenes, handstreichartiges Handeln" Objekte auf dem Gebiet der BRD "einnehmen, besetzen, halten oder zerstören".

"Die Weisung für die Grenztruppen macht sichtbar, daß es sich bei den Grenzregimentern der DDR an der innerdeutschen Grenze um eine Keimzelle der Aggressivität und der Friedensgefährdung handelt." (Der deutschlandpolitische Sprecher der CDU)

Schließlich gebührt der NATO exklusiv das Recht auf Vorneverteidigung, weshalb sie subversive Aktivitäten des Feindes hinter ihren vorgeschobenen Linien nicht dulden will. Besonders gemein ist dabei, daß die Grenztruppen der DDR, weil sie die Grenze für eine Staatsgrenze, statt für eine nationale Schande halten, dem DDR-Verteidigungsministerium unterstellt sind, während unser armer Bundesgrenzschutz im Notfall mit einem liberalen Innenminister an der Spitze saublöd dasteht.

4. Psychologische Kriegsvorbereitung durch Zivilschutz

Daß die DDR zu allem Überfluß auch noch vorhat, im Ernstfall so etwas wie einen Zivilschutz für ihre Bevölkerung stattfinden zu lassen und jetzt schon dafür proben läßt - ganz widerwärtig. Damit ist zumindest wieder mal klargestellt, wer hier der Militarist ist. Schließlich wird bei uns nicht der Zivilschutz geplant, sondern ausschließlich die Verwendung von Zivilisten zum Schutze der Militärs vorbereitet. Da kann man nur dem ostdeutschen Friedenspfaffen Eppelmann und dessen überzeugender gesamtdeutscher Beweisführung beipflichten:

"Das geteilte Deutschland ist zur Aufmarschbasis der beiden großen Atommächte geworden... Sollten wir nicht auf die Übungen zur sogenannten Zivilverteidigung vcrzichten? Da es im Atomkrieg keine Möglichkeit einer sinnvollen Zivilverteidigung gibt, wird durch diese Übungen nur der Atomkrieg verharmlost. Ist es nicht womöglich eine Art psychologischer Kriegsvorbereitung?"