DIE DICHTER WERDEN FRECH

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1986 erschienen.

Was Poesie und Phantasie 1986 bedeuten
DIE DICHTER WERDEN FRECH

"Wir sind durchaus Persönlichkeiten, die tun und lassen, was sie wollen." (Dichterin aufdem VS-Kongreß)

"Wir leiden an kollektiver Selbstunterschätzung." (Dichter, ebd.)

"Delius' Plädoyer für ein neues Selbst-, ja Elitebewußtsein, das Hans Christoph Buch zum Hymnus an die Genialität steigerte..." (Süddeutsche Zeitung über selbigen Kongreß)

Ohne die Dichter hätte es wieder einmal keiner gemerkt: Um ein Haar wäre die Dichtung vergeigt worden, und zwar - ausgerechnet! - von den Dichtern selbst. Wie das geht?

Z.B. durch einen angeblichen "Religionskrieg für oder gegen Strauß" in ihren eigenen Reihen; will sagen: durch das Mitmischen deutscher Schriftsteller in vergangenen Wahlkämpfen, das sie jetzt nicht als verkehrt, snndern als grundlos und unwürdig betrachten. Z.B. durch friedensbewegte Gedichte gegen Schlachtschiffe und Raketen, denen F.C. Delius - damals selbst einschlägig produktiv - heute einfach unverzeihliche Beschränktheit bescheinigen muß:

"Es sind nicht nur die berühmten Raketen, die uns zuflüstern, wir seien nichts wert. Es sind nicht nur die Medienfürsten und die Kabelleger, die uns zu verstehen geben, man könne getrost auf uns verzichten. Es sind wir selber, die in der Nörgelecke stehen und immer seltener Begeisterung und Spaß an einem Metier zeigen, in dem wir leben." (Frankfurter Rundschau, 18.2.86)

Also präsentieren uns unsere Dichter ihre unwiderstehliche Begeisterung an dem "Metier", in dem sie leben. Auf dem Kongreß ihrer Standesvertretung in Berlin fetzen sie sich, daß es nur so kracht, um die gebührende Repräsentation dessen, daß Schriftsteller als solche etwas ganz Besonderes sind: In der poetischen Freiheit gegenüber Raketen, "Kabellegern", oder was sonst in der Gesellschaft als politisches oder kulturelles Problem gehandelt wird, verkörpern sie das unverzichtbare Maß aller Dinge. Die Parole ist ausgegeben:

"Nicht schauan, elitär zu sein... Selbstbewußtsein und von mir aus Arroganz zeigen und sagen: Wir hier, - und ein paar andere - wir sind und wir machen die deutsche Literatur." (F.C. Delius)

Das Soll sich der Rest der Welt gefälligst hinter die Ohren schreiben, weil nämlich die Dichter "die einzigen sind, die über einen universellen, nicht fachspezifischen Blick auf die Menschen verfügen" (ders., ebd.). Damit sind Weisheiten, wenn nicht letzte Wahrheiten über "die Menschen" angekündigt - also über jenes fingierte Kollektivsubjekt "wir alle", in dem die verschiedenen Zwecke, denen die Leute nachgehen, wie die Gegensätzlichkeit ihrer Mittel für unerheblich erklärt und überhaupt alle Gegensätze zwischen ihnen geleugnet sind. Und mit Selbstbewußtsein ist darauf hingewiesen, daß diese Weisheiten nicht "fachspezifisch", sondern universell poetisch gewonnen sind, was wohl nur als programmatische Ablehnung jedweden theoretischen Ausweises der verkündeten Wahrheiten zu verstehen ist.

Dichtung: Wieder die höchste aller Warten

Die neueste Rettung der Dichtung besteht im Selbstbewußtsein der Schriftsteller, daß ausschließlich das Poetische an der Dichtung - die moralische Sensibilität des ganz besonderen Individuums und dessen Äußerung in gesetzten Worten - das Gültige an der Dichtung ausmache: nämlich das theoretisch nicht mehr hinterfragbare absolut Gültige. Der früher selbstgehegte Verdacht, mit dem Hochhalten der freien ästhetischen Subjektivität - "Wir sind durchaus Persönlichkeiten, die tun und lassen, was sie wollen" - sowie der Poesie - "Das Herz der Literatur ist die Poesie" (Karin Struck, a.a.O.) - finde eine Flucht statt, kann angesichts dieses Elite- = Führungsanspruchs gar nicht erst aufkommen. Wenn die Dichterei als solche zum Wert erklärt wird; wenn die Dichter sich selbst und ihrem kunstbeflissenen Publikum die Dichtung als letztmögliche, bedingungslos anzuerkennende Position nahebringen, dann wollen sie es eben nicht mehr unterhalb von letzten Fragen und absolut verbindlichen Normen tun. In ihrem Verantwortungswahn haben Literaten früher einmal die Dichtung für zuständig erklärt für allerlei öffentlich gehandelte Probleme wie die Zukurzgekommenen, die innere Aufrüstung der Republik unter dem Titel der "Terroristenbekämpfung", die Raketen; hier 'Mißstände' anzuprangern und sie literarisch 'aufzuarbeiten', sahen sie als ihre vornehmste Aufgabe an. Diesen freiwilligen Relevanzbeweis der Dichtung wollen die Poeten anno '86 als Verstoß gegen das Eigentliche der Dichtung, ihre dichterische Freiheit betrachten. Im Lichte ihrer neuerlichen Begeisterung für die Dichtung an sich erscheint ihnen das parteinehmende Einmischen in das öffentliche Hin und Her als Verrat an dieser Freiheit, ihrem eigentlichen Auftrag - ein Verrat, der von der naturgemäß höheren Warte der Dichtung aus nur zu moralisch-ästhetischem Niveauverlust führen kann. In seinem jüngsten Roman "Die Rättin" versteht Günter Grass selbst nicht mehr, wie er einmal den Vers: "Ich rat euch, Es-Pe-De zu wählen" schmieden konnte. Und zwar nicht deshalb, weil er gegen die demokratische Methode der Ermächtigung oder auch nur gegen Brandt und Rau Einwände hätte, sondern weil sein gehobener Dichterstandpunkt, den er als die Erde umkreisendes Raumschiff mit einem Dichter drin imaginiert, ihm neuerdings die Auffassung verbürgt: "Ich erkenne keine Parteien mehr, ich sehe nur noch Interessen". Zweifellos ist es eine denkbar hohe moralische Sichtweise, die demokratischen Konkurrenten um die Macht über den Rest der Nation zu Sachwaltern gemeinschaftlicher Güter aller zu verklären. Zweifellos kündet es von tadelloser patriotischer Moral, dieses schöne Idealbild vom Gegensatz zwischen den maßgeblichen Interessen und den für sie Eingespannten ala Maßstab an die Bonner Politiker anzulegen, um eine gewisse Differenz zwischen nationalistischem Ideal und nationaler Politik zu konstatieren. Zweifellos bekundet Grass nichts als tiefempfundene Sittlichkeit, wenn er diese Differenz mit dem Vorwurf interpretiert, die Parteien würden eben, statt an das große Ganze zu denken, 'bloß' Interessen verfolgen. Aber: Der Vorwurf, daß sie etwas für sich wollen, sieht dichterisch-vornehm davon ab, was sie wollen und in ihrem Wechselspiel tatsächlich durchsetzen. Und mit der nationalmoralischen Denunziation, daß Interessen wohl das letzte seien, wonach die Politik sich richten dürfe, vollzieht Grass nicht nur den geistigen Schulterschluß mit Kohl, der jedes vom nationalen Programm abweichende Interesse als "Druck der Straße" ächtet - er fühlt sich auch noch über Kohl, Genscher und Rau erhaben, weil er so frei ist, das gemeinsame Ideal absolut souveräner Politik auch noch auf die Machthaher selber anzuwenden.

Kunstgesinnung = Gesinnung über alles

Dichtung als Wert, dichterische Subjektivitäat als höchste Freiheit und jedermann zu Anerkennung verpflichtende Verantwortung: Anders ist das nicht zu haben, als von Schriftstellern, die mittels persönlicher Sensibilitäat, Einbildungskraft sowie einer Schreibmaschine selbstgerecht einen Haufen reaktionärer Bekenmtnisse vom Stapel lassen. Es soll ja, zumindest idealiter, niemand mehr nein Sagen keinnen zu ihren Ergüssen oder ihnen auch nur gleichgültig gegenüberstehen. Da ist es nur logisch, daß sie die durchgesetzten Ideale der Wende aufgreifen, sie unter Engagement ihrer inneren Persönlichkeit auf die Spitze treiben und die Gegenstände ihrer Imagination darunter subsumieren. Die Verfahren dazu stehen bereit - alle poetischen, die es gibt -, die Verwirklichung wird längst angegangen. Beispielsweise in der bereits aufgeführten "Rättin". Grass' darstellerischer Grundeinfall besteht darin, die Naturzerstörung, die Aufrüstung, die "deutsche Teilung", den Wert Frau, die Kunst und die Medien und was sich sonst öffentlicher Aufmerksamkeit erfreut und in einem früheren Roman von Grass schon mal vorkam, zu personifizieren und diese Figuren als dramatis personae eines ideellen Weltgerichts auftreten zu lassen; dieses Weltgericht beurteilt alle danach, wer oder was zum imaginierten Untergang der Menschheit beiträgt und wer oder was geeignet sei, ihn zu verhindern. Der Einfall ist nicht besonders originell. Jeder moralisierende Dödel beherrscht das Verfahren, wenn ihm etwas nicht paßt, das Verhalten der Beteiligten von dem Ideal aus einzuschätzen, ob es wohl der Verantwortung gegenüber dem Bestand eines übergeordneten Ganzen -, Schule, Betrieb, Nation, Menschheit - gerecht wird, und dabei, zumal in den oberen Rängen, haufenweise Versager und Schuldige auszumachen. So korrigiert man am Stammtisch die wirklichen Weltenläufte ideell, indem man sich in der Einbildung zum wahren Sachwalter des obersten gemeinsamen Standpunkts aufwirft, der doch alle verpflichten müßte. Gerade so ignorant gegen alles, was wirklich gilt, und so moralisch eingebildet verfährt Grass, wenn er in einem fort mit der Letztverantwortung von uns allen winkt, an der doch eigentlich keiner vorbeikommen können sollte. Seine Pointe besteht darin, daß sein ideelles Weltgericht den Weltläuften nicht unrecht, sondern recht gibt: Es geschieht uns nur recht, daß die Natur kaputt -, den Frauen das Frauenleben schwer gemacht wird etc. pp. und endlich die Welt in einem großen Atomknall versinkt. Warum? Die knüppeldicke Botschaft ist nicht zu überlesen: daß "die Menschen wegen ihrer humanen Anmaßung zugrunde gehen, weil zu wenig 'Rattiges', nämlich bescheiden Arterhaltendes... in ihnen ist" (Süddeutsche Zeitung). Die drei Pünktchen stehen für eine Klammer, in der selbst dem Berufsschöngeist Joachim Kaiser etwas aufgefallen ist: "Ich bin nichts, mein Volk ist alles - sagte man einst dafür." (Süddeutsche Zeitung vom 1./2. März)

Da darf der Mensch von Gesinnung Grass' kritische Maßstäbe bewundern: das grün-friedensbewegte Verantwortungsbewußtsein, der Mensch solle für die Erhaltung seiner Existenz alles aufopfern, was man mit ihr anfangen kann, sowie dessen Übersetzung in die christliche Volkstugend der Bescheidenheit, die für sich nichts und alles nur für "uns" will, samt der Übertreibung dieser unterwürfigen Haltung zum Prüfstein für den Lebenswert menschlichen Lebens. Der Mensch mit Geschmack wiederum kann die Grass-typische "Fabulierlust" goutieren, die sich darin auslebt, mit Vorliebe die größten Idiotien der geschilderten Weltanschauung ins Bild zu setzen. Nur ein Beispiel: In der "Rättin" tritt der Atomkrieg dadurch ein, daß dressierte Mäuse, die die Kriegscomputer der Russen wie der Amis jeweils im Auftrag der Gegenseite kaputtnagen sollen, dabei versehentlich die Raketen losschicken, woraufhin die ohnmächtigen Oberbefehtshaber sich nur noch ihr wechselweises Bedauern versichern können. Schicksal!

Die Freiheit, die sich die Künstler nehmen,

besteht eben darin, sich das Material ihres Dichtens und Reimens frei Haus liefern zu lassen - von den Machern, die die Welt einrichten und die Benutzung ihres Menschenmaterials sicherstellen -, um sich dann, wenn praktisch alles entschieden ist, um den ideellen Sinn des Geschehens samt seiner wenig zuträglichen Konsequenzen zu kümmern und ihn dem Publikum in Bildern als das eigentliche Gesetz allen Handelns zu präsentieren. Den Atomkrieg gibt es noch gar nicht, da ist ihm schon in zwanzig literarischen Werken von Guhas "Ende" bis zur "Rättin" jede nur denkbare innere, tief menschliche Notwendigkeit angedichtet. Offenbar definieren unsere selbstbewußten Elitekünstler ihre Freiheit selber als vorausschauenden Opportunismus. Der hat selbstredend seine gegenwartsbezogenen Qualitäten. Dank der Superverantwortung, um, deretwillen die Dichter auf ihre höhere: eben die jenseits aller praktischen Belange ganz in der Einbildung sich entfaltende Freiheit pochen, steht in ihren erfundenen Welt-Bildern die Welt auf dem Kopf. Die Poetenannahme einer allwaltenden menschlich-geistigen Hinterwelt, in die sie noch den besten Einblick haben, gebietet ihnen einfach, dem unbefangenen Blick etwa darauf, wer sich die Raketen beschafft, nicht zu glauben und dem einfachen Schluß auf die Absicht solcher Beschaffung nicht zu trauen. Nein, sie müssen in den Subjekten von Gewalt, Ausbeutung und Naturzerstörung ein "ins alle" betroffen machendes geheimes Prinzip am Werk sehen, und das auch noch buchstäblich. Als Fanatiker der sinnstiftenden Geheimtheorien, die ohnehin im Schwange sind, machen sie ernst damit, alle Widrigkeiten, die einen Normalmenschen wirklich betreffen, zu bloßen Symptomen tieferer dramatischer Kalamitäten zu erklären. Die muß man dann verstehen, d.h. das praktische Ärgernis an einem höheren ideellen Weltordnungsriß relativieren, es darin einordnen und mit diesem Einordnen sich furchtbar beschäftigen, am besten mittels eifriger Lektüre literarischer Fiktionen. Alles klar? Niemand bringt eine radikalere Trennung von Kritik und dem Willen zum praktischen Eingreifen zuwege als die Dichter, die ganz Dichter und darin unsere Elite sein wollen.

Dichter halten nämlich die Ohnmacht derer, die von den Taten der Macher von Geschäft und Staatsgewalt immer nur betroffen sind, nicht für einen ärgerlichen Zustand, der abgestellt gehört. In ihren Augen ist dies ewige elende Betroffensein geradezu der Ausweis für schlechthinnige Menschlichkeit und höchste persönliche Würde. Diese Verkehrung pflegen sie, indem sie das praktische Betroffensein zur freiwilligen moralischen Betroffenheit umdeuten und sich zu deren Sprechern, ja Visionären aufschwingen. Sie entnehmen nämlich diesem abgebrühten Verfahren des moralischen Subjekts, auf Herrschaft, Krieg, Zerstörung der natürlichen Lebensbedingunpen etc. mit der entschlossenen Selbstbeschäftigung der Moral mit sich und ihren Weltbildern zu antworten, einen Anspruchstitel: Sie, die Dichter, sind wie sonst niemand befähigt, die Akrobatik des moralischen Selbstbewußtseins zu betreuen, indem sie dem Rest der Menschheit den poetischen Spiegel ihrer humanen Tief- und Abgründigkeit vor Augen halten. Das ist schon ihr ganzer Eliteanspruch. Dessen glücklicher Realisierung steht nichts im Wege. Wer sein Untertanengemüt nicht nur von Pfaffen oder/und Psychologen, sondern auch noch durch die Dichtung betreuen läßt, der ist doch ein mehr als gewöhnlicher Moralhänger, oder?

Vom Wert zur Waffe

Die Verklärung der Poesie resp. der Poeten, das Elitebewußtsein unserer künstlerischen Genies ist überhaupt nicht damit zu verwechseln, daß die Kunst unpolitisch werden wollte. Ihre Betreuung des anspruchsvollen Untertanenbewußtseins kennt keine Grenzen, vor allem nicht die staatlichen der sozialistischen Länder gegen den freien Westen. Auf dem VS-Kongreß mandelten sich die eigentlichen Poeten gegen die sachbuchschreibende Verbandsleitung auf, die angeblich nicht aus dem "Schatten einer zu offiziell angesetzten, mit den real-sozialistischen Schriftstellerverbänden paktierenden Ostpolitik" (SZ) herauskommt, und verteidigten "Rang und Präsenz der Literatur", indem sie einen Tag lang den unverstellten Haß auf den Osten zur differentia specifica des wahren Dichters erhob und nicht wenige beeindruckende Proben davon abgaben. Der aus dem Osten herübergemachte Schriftsteller Hans Joachim Schädlich hatte dieser Feindbildorgie vorher einen öffentlichen Denkanstoß erteilt. Schädlich empfahl den Dichtern, entschieden auf subversive Feindpropaganda abzustellen:

"Die Befürchtung, Systemkritük an totalitären Staaten und die Eünforderung demokratischer Grundrechte für deren Bevölkerung gefährde die Entspannung und den Frieden, bleibt eine Antwort schuldig auf die folgende Frage: Ist es nicht vorstellbar, daß zum Beispiel gerade die Einforderung demokratischer Grundrechte zu der Stärkung des kritischen Bewußtseins in den Bevölkerungen totalitärer Staaten führt, die die dort Regierenden vielleicht veranlaßt zu Verständigung im Interesse einer relativen Beruhigung im eigenen Machtbereich?" (FR vom 18.2.86)

Laut Schädlich ist deutsches Poetenwort eine Wunderwaffe, mit der verglichen SDI alt aussieht: Verlangen deutsche Dichter von Gorbatschow demokratische Grundrechte, dann machen dessen Massen einen Aufstand, bis dem ZK der KPdSU nichts anderes übrig bleibt als die demokratischen Herrschaftstechniken einzuführen, also sich abzuschaffen. So phantastisch die Konstruktion, so beinhart linientreu ist ihre Grundidee: Der Osten ist der Feind, der endlich praktisch beseitigt werden muß; das Rechnen mit ihm unter den Titeln "Entspannung und Frieden" muß ein Ende haben, weil ihn das viel zu sehr in Ruhe läßt und uns Freiheitskämpfer um die Frucht unserer Überlegenheit bringt. Vom aktuellen Stand des NATO-Kriegswillens unterscheidet sich Schädlichs Kampfaufruf nicht im politischen Zweck, sondern allenfalls darin, daß der Poet sich die westliche Überlegenheit allen Ernstes als geistig-moralische vorstellt und damit sich in das Zentrum der globalen Auseinandersetzung versetzt: Er und seinesgleichen verkörpern die Freiheit, den Rechtstitel, mit dem der Westen die Unbedingtheit seines Willens zur Endlösung der "Systemfrage" bekundet. Da wäre es doch geradezu ein Verstoß gegen das dichterische Berufsethos, wenn die Dichter bei der Feindbildpflege nicht Vers bei Fuß stünden!