DIE DEUTSCHLANDISIERUNG DES ATOMKRIEGS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1989 erschienen.
Systematik: 

DIE DEUTSCHLANDISIERUNG DES ATOMKRIEGS

Die NATO hat anläßlich der Beschlußfassung über die Kurzstreckenraketen eine alte Lüge aus dem Verkehr gezogen:

"Die substrategischen Streitkräfte (atomare Kurzstreckensysteme) sind nicht dazu bestimmt, konventionelle Ungleichgewichte auszugleichen." (Süddeutsche Zeitung, 31.5.)

Besonders glaubwürdig war diese angebliche Funktion auch vorher nicht. Daß Waffen zur Herstellung von Gleichgewichten da wären, stammt aus dem Fundus rüstungsdiplomatischer Legitimationen. Ihre wirkliche Funktion sollte so schwer nicht zu ermitteln sein. Es wäre schließlich eine merkwürdige Strategie, die nicht auf die Erledigung des Gegners, sondern auf einen möglichst egalitären und ausgewogenen Schlagabtausch ausgerichtet wäre.

Ein deutscher Vordenker denkt da komplizierter. Nämlich so, daß er einerseits die Lüge mitmacht, daß Waffen fürs Gleichgewicht, für die Sicherung der Unmöglichkeit des Kriegführens da wären, und dann andererseits etwas fragen muß:

"Die Sowjets bieten aber an, das Kräfteverhältnis zwischen NATO und Warschauer Pakt drastisch in Richtung Ausgewogenheit vertraglich zu ändern. Krieg in Europa wäre dann unmöglich... Da fragt man sich denn doch, warum ganz neue atomare Systeme zwecks Abschreckung auf deutschem Boden installiert werden sollen." (Spiegel, 23/89)

Fragt sich Augstein und schließt zielsicher,

"es sei denn, man wolle die atomare Verheerung auf Mitteleuropa beschränken, sie jedenfalls tunlichst von den Supermächten fernhalten".

Daß die Supermächte ihre Waffen gegeneinander nur zur Kriegsverhinderung aufstellen, findet Augstein enorm glaubwürdig. Wenn es aber um die BRD geht, glaubt er sofort, daß die Waffen da zum Einsatz kommen sollen. Und zwar deshalb, weil die Führungsnationen der feindlichen Blöcke beim Kriegführen gegeneinander angeblich so einvernehmlich miteinander verkehren werden, daß sie zwecks Schadensbegrenzung die unangenehme atomare Abteilung auf dem Territorium Dritter abwickeln. Für einen möglichst umweltschonenden Atomkrieg ließen sich zwar noch ganz andere Schauplätze ausmachen. Und wenn man sich über seine Austragung so locker einigen kann, dann könnte man ihn auch gleich unterlassen. Denn das ist das Blödsinnige an Augsteins Annahme: Er nimmt den Krieg, sogar den mit Atomwaffen, gar nicht als gewaltsames Einschreiten gegen den Feind mit dem Ziel, den fertigzumachen, sondern wie ein bloßes diplomatisches Kräftemessen zu Lasten Dritter. Plausibel ist das aber für Nationalisten, die wissen, daß ihr Staat nicht der alleinige Macher seiner eigenen Kriegsentscheidungen ist, und die deswegen nie den Verdacht loswerden, die Verbündeten würden so handeln, wie ihre Nation zu handeln versuchen würde, nämlich alles tun, um ihren Alliierten zuallererst zu verheizen. Als Ami würde Augstein vorschlagen, den Atomkrieg als Stellvertreterkrieg mit den Russen zu verabschieden:

"Denn warum, so müssen wir fragen, braucht man ausgerechnet landgestützte Kurzstreckenraketen, wenn sie nicht einem auch noch so unsicheren Einverständnis dienen sollen."

Die USA und die Sowjetunion sind keine Gegner, sondern Komplizen -gegen uns.

"Man kann gar nicht sicher sein, daß die Sowjets die neuen Raketen unbedingt verhindern wollen. Sie werden taktisch dagegen auftreten, aber das Spiel aus ihren eigenen Gründen heraus vielleicht ganz gern mitspielen. Wie kann man die deutsche Teilung besser verewigen als durch atomare Raketenzäune rechts und links?"

Ungemein glaubwürdig. Der Sowjetunion sollen Raketen, die auf ihr Bündnis gerichtet sind, im Grunde ganz lieb sein, weil sie dann die DDR nicht herzugeben braucht. Wenn Augstein sich wieder zum guten alten Feindbild hingearbeitet hat, sind die Raketen auf einmal wieder nicht mehr dazu da, eingesetzt zu werden, sondern ein Mittel, um uns Deutsche um unser Recht auf Großdeutschland zu betrügen. Ein Paradefall von deutschem Schreibtischimperialismus: Augstein propagiert ganz friedlich das deutsche Interesse am NATO-Krieg um Europa, "Wiedervereinigung" - einen Revanchismus, den sich die "kleine BRD" ohne ihre Zugehörigkeit zur NATO gar nicht leisten könnte. Getrennt davon problematisiert er an den Kriegsmitteln nationalistisch herum, als ob sich die tückischen Supermächte ausgerechnet gegen seine kostbare BRD verschworen hätten. Das Bedürfnis ist unüberhörbar: Augstein möchte um eine Erledigung des feindlichen Blocks, um eine Methode der BRD-Erweiterung gegen Osten gebeten haben, bei der sein geschätztes Staatswesen erst gar nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Und wegen dieses sauberen nationalistischen Wunschs erlaubt er sich auch ein paar häßliche Töne gegenüber dem großen Bündnispartner. Aber - vielleicht tröstet ihn das - sein Kriegsszenario ist zu albern, um stattzufinden. Eine saubere Beschränkung des Atomkriegs wird wirklich nicht zu haben sein.