DIE DEUTSCHEN STERBEN DOCH NICHT AUS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1980 erschienen.
Systematik: 

Familienpolitik
DIE DEUTSCHEN STERBEN DOCH NICHT AUS

Diese Sorge sind die Politiker los, die sich schon bange fragten, wer morgen dem Kapital die Arbeit, dem Staat die Steuern, der Bundeswehr die Rekruten und der Rentenversicherung die Beiträge liefern wird. Sowohl für die zukünftigen Beitragszahler wie für die Beitragseinsammler, -verwalter und konjunkturbewußten ausgeber ist wieder gesorgt. Die Geburtenzahlen steigen - und zwar in allen Klassen!

"Politik für die Familie"

Für die Klasse, deren Bereitschaft zur Aufzucht von Jungmenschen für die Zukunft unseres Staates besonders wichtig, aber eben auch nur durch gewisse Anreize zu erhalten ist, hat Vater Staat in den Jahren der Geburtenrückgänge eine "Politik für die Familie" betrieben. Die Liberalisierung des Paragr. 218 hat den Abtreibungsraten nicht geschadet, da sich nun mehr Frauen an die staatlichen Stellen wenden, die ihnen das Austragen der Kinder aufschwatzen bzw. ihre Gründe für die Abtreibung einfach nicht gelten lassen. (Die höheren Klassen trifft dieses Gesetz weniger: Studentinnen wissen entweder die nötigen Sprüche für die Anerkennung einer sozialen Indikation oder die Adresse in Amsterdam.) Ein weiterer Meilenstein der "Politik für die Familie", der die Aufzucht der nicht abgetriebenen Erdenwürmer sichert, hat Anfang März endlich seine Verfassungsmäßigkeit bescheinigt bekommen. Es war ja auch wirklich ein lustiger Einfall der Kirchen; gerade die Liberalisierung des Scheidungsrechts für einen Verstoß gegen den "Schutz von Ehe und Familie" (GG Art. 6) vor dem Willen der Eheleute zu halten. Tatsächlich hat das Gesetz den Zusammenhalt der Familien nämlich eminent gefördert und den Scheidungswillen der Eheleute entschieden gedämpft. Scheidungen sind seit 1976 "sensationell zurückgegangen" ( Spiegel 48/79).

Die Reform des Eherechts - eine Jahrhundertreform - ist darin echt fortschrittlich, daß sie die staatliche Regulierung des Geschlechtslebens wieder zu eben dem Klassenrecht machte, das es schon immer war. Das veraltete Kriterium der Ehescheidung, die ehebrecherische Schuld, wurde abgeschafft, weil es die nichtverdienenden Ehepartner aller Klassen von der Freiheit der Auflösung der ehelichen Zwangsgemeinschaft ausschloß. Dies wurde zurecht als eine Benachteiligung der Frau erkannt, die bei schuldhafter Scheidung jeden Versorgungsanspruch verlor, also als unliebsames Vorrecht des Mannes, sich ohne allzu große finanzielle Verpflichtungen scheiden lassen zu können. Das neue Scheidungskriterium der Zerrüttung fragt nicht mehr danach, wer wem davongelaufen ist, sondern stellt die "Lebens- und Versorgungsgemeinschaft" auf ihre materielle Basis: Scheidung zieht in jedem Fall eine "Versorgungsausgleichszahlung, Rententeilung und Teilung des übrigen gemeinsam erworbenen Vermögens" nach sich. Damit setzt gerade die sozialliberale Politik das christliche Gebot der "Unauflöslichkeit der Ehe" für die den Sozis besonders ans Herz gewachsene Klasse so recht in Kraft... Die Reduzierung der Ehescheidung auf eine Frage der Finanzen mag den Christen als eine Herabwürdigung des Sakraments erscheinen, den staatlichen Zweck der Nachwuchsproduktion und Aufzucht erfüllt sie herrlich: Geschieden wird nur mehr, wer es sich leisten kann, d.h. wessen Einkommen eine Halbierung verträgt. Wo nichts ist, läßt sich erst recht nicht teilen; wenn Lohn und erst recht Rente auch für bescheidene Ansprüche kaum ausreichen, verbietet sich die Aufteilung des zu wenigen auf zwei Haushalte von selbst und die Fortführung der Ehe wird zur finanziellen Notwendigkeit.

"Erfahrungen und Praxis lehren, daß Familien mit Monatsnettoeinkommen zwischen 2000,- und 2400,- DM je nach Zahl der Kinder mach der Scheidung ganz oder teilweise der Sozialhilfe überantwortet werden müssen, weil das zur Verfügung stehende Einkommen nicht ausreicht, um praktisch zwei Haushalte zu versorgen." (Spiegel 48/79)

2000,- DM netto verdienen Leute vom verheirateten Volksschullehrer aufwärts, für die Mitglieder der arbeitenden Klasse heißt Ehe also lebenslänglich oder Abstieg auf den Lebensstandard von Asozialen - d.h. Ausstieg aus dem bürgerlichen Erwerbsleben. Der Klasse der Lahnarbeiter ist so die heiße - und stets heikle Frage "Ob - du mich liebst..." vom Vater Staat abgenommen; die einstige Liebe dieser Personen wird zum Hebel des lebenslangen Zwanges, zusammenzubleiben und die nicht abgetriebenen Kinder aufzuziehen. Gerade weil diese Leute sich Kinder kaum leisten können, weil ihre Pflege für diesen Stand ein Opfer darstellt, wird er dazu gezwungen - denn wer sollte "unsere Renten" einst erarbeiten, wenn nicht neue Proletengenerationen.

"4000 Gramm... geben ihrem Alltag eine neue Dimension" (Eltern)

Aber auch um das Zuchtverhalten der Leute, für die die Ehe ein freiwilliger Bund bleibt, weil es für sie die Scheidung gibt, braucht sich die Nation keine Sorgen mehr zu machen. Gerade weil ihre finanzielle Lage die Kalkulation mit der Teilung der "gemeinsam erworbenen Ansprüche" erlaubt, benutzen die Intellektuellen diese Freiheit verantwortungsbewußt - also möglichst gar nicht. Wer nicht zur Ehe und Kinderaufzucht gezwungen werden muß, weil er sich Kinder leisten kann, darf sich auch scheiden; braucht es aber aus eben dem Grunde nicht, sondern benutzt nach 10 Jahren Unsicherheit in den Fragen des Ehelebens die Freiheit, so richtig aus eigenen Stücken wieder zu seiner Familien-Rolle zu finden.

Unter Studenten gibt es den Heirats-Boom, dem natürlicti ein Baby-Boom folgt, die Langhaarigen sehen sich Dustin Hoffmann nicht mehr als ausgeflippten Puertoricaner im Asphalt Cowboy, sondern nach bestandener Reifeprüfung als Supervater Cramer an, und die Emanzipation der Frau gipfelt in der alten Rolle der Gebärmaschine, die ihre Freiheit darin bestätigt, gegen alle materiellen Bedingungen der Kinderaufzucht, gegen die Einwände ihrer Freunde und Verwandten, die noch in Kategorien von persönlicher Bequemlichkeit denken, das Kind auszutragen. (Auch dies wird als preisgekrönter deutscher Jungfilm 1+1=3 dem entsprechenden Kinokneipen-Publikum zur gefälligen Selbstbespiegelung präsentiert.) Während die Mitglieder des Proletariats ihrer staatlichen Pflicht nachkommen müssen, entdecken die kritischen Stände in ebenderselben eine neue, allzulang vemachlässigte Chance der Selbstverwirklichung. Der SPIEGEL räumt das nur von ihm und seinen Geistesverwandten in die Welt gesetzte Vorurteil, nur die Frau könne - und zwar qua Biologie - Kinder richtig aufziehen, aufwendig aus, berichtet von einem "Boom der Vater-Forschung" (11/80) und wundert sich ausgiebig über das Resultat derselben, daß Kinder ihre Väter genauso gut kennen und mögen wie ihre Mütter.

Für reaktionär gilt, wer den Müttern die drei großen K (Kinder, Küche, Kirche) als den Bereich ihres Lebenssinns abverlangt, in dem sie ihre Opfer für die Menschheit zu bringen haben; progressiv ist heute, wer dies den Vätern empfiehlt. fin Kind zu machen - man sollte doch meinen: eine leichte Sache - ist gerade in unserer Zeit der Kriegsgefahr eine Sache großer Verantwortung, also Frage einer neuen Definition:

"Wir befinden uns gegenwärtig in einer Phase, wo Vaterschaft sich neu zu definieren und inhaltlich aufzufüllen beginnt." (Spiegel)

Spießer-Glück der gebildeten Stände

Endlich hat die Studentenbewegungsgeneration der heute 30-35-Jährigen den Gegenstand gefunden, an dem man sie ihr Verantwortungsgefühl bestätigen läßt. Hatte man sich erst für die ganze Gesellschaft verantwortlich gefühlt, wollte man die Demokratie mündig machen, dann eine Perspektive im Beruf, schließlich in den persönlichen Beziehungen, so hatte sich zum Leidwesen der zur Verantwortung Bereiten stets herausgestellt, daß das vorgesehene Objekt der Verantwortung schon seine eigenen Gesetze und Verantwortlichen hatte. Die Demokratie blieb, was sie war, und mitmachen durfte nur, wer in die SPD ging; die Berufe wurden natürlich brav ausgeübt, aber perspektivlos; und sogar die freie Gestaltung der Beziehungen hatte ihre Schranke darin, daß die andere Seite auch einen Willen hatte.

Engagement ist nicht out - weil es so etwas verantwortungsloses bei Lehrern, Richtern, Pfarrern usw. sowieso nicht gibt -, man hat ihm nur einen anderen Bereich gewählt. Man leistet sich nicht mehr die alte Einbildung, die demokratische Herrschaft hätte auf die Ideale der Studenten gewartet, sondern weiß heute, daß sie auch ohne funktioniert und ist sich so sicher, daß alles seine Ordnung hat, daß man sich darum nicht mehr kümmert. Der Kampf um den Fortschritt der Humanität wird jetzt daheim geführt - am eigenen Balg. Die kleine Verantwortung ist gegenüber der eingebildeten großen für den Lauf der Welt aber wenigstens lohnend. Endlich hat der Mensch, was er schon immer wollte, etwas, wo er nicht dagegen, sondern ganz und gar dafür sein darf, wo er ein Opfer bringen kann, das ihm gedankt wird.

Das Engagement 'Kind' hat gegenüber allen anderen saueren Feldern der gesellschaftspolitischen Ideale den großen Vorzug, daß das Kind erst noch zu was gemacht wird, also noch nichts ist. Was sich der junge Vater an Menschenbild einbildet, das kann er dem Kind anerziehen. Er hat also endlich das richtige Objekt für seine Menschenformungswünsche entdeckt - hier kann er, wenigstens für einige kurze Jährchen, lieber Gott spielen; solange nämlich, bis der Teddy bekanntgibt, daß er keiner ist und alles mögliche will und wird, nur nicht das, was sich der Vater gerade ausgedacht hat.

Bis dorthin aber hat die Kinderaufzucht nur Vorteile: Daß man dem Kleinen den Arsch ausputzt, bis er es selber kann, versteht sich, daß man aber aus der Hilflosigkeit der Kleinen den tiefen Genuß des Gebraucht- werdens ziehen kann, ist in der Vergangenheit wohl nur den lieben Muttis aufgefallen, jedenfalls

"rücken die jüngeren Familienväter näher heran", da sie "gewahr wurden, daß sie sich, nicht zuletzt durch die Mann-Frau-Arbeitsteilung, praktisch selbst ausgeschlossen hatten vom emotionalen, einfühlsamen Umgang mit ihren Kleinkindern." (Spiegel 11/80)

Aber nicht nur die Liebe der Kinder ist billig und sicher zu haben, auch der Erfolg dieses Engagements kann gar nicht anders, als sich einstellen: Kinder wachsen nun einmal auf. Daß der Bengel nicht mehr in die Hosen scheißt, daß er laufen und 'papa' sagen lernt, alles ist ein Erfolg des engagierten Vaters, bei dem er nicht nur seine Leistung, sondern ganz nebenbei auch noch seine Erbmasse bewundern kann.

So werden alle normalen, mühseligen und auch nervenaufreibenden Banalitäten des Erziehungsgeschäfts zum Ereignis von Lebenssinn - und wir können der glücklichen Intellektuellengeneration noch ein ganzes Jahrzehnt von diesem Sinn prognostizieren, bis das zweite Jahrzehnt des jungen Lebens ins Land geht, wo sich der Vater ebensolange am Kind dafür rächen wird, daß es dieser Sinn nicht mehr so einfach ist.

Einsatz für die Zukunft der Gesellschaft

Die Kinder wachsen also reichlich heran, aber doch nicht eines wie das andere. Die Kinder der arbeitenden Klasse sind ihren Eltern eine selbstverständliche Last - und werden auch so behandelt. Sie lernen frühzeitig, daß man kuschen muß, schauen, daß man irgendwie durchkommt und den Eltem nicht so lange auf der Tasche liegen darf. Kurz: sie werden wieder Proleten.

Damit alles seine Ordnung hat, reproduziert sich auf der anderen Seite ebenfalls die gesellschaftliche Stellung der Eltern als Charakter der Kinder: Ein Kind, das der Sinn des elterlichen Lebens ist, merkt schnell die Wichtigkeit, die seiner noch ganz unbestimmten Persönlichkeit beigemessen wird. Es leistet sich Individualität, und die besteht darin, sich die blöden Moralsprüche und Lebensweisheiten der studierten Eltern anzueignen und Vernunft auszuplappem, längst ehe es die Neigungen und Interessen entwickelt, zu deren Zügelung die Moralsprüche erfunden wurden. Altkluge Kinder, kleine bornierte Ekel, die schon früh merken, wozu man diese Weisheiten allein brauchen kann! Kurz, aus diesen Familien kommen junge Menschen heraus, die die besten Voraussetzungen dafür mitbringen, selbst wieder in die verantwortliche Stellung aufzusteigen, von der aus die Väter ihr Bedürfnis nach dem Sinn durchs Kind entwickelten.