DIE DEUTSCHEN GEBEN EINE RUNDE HIRSEBREI AUS!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1985 erschienen.
Systematik: 

Ein Tag für Afrika
DIE DEUTSCHEN GEBEN EINE RUNDE HIRSEBREI AUS!

"Die Gemütsaufwallung muß umgesetzt werden in Politik." (Die Zeit)

Mit dem von der ARD ins Werk gesetzten Tag für Afrika, so etwas wie Spiel ohne Grenzen, Buß- und Bettag, Rockpalast und 17. Juni alles in einem, hat sich die Nation eines neuen Themas angenommen.

Nach den vergangenen Volksfestlichkeiten mit Sang und Klang und Menschenketten zum Thema Frieden war nun das Thema Hunger an der Reihe mit unbestreitbaren Vorzügen. Nämlich:

Betroffenheit- und Mitleid garantiert für alle

Gestorben wird aktuell und nicht bloß prospektiv in einem ausgemalten Atomschlag. Es sterben garantiert Unschuldige, die sich kaum noch rühren, geschweige denn sich gegen irgende twas wehren könnten, besonders eindrucksvoll dokumentiert mit den überall abgebildeten Hungerkindern mit den großen traurigen Augen. Es sterben andere, so daß man sich vom Zuschauen erstens rühren lassen und zweitens die Rührung garantiert nicht als Eigennutz oder Feigheit vor dem Feind verdächtigt werden kann.

Eine gute Sache, zweifelsfrei verbürgt durch die Aufsicht und Anleitung der Autoritäten von Politik und Showgewerbe. Die haben die sonst von ihnen beim Regieren oder Tingeln genossene dümmliche Verehrung der braven Deutschen ausnahmsweise auf einen anderen Zweck umgepolt, da kann also gar nichts falsch oder fragwürdig gewesen sein.

"Ich habe mich zur Verfügung gestellt", die wahrscheinlich nicht einmal für Kannibalen genießbare Desiree Nosbusch, die sich einmal ein Massenbad anderer Art gegönnt hat, Omas das Geld aus der Tasche zu ziehen. Also ein garanriert protestfreier, kritikunverdächtiger Tag der nationalen Erhebung.

Ein Tropfen auf den heißen Stein -jawohl, genau das!

Keine falschen Hoffnungen soll man sich machen, daß das Negersterben jetzt aufhören könnte. Spenden sollte man, obwohl das den verhungemden Negern überhaupt nicht mehr hilft - darauf haben die Spendenaufrufe selbst immer wieder hingewiesen.

Von der Öffentlichkeit vorsorglich und während des ganzen Tages präpariert, wurde die Spendenaktion mit lauter Wahrheiten über die Unwahrheit der "Hilfe" in den richtigen Rahmen gerückt. Also erst gar nicht der Schein erzeugt, als könnte die "Bürgerinitiative von Flensburg bis Rosenheim" irgendetwas verhindern. Als gäbe es erlaubte Gründe, sich überhaupt nach den Erfolgsaussichten der eigenen Beteiligung zu erkundigen und sich gegebenenfalls zu beschweren. Viel schöner als beim Frieden wurde schon im vorhinein jeder Anlaß zu Unstimmigkeiten ausgeräumt.

Mit der furchtbar aktuellen Not wurde die Frage nach Gründen ebenso zurückgewiesen, wie mit dem gesammelten Sachverstand der Öffentlichkeit jede mögliche Enttäuschung über die Wirkung der sogenannten Hilfe unterbunden wurde.

Rohstoffpreise, cash crops, Ruinierung der Natur, Zerstörung der Subsistenzwirtschaft, Exportzwang unter IWF-Konditionen, Bürgerkriege und Stellvertreterkriege - alle Wirkungen der imperialistischen Nutzbarmachung Afrikas zirkulierten als Argumente! Versehen mit einer weißen Stelle: Zu einem Vorwurf gegen die eigene Regierung und die nationale Wirtschaft, also gegen die Herren, die das Geschäft mit Afrika betreiben oder es politisch absichern, ist es nicht gekommen. Gebraucht worden sind diese Argumente nur in umgekehrter Richtung: Der Hunger wird garantiert weitergehen, denn Afrika befindet sich nun einmal in einem "Teufelskreis". Ein "Teufelskreis", der extra erfunden worden ist, weil es unter dem Regiment von Freiheit und Marktwirtschaft in Afrika zu diesem Hunger gekommen ist, aber doch andererseits Freiheit und Marktwirtschaft unbestreitbar die einzig tauglichen Mittel für Afrika zu sein haben.

Erbracht hat das ein rundum ideales Engagement der geschätzten Bürger: eines, das nicht auf der Durchsetzung eines Anliegens besteht, sondern sich sofort damit einverstanden erklärt, daß es auf die Wirkung des eigenen Opfers gar nicht ankommt. Beziehungsweise nur darauf:

Spendierhosen-Ethik

Die Herstellung eines guten Gewissens war das Sonderangebot des Tages. "Auch wenn die milde Gabe einem Ablaßhandel für schlechtes Gewissen gleicht" (Spiegel) - der Initiator "sieht nichts Schlimmes darin, wenn sich die Leute besser fühlen, weil sie hundert Mark überwiesen haben." Das macht das Thema Hunger im Vergleich zum Frieden doch erst so perfekt - ein schlechtes Gewissen anstelle eines Verdachts gegen die Obrigkeit.

Ein schlechtes Gewissen hat sich für den Hungertag einspannen lassen, das auf dem einen grundfalschen, aber dem Staatsbürger so gut anstehenden Gedanken des nationalen "wir alle" beruht. Wer ist "schuld" am Hunger? Der jahrelang von Bundeskanzlern, Omas und Sozialkundelehrem eingeübte Vergleich, daß es uns, verglichen mit den Kaffern, doch blendend geht, ist prompt zur Stelle: "Schuld" sind wir! "Wir" verbrauchen zu viel; "wir" füttern Mastschweine statt Negerkinder; "wir" leisten uns Butterberge in Brüssel und auserlesene Lammkeulen in 3-Sterne-Lokalen. Folgende Fragen sind da verboten:

- Welcher "wir" macht eigentlich die Export- und Importgeschäfte?

- Welcher "wir" macht aus den hierzulande reichlich vorhandenen Lebensmitteln Geschäftsmittel, und welcher "wir" nimmt zur "Verteidigung" der Preise auch schon mal "Ware aus dem Markt"?

- Welcher "wir" spekuliert an den Warenbörsen und sorgt für ständig fallende Preise, und welcher "wir" beschließt schon seit längerem über die Staatseinkünfte und ökonomischen Perspektiven in Afrika mit seinem Lome-Abkommen?

Ein Ablaßhandel mit schlechtem Gewissen war der Hungertag allerdings - aber einer, mit dem der bundesdeutsche Normalbürger noch einmal aufs Kreuz gelegt wurde! Jetzt hat ausgerechnet er sich mit ausgerechnet seiner beschränkten Lohntüte für zuständig erklärt, für das Elend und für die Abhilfe. Wer hätte es denn schon gewagt, die Wahrheit zu sagen: "Ich habe mit dem Verhungern in Afrika nichts zu schaffen"? Da wäre ja glatt die Fortsetzung fällig gewesen: "...meine Firma aber schon, meine Politiker erst recht. Denen muß also das Handwerk gelegt werden!"

Einmischung in das ehren erste Politik- und Geschäftswesen war nicht gefragt, sondern ausschließlich das allumfassende Bekenntnis zum nationalen "wir". Das ist prächtig ausgefallen:

Wir guten Deutschen

Nicht blß lila Tücher und protestfreudige Jugend. Alle haben mitgemacht, von der Oma bis zum Punkie, vom Potitiker bis zum Rentner. Also auch keine Notwendigkeit, anschließend Demonstranten, Polizei und Bundeswehr wieder zu versöhnen: Alle wollen doch nur unser Bestes. Die Bundeswehr war gleich zum Sammeln abkommandiert, und ein paar dürfen in Äthiopien sogar schon üben. Und alle wollten dafür einmal den Streit begraben. Da ist den Grünen im Bundestag nicht einmal ganz unrichtig das Hitler'sche Winterhilfswerk eingefallen, der taz-Kommentator vermeldete sein Unbehagen über den Spendenrummel - und was haben sie getan? Gespendet. Die in den Mutlanger Prozessen verhängten Geldstrafen, wo gehen sie hin? Nach Äthiopien! Und Richter und Verurteilte dürfen sich gerührt in die Arme fallen.

Und alle waren ganz gleich: Der Kanzler rollte seine Blauen für die Büchse genauso, wie die Obdachlosen ihre Groschen zusammengekratzt haben.

Und alle zusammen waren furchtbar gute Deutsche. Eine Nation, die sich sehen lassen kann!

"Die Spendenbereitschaft der Deutschen ist vorbildlich - mit dreieinhalb Milliarden Spendenmark im Jahr stehen sie weltweit mit an der Spitze." (Ein Sprecher der Welthungerhilfe)

"Die Hilfsbereitschaft der Deutschen ist überwältigend." (Die Zeit)

Und daher können wir mit Fug und Recht ab sofort einiges verlangen!

Garantiert deutsche Zuständigkeit für Afrika

"Freilich sollten wir uns auch jetzt vor Hybris hüten. An deutschen Spenden wird die afrikanische Welt nicht genesen. Mit Beten und Sammeln kann es allein sein Bewenden nicht haben. Die Gefühlsaufwallung muß umgesetzt werden in Politik...

Wo bleibt der Beitrag der Regierung Kohl...? Wo der Einfall, die EG-Regierungschefs mit den wichtigsten afrikanischen Staatsoberhäuptern an einem Tisch zu versammeln?" (Die Zeit)

Sollte es Theo Sommer entgangen sein, welche "Beiträge" deutsche Regierungen zum Hunger in Afrika schon seit Jahren leisten? Zu welchen Zwecken sie die afrikanischen Staatsoberhäupter schon immer eingestellt haben? Das genügt wohl nicht?

"Wir haben gelernt, daß es mit der Hunger-Nothilfe '85 nicht getan ist, vielmehr anhaltend Geld, guter Rat und notfalls deutliche Worte nach Afrika übermittelt werden müssen." (Süddeutsche Zeitung)

Eine "Woge des Mitgefühls" als lupenrein imperialishscher Auftrag an die deutsche Regierung, das bringt's! Nicht mehr der umständliche Weg über den Atomkriegsverdacht und die Friedensbitten zu den guten deutschen Waffen, von der Klage über die US-Knechtschaft zum Bekenntnis zur deutschen Souveränität. Gleich von vornherein wird die rechte staatsbürgerliche Bescheidenheit an den Tag gelegt, das eigene Opfer brav entrichtet, und die Regierung dafür umso mehr ermächtigt: Sie soll das gute Werk vollenden und in Afrika endlich einmal gründlich nach dem Rechten sehen.

Rügen von der Hungeraufsicht

Spenden verpflichtet - den Empfänger. Seit sich die BRD um Äthiopien kümmert, gibt es laufend Anlaß zu Beanstandungen.

1. Das "Regime" hat im September einfach sein 10-jähriges Jubiläum gefeiert.

2. Während es einerseits von den setbstlosen westlichen Gebernationen Nahrungsmittelhilfen einstreicht, läßt es sich andererseits von der UNO ein Konferenzzentrum ausbauen.

3. Es schließt mit Ägypten einen Handelsvertrag über Nahrungsmittel ab!

4. Und - die äthiopische Regierung denkt nicht daran, ihre Provinzen den vom Westen finanzierten Aufständischen zu übergeben, sondern behindert die Hungerhilfe dort weiterhin durch ihren Krieg.

Nicht daß in der BRD Feiern zum 8. Mai, zum Geburtstag der Bundeswehr usf. völlig unmöglich wären, solange noch Sozialfälle herumlaufen. Auch hat der Bundespräsident keineswegs die Renovierung der Villa Hammerschmidt angesichts der vielen Obdachlosen lieber erstmal vertagt. Es wäre auch reichlich dämlich, die Annahme polnischer Gänse und Yano-Dosen davon abhängig zu machen, ob auch die Polen zuvor bedient worden sind, und ganz abwegig, Rüstungsbedarf und Volkswohlstand in der BRD überhaupt gegeneinander abzuwägen. Eine Kulturnation hat ein Recht auf Feiern, auf klotzige Repräsentation, Erpressergeschäfte und auf die für ihre Souveränität erforderlichen Gewaltmittel. Aber mit Hungerhilfe erwirbt sie sich das Recht, am Empfängerstaat herumzunörgeln, was er zu tun und zu lassen hat, erst recht und gerade dann, wenn er zum falschen Lager gehört.

Z.B. ein Erich Riedl (CSU), "der Warenlieferungen einer Regierung verurteilt, die nicht in der Lage ist, ihre eigene Bevölkerung zu ernähren." Erich Riedl, Ernährungsspezialist, was die Herstellung übergangsloser Fettrollen von Kinn zu Bauch betrifft, mußte unbedingt im Bundestag die "Dringlichkeitsfrage stellen", welche Handelsverträge sich für Hungerstaaten schicken.

Immerhin hat sich der äthiopische Botschafter prompt zum Rapport eingestellt und hoch und heilig geschworen, daß wirklich nur für die Hungerleider unverdauliche Nahrungsmittel außer Landes gehen. Äthiopische "Dringlichkeitsfragen", z.B. in Sachen Saatgut, für das das Land weder Devisen noch Lieferanten hat, sind natürlich ganz uninteressant, solange da unten in einer Weise Staat gemacht wird, die uns nicht gefällt. Außerdem ist mit der Nichtbeantwortung ja auch der nächste Hungerhöhepunkt und lauter Beweismaterial für "unfähige marxistische Regierung" schon garantiert.