DIE DEUTSCHE PRESSE: ANGETRETEN ZU KOHLS SIEGESZUG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1990 erschienen.
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DIE DEUTSCHE PRESSE: ANGETRETEN ZU KOHLS SIEGESZUG

"Und bei uns muß es heißen: Führung und Propaganda vor dem Volk!" (Hitler vor der deutschen Presse, 10.11.38)

Deutschland wird größer, Deutschland wird gewaltiger - nun ja. Kein Wunder, daß die Bonner Führung den Anschluß der DDR als Zuwachs ihrer Macht feiert und sich national besoffen redet, als gäbe es kein anderes Interesse auf der Welt:

"Das sind Stunden, die nicht wieder kommen... Geschichte in ihrer reißenden Kraft... nach einer langen Durststrecke der Geschichte." (Kohl, Süddeutsche Zeitung, 12.3.)

Der dezente Hinweis auf die historische Vorsehung, die für den Erfolg der Nation gerechterweise zugeschlagen habe, kommt einem irgendwie bekannt vor: So beschwören Politiker ihr Recht, sich nach innen und außen jedwedes Interesse für den nationalen Fortschritt als notwendiges Opfer dienstbar zu machen. Daß unter diesem nationalen Anspruch der normale Mensch nicht sonderlich gut aufgehoben ist, wollen viele kritische Köpfe einmal bemerkt haben - beim Adolf, und sei es auch nur nachträglich. Um Einsicht kann es sich hierbei nicht gehandelt haben, sonst wären den Bedenklichen im Land die 50 Jährchen nationaler "Durststrecke" einfach gleichgültig, und sie stünden nicht begeistert hinter dem neuen Führer und seinem imperialistischen Erfolg. Der nationale Mensch ist es demnach gewesen, der all die Zeit nicht auf seine Kosten gekommen ist, jetzt aber aus vollem Herzen fürs Vaterland sein darf, kaum daß der vielgeschmähte Hurra-Patriotismus von oben wieder angesagt ist.

Vom Führerkult bis zur nationalen Volksverhetzung wird in der Öffentlichkeit so ziemlich alles geboten, was ein Hirn nur ausbrüten kann, das entschlossen ist, deutsch zu denken. Hans- Ulrich Kempski, Chefreporter der "Süddeutschen Zeitung", hat unlängst beim Propagandafeldzug des Kanzlers durch die DDR vorgeführt, wie sich nationale Gesinnung zu ihrer eigenen Freude inszenieren läßt.

1. Man lasse sich in das Gefolge des Kanzlers einreihen und verliere den Mann keine Sekunde aus den Augen, schließlich ist er das lebendige Anschauungsmaterial dafür, daß unser Führer bis zum hintersten Arschrunzeln als Führer gesehen werden kann:

"Kohls Augen haben ihr ruheloses Flattern verloren. Kohl raucht nicht mehr, Kohl ist nicht mehr immerzu hungrig und durstig. Er hat es so in jüngster Zeit dahin gebracht, um die Hüften herum etwas abzuspecken. Er bringt seinen 1,93 Meter langen Körper in Ruhestellung, wozu er im Flugzeug zwei Sesselreihen benötigt. Dann fällt er sofort in Tiefschlaf. Wieder einmal hat er beweisen können, daß seine Vitalität nicht ausgelaugt ist, daß auch seine Zugkraft nicht nachläßt. Am 3. April wird Kohl 60 Jahre alt. Er wirkt robust und behende wie einer, der fit ist für neue Kämpfe. Er strahlt, wenn er die Augen geschlossen hält, entspanntes Behagen aus. Nichts scheint geeignet zu sein, diesen Mann innerlich in Anspruch zu nehmen." (SZ, 12.3.)

2. Man spechte auf alles, was der Kanzler spricht, denn als des Führers Worte sind seine Worte immer schon viel bedeutender als das, was sie bedeuten:

"Kohl spricht betont schlicht. Seine Stimme ist stark. Er hat sich seine fahrigen Bewegungen beim Reden abgewöhnt, auch seine pompösen Schleifen in der Rhetorik. Statt dessen knappe Sätze, klare Gedankenführung.

Als übergeordnetes Stilmittel fällt bei Kohls Reden auf, wie sehr der Kanzler die Vokabel 'ich' liebt. Er benutzt sie ungeniert gehäuft, als sei es ihm recht, einen autokratischen Zug seines Charakters auszuweisen. Kohl wirkt, wenn er 'ich' sagt, kühl und streng, fast erhaben."

3. Man verbuche die Opfer, mit denen der Kanzler des Anschlusses planmäßig kalkuliert, unter dessen Berufung auf unumgängliche Sachzwänge und attestiere dieser Lüge staatsmännisches Format:

"Billige Versprechungen sind von Kohl nicht zu haben. Auch offeriert er keine Patentrezepte. Was er programmatisch mitzuteilen hat, ist nicht verbunden mit konkreten Plänen oder mit materiellen Daten. Aber er verspricht die Bereitschaft der Bundesrepublik, alle DDR-Bürger sozial abzufedern... wobei er es versteht, seiner Aussage die ganze Autorität einer knappen Kanzler-Erklärung zu geben, auf deren Haltbarkeit gewiß Verlaß ist. Diesem Kanzler gelingt offenbar, gleichsam mit seinem ganzen Wesen, vertrauenerweckende Botschaften auf den Weg zu geben, die geeignet sind, unmittelbare Bindungen an seine Person herzustellen."

4. Man interessiere sich für die Regie der Propagandaauftritte des Kohl, der einfach "kanzlerhaft" ins Bild kommen muß, sonst wäre doch glatt ein methodischer Schnitzer passiert, der den Führer beim Volk Punkte kosten könnte:

"Ein Kanzler-Wahlkampf verlangt, daß Kohl kanzlerhaft ins Bild kommt. Und kanzlerhaft ist identisch mit 'groß'. Damit das Ganze kanzlerhaft wird, ist aus der Bonner CDU-Zentrale Karl Schumacher angereist, ein in den letzten 17 Jahren, seitdem Kohl CDU-Vorsitzender ist, erprobter Organisator. Schumacher überläßt nichts dem Zufall. Er hat für die imposant dekorierte Rednertribüne gesorgt, für geschickte Scheinwerferbestrahlung, für gut ausgesteuerte Lautsprecheranlagen, für Luftballons und Flugzettel und für sonstigen Propaganda-Schnickschnack in bunter Fülle."

5. Man beachte die Massen in ihrem nationalen Wahn, weil sich nur so die Einheit von Volk und Führer adäquat darstellen läßt:

"Eine jubelnde und jauchzende Menge füllt den Versammlungsplatz vor der Fischereihofbastei von Rostock. Die Menschen toben in tumultöser Emphase. Wogende Fahnen in Schwarz-Rot-Gold. Marschmusik. 'Helmut-Helmut-Helmut' Rufe. Ihr rauschhafter Begeisterungstaumel macht es Kohl fast unmöglich, sich durchzudrängen zum Rednerpodest."

6. Man identifiziere undeutsche Elemente, die nicht zur nationalen Feierstunde beitragen wollen, und schon rücken die guten Deutschen in ihrer nationalen Gesinnung noch enger zusammen:

"Die Kolonne kommt zum Stehen, weil der Major zu berichten hat, daß eine starke Gruppe von Störern sich am Rande des Versammlungsplatzes breitgemacht habe. Der Major regt an, eine Weile zu warten. 'Wie viele Störer?' fragt Kohl, und er stellt, nachdem er vernommen hat, daß etwa 5000 Randalierer versammelt sind, eine weitere Frage: 'Wie viele Menschen insgesamt?' Der Major: 'Gut über 100.000.' Darauf die Weisung des Kanzlers: 'Los, weiter - wir fangen pünktlich an.'"

7. Man hole schließlich die verbindliche Einschätzung des Kanzlers ein, wie zufrieden er mit dem eigenen politischen Erfolg ist, und sofort gilt die Lebenslüge des Führers Kohl, ihm sei schon, bevor er beschloß, Politiker zu werden, als kleinem Helmut die deutsche Einheit in die Wiege gelegt worden:

"Er habe, so sagt Kohl jetzt, an die deutsche Einheit geglaubt, seitdem er, Sohn eines kleinen Steuersekretärs in Ludwigshafen, politisch zu denken begonnen habe: christlich-katholisch, liberal-freiheitlich, national. Gesamtdeutsch zu denken sei für ihn, so Kohl weiter, selbstverständlich gewesen."

Einem deutschen Nationalisten leuchtet die Mission seines Führers so schlagend ein, daß er 8. und letztens nicht umhin kann, auch noch aus dem Wahlkampfmaterial der Kanzlerpartei zu zitieren, daß vor nationalem Stolz die Schwarte kracht:

"Schon einmal hat vor rund 110 Jahren ein Kanzler die Einheit Deutschlands geschafft - Otto von Bismarck. Heute ist es Helmut Kohl, der uns die Einheit bringt,"

Und Hans-Ulrich Kempski darf sagen, er sei dabei gewesen.