DIE DDR, DAS PRIVATAUTO UND DIE KAUFHÄUSER IM WESTEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1989 erschienen.
Systematik: 

DIE DDR, DAS PRIVATAUTO UND DIE KAUFHÄUSER IM WESTEN

"KONKRET: Erliegt die DDR nicht zunehmend dem Konkurrenzdruck des Kapitalismus, dessen Vorgaben sie als Maßstab für die eigene Produktivkraftentwicklung nimmt? Mußte die DDR den Weg der massenhaften Produktion von Privat-Pkw und Spraydosen beschreiten?

Reinhold: Es ist eine problematische Frage, ob wir private Autos produzieren oder nicht. Wir sind in die internationale Entwicklung eiingebunden, in der eine Gesellschaft ohne Auto kaum noch vorstellbar ist. Die internationale Entwicklung bestimmt viele Maßstäbe unserer ökonomischen, sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung. 1988 haben DDR-Bürger 7,2 Millionen Reisen in die BRD und nach Westberlin durchgeführt. Subtrahiert man davon die Doppelreisen, waren es mindestens 5 Millionen, also fast jeder dritte Bürger unseres Landes, die in der Bundesrepublik oder Westberlin waren. In diesem Jahr werden es eher noch mehr sein. Die meisten DDR-Bürger wissen, wie es in einem Kaufhaus in Westberlin, in Hamburg oder München aussieht und was dort angeboten wird. Von daher besteht für uns ein großer Unterschied zur Sowjetunion und zu einigen anderen sozialistischen Ländern. Das bestimmt natürlich auch die Erwartungen und Vorstellungen." (Aus: Konkret 9/89, Interview mit Otto Reinhold, S. 57)

Die DDR definiert sich offiziell als ein Anhängsel der "internationalen Entwicklung", die sie nicht bestimmt. Wo ist eigentlich ihr eigener Weg, der Sozialismus, abgeblieben? Staatsziel 'mitteleuropäisches Normalniveau' oder wie?

Die DDR hatte sich mal dafür entschieden, ihr Verkehrswesen weniger per "privaten Autos", sondern mehr per öffentlichen Verkehrsmitteln zu organisieren. Was war daran so falsch: Bloß wegen Systemvergleich ein "Nachziehen" in Sachen privater Motorisierung samt zugehöriger Infrastruktur, Luftverpestung und Straßenverkehrstoten-Statistik zu unternehmen und dann dem Freien Westen in diesen Disziplinen wieder einmal nicht gewachsen zu sein, weil die eigene Volkswirtschaft dann doch wieder andere Schwerpunkte in puncto "Weltniveau" setzt, ist ja auch irgendwie blöd. Zumal man sich drüben von Volkes Wünschen sonst auch nicht unbedingt abhängig macht.

Genosse Reinhold scheint endgültig den Kapitalismus mit einer Versorgungsinstanz für Konsumenten und Schaufenster voller Waren mit erfüllten Wünschen des Volkes zu verwechseln. Wir empfehlen ihm, mit der Lektüre von Karl Marx, Das Kapital, noch mal ganz von vorn anzufangen. Da steht nämlich schon im allerersten Satz etwas vom Kapitalismus als einer "ungeheuren Warenansammlung", und im folgenden steht, warum diese Sorte Reichtum für die Leute, die für sein Zustandekommen geradestehen müssen, nichts taugt.