DIE BEHANDLUNG DES VERRÜCKTEN BÜRGERS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

Psychiatrie und Anti-Psychiatrie
DIE BEHANDLUNG DES VERRÜCKTEN BÜRGERS

Jeder weiß, wie es in einem Irrenhaus zugeht, ohne je eines von innen gesehen zu haben. Daß da die nackte Gewalt auf der Tagesordnung steht, weil für die "Nicht-Zurechnungsfähigen" die Grundrechte nur noch in Form ihrer "per Gesetz geregelten" Einschränkungen Geltung haben, ist niemand ein Geheimnis. Angst vorm demokratischen Staat, der Leute, die für den Gebrauch der Freiheit nicht die rechten Leistungen erbringen, in dieser Weise kasernieren läßt, kriegt deshalb niemand.

Demokratische Kritik an der Psychiatrie

Die arbeitende Mehrheit der Bevölkerung ist stolz auf die eigene Normalität, Anpassungsfähigkeit und Tüchtigkeit, weil sie die Bedingungen sind, die geforderte Leistung in dem Bewußtsein weiter zu bringen und zu steigern, daß man dies aus freien Stücken um des eigenen Vorteils willen tue. Da kommt kein selbstgefälliges, intellektuelles Verständnis für die Verrückten auf, aber keine Kritik am brutalen staatlich verordneten Umgang mit ihnen. Wenn der Aufenthalt in einer Klapsmühle für einen selbst schon deshalb ausscheidet, weil dies Schicksal nur die "mit Dachschaden" ereilt, dann tut der Staat für die Irren mehr als genug, nämlich mehr als unter Hitler: immerhin bewahrt er nicht nur die Allgemeinheit, sondern auch die Irren vor ihrem Durchdrehen.

Bei soviel allgemeinem Einverständnis mit der staatlichen Kasernierung der Verrückten sowie der herzlichsten Gleichgültigkeit gegen die "erkennbar schlimme psychiatrische Wirklichkeit" ("Spiegel" 15/80) mutet es seltsam an, wenn sich Kritiker der Psychiatrie zum Programm gemacht haben,

"den Zustand der Psychiatrie in Ländern wie... (der) Bundesrepublik Deutschland... bekannt (zu) machen und (zu) entlarven." (Basaglia in: I/68)

Dies Entlarvungsvorhaben unterstellt nicht nur, daß es den Verrückten deshalb so dreckig geht, weil ihre Lage dem Rest der Menschheit nicht bekannt ist, sondern macht den Vorwurf - wie sich dies für eine Bekanntmachung von Psychiatern gehört - an die "sog." Gesunden explizit, daß sie aufgrund eines psychischen Defekts die "sog." VerrÜckten aus ihren Reihen "ausschließen" und so für die Existenz von Irrenhäusern verantwortlich sind. Wenn also auch Kritiker, die sich angesichts der Zustände von Irrenanstalten im freien Westen "an KZs erinnert" fühlen ("Spiegel" 15/80 - "Menschenrechte für die Gulags im Westen"), damit partout keine Kritik am demokratischen Staat, sondern ihren Unmut über die psychische Verfassung ihrer Mitbürger geäußert haben wollen, denen es an - in Antipsychiaterkreisen überreichlich ausgebildetem und vorbildlich vorhandenem - Verständnis für die Verrückten ermangle, dann ist das nicht zuletzt das Verdienst des Erfinders der "demokratischen Psychiatrie", Franco Basaglia. Ihm ist das Kunststück gelungen, mit der Existenz von Irren und deren Bewahranstalten eine Bombenreklame für die allerhöchsten demokratischen Güter: Freiheit und Menschenwürde zu machen. Erfahrung macht also nicht unbedingt klug - und ein Leben als Irrenarzt, bei dem sich die den Irren angetanen Brutalitäten nur schwerlich übersehen lassen, scheint alles andere als die Garantie zu bieten, die Psychiatrie richtig zu kritisieren. Basaglia jedenfalls wurde darüber zum Parteigänger der Verrückten und damit zum Anwalt einer menschlicheren, dem Verrücktsein mehr Sympathie entgegenbringenden Demokratie. Deshalb können wir uns dem Prinzip "De mortuis nil nisi bene" nicht anschließen:

- Die Verrückten können sich bei ihm für die Anführungszeichen bedanken, in die sie jeder auf sich haltende Intellektuelle mittlerweile setzt. Ansonsten verdanken sie ihm den Aufenthalt im Kreis ihrer Familie, der die Atmosphäre heilender Freiheit attestiert wurde. Da der Familie die "Geisteskranken" auch als "sog." eine Last sind, "bevölkern die aus den psychiatrischen Krankenhäusern vertriebenen Kranken jetzt" (d.h. seit der Verabschiedung des Gesetzes, das die Auflösung der Irrenanstalten in Italien anordnet) "in großen Zahlen Slums und Bahnhöfe" (II/1013) - wie ein Kritiker Basaglias nicht ohne Häme konstatiert. Oder aber sie werden als stationär zu Behandelnde in allgemeine Krankenhäuser eingewiesen, wozu Basaglia freimütig bemerkt:

"Die sind in Italien oft noch schlimmer als die Irrenhäuser." ("Spiegel" 15/80)

- Die Psychiatrie bleibt auch mit einem Anti davor - auch wenn Basaglia nie "den Titel Antipsychiater für sich in Anspruch nahm" ("Süddeutsche Zeitung" 1.9.80) Psychiatrie, weil sie keine Kritik ihres gemeinen Umgangs mit den Verrückten, sondern nur den Vorwurf zu hören bekommt, daß sie aus psychologisch höchst bedenklichen Gründen "Theorie" sei:

"Indem man von der Norm abweichendes Verhalten mit einem bestimmten Namen, etwa dem der Schizophrenie, bedachte, und es damit einer vertrauten Theorie zuordnete, war man mit dem beunruhigenden Phänomen gewissermaßen schon fertig. Basaglia hielt nichts von Theorien, weil sie ihm eher als Abwehrsysteme erschienen, die störende Verhaltensweisen durch Rationalisierung erledigen sollten." ("Süddeutsche Zeitung" vom 1.9.80)

Den Intellektuellen hat er ein paar neue Argumente dafür geliefert, ihre jahrhunderte alte Gleichung Wahnsinn = Tiefsinn zuende zu denken:

"Ich möchte in eine Irrenanstalt gehen, um zu sehen, ob die Tiefe des Wahnsinns mir nicht die Lösung des Lebensrätsels bringen kann." (Kieregaard, zit. nach: I/60)

- Und für die Revolution odet etwas ähnlich "Gesellschaftsveränderndes" hat er ein neues Konzept geliefert: Die Revolutionierung der kranken Psyche durch die Verrückten, diese letzten "kritischen Elemente" der Gesellschaft (III/133 - Hervorhebung im Orginal ).

I. Kritik der Psychiatrie

Gewalt im Irrenhaus...

Gebildete Menschen, die ein Psychologiestudium absolviert haben, benehmen sich unmittelbar gewalttätig, wenn sie ihrem Job in staatlichen Irrenanstalten nachgehen; sie ordnen die Zwangsjacke an, "große Heilkuren" und andere Schocks zur "Ruhigstellung" der Insassen:

"In der psychiatrischen Anstalt wird ein Kranker, wenn er einen Anfall hat, in den 'Schwitzkasten' genommen. Wer keine Irrenhäuser kennt, weiß nicht, was damit gemeint ist: eine ganz primitive Methode," (da wirken Medikamente doch wesentlich zivilisierter!) "die man mehr oder weniger überall handhabt. Man versetzt den Kranken in den Zustand der Bewußtlosigkeit, indem man ihm einfach die Luft abwürgt. Man wirft ihm ein oft nasses - Tuch über den Kopf, so daß er keine Luft mehr bekommt, und zieht es am Hals fest: der Kranke verliert sofort das Bewußtsein." (III/122 f.)

Dies anzuprangern und gleichzeitig zu behaupten, daß solche Brutalität nicht im staatlichen Auftrag geschieht, für den sich ein Psychiater mittels Studium qualifiziert hat, schafft Basaglia spielend, indem er - auch wenn er vorgibt, für die Theorie der Psychologie nichts übrig zu haben - die Objektivität der staatlichen Gewalt in der Subjektivität des "deformierten" Psychiaters verschwinden läßt:

  • Da "reagiert" dann der Arzt an den Kranken "seine Aggressivität ab" (III/122);
  • Da stellt er eine Diagnose, um "Distanz" zum Kranken zu schaffen (IV/7 ff.) - "aus Furcht, uns selbst in ihm wiederzuerkennen" (IV/17) -, und versucht, "die Krankheit, gegen die wir immun bleiben wollen, in ihn zu projizieren." (III/150);
  • Da gebraucht er also die staatlich verliehene Autorität nur, um nicht sich selbst als psychischer Null ins Auge blicken zu müssen:

"So wird verständlieh, warum ihre Tätigkeit - über die reine Bewachung hinaus - ständig der Übersteigerung in die Autorität bedarf, welche die notwendige Distanz schafft und die gleichzeitig vor ihren eigenen Augen das Nichts verbirgt, das zu sein sie nicht zugeben können." (IV/10)

"Der Psychiater verfügt also über eine Macht, die ihm bisher nicht geholfen hat, den Geisteskranken und seine Krankheit besser zu verstehen, sondern die ihm - im Gegenteil - willkommen war, um sich vor beiden zu schützen." (III/152)

...ein psychischer Defekt der Psychiater?

Wenn sich so die Gewalt - die die Demokratie in den Irrenhäusern ihren Verrückten streng rechtsstaatlich angedeihen läßt durch Psychiater, die in einer Theorie beschlagen sind die solche Behandlung streng nach den Gesetzen der Psyche aus der Natur des Verrückten deduziert - ganz in ein Mittel für den Psychiater auflöst, der mit sich nicht zurechtkommt; seine Tätigkeit also darin kritikabel ist, daß er während der Dienstzeit seinem privaten Bedürfnis nachgibt, die eigene "Regression" zu "rationalisieren" oder sonstwie - auf jeden Fall mit Hilfe der Macht - zu "verdrängen", dann ist die Antipsychiatrie weder eine Kritik der Psychiatrie noch eine Kritik des Staats, für den sie arbeitet. Vielmehr setzt Basaglia alles daran zu beweisen, daß 1. Gewalt die Aufgabe der Psychiatrie, den Verrückten mit aller Macht zu verstehen, behindere oder gar verunmögliche; daß 2. die Psychiatrie des Schwitzkastens 'unzivilisiert' sei:

"Gegenwärtig kann kein vernünftiger Mensch behaupten, daß die vorhandenen Institutionen eines zivilisierten Landes würdig seien." (Basaglia in: I/63),

weshalb er ein Psychiaterleben lang damit beschäftigt war, diesen letzten Hort der Unwürde durch seine "demokratische Psychiatrie" auzumerzen. Daß Verständnis und Gewalt nur zwei Seiten derselben Medaille sind, jeder Psychiater dem Verrückten mit dem Ideal des Verständnisses begegnet, das theoretisch die Gewalt vorwegnimmt, die er ihm dann praktisch antut - und in der Palette der Maßnahmen, noch jedesmal mit einer verständnisvollen Deutung der Verrücktheit begonnen, werden auch Elektroschocks nicht ohne Verständnis verabreicht -, ist daher vor der Kritik der Antipsychiatrie ebenso zu klären, wie unsere Behauptung, daß demokratische Zivilisation und Psychiatrie kein Widerspruch sind.

Nirgends ein Grund zum Verrücktwerden...

Die Psychiatrie entartet nicht etwa in den Irrenhäusern zur nackten Gewalt, weil sich da den Mitgliedern ihrer Zunft - unter Ausschluß der Öffentlichkeit - die einmalige Gelegenheit zu sadistischen Exzessen, dem Abreagieren von Aggressionsüberschüssen und ähnlich unbeherrschten Umgangsweisen mit ihrem psychischen Potential bietet. Weit entfernt von der Harmlosigkeit, die Parteinahme für die Gewalt ins Belieben der Psychiater zu stellen oder gar ihrem Unterbewußtsein zu überantworten, wird in der Psychiatrie jedem ihrer staatlich geprüften und ausgehaltenen Menschen mit Doktorhut eine theoretische Begründung für die Notwendigkeit dieses Praxis geliefert: Dem Patienten wird jeglicher objektive Grund für seine Verrücktheit und damit sein freier Wille abgesprochen, der den Respekt vor der Persönlichkeit gebieten würde; was den Untertanen an Beschränkungen, Zwängen und Gewalttätigkeiten verordnet wird, erscheint als Grund für die Verrücktheit völlig abwegig. Denn die moderne Variante der Volksbeherrschung ist ja deshalb so gelungen, weil sich niemand beherrscht "fühlt". Jeder bietet seine ganze Phantasie - von der staatlichen Propaganda hilfreich beflügelt - für den Beweis auf, daß er als freier Mensch handelt. Deshalb gerät auch die Psychiatrie nicht in Beweisnot, wenn sie in den Verrückten selber den Grund für ihren Zustand entdeckt. Schließlich ist der Mensch so frei, das staatliche, ihm entgegenstehende Interesse als durchaus verträglich mit, ja als Mittel für die Verfolgung seines eigenen Interesses sich einzubilden und die Unterwerfung seines Willens unter die Staatsgewalt in die Verwirklichung der Freiheit seines Willens umzudichten. Mit der Selbstbeherrschung als . höchstem Inhalt der Freiheit lösen sich die von der demokratischen Regierung per Gewalt gesetzten Bedingungen, wenn nicht ganz in Luft, so doch in eine Leistung der eigenen, höchstpersönlichen Freiheit, auf.

...außer im Verrückten selbst.

Ob nun Todesstrafe oder Krieg - von so humanen Einrichtungen wie Polizei, Justiz und Fabrik ganz zu schweigen -, all das gibt keinen Grund ab, sich zu ängstigen, geschweige denn, verrückt zu werden, wie Psychiatrie und demokratisches Bewußtsein unisono feststellen. Denn wenn man alles mitmacht und sich nach den Anweisungen der Macher verhält, so befindet man sich nicht nur in Einklang mit dem geltenden Gesetz, sondern ist auch mit sich selbst im reinen. Wer aber ein reines Gewissen hat, braucht Tod und Teufel nicht zu fürchten - es sei denn, er leidet unter Schizophrenie:

"N: Was fürchten Sie?

T: Den Galgen fürcht ich.

N: Wie bitte?

T: Den Galgen zum Beispiel, Galgen, den Galgen fürcht ich.

N: Daß Sie an den Galgen kommen?

T: Mh, mh. Ich glaub nicht, ich werde nicht an den Galgen kommen.

N: Warum fürchten Sie den Galgen? Sind Sie ein Verbrecher?

T: Nein.

N: Ein Heiliger?

T: Vielleicht.

N: Warum fürchten Sie, an den Galgen zu kommen? Das verstehe ich nicht.

T: Das wär nicht angenehm.

N: Aber wie kommen Sie überhaupt auf eine solche Befürchtung?

T: Im Park bin ich spazierengegangen, da hab ich es gehört von einem Kollegen.

N: Was hat der gesagt?

T: Ich hab nur das Wort Galgen gehört.

N: Und Sie haben geglaubt, das bezieht sich auf Sie?

T: Nein.

N: Es hat Sie nur erschreckt?

T: Ja." (V/139 f. - N = der Psychiater, T = der Patient)

Wenn sich der Verrückte hier auch "nur" herausgenommen hat, anders als ein rechtschaffener Bürger vor einem Instrument der Staatsgewalt zu erschrecken, und nicht, dem Staat seinen Gewaltcharakter dadurch abzusprechen, daß die Gewalt (vermeintlich) "nur" die andern trifft, läßt der Psychiater ihm dies nicht durchgehen. Indem er ihm das Wort im Mund umdreht, beweist er ihm die Grundlosigkeit seines Erschreckens und erklärt ihn für verrückt, weil er den Galgen grundlos mit sich in Verbindung bringt: Entweder hält sich der Verrückte für einen Verbrecher, dann hätte er zwar einen Grund, sich vor dem Galgen zu ängstigen, wäre aber einwandfrei der Verrücktheit überführt, schließlich ist er ja kein Verbrecher (oder ein Heiliger, wie spitzfindig!). Oder aber er fürchtet sich vor dem Galgen, ohne ein Verbrecher zu sein, dann ist er erst recht verrückt. Denn zeugt es nicht von Beziehungswahn, wenn man dem schönen Staatswesen auch nur beispielsweise so bitter Unrecht tut zu meinen, daß die Gewalt des Staats einen trifft, ohne daß man sie verdient hätte? So weit wollte der Verrückte zwar gar nicht gegangen sein, der es sich als "gute Eigenschaften" anrechnet, "brav, folgsam, gehorsam" (V/139) zu sein. Er hat nämlich als guter Staatsbürger auch im Krieg noch die Lüge für bare Münze genommen, daß man 1. mit diesen Tugenden sich selbst einen Gefallen tue, 2. vom Staat dafür aber doch ein wenig Anerkennung in Form eines sicheren Lebens verdient habe, zumal dieser ja 3. nach eben den Maximen handle, die für einen selbst das Höchste. Verrückt geworden ist er darüber, daß er gegen die Grausamkeit des staatlich befohlenen Totschießens sein Ideal von einem Staat festhielt, in dem solche Gewalt keinen Platz hat, weil sie nicht sein darf:

"N: Was wäre das Schlimmste, das Sie sich vorstellen können?

T: Der Tod, glaub ich. Der Tod. Der Tod.

N: Tod?

T: Soll es nicht geben. Das fünfte Gebot verbietet." (V/119)

"Friede soll sein. Si vis pacem, para pacem. Wenn du Frieden w¡llst, bereite Frieden." (V/115)

Verrückt geblieben ist er, weil ihn die Psychiater in ebendiesem Ideal eines friedfertigen Staates bestärkten.

Verteidigung der Gewalt

Um ihm den Krieg als Grund seiner Verrücktheit zu bestreiten, läßt der Psychiater keine Gemeinheit aus: 1. ist die Befürchtung völlig abwegig, daß einem je eine Bombe aufs Haupt fallen könnte:

"N: Ja, aber ich meine, das Schlimmste, das Sie treffen könnte, was wäre das?

T: Bombe.

N: Bombe7" (V/119)

Bombe? Nie gehört! 2. ist ein Krieg aber auch die allernatürlichste Sache auf der Welt. Und wenn sich in irgendeinem Kafferstaat die Menschen die Köpfe einhauen, ist das dann nicht ein untrüglicher Beweis für die Zivilisiertheit des eigenen Staates, dem solch enthemmtes Handeln unmöglich wäre?

"N: Worauf warten Sie?

T: Auf Frieden.

N: Bitte?

T: Auf Frieden, Frieden.

N: Ja, ist jetzt Krieg?

T: Ja, leider. Leider.

N: Wer führt Krieg? Oder wo ist Krieg?

T: In Griechealand nicht.

N: In Griechenland?

T: Ist kein Kr¡eg.

N: Ja, irgendwo ist ja immer Krieg.

T: Ja, ja.

N: Da haben Sie schon recht.

T: Ja, ja, ja.

N: Aber bei uns ist ja Gottseidank Frieden, nicht?

T: Ist Frieden." (V/135 f.)

3. ist bei aller Friedfertigkeit des Staats ein Krieg auch heute noch durchaus denkbar. Doch spricht die Tatsache, daß man an ihn denkt, obwohl es momentan und hier nicht kracht, nicht gegen den Staat, sondern gegen den, der den Krieg befürchtet.

"N: Wes wäre Ihr größter Wunsch?

T: Frieden soll sein. Frieden.

N: Den heben wir ja!" (V 124)

30 Jahre lang an nichts als Krieg zu denken, obwohl der 2. Weltkrieg doch - wie jedes Schulkind weiß - 1945 beendet wurde, das läßt auf ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis schließen:

"N: Warum bedeutet Ihnen der Friede so viel, daß Sie immer vom Frieden sprechen?

T: Men fühlt sich am sichersten." (V/136)

Wer mit einer derartig einseitigen und voreingenommenen Betrachtung der Wirklichkeit überall das Schlimmste wittert, der ist auf eine unangenehme Seite des Daseins so sehr fixiert:

"N: Was fürchten Sie am meisten?

T: Krieg.

N: Was noch?" (V/120),

daß er die angenehmen Momente überhaupt nicht mehr wahrzunehmen imstande ist:

"N: Haben Sie einmal irgend etwes Aufregendes erlebt?

T: Krieg. Bomben. Bomberdierungen hab ich erlebt.

N: Haben Sie euch einmal ein freudiges Ereignis erlebt?" (V/124)

Wenn so die Psychiater für die Gewalt Partei ergreifen, indem sie sie als Grund fürs Verrücktsein leugnen (sei es, das sie für nicht existent, sei es, daß sie für harmlos oder unschädlich erklärt wird, weil von einer Psyche mit genügendem Widerstandspotential durchaus zu verkraften), so bekommen dies die Verrückten - vorerst noch in Form theoretischer Unverschämtheiten - unmittelbar zu spüren, indem bei ihnen selbst ohne große Mühe der Grund für ihre Verrücktheit - und damit für all das, was ihnen im Leben so zugestoßen ist - entdeckt wird.

Angriff auf den Willen des Patienten

So muß sich der oben erwähnte Verrückte sagen lassen, das er nicht über dem Krieg verrückt geworden, sondern er ihn sich nur hergenommen hat, um einer Gehorsamdisposition, wenn nicht gar einem Drang zum Parieren zu frönen:

"Sie gehorchen aber gerne?" (V/138)

Mit seiner "übertriebenen Anpassungsbemühung" (V/116) hat er sich aber nicht nur den Lustgewinn der Unterordnung verschafft, sondern den ebenfalls in ihm hausenden Aggressionstrieb daran gehindert sich auszuleben, so daß er selbst für die Ruinierung seiner seelischen Gesundheit gesorgt hat. Und wer so seine Psyche mutwillig anknackst:

"...er kann überall gut zu manuellen Tätigkeiten eingesetzt werden, da er außerdem kaum je Aggressionen zeigt." (V/115 f.),

bei dem ist es auch nicht verwunderlich, daß er nicht mehr ganz realitätstüchtig ist, den Krieg viel zu schwer nimmt und sich so laufend als depressiver Typ mit sich selber rumschlägt:

"Er ist deshalb unter die regressiv-depressiven Patienten einzuordnen." (V/116)

Wenn einem in der Schule, im Büro oder sonstwo Scherereien gemacht werden, mit denen man nicht zurandekommt, so hat ein Psychologe die Stirn zu behaupten, man komme nur deshalb mit den Schwierigkeiten nicht zurecht, weil man mit sich selber nicht zurechtkomme, werde also nicht von irgendwelchen von einem selbst nicht gesetzten Bedingungen seines Handelns vor den Kopf und damit - im Normalfall - zurechtgestoßen, sondern ecke eigentlich laufend bei sich selber an. Zwischen dem, was von einem Menschen verlangt wird, und dem, was er selber will, darf es also keinen prinzipiellen Gegensatz geben. Daß der Gegensatz damit nicht aus der Welt ist, merkt man daran, daß der Psychiater dem Patienten einen "Konflikt" immerhin konzediert. Dieser ist jedoch einzig und allein in der Brust des Menschen auffindbar, wo es schon seit Jahrtausenden aus Arterhaltungsgründen immerzu ungefähr so brodelt:

"Bei der Unzahl von Strebungen und von erregenden Erlebnissen müssen oft Konflikte und Hemmungen entstehen. Man möchte nach einem Marsch sitzen bleiben und ausruhen - und doch zum Brunnen gehen und Wasser trinken; man möchte anständig sein und die Sexualspannung loswerden. Unsere Psyche reguliert sich überhaupt durch entgegenstehende Tendenzen, ganz wie die Physis durch Erweiterung und Verengung der Blutgefäße, durch Reizung und Hemmung von Motorik und Sekretion." (VI/81)

Die Natur hat es also gut gemeint mit dem Menschen, wenn sie die moralischen Gebote der Gesellschaft in Form eines Triebs in ihm installiert hat: der Mensch in seiner Maßlosigkeit würde doch glatt an seiner "Sexualspannung" platzen und sich selbst zerstören, wenn nicht der Drang nach Anstand seiner Unersättlichkeit ein Ende bereitete. So ist schon von Natur für eine "natürliche Harmonie" (V/126) "entgegenstehender Tendenzen" und damit für einen überaus natürlichen Einklang mit sonstigen entgegenstehenden Tendenzen gesorgt: Alle Egoisten werden, ohne daß sie zu denken bräuchten, schon von den anständigen Teilen ihres Triebreservoirs daran erinnert, daß sie sich nur selber schaden, wenn sie sich nicht zügeln.

Der "innere Komplex" muß funktionieren

Die Psychiater konstruieren einen "sich selbst regulierenden" psychischen "Komplex", in dem sich "Strebungen" wie etwa der "Betätigungs-" oder der "Wissenstrieb" (VI/81) wechselseitig in ihre Schranken weisen: Sie werden nicht etwa von einem mit Willen und Bewußtsein ausgestatteten Ich dirigiert, sondern konstituieren umgekehrt von diesem unabhängig das "Ich" als "Resultante" der "selbständig" vor sich hinstrebenden Einzelbestandteile und verschaffen ihm so die Illusion der Individualität:

"Daß wir dennoch das Gefühl der freien Entscheidung haben, ist verständlich: Man muß sich nur die Tatsache vorstellen können, daß unser Ich sich selbst wahrnimmt, d.h. seiner selbst 'bewußt' ist. Im Ich sind alle die Einzelstrebungen des psychischen Komplexes zusammengefaßt zu einer Resultante, die wir als unseren Willen empfinden. Was dieser Komplex erstrebt und ausführt, ist also seine eigene Strebung und Handlung, und nur als solche kann s ihm bewußt werden." (V/81 - Hervorhebung im Original)

Um so jenseits von allem Wollen klarzustellen, daß man nicht alles haben kann, sprechen die Psychiater ihre Begeisterung für den Idealfall eines mündigen Demokraten aus, dem die äußeren Anforderungen als "Funktionen" seines inneren "Komplexes" in Fleisch und Blut übergegangen sind. Der freie Wille kürzt sich zwar unter den Verhältnissen von Herrschaft, da sich die Menschen nicht frei ihre Zwecke setzen, sondern sich willentlich den sie beschränkenden Zwecken der Herrschaft unterwerfen, ganz auf die von ihnen angestellte Interpretation zusammen, inwiefem die fremden Zwecke eigentlich die eigenen seien, inwiefern sie einander entsprächen, inwiefern also die Unterwerfung des Willens gerade seine Freiheit ausmache. Doch wenn den Psychiatern der Wille überhaupt dermaßen suspekt ist, daß sie ihn kurzerhand leugnen, indem sie den Zwang der demokratischen Herrschaft in einen inneren Zwang verwandeln, der die Menschen auf natürlich harmonische Weise zu ihren gesellschaftlichen Funktionen "determiniert" (VI/81), dann verraten sie mit diesem Mißtrauensvotum gegen den Willen, daß ihnen nicht unbekannt ist, welche Willensanstrengung es die Menschen kostet, mit ihrer Beherrschung einverstanden zu bleiben, so sehr sie auch davon den Schaden haben.

Verrückt ist, wer nicht normal ist...

Zugleich benennen die Psychiater mit der Konstruktion des Menschen als Funktionsbündel tautologisch den Grund der Verrücktheit. Da reibungsloses Funktionieren in der Natur des Menschen liegt, so ist eben etwas an seiner Natur defekt, wenn er nicht spurt, wie er soll. Die Frage, warum jemand verrückt ist, lautet also psychiatrisch gestellt, warum er nicht normal ist, so daß man sich auch nicht zu wundern braucht, daß ein Seelenarzt an Antwort nicht mehr auf Lager hat, als ihm der gesunde Menschenverstand eingibt: verrückt ist eben, wenn nicht normal, tickt nicht richtig, Dachschaden. Wenn man sich nicht dafür interessiert, warum es jemandem dreckig geht, sondern seinen Zustand mit der Frage durchstreicht, warum er nicht so ist, wie er sein könnte, sollte, müßte; wenn man also die Irren am Ideal einer funktionstüchtigen Persönlichkeit mißt, dann kann die Antwort auch nur in der Tautologie bestehen, daß er nicht funktioniert, weil er nicht funktionieren tut. Daß die Funktionstüchtigkeit fehlt, ist das allgemeine eintönige Urteil über die so bewundemswert vielfältigen Formen der Verrücktheit: ob da nun "Funktionen" "ausfallen", "gesperrt" sind, "sich abspalten", einander "hemmen", Denk"ströme" "sich beschleunigen" oder "haften", "Quer-" oder "Gegenimpulse" querschießen oder die "Schaltungen" sich irgendwie verheddert haben - immer ist die Verrücktheit als "Geisteskrankheit" zu fassen, bei der - genauso wie bei einer körperlichen Erkrankung - bestimmte Funktionen gestört sind.

...weil er nicht funktioniert

Daß der Verrückte einen Willen hat, verrückte Gedanken erst einmal gedacht sein wollen, bestreitet diese Betrachtung der Verrücktbeit, die nicht die falschen Gedanken untersucht, die sich ein Verrückter zurechtgelegt hat, nicht erforscht, weshalb er auf sie verfallen ist, sondern sich lediglich an deren Resultat, der Beeinträchtigung der Tauglichkeit, stößt. Indem sie alles, was ein Verrückter anstellt, dem Kriterium der Funktionstüchtigkeit unterwirft, beurteilt sie die Verrücktheit als Störung - und da die Bestimmung des Menschen in der Erfüllung der in ihm hausenden Funktionen liegt, kommt willentliche Zerstörung von Verstand und Gefühl nicht in Frage: Funktionsstörung. Diesen allgemeinen Merksatz wiederholt die Psychiatrie in ihren "Klassifikationen", wo sie die Verrücktheiten nach dem Grad der Störung unterscheidet und so überall dasselbe zu Tage fördert: erstens ist es eine Störung, der Verrückte nicht willentlich, sondern gegen seinen Willen verrückt geworden; zweitens gibt es der "Einzelfunktionen" so viele wie "Krankheitsbilder", so daß je nachdem einzelne "ausfallen", einzelne noch "intakt" sind.

Verrückte Normalitäten und normale Verrücktheiten

Weil nicht der Inhalt dessen, was ein Verrückter denkt, will und tut, beurteilt wird, sondern dieser Inhalt immer darauf bezogen wird, was 'man' "normalerweise" denkt, will und tut, ergibt sich in diesem Vergleich das gar nicht erstaunliche Resultat, daß die Verrückten nicht einfach verrückt sind, sondern nur in den seltensten Fällen zu 100% von der Tauglichkeit eines Normalbürgers abweichen:

"Bei den endogenen Psychosen läßt sich nachweisen, daß neben oder hinter den krankhaften Erscheinungen die gesunde psychische Leistungsfähigkeit irgendwie weiter erhalten ist." (VI/397)

"Hat man viele Schizophrene über laange Zeiten gut beobachtet, so kommt man zur Überzeugung, daß die schizophrene Zerfahrenheit neben das gesunde Denkvermögen tritt und nicht einen endgültigen Abbau des letzteren darstellt." (VI/47)

"Objektiv leidet die Persönlichkeit durch die große Selbständigkeit der einzelnen Strebungen und Einstellungen. Bei gewöhnlichen Gelegenheiten kann ein Patient normal erscheinen. Bringt man ihn auf seine Wahnideen, so ist er ein ganz anderer, mit anderem Charakter, mit anderer Logik, mit anderem Blick... Dabei verhält es sich nicht so, daß die Änderung eine gewollte oder nur bewußte wäre. Es besteht einfach eine ganz andere Schaltung; Gefühle und Triebe und sogar Assoziationen, die im einen Bilde dominieren, sind im anderen abgesperrt, und dafür sind andere eingeschaltet. Beide Schaltprodukte der Person können nebeneinander existieren." (VI/409)

"Außerhalb des Wahnsystems und allem, was sich darauf bezieht, ist seine Logik und sein Ideenablauf für unsere Untersuchungsmittel intakt. Wenn er sonst intelligent ist, kann er Pfarrer, Architekt, Hochschulprofessor sein und, abgesehen von indirekten Schwierigkeiten infolge der Wahnideen, seinem Berufe sehr gut gerecht werden." (VI/507 Hervorhebung im Original)

Mit diesem unvermittelten Umschlag von Gesundheit in Krankheit, diesem abgründigen Nebeneinander von harmlosem Geschau und irrem Glotzblick (kaum stößt man ihn an, rastet wieder die falsche Schaltung ein) wird ein Übergang von der "intakten Logik" eines Pfarrers zu der Wahnidee, "er werde den Heiland erzeugen" (VI/49), schlicht bestritten. Verrückte Gedanken, solange sie der Betätigung einer anerkannten gesellschaftlichen Funktion dienen, sind Signum eines gesunden Verstands und werden von jedem Normalbürger an richtiger Stelle erwartet. So wird kein Professor der Erkenntnistheorie für geisteskrank erklärt, wenn er die Ansicht vertritt, Häuser existierten nur, weil man den Blick auf sie richtet - schließlich ist es als Erkenntnistheoretiker seine Aufgabe, Schwierigkeiten zu erfinden, die die Unmöglichkeit des Erkennens beweisen. Auch wird kein Arbeiter zum Psychiater geschickt, weil er hartnäckig meint, man könne durch Leistung zu Reichtum kommen - schließlich befördert diese Vorstellung den Arbeitseifer.

Sollte er jedoch an seinem Arbeitsplatz der Meinung des Professors anhängen und sich immerzu umdrehen, damit das Fließband verschwindet, so wäre er reif für die Klapsmühle - schließlich zeichnet sich der bürgerliche Verstand dadurch aus, sich allerlei Vorstellungen zuzulegen, warum es seine freie Absicht ist, wenn er dem Zwang nachkommt.

"Wie man sieht, ist der Uaterschied von Wahnideen zu unbeweisbaren Überzeugungen des Gesunden kein absoluter. Wir dürfen nicht von Wahnideen reden, wenn ein frommer Mensch sich von religiösen Dingen eine eigene Ansicht schafft; trotzdem sprechen wir von 'religiösen Wahnideen', wenn heute jemand an der Idee festhält, er sei ein 'Obergott' oder er werde den Heiland erzeugen, obschon es vor dem Forum der Logik schwer hält oder unmöglich ist, die Grenzen zwischen persönlicher Überzeugung im Rahmen des Gesunden und einer Wahnidee zu ziehen. Um mit dem Begriff der Wahnidee umgehen zu können, braucht es Lebenserfahrung: Man muß dabei wissen, was für unkorrigierbare Irrtümer der Gesunde in seinem Gesellschaftskreis häufig zu bilden pflegt und welche sicher nicht... So wird man eine Wahnidee annehmen müssen, wenn ein harmloser Bauernknecht ohne jede Begründung behauptet, er sei durch 'Geisterhypnose' zum Spionagechef einer Großmacht geworden, während es nicht wahnverdächtig ist, wenn sich jemand durch göttliche Fügung für eine Aufgabe, die ihm nahesteht, berufen fühlt." (VI/49 f.)

Kleiner Mann im Ohr?

Wenn so stereotyp die Behauptung wiederholt wird, der Verrückte sei gegen seinen Willen verrückt geworden, die Verrücktheit sei nicht vom bewußten Willen hervorgebracht (vgl. VI/496), sondern habe ihn "wie eine Naturkatastrophe" (VI/463) ereilt, so daß s jetzt so verrückt aus ihm denkt:

"Unter die Grund- Symptome der Schizophrenien sind zu rechnen: 1. eine als Zerfahrenheit bezeichnete Denkstörung, bei der die gewöhnlichen Bahnen des Denkens gelockert sind..." (VI/455 Hervorhebung im Original),

dann schließt sich der Psychiater der Meinung des Verrückten über den Grund seiner Verrücktheit an. Der kleine Mann im Ohr ist es, der die Denkbahnen puttmacht:

"Der Kranke hat das Gefühl, er denke ohne eigenen Willen, 'es' denke in ihm (automatisches Denken) oder er erlebe das Denken anderer." (VI/426)

"'Ich habe ja gar nicht geschrieen', sagte ein Kranker, 'der Stimmnerv brüllte aus mir.'... Ein Schizophrener schildert einen solchen Automatismus als 'das Auftreten des Brüllwunders, bei welchem meine dem Atmungsvorgang dienenden Muskeln... dergestalt in Bewegung gesetzt werden, daß ich ge genötigt bin, den Brüllaut auszustoßen, sofern ich nicht ganz besondere Mühe auf seine Unterdrückung verwende,... was bei der Plötzlichkeit des gegebenen Impulses nicht immer mögtich ist oder doch nur bei unablässig auf diesen Punkt gerichteter Aufmerksamkeit möglich sein würde... Zu Zeiten erfolgt das Brüllen in so rascher und häufiger Wiederholung, daß für mich ein nahezu unerträglicher Zustand sich ergibt... Soweit die Vociferationen in dem Gebrauch artikutierter Worte bestehen, ist mein Wille natürlich nicht unbeteitigt. Nur das unartikutierte Brüllen ist wirklich rein zwangsmäßig automatisch... meine ganze Muskulatur unterliegt gewissen Einflüssen, die nur einer von außen wirkenden Kraft zugeschrieben werden können..." (VII/43 f.)

Das einhellige Urteil des Verrückten und seines Psychiaters lautet also, daß er brüllen muß, weil er nicht anders kann; ihm ist die Fähigkeit, das Brüllen zu unterdrücken, die Stimmnervkontrollfunktion:

"Bei der chronischen Schizophrenie und im schizophrenen Defektzustand kommt es zu einem dauernden Versagen einzelner Funktionen des Ich." (VIII/16)

abhanden gekommen. Daß er nicht mehr anders kann, als zu brüllen, ist offensichtlich; warum er nicht mehr anders kann, klärt sich aber nicht dadurch, daß man das Resultat dessen, was ein Verrückter mit sich angestellt hat, für die Erklärung, das Brüllphänomen für seinen eigenen Grund ausgibt, indem man die Kategorie der Fähigkeit ihre tautologischen Dienste tun läßt: er brüllt, weil er zu nichts als brüllen mehr fähig ist. Mit diesem Verfahren ergibt sich immer dasselbe: am Verrückten liegt's, wenn er verrückt geworden ist - ihm fehlt was; aber so, daß er nichts dafür kann - ihm fehlt was, ein paar Funktionen haben ihn mir nichts dir nichts im Stich gelassen. Was sich mit dieser Erklärung der Verrücktheit, der Verrückte wie Psychiater gleichermaßen anhängen, klärt, ist daher einzig und allein die Schuldfrage. Im Verrückten selbst ist die Ursache seines jämmerlichen Zustands ausfindig zu machen - in einer Weise aber, die den Beschuldigten für seinen Zustand nicht haftbar macht, da er ihn nicht vorsätzlich herbeigeführt, dieser vielmehr sich gegen seinen Willen ihm "aufgedrängt" habe. Daß weder das eine noch das andere stimmt, Verrücktzuwerden weder seinen Grund im Individuum hat noch ohne dessen Willen und Bewußtsein zustandekommt, läßt sich daran ersehen, daß sich selbst der Unfähigkeit u zeihen eine jedem bürgerlichen Individuum geläufige Verstandesübung ist.

Scheitern wegen Mißerfolgsnatur

Auf den Einfall ihrer Unfähigkeit kommen die bürgerlichen Individuen mit schöner Regelmäßigkeit dann, wenn sie gescheitert sind - eine Erfahrung, die die bürgerliche Gesellschaft für ihre Mitglieder nicht zu knapp bereithält. Sie geben sich selbst die Schuld für das schlechte Abschneiden in dem Vergleich, dem sie unterworfen sind: wenn sie nicht solche Versager wären, dann wären sie auch nicht gescheitert. Dieser Leistungsvergleich kann also deshalb so problemlos von den dafür Zuständigen inszeniert werden, weil ihn die, an denen er exerziert wird, auch und gerade dann nicht kritisieren wollen, wenn sie für zu leicht befunden wurden. Wer sich fremden Zwecken unterwirft, weil er meint, sie wären für sein Vorwärtskommen erfunden, erkennt in den ihm entgegengesetzten Zwecken auch dann nicht den Grund seines Scheiterns, wenn er an ihnen seinen Willen nicht durchsetzen konnte. Vielmehr läßt er sich nicht in seinem Willen irritieren, bei dem, was mit ihm angestellt wird, mitzumachen, weil er so frei ist, aus Erfahrung nicht nur nicht klug zu werden, sondern sie zu leugnen und den Mißerfolg, der ihm eben beschert wurde, in einen zu verwandeln, der nicht hätte sein müssen. Gerade da, wo er fertig gemacht wurde, verteidigt er die Bedingungen, die auf ihn keine Rücksicht nehmen, indem er sich selbst noch einmal fertig macht: nicht am Zwang ist er gescheitert, sondern an sich selbst. Wenn er die Fähigkeiten, die es zum Erfolg braucht, sein eigen nennen könnte, dann wäre ihm auch der Erfolg gewiß - logo. Ebenso wie hier der Erfolg nicht etwas ist, was man hat oder nicht hat, sondern als etwas, was man u haben hat, beurteilt wird, verurteilt man sich selbst, überall dort, wo man ihn nicht hat, als "Versager", als jemanden, der's nicht bringt und sich aufgrund mangelnder Fähigkeiten die Möglichkeit des Erfolgs, die (mit ihnen) immer drin ist, verscherzt hat. Damit will man nicht einfach gesagt haben, daß man etwas nicht kann, sondern daß man eine Mißerfolgsnatur ist. Im Vergleich mit dem Ideal von sich selbst, als das man all die wundersamen Eigenschaften besitzt, die den erwünschten Erfolg garantieren, dichtet man sich so lauter Eigenschaften an, die dafür verantwortlich zu machen sind, daß man nicht erreicht, was man will.

Durch diese Verdopplung des bürgerlichen Individuums in das, was es eigentlich will, und einen inneren Mechanismus, der dies Streben fortwährend torpediert und so verunmöglicht, hat es das Individuum geschafft, mit der Welt, die nicht für es geschaffen wurde, einverstanden zu bleiben: denn das Ideal, das es von sich aufbaut, bedeutet gerade, daß es nicht an der Welt auf die Hindernisse für seinen Erfolg trifft, vielmehr ihm die Welt gar nicht widerstehen könnte, wenn es nur mit den entsprechenden erfolgsverbürgenden Qualitäten ausgestattet wäre. Andererseits kann es aber auch mit sich, so klein und häßlich wie es ist, einverstanden bleiben: Der Erfolg ist etwas, was ihm eigentlich gebührt, und wenn er sich nicht einstellt, verschmerzt es die Erfahrung mit der Überlegung, daß es nichts dafür kann, weil ihm aufgrund seiner besonders unfähig gearteten Veranlagung nie gelingt, was es vorhat. Mit dieser Selbstbezichtigung versteht es ein bürgerliches Individuum, sich zu beschimpfen - nicht für das, was es getan hat, sondern für das, was es nicht getan hat, aber eigentlich hätte tun sollen, wollen, müssen - und sich im gleichen Atemzug zu entschuldigen - schließlich ist das Versagen vor dem Ideal eine Zwangsläufigkeit, für die man nichts kann: wollen hat man schon gewollt, aber können hat man nicht gekonnt. Und für solche sich mit der eigenen Unfähigkeit entschuldigende Selbstverurteilung erwartet man dann Verständnis und teilt es seinerseits auch großzügig aus. Daher erklärt sich der immergleiche Verlauf der freundlich-gehässigen Unterhaltungen, welche die bürgerliche Menschheit gewöhnlich untereinander führt. Im schönen Wechselspiel tobt sich da die Dialektik von Be- und Entschuldigung aus. Kaum weist der eine auf seinen Erfolg hin, bekommt er mehr oder weniger deutlich zu hören, daß er dafür ja wohl nicht könne und Selbstlob stinke. Beschuldigt er sich aber selbst, so spekuliert er auf das Mitgefühl der Gegenseite, die ihm das komplementäre Selbstlob abnehmen soll. Deswegen muß man die Entdeckung, aus gewichtigen Gründen eine Null und dabei aber trotzdem jemand zu sein, unbedingt anderen mitteilen: ohne Kenntnis der höchstpersönlichen Schwierigkeiten könnten sie einen nämlich sonst glatt bloß für einen Versager halten, wohingegen ihnen die Mitteilung der geheimnisvollen Innenwelt Achtung vor dem Menschen abnötigen soll, der immerhin innen allerlei zu bieten hat. Andererseits bestätigt man sich und anderen so immerzu, daß man's "nicht bringt" und behauptet sich gerade damit gegen die lieben Mitmenschen. So verwundert nicht, daß man hinterher seinem Wunschziel keinen Schritt nähergekommen ist und man nach wie vor nicht kann, was man bedauert nicht zu können - schließlich konzentriert man ja alle Geisteskräfte auf die Entdeckung von (Un)Fähigkeiten und verhindert so jegliche andersgeartete Anstrengung.

Verständnis für einen Nicht-Zurechnungsfähigen

Man sieht also, daß die Behauptung der Psychiater, es gebe einen prinzipiellen Unterschied zwischen "gesunden" und "kranken" Hirnen, der es gebiete, den Übergang, der mit ihren Inhabern passiert, als Erkrankung zu verhandeln, falsch ist. Denn das Unterscheidungskriterium, das sie zur Erklärung der Verrücktheit einführen, ist einerseits keine Erklärung der Verrücktheit, da sie sich nur für das Resultat - als mangelnde Funktionstüchtigkeit - interessiert. Deshalb gibt andererseits das Unterscheidungskriterium auch weder den Grund der Verrücktheit an - das Nichtfunktionieren stellt sich aufgrund eines Funktionsausfalls ein --, noch bezeichnet es den Unterschied zu Menschen, deren Geist "ungestört" funktioniert. Denn jedes bürgerliche Individuum, egal ob verrückt oder (noch) nicht, beherrscht den Gedanken, mit dem die Psychiatrie sie unterscheiden will. Diese übernimmt die Behauptung des bürgerlichen Individuums, daß es an sich selber gescheitert sei, als Erklärung für die Verrücktheit, weil diese "Erklärung" nichts als die Willenskundgabe ist, mit allem, was in der Demokratie mit einem angestellt wird, einverstanden zu bleiben, und zwar indem man sich selbst für alles, was einem mißlingt, verantwortlich macht. Diesen Willen will man auch beim Verrückten noch ausnutzen, weshalb man sich verständnisvoll der vom Verrückten selbst entworfenen Deutung seines Zustands anschließt, er sei als "Nicht-Zurechnungsfähiger" von seinem Unbewußten oder sonstwem, auf jeden Fall gegen seinen Willen in diesen Zustand getrieben worden. So tut man dem Verrückten alles andere als einen Gefallen, wenn man ihm nicht schlichtweg ins Gesicht sagt, daß und warum er spinnt, sondern ihm das Verständnis entgegenbringt, das er hören möchte - schließlich hat das Gedankengespinst des Verrückten sein Fundament in der Leugnung des Übergangs, zu dem er sich entschlossen hat.

In dem Fehler, daß dem Verrückten mit Verständnis zu begegnen sei, sind sich Psychiatrie und Antipsychiatrie, völlig einig. Darüber und über die Differenzen im Verständnis alles in der nächsten MSZ.

Nachweis der Zitate:

I Juan Obials: Antipsychistrie. Das neue Verständnis psychischer Krankheit. Von Juan Obials und Franco Basaglia als Interviewpartner. (Hamburg 1978)

II Kurt Heinrich: Die psychisch Kranken tragen den Schaden davon. In: Deutsches Ärzteblatt, Heft 16 vom 17.4.1980

III Franco Basaglia (Hrsg.): Die negierte Institution oder Die Gemeinschsft der Ausgeschlossenen. Ein Experiment der psychistrischen Klinik in Görz. (Frankfurt am Main 1978, 2. Auflage)

ders.: Die Institutionen der Gewalt (S. 122-161)

ders.: Das Problem des Zwischenfalls (S. 331-337)

ders.: Kritische Schlußbemerkung und Perspektiven (S. 361-371)

IV Franco Basaglia (Hrsg.): Was ist Psychiatrie. (Frankfurt am Main 1974)

ders.: Was ist Psychiatrie? (S. 7-18)

ders.: Die Freiheit in der Gemeinschaft als Alternative zur institutionellen Regression (S. 19-36)

V Leo Navratil: Gespräche mit Schizophrenen (München 1978)

VI Eugen Bleuler: Lehrbuch der Psychistrie. 13. Auflage neubearbeitet von Manfred Bleuler. (Berlin 1975)

VII ders.: Schizophrenie und Sprache. Zur Psychologie der Dichtung. (München 1968; 2. Auflage)

Hinweis: Zu den theoretischen Grundlagen der Psychistrie vgl. auch MSZ Nr. 28/1979: "Siegmund Freud - Ein Verriß der Psychoanslyse."