DIE ALLTÄGLICHE ERSATZRELIGION

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1984 erschienen.
Systematik: 

Erich Fromm: "Die Kunst des Liebens"
DIE ALLTÄGLICHE ERSATZRELIGION

Nein, Erich Fromm ist kein Pfaffe. Wenn diese in früheren Zeiten bei Hungersnöten, Fronarbeit und Krieg den sündigen Menschen predigten, wie sie durch Nächstenliebe, Bescheidenheit und gläubige Zuversicht in den Himmel kommen könnten, so sieht das bei Fromm ganz anders aus.

Zwar leugnet er gar nicht, daß seine "Kunst des Liebens" dem Geist der Bergpredigt näher steht als Oswalt Kolle

"Die Liebe, die allen anderen Arten der Liebe zugrunde liegt, ist die Nächstenliebe." (S. 70)

Ein paar wesentliche Unterschiede zur christlichen Verkündigung sind jedoch nicht zu übersehen. Zunächst einmal ist Fromms Abhandlung

1. keine Predigt,

worin der Menschheit die moralische Notwendigkeit des Liebens beigebracht werden soll. Für Fromm kommt "der Mensch aller Zeiten und Kulturen -" nämlich schon von sich aus um die Frage nicht herum, "wie man das eigene individuelle Leben transzendieren und eins werden kann" (S. 26); eine Frage, die tief im menschlichen Sein wurzelt:

"Dieses Bewußtsein seines gesonderten Daseins, das Bewußtsein seiner eigenen kurzen Lebensspanne und der Tatsache, daß er ohne seinen Willen geboren ist und gegen seinen Willen sterben wird,... das Bewußtsein seiner Einsamkeit und Getrenntheit, seiner Hilflosigkeit gegenüber den Kräften der Natur und der Gesellschaft - das alles läßt seine besondere und abgetrennte Existenz zu einem unerträglichen Gefängnis werden." (S. 24)

Da die Menschen angesichts solch unüberwindlichen Schreckens allen Grund hätten, sich wie die Lemminge reihenweise ins Meer zu stürzen, ist es nur ein Glück, daß ihnen rechtzeitig die Antwort auf alle bohrenden Fragem eingefallen ist:

"Die eigentliche und totale Antwort auf die existentielle Frage liegt in der zwischenmenschlichen Vereinigung, in der Vereinigung mit einem anderen Menschen, in der Liebe." (S. 36)

So wird aus einem schlichten Faktum eine moralische Botschaft, ohne daß es irgendeines Umwegs über höhere Instanzen bedürfte. Da die Menschen schließlich nicht in völliger Abgeschiedenheit voneinander leben, also auch nicht über dem Bewußtsein ihrer gar nicht existierenden "abgetrennten Existenz" verrückt werden, deshalb sind alle wirklichen Gründe ihrer verschiedenartigsten "Vereinigungen" nur ein einziger Beleg dafür, daß es ihnen um Vereinigung überhaupt geht. Diese Abstraktion zu praktizieren, bleibt gleichwohl eine "Kunst", bei der es vor allem zu lernen gilt, daß es sich um

2. keine Verzichtsmoral

handelt. Ein solches Mißverständnis seines Anliegens hält selbst Fromm für denkbar, weshalb er sich - er ist ja kein Pfaffe immer wieder davon abgrenzt. Er definiert Lieben als "Geben" -

"Was gibt eigentlich ein Mensch dem anderen? Er gibt von sich selbst, von dem Kostbarsten, was er besitzt, von seinem Leben." -,

bemerkt ausgerechnet an dieser Blutspenderthese, daß so etwas nach Selbstaufgabe aussieht, und präzisiert dementsprechend:

"Das bedeutet nicht notwendigerweise, daß er sein Leben anderen zum Opfer bringt, sondern daß er von dem gibt, was in ihm lebendig ist." (S. 44)

Eine ähnlich genaue Auskunft erhalten wir über einen zweiten Aspekt der Liebe, die "Verantwortlichkeit".

"Heute versteht man unter Verantwortlichkeit häufig die Pflicht, etwas, das einem von außen auferlegt wird. Aber in ihrem eigentlichen Sinne ist die Verantwortlichkeit eine völlig freiwillige Handlung." (S. 48)

Wir können Fromm in dieser Sache beruhigen. Gegenüber dem pfäffischen Materialismus, der Tugendhaftigkeit gerade im Angesicht wirklicher oder eingebildeter Nöte propagiert, ist seine Vorstellung einer "Liebe" ohne Anlaß, Objekt und Ziel wirklich der reine Idealismus ohne Not. Die Frage, ob die daraus entspringenden Verpflichtungen "von außen" oder von innen kommen, erledigt sich über den Inhalt dieses Ideals. Wer sich von der "Mutterliebe"

- "(diese) bedingungslose Liebe entspricht einer der tiefsten Sehnsüchte nicht nur des Kindes, sondern jedes menschlichen Wesens" (S. 64)

über das "Geben" -

"Geben bringt mehr Freude als Empfangen, nicht weil es ein Opfer ist, sondern weil in der Handlung des Gebens der Ausdruck meiner Lebenskraft liegt." (S. 42) -

bis zur "erotischen Liebe"

- "Die erotische Liebe ist ausschließlich, liebt jedoch im anderen die ganze Menschheit, alles Lebende." (S. 80) -

und zur "Nächstenliebe"

- "da wir Menschen sind, brauchen wir Hilfe - heute ich, morgen du." (S. 71)

die disparatesten Verhältnisse zwischen Menschen als Ausdruck ein und derselben Haltung, als Befriedigung ein und desselben Bedürfnisses vorstellen kann, der definiert "die Liebe" ja ausdrücklich als spezifisch grundlosen Wert. Nur der Gegensatz zu jedem bestimmten Interesse, das einer verfolgen könnte, die unterschiedslose Subsumtion aller denkbaren Zwecke und Lebensbereiche unter den absoluten Vorrang eines nicht weiter bestimmten "Zusammen" ist der Inhalt dieses Ideals. Die Frage, weshalb man es verfolgen sollte, ist mit der Auskunft "Bedürfnis" von vornherein vom Tisch. Ein tiefes Desinteresse am tatsächlichen "Zusammen", das keineswegs für die Betätigung "reifer und schöpferischer Charaktere" im Dienste der "Lebenskraft" eingerichtet ist, bahnt hier der liebevollen Deutung jeglichen Umgangs von Zeitgenossen miteinander als Tummelplatz der "Liebe" den geistigen Weg.

Dennoch: man sollte das ein letztes Mal nicht für pfäffisch halten. Das Konzept der universalen Liebe ist nämlich

3. eine Gesellschaftskritik

aus geradezu marxistischem Geiste. Denn ist es nicht so:

"Kapital beherrscht die Arbeitskraft; leblose Dinge haben einen höheren Wert als Arbeitskraft; menschliches Können und alles, was lebendig ist. Haben ist mehr als Sein." (S. 114)

Und das heißt ja nicht, daß die Mehrzahl der Bevölkerung deswegen nichts ist, weil sie nichts hat. Umgekehrt! "Kapital beherrscht die Arbeitskraft", das bedeutet recht betrachtet, daß es allen Leuten nur noch um ihr Vergnügen geht, und daß der "moderne Kapitalismus", dieser Nachfolger Babylons, ihnen diese unmenschliche Haltung eingetrichtert hat.

"Das Glück des Menschen besteht heute darin, sich zu vergnügen. Vergnügen liegt in der Befriedigung des Konsumierens und 'Einverleibens': von Waren, Bildern, Essen, Trinken, Zigaretten, Menschen, Zeitschriften, Büchern und Filmen. Alles wird konsumiert, wird geschluckt. Die Welt ist nur für unseren Hunger da," (hört, hört!) "ein riesiger Apfel, eine riesige Flasche, eine riesige Brust..." (S. 117 f.)

Ja, diese Vision ist grauenerregender jede philosophische Einsicht in das "Getrenntsein" des Menschen! So vage "die Liebe" in ihrer positiven Darstellung erscheint, so scharfe Konturen gewinnt sie als Anti-Materialismus, der noch dazu sozialkritisch sein soll - im Interesse "des Menschen", der mit seiner andauernden Verwöhnung durch das Kapital, das "nur für unseren Hunger da" ist, gar nicht leben kann.

Erich Fromm trägt seinen Namen also tatsächlich nur zufällig. Er schmarotzt nicht wie die Pfaffen von ehedem am Elend der Leute, um sie auf bessere Zeiten und aufs Jenseits zu vertrösten, sondern an der staatlich propagierten Meinung, daß es ihnen sowieso u gut geht, um ihnen ein für allemal das typisch kapitalistische Schielen nach dem "Haben" und Vorteil madig zu machen. Welcher Lohn dafür winkt, mache man sich an der "Praxis des Liebens" klar:

"Der wichtigste Schritt ist, zu lernen, mit sich selbst allein zu sein, ohne dabei zu lesen, Radio zu hören, zu rauchen oder zu trinken." (S. 146)

Denn überhaupt:

"Wenn man konzentriert ist, spielt es fast keine Rolle, was man tut..." (S. 147)

Genau wie bei diesem Weltbild insgesamt!