Die ökonomische Psychologie des Börsenspekulanten

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1985 erschienen.
Systematik: 

Die ökonomische Psychologie des Börsenspekulanten

Der Börsenspekulant hält sich für den schlauesten Hund von der Welt. Er braucht keine Fabrik, keine Bank und kein Handelskontor, sondern ist alles in einer Person: Ein Schwung Telefone, ein Zeigefinger, Stimmbänder, ein Taschenrechner genügen ihm, um riesige Umsätze innerhalb kürzester Zeit zu managen und dabei schöne Gewinne zu erzielen.

Er handelt mit Anrechtsscheinen auf (erst noch zu produzierenden) Mehrwert, und auch mit Anrechtsscheinen auf Anrechtsscheine; besonders stolz ist er, wenn es ihm gelingt, einen Handel von Anrechtsscheinen auf Anrechtsscheine auf Anrechtsscheine auszuhecken. Dafür muß er welche finden, die dabei mitmachen.

Die machen mit, wie sonst auch, wenn sich nämlich im Preis dieser Anrechtsscheine Veränderungen ergeben. Denn nur so lassen sich Gewinne machen. Für den Fall, daß die Preise nach unten gehen, muß man auf Baisse spekulieren, wenn sie nach oben gehen, muß man auf Hausse spekulieren.

Dabei stört den Börsenspekulanten nicht, daß das, worauf er spekuliert, er selber macht. Er muß nur dem, was er bewirkt, zuvorkommen. Dann sind die anderen reingefallen, weil sie auf der Wirkung sitzengeblieben sind, während er rechtzeitig abgesprungen ist.

Er hört das Gras wachsen. Mit Luchsaugen und Fledermausohren saust er zwischen seinesgleichen herum, um "Informationen" aufzuschnappen. Die gehen im wesentlichen darüber, wer wem was gesagt und sich dabei gedacht hat, was der wohl dabei denkt, weswegen er sich denkt, daß der dann... Wie gesagt, der Spekulant hält sich für einen schlauen Hund. Er glaubt nichts und weiß alles: Vom letzten Gewinnausweis und der bevorstehenden Ernte über die politische Lage, was andere von der politischen Lage halten, der Stand der Bohrungen vor der Küste von..., Gerüchte aus der Notenbank, wer diese Gerüchte ausgegeben hat, was der sich denkt, was man sich dabei denken soll, bis zur allgemeinen Stimmungslage an der Tokioter Börse listet er alles auf, wägt sorgfältig ab und zieht dann einen Schluß daraus, was die meisten wohl machen werden. Dann macht er mit oder auch ganz was anderes.

Er ist ein Gemütsmensch und riskiert auch mal was ins Blaue bzw. auf sein Gefühl hin. Dabei ist er vorsichtig, behauptet aber, da wäre er ganz waghalsig gewesen, was überhaupt die Seele vom Geschäft.

Manchmal gerät der Spekulant auch in Panik. Er hört von allen, das kann nicht länger gutgehen, und er hat sich auch schon sowas gedacht. Besonders, wie die politischen Instanzen dastehen und was sie verlautbaren, gibt ihm schwer zu denken. Damit es ihn nicht ganz furchtbar reinreißt, entfernt er sich rechtzeitig aus dem Geschäft. Wenn genug der Auffassung sind, gibt es eine Panik, und es passiert genau das, was sie befürchtet haben. Haufenweis werden Anrechtsscheine wertlos. Die Börse wird geschlossen, macht dann aber wieder auf.

Der Spekulant ist ein ziemlich dummer Hund. Er hat keine Ahnung, womit er eigentlich handelt. Die Dummheit ist berufsnotwendig, denn wenn er wüßte, daß die Grundlage seines Geschäfts die Mehrwertproduktion und der dafür gegebene Kredit ist, daß Gewinne sich nicht aus einem geschickten Einkaufstelefonat und einem noch geschickteren Verkaufstelefonat ergeben, dann würde er mit seiner Informationsauflistung und -abwägung furchtbar durcheinander kommen und alles verpatzen. Der alte Marx hat's ihnen vorgemacht.

Der Spekulant bekommt seinen Teil vom weltweiten Mehrwert, weil er eine nützliche Aufgabe erfüllt. Indem er in aller Welt Kurse, Zinsen, Preise und Tendenzen vergleicht, ist er die Speerspitze der Kapitalbewegung, der Pfadfinder des Sphärenwechsels. Er ist der Schwanz, der mit dem Kredit wedelt. Das ist gerecht, denn wie wüßte der sonst, wo er hin muß.