DIE ÖKOLOGIE WIRD EINE STAATSWISSENSCHAFT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1982 erschienen.
Systematik: 

"Global 2000 - Bericht an den Präsidenten"
DIE ÖKOLOGIE WIRD EINE STAATSWISSENSCHAFT

Wie kommt es, daß eine offizielle Regierungsschwarte aus den USA, erstellt im Auftrag des Präsidenten unter Mitarbeit zahlreicher US-Behörden inklusive der CIA nicht nur zum Bestseller in der BRD und Westberlin, sondern auch zum Pflichtexemplar aller fortschrittlichen Bücherschränke geworden ist? Von den gängigen Umweltvernichtungsszenarios unterscheidet sich "Global 2000" seinem Inhalt nach allein durch die immense Quantität der zwischen zwei Buchdeckeln zusammengetragenen Tabellen, Diagramme, Statistiken und farbigen Weltkarten. Der Witz des Schmökers liegt darin, daß hier alle gängigen Argumente der Öko-Bewegung zu einem Dokument der amerikanischeri Regierung geworden sind, womit die grüne Ideologie durch die Weltmacht Nr. 1 sich bestätigen lassen kann, daß ihre Probleme auch von der großen Politik zur Kenntnis genommen werden.

Die neue, amtliche Umweltstudie: Meere verseucht, Säureregen, Trinkwasser geht aus, Luft wird knapp. 20 DM bei Zweitausendeins.

Ökologie global

Was "Global 2000" in seinem "technischen Bericht" und den ihm entnommenen Schlußfolgerungen zu bieten hat, ist in allen Ausführungen über Bevölkerung, Ressourcen, Energie, Umwelt etc. nichts anderes als eine erschöpfende Zusammenschau aller Ideologien und Brutalitäten, die man erwarten kann, wenn vom ökologischen Standpunkt aus der Menschheit eine katastrophale Zukunft hochgerechnet wird:

"Wenn sich die gegenwärtigen Entwicklungstrends fortsetzen, wird die Welt im Jahr 2000 noch übervölkerter, verschmutzter, ökologisch noch weniger stabil und für Störungen anfälliger sein als die Welt, in der wir heute leben." (S. 25. Wie alle folgenden Zitate aus "Global 2000")

Wenn also Überbevölkerung und Schadstoffemission weiter zunehmen (so lauten die besagten Trends), dann steigen sie, so lautet der tautologische Befund der gesammelten US-Intelligenz. Das ist nicht einmal originell, sondern der schon traditionelle Fehler solcher futurologischen Prophezeiungen: Die Produktivkräfte auf der Welt werden auf ihre negativ bestimmten Wirkungen hin sortiert, quantifiziert und hochgerechnet mit der Prämisse, sie würden sich genauso, eventuell beschleunigt und verlangsamt, weiterentwickeln, um dann das Chaos auszumalen. Die totale Abstraktion von den politischen und ökonomischen Verhältnissen, wegen derer und innerhalb derer emissioniert, bevölkerungsgewachst und massengehungert wird, läßt natürlich jedes Interesse weg, dessentwegen Natur und Mensch kaputtgemacht werden. So können auch die negativen Folgen zum "Überlebensproblem" der Menschheit gemacht werden, obwohl es doch ohne weiteres einsehbar ist, wer z.B. Atomreaktoren aus seinem wohlverstandenen Interesse heraus will, sich um Schäden für andere dabei einen Dreck schert und ihm diese auch ziemlich egal sein können. Dieses elegante Hinweggehen über den kleinen Unterschied von Verursachern und Betroffenen, die in aller Regel nicht personalidentisch sind, eröffnet dann die Perspektive aller Weltuntergangsszenarios, daß nämlich "wir alle" als Schicksalsgem einschaft dastehen, die dazu aufgerufen ist, das Schlimmste zu verhüten.

Das führt dann zu brutalen Schuldzuweisungen, daß z.B. viele Menschen eine "Überbevölkerung" sind und sich mit ihrer "Konsumtion" gerade überzählig machen und das Verhängnis vorantreiben. Die Analysen und Prognosen des Getreideverbrauchs pro Kopf für die verschiedenen Regionen der Welt, die mit Hunderten von Millionen Hungertoter jonglieren, offenbaren die Brutalität solcher Begriffslosigkeit recht eindeutig. Ganz so als ginge es um Subsistenzwirtschaft, werden Boden und Erträge durch Menschenanzahl dividiert.

"In den frühen 70er Jahren ernährte ein Hektar durchschnittlich 2,6 Personen, im Jahre 2000 wird ein Hektar 4 Personen ernähren müssen." (S. 51)

Eine recht eigentümliche Rechnungsweise erlauben sich diese Experten des Welthungers. Wo die Umwandlung aller möglichen Weltgegenden in Zulieferbetriebe für westliches Kapital stattgefunden hat, und das Resultat dieser eigentümlichen ursprünglichen Akkumulation die Zerstörung der ehemals vorherrschenden Subsistenzwirtschaft gewesen ist, erlaubt man sich den wissenschaftlichen Luxus, die Welt als mehr oder weniger ertragreiche Kornkammer für unnütze Mäuler zu betrachten. Wenn die modernen Souveräne der "unterentwickelten Regionen" Land und Leute als Mittel ihrer Selbstbehauptung als Staaten begutachten, um über den Export von mineralischen oder agrarischen Rohstoffen an den Reichtum zu kommen, ohne den auch eine 'Bananenrepublik' keinen Bestand hat, dann hat das eben nichts zu tun mit dem Standpunkt der Versorgung der Bevölkerung. Daß aus diesem Grund gerade die beklagten Monokulturen, der Raubbau an Wäldern und die Verweisung des unbrauchbaren Teils des eigenen Volkes auf die schlechtesten Böden, mit den Folgen der Überweidung, Grundwasserabsenkung usw. ins Werk gesetzt werden, kümmert die Verfasser einer ökologischen Schwarte recht wenig. Mit der Tautologie der "dort herrschenden Armut" hat man sich den Gegenstand geschaffen, den man prognostizieren will, was halt gerade das Gegenteil davon ist, Gründe und Verlaufsformen der Verhältnisse in der "Dritten Welt" zu klären.

Globale Schicksalsgemeinschaft...

Gemäß dieser Vorgehensweise werden Wirkungen imperialistischer Weltherrschaft als quasi naturgegeben eingeführt, auf ihre Entwicklungstrends hin begutachtet und methodisch kontrolliert hochgerechnet.

Wenn den für unbrauchbar erklärten Massen die Alternative bleibt, entweder auf den schlechtesten Böden zu verhungern oder in den Slums der Städte ein Weilchen dahinzusiechen, dann entdeckt "Global 2000" den bedenklichen Trend der Landbevölkerung die "städtischen 'Agglomerationen in Entwicklungsländern" voranzutreiben.

"Das rasche Städtewachstum wird für die Abwasserbeseitigung, die Wasserversorgung, die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wohnraum und Arbeitsplätzen enorme Probleme aufwerfen." (S. 45)

Es gehört schon eine gehörige Portion Arroganz zu solch einer Betrachtungsweise, als wären die Slums für die Versorgung der Leute mit dem Lebensnotwendigsten da. Mit den "Problemen" wird ja nichts anderes gesagt, als daß die Slumbewohner allenfalls als Störenfriede betrachtet und demgemäß hehandelt werden. Da gibt es natürlich das Energieproblem und die daraus resultierenden 'Belastungen der Umwelt'. Ohne sich einen Furz darum zu kümmern, wie denn der schöne Energiemarkt aussieht, daß es sich bei Öl, Kohle, Uran und anderen "Energieträgern" um Geschäftsmittel erster Klasse handelt, wird der Energieverbrauch hochgerechnet und schon ist der schönste Nachfrageüberhang da, auf daß die

"Öl-Anbieter" nicht mehr nachkommen und "Ende der 80er Jahre Angebotsengpässe erleiden. Die Kapazität der Erdölproduktion wächst nicht so schnell wie die Nachfrage." (S. 387)

Wie solche "Angebotsengpässe" von den "sieben Schwestern" gemanaget werden, sollte eigentlich seit den "Ölkrisen" bekannt sein.

Umgekehrt werden die Emmissionen, die man von der, Energiewirtschaft erwartet, hochgerechnet. Dabei wird wieder wie selbstverständlich davon ausgegangen, daß jede Menge Kohlen- und Schwefeloxide, Staubteilchen und sonstiger Dreck halt in die Luft geblasen wird, und das in steigendem Maße. Über die Kalkulation mit Grenzwerten und Filteranlagen, die Staat und Energiewirtschaft anstellen, ist diese Studie erhaben. In ihr gilt es ja, bedenkliche Entwicklungen offenzulegen, die über die Menschheit hereinbrechen, wenn "nicht bald etwas geschieht".

Ob Süßwasser, Metalle, Energie, Umwelt oder gar genetische Ressourcen, alles wird möglichst pro Kopf und in Graphiken zusammengestellt, um "Grenzen des Verbrauchs" sichtbar zu machen. Mit dieser Tour wird noch ein jeder ein Verbraucher knapper Ressourcen, und jeder Ruhrkumpel oder Amazonasindio wird dingfest gemacht für die versaute Zukunft der Menschheit. Da wird die Welt unterteilt in arme und reiche Länder und Kontinente, wobei mit der Fiktion des für den Konsum der Massen zur Verfügung stehenden Reichtums - am Bruttosozialprodukt pro Kopf - vorgenommen wird.

Da werden regionale Prognosen für Wasser, Wald, nichtenergetische Mineralien aufgemacht, womit neben dem allgegenwärtigen pro-Kopf-Verbraucher, den für ihm zuständigen Herrscher unvernünftiges Handeln vorgeworfen wird, was ja wohl vor allem darin besteht, die umweltzerstörenden, ressourcenverbrauchenden, Wald als Brennholz verheizenden und vor allem sich rasend vermehrenden einheimischen Massen nicht ordentlich an ihrem frevelhaften Tun zu hindern.

...der Naturverbraucher

Was der Imperialismus bei der Unterordnung des Globus und der damit einhergehenden Sortierung von Land und Leuten nach nützlichen und unbrauchbaren Gebieten und Völkern zustande gebracht hat, erscheint hier gemäß dem ökologischen Dogma als Wirkung des Menschen auf Umwelt und Ressourcen. Weil sich "Global 2000" ebenso wie frühere Szenarien dem Thema der begrenzten Brauchbarkeit des Planeten Erde für die Menschheit widmet, oder wie es so schön heißt, wie "die Belastbarkeit der Erde zu erhalten" sei, sind die, die die beklagten Eingriffe ins Werk setzen aus dem Schneider. Eine Anklage der Politik kommt so stets nur als Appell an diese heraus, sich doch das ökologische Anliegen zu Herzen zu nehmen. Und in der Tat ist mit "Global 2000" ein neues Verhältnis von Politik und Ökologie eingerissen, handelt es sich bei der Studie doch um einen Regierungsauftrag. Dem Idealismus der Autoren, der den Zweck von Regierung im Verhindern unerwunschter Wirkungen der ihnen untergebenden Gesellschaften erblickt, ist freier Lauf gelassen.

"Dieses Land (die USA) muß der genauen Überprüfung seiner Außen- und Innenpolitik im Hinblick auf die Probleme der Bevölkerung, der Ressourcen und der Umwelt Vorrang einräumen. Die Vereinigten Staaten, die stärkste Wirtschaftsmacht der Erde, können davon ausgehen, daß ihre Politik einen bedeutenden Einfluß auf die weltweiten Entwicklungstrends hat." (S. 31)

Während es für die Auftraggeber der Studie schlicht darum ging, sich vorführen zu lassen, womit die USA alles zu rechnen haben, wenn man als Weltmacht Nr. 1 auf der Erde herumfuhrwerkt, kommen die beauftragten Ökowissenschaftler, die endlich ihr negatives Verhältnis zur herrschenden Politik aufgeben wollen, darauf, gleich noch auf die Wucht ihres "America" zu setzen.

Kritischer Öko-Imperialismus

Mit Genugtuung dürfen sie feststellen, daß ihre Pseudowissenschaft, die Ökologie von der US-Regierung als software zur Lösung aller Weltprobleme anerkannt und gekauft worden ist. Dafür revanchieren sie sich mit dem Kompliment an die Politikmacher, sie seien die Subjekte, die die"Lösungen" in Angriff zu nehmen haben. Zugleich sichern sie ihre eigene Unentbehrlichkeit als Diagnostiker der ökologischen Weltlage als weiteres Ergebnis ihrer Studie ab:

"Die US-Regierung benötigt eine Instanz zu kontinuierlichen Überprüfung der Vorannahmen und Methoden von denen die Bundesbehörden in ihren Prognosen ausgehen." (S. 32)

Die Ökologie schafft sich so ein Verhältnis zu ihrem politischen Auftraggeber, indem sie diesem bis zum St. Nimmerleinstag die Resultate seiner Herrschaft als Warnung verbrämt bis auf drei Stellen hinter'm Komma prognostisch hochrechnet.

Für den deutschen kritischen Leser und die hiesige grüne Politik ergeben sich hier noch die letzten Bedenken gegen "Global 2000": Man hätte sich etwas mehr Distanz zur offiziellen Politik gewünscht, weil man sich doch als oppositionelle Umweltpolitik zur offiziellen, zumal der US-Öko-Politik profilieren möchte. Zumal der Zusatzband "Global Future - Time of Act" ganz offen die Bedeutung der Untersuchung dadurch der US-Regierung veranschaulichen will, daß er die Ziele ökologischer Politik umstandslos mit den Interessen der Weltmacht Nr. 1 auf dem Globus zusammenfallen läßt:

"Schon heute wird die politische und wirtschaftliche Sicherheit der Vereinigten Staaten von den globalen Ressourcen-, Umwelt- und Bevölkerungsproblemen stärker beeinflußt als man gemeinhin annimmt." (Global Future, S. XIII)

Wenn also die Ökologie sich dazu emporgearbeitet hat, ihr Anliegen im nationalen Interesse aufgehoben zu sehen, dann stört das den hiesigen Konsumenten solcher Traktate erst einmal gar nicht, vielmehr gilt "Global 2000" als Beleg für eine längst fällige Anerkennung des Ökogedankens. Daß es nichts Gutes heißt, der US-Regierung oder der hiesigen aus guten Gründen wie Frieden, Stabilität, Ressourcenerhaltung die Übernahme des ökogedankengutes anzuempfehlen, kommt dem nicht in den Sinn, der auch noch Stolz ist auf die Hoffähigkeit seines Anliegens. Ohne auch nur ein Wort verlieren zu müssen über die US-Interessen, wird das 'Postitive' der ganzen Studie festgehalten.

"Global 2000 ist eine amerikanische Studie, aber fast jeder Bereich zeigt unsere eigene Problematik: UNSER Wasser ist verseucht, UNSERE Wälder sterben, UNSERE Nahrung ist vergiftet, UNSERE Luft ist verschmutzt." (Vorwort des Verlages zum Abdruck von "Global Future")

Mit dem großgeschriebenen WIR ist mehr als bloß die eigene Verantwortlichkeit für die Menschheit beschworen, nämlich auch die fällige Beachtung durch die bundesdeutsche Politik. "Global 2000" ist also ein wichtiger Beitrag für die hiesige Ökobewegung, ist es ihr doch möglich, offizielle Anerkennung zu reklamieren und zu erhalten, auch wenn diese in nichts anderem besteht, als daß Bundestagsfraktionen die Studie interessiert zur Kenntnis nehmen, Kernkraftwerke nicht mehr ohne den Verweis auf "vernünftige Umweltpolitik" in Betrieb genommen werden und nicht einmal Rudi Carell in seiner Tagesshow ohne Kalauer zum Umweltschutz auskommt.

Daß auf diese Weise der Unterschied zwischen "Verursachern" und "Betroffenen" endgültig zum Verschwinden gebracht wird, bringt der deutsche Herausgeber von "Global 2000" in Reinkultur auf den Begriff:

"Wir hoffen, daß die Politiker und jede(r) einzelne die Kraft finden, unsere Umwelt zu retten." (Vorwort des Verlages zu "Global Future")