DICHTUNG UND WAHRHEIT ÜBER DEN UNAUFHALTSAMEN AUFSTIEG EINES WESTLICH BEGLAUBIGTEN NONKONFORMISTEN ZUM PRÄSIDENTEN ALLER SCHWEJKS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1990 erschienen.
Systematik: 

Vaclav Havel
DICHTUNG UND WAHRHEIT ÜBER DEN UNAUFHALTSAMEN AUFSTIEG EINES WESTLICH BEGLAUBIGTEN NONKONFORMISTEN ZUM PRÄSIDENTEN ALLER SCHWEJKS

Am 29.12.1989 geschah "das Undenkbare" (Kohl). Vaclav Havel, der "gestern noch im Gefangnis saß", wurde in der ersten demokratiscnea Wahl als einziger Kandidat zum Präsideatea aller Tschechen und Slowaken gewählt.

Warum die Wahl ausgerechnet auf ihn fiel, ist schnell gesagt. Gesucht war der Mann, der glaubwürdigst den neuen Nationalismus verkörpert und mit dem alten System garantiert nichts zu schaffen hatte. Und weil Dubcek "damals den Monopolanspruch der KP nicht in Frage gestellt hatte" (Havel im "Stern", 11.1.), symbolisiert Havel als Verfolgter des "Unrechtsregimes" am schönsten die Ernsthaftigkeit der Abkehr von den alten Herrschaftsprinzipien. Also beschloß das Parlament vor der Wahl kurzerhand, daß nur ein "Tscheche" für das höchste Staatsamt in Frage käme, und fand den Slowaken Dubcek mit dem Amt des Parlamentspräsidenten ab. Soweit die Wahrheit. -

Doch geziemt es der Würde des Präsidenten, daß sich allerlei Legenden um sein Haupt und den Umstand ranken, warum Amt und Person zueinanderfinden mußten. Dichter und Dissident! - also die exquisitesten Leistungen verbürgen, daß hier endlich einmal einer den obersten Staatsposten der CSSR verdient hat.

Wahrheitsfreund

soll Havel sein. Er hat nämlich gedichtet. Auch im Gefängnis noch. Das ehrt ihn, weil er sich so "selbst treu geblieben" ist.

Und was hat die Sturheit, sich einer Marotte, auf die man mal verfallen ist, unter allen Umständen zu verschreiben, mit der Wahrheit zu tun? Unser Dichter sieht die Sache so:

"... ohne jenes plötzliche Gefühl, daß man nicht länger warten kann und daß man gemeinsam und laut die Wahrheit sagen muß, kann man sich die Entstehung der 'Charta 77' gar nicht vorstellen... unbekannte junge Leute, die nichts anderes wollten, als in der Wahrheit zu leben: die Musik zu spielen, die sie mochten, darüber singen, womit sie wirklich leben, sie wollten frei, würdig und brüderlich leben... Die Freiheit der Rockmusik wurde als Freiheit des Menschen begriffen, also auch als Freiheit der philosophischen und politischen Reflexion, als Freiheit der Literatur, als Freiheit, die unterschiedlichsten sozialen und politischen Belange der Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen und zu verteidigen." (Vaclav Havel: Versuch, in der Wahrheit zu leben, Hamburg 1989, S. 35 ff; alle folgenden Zitate hieraus)

Wahrheit ist demnach, wenn sie heraus muß und man tun und sagen kann, was man will. Auf die existentielle Ebene "menschlicher Freiheit" gehoben, verleiht dieses Bekenntnis zur Willkür jedem Mist die Aura von "Würde" und "Wahrhaftigkeit": egal, welche Belange da wie zum "Ausdruck gebracht" wurden - hier war ein ICH am Werk! Ein "Wahrheitsfreund " ist also in die Vorstellung verliebt, Wahrheit sei dasselbe wie die Charakterfestigkeit, jede Laune unbeirrt auszuleben. Warum dichtet er aber dann nicht einfach drauf los, sondern nervt den Leser mit seiner Sehnsucht nach "frei geschriebenen Gedichten" (44)? Wie kommt es, daß ihm "in der Freiheit" auch wieder nichts anderes eingefallen ist als "in der Unfreiheit" - wo ihm die Kommunisten übrigens nie das Dichten verboten haben -: ganzer Mensch und echter Dichter möchte er sein können wollen? Offensichtlich macht ihm mehr als die Poesie der Umstand Freude, daß er seinen Entschluß zu diesem Metier auch tatsächlich genehmigt bekommt: Freiheit ist, wenn man darf ... Also Ehre all denen, die einem Dichter die frlaubnis zu dichten erteilen: dem Dichter, der gar nicht(s) anders kann, und dann - ein wenig allgemeiner "begriffen" - der Freiheit, an der die Möglichkeit besticht, sie zu nutzen.

Aufrecht und ichstark war unser Dichter nach eigenen Auskünften also von Haus aus Dissident, obwohl er das Wort nicht mag und folgendes darunter zu verstehen wünscht:

"Die 'Dissidenten' fühlen sich nicht als Abtrünnige, Treulose, weil sie nämlich niemandem untreu geworden sind, eher umgekehrt: Sie sind sich selbst mehr treu geworden." (48)

So im Selbstwertgefühl gesteigert, hat er sich den Ruf verschafft,

Feind jeglicher Anpassung

zu sein. Dabei hat er schon wieder nichts weiter getan, als zu dichten. Und zwar über seine "existentielle Problematik". Wenn er über die nicht redet, verpackt er sie in seine Stücke:

"'Largo Desolato'- die Tragödie des Intellektuellen, den sein Wahrheitsbedürfnis in Opposition zum totalitären Regime bringt... ist Vaclav Havels eigene Tragödie." (NZZ)

Neben dieser seiner Lieblingsfigur des Dissidenten nimmt er den Rest der Menschheit durchaus noch zur Kenntnis - allerdings als Abweichung von und minder gelungene Ausgabe der Spezies des Menschen, die im freien Dichter, Rockmusiker etc. zu ihrer höchsten Vollendung gefunden hat. Auf die Publikumsbeschimpfung versteht er sich also. Den

Vorwurf des Opportunismus

kann er Gemüsehändlern und anderen Mitläufern nicht ersparen:

"Ein Leiter eines Gemüseladens placierte im Schaufenster zwischen Zwiebeln und Möhren das Spruchband 'Proletarier aller Länder, vereinigt euch!' Warum hat er das getan? Was wollte er der Welt damit mitteilen? Ist er wirklich persönlich so für die Idee der Vereinigung der Proletarier aller Länder begeistert?... Er hat es deshalb getan, weil es 'dazu gehört', wenn man im Leben durchkommen will. ... Würde man dem Gemüsehändler befehlen, die Parole 'Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam' in das Schaufenster zu stellen..., würde er sich wahrscheinlich weigern, eine so unzweideutige Nachricht über seine Erniedrigung im Schaufenster auszustellen." (14 f.)

Das Mitmachen ist also eine Frage der Gesinnung bei einer Veranstaltung, die sich ebenfalls nur um jene dreht. Machthaber und Untertanen - "unfrei sind freilich beide" (25) eint ein "niederes Motiv" (15). Lassen sich die einen aus Feigheit was vormachen, so lügen die anderen, um ihre Machtgier, ihren Spaß am "Erniedrigen" ihrer Mitmenschen zu verheimlichen. So steht Anpassung in einer Reihe mit "Existenzverfall und Verflachung" (15).

Und das soll die Antwort auf die Frage sein, warum die Menschen mitmachen? Mitläufertum läßt sich ein gebildeter Mensch eben nicht nachsagen. Um so lieber sagt er's anderen nach. Dann spricht das "unzweideutige" Wort bereits Bände gegen den damit anrüchig gemachten Umstand. Das Verhalten richtet sich in seiner Verwerflichkeit selbst, und haftbar zu machen dafür ist, wer sich so gehen läßt. Es gibt eben Mitläufernaturen.

Die Tautologie ist kein Wunder. Die Verhältnisse, an die sich jemand anpaßt und die seinem Willen zum Sichdurchschlagen vorausgesetzt sind, kommen in diesem Zirkel politischer Psychologie nicht zur Sprache. Ob Sozialismus oder Kapitalismus - all das ist "Ideologie" und ein "Zeichen", nur dazu erfunden, daß sich die Menschheit ihre "Uneigentlichkeit" nicht eingesteht. Ebensowenig interessiert, welchen Schaden der aus "Angst" begründete Opportunismus eigentlich anrichtet außer den verheerenden menschlichen Charakterdeformationen.

Für Havel sind Opportunisten solche, bei denen der höhere Zweck im Leben verkümmert, weil sie sich bloß um den Erfolg, die Karriere und den Konsum kümmern. Mit dieser elitären Heuchelei, die am restlichen Volk das eigene Markenzeichen einer echten "Ientität" vermißt, hat Havel den "aufrechten Gang" propagiert und dem Volk lauter Ehrenfragen nahegelegt. Das Verhältnis zum Staat geht für ihn auf in der Alternative zwischen Anpassung und Würde.

Letztere entdeckt er dann aber auch an Mitmenschen, die sich dazu entschließen, "etwas" zu vertreten, sich einer "eigenen Sache" zu verschreiben.

Opportunismus - auch ein Kompliment

So kommen wir in den Genuß der Geschichte von seinem zwischenzeitigen Chef, dem Brauereimeister, der "nichts als die Absicht hatte", "seine Arbeit gut zu machen" (54), und aufgrund dieses "inneren Verantwortungsgefühls" zum "Dissidenten der Ostböhmischen Brauereien" wurde:

"Er verbrachte seine ganze Zeit in der Brauerei, dachte sich dauernd irgendwelche Verbesserungen aus, quälte uns, indem er annahm, daß wir alle das Bierbrauen so lieben wie er. Man kann sich inmitten des sozialistischen Schlendrians kaum einen Menschen vorstellen, der eine konstruktivere Einstellung zur Arbeit gehabt hätte als Sch. ... Seine Stimme hätte erhört werden können: Der politisch mächtige, des Bierbrauens jedoch unkundige, der intrigierende und die Arbeit verachtende Direktor hätte ausgewechselt werden können... Leider kam es umgekehrt: ... Die Analyse von Sch. wurde als 'Schmähschrift' bezeichnet, Sch. zum politischen Schädling gestempelt." (53)

Gerade aus schlechten Bedingungen hat dieser Mann den Schluß gezogen, daß es auf ihn und seinen Einsatz ankommt. Das ehrt ihn - in den Augen des Dichters wird aus dem Liebhaber der eigenen Arbeit und der Pflichterfüllung, zu der er auch andere anhält, ein potentieller Umstürzler. Nach der Parole: Es kann der Bravste nicht in Frieden leben, wenn das böse System ihn nicht läßt - wird dem Pilsexperten aufgrund der Tatsache, daß höheren Orts seine konstruktiven Leistungen nicht honoriert werden, sein Wille zum Mitmachen zum "inneren Verantwortungsgefühl" veredelt und damit als Systemgegnerschaft attestiert.

Das Mitmachen oder Nicht-Mitmachen hat also überhaupt nichts damit zu tun, ob man den an einen gestellten Anforderungen nachkommt oder sich ihnen in irgendeiner Weise verweigert. Auch wer hübsch ordentlich tut, was von ihm erwartet wird, wird "sich treu bleiben" - es soll ja Leute mit einem Hang zur Pflichterfüllung geben. Am tatsächlichen Mitmachen entscheidet sich die Frage "wahrer Unabhängigkeit" für Havel demnach nicht. Wenn er schließlich positiv wird und eine Welt nach seinem Bilde entwirft -

"...radikale Erneuerung der authentischen Beziehung des Menschen zu dem, was ich 'menschliche Ordnung' nannte (und was durch keine politische Ordnung ersetzt werden kann). Die neue Erfahrung des Seins; die Erneuerung der Verankerung im Universum; die neu ergriffene 'höhere Verantwortung'... - dies ist offenbar die Richtung, um die es geht." (87) -,

stellt sich endgültig die Frage, in welchem Lande dieser Mann eigentlich lebt. Eine Auseinandersetzung mit dem "Realen Sozialismus", in dessen Gefängnis Havel schließlich gesessen hat, ist dieser dichterischen Utopie jedenfalls nicht anzumerken. Dennoch wollen ihm nicht wenige eine

Systemkritik

abgelauscht haben. An den praktischen Verhältnissen, die der sozialistische Staat eingerichtet hat, will Havel immer nur eine "Ersatzreligion" bemerkt haben, die "dem Menschen eine fertige Antwort auf jede Frage bietet" ( 11 ). Und da hat er den relativ vorläufigen Verdacht, daß so "dem Menschen", so er nicht Havel heißt, der "eigene Verstand, sein Gewissen und seine Verantwortung" (12) ab- und weggenommen wird. Kurzum, ein "Leben in Wahrheit" ist in diesem System der "Heuchelei und Lüge" (17) nur wenigen Auserwählten möglich. Erklären kann er sich ein System, in dem und in das sich alle wechselseitig "verwickeln und versklaven" (24), nur mit einer typisch menschlichen Tragik. Reicht man diesem System den kleinen Finger und läßt sich auf seine Sinnangebote ein, ist man als dessen Bestandteil von ihm nicht mehr zu unterscheiden:

"Er muß die Lüge nicht akzeptieren. Es reicht, daß er das Leben mit ihr und in ihr akzeptiert. Schon damit nämlich bestätigt er das System, erfüllt es, macht es - r ist das System." (18; Hervorhebung durch Havel)

Diese dramatische Steigerung macht das System aber kein bißchen menschlich. Ein unerbittlicher Beobachter hat nämlich jetzt die Nase voll. Ihm "reicht es". Schluß mit der Logik und allen verständnisvollen Haarspaltereien. Wer sich anpaßt, der unterwirft sich nicht unter ein System, sondern beweist seine Identität mit ihm, wofür er gestraft gehört - und dafür durch die Behauptung, der Mensch strafe sich selbst mit der Schaffung des Systems. Mensch, ohne Identität, weil identisch mit System wird zur bekannten Nummer und grauen Maus:

"Der Mensch hat ein Selbstzwecksystem geschaffen..., ein System, durch das er sich selbst seiner eigenen Identität beraubt." (25)

"Moderner Sokrates"

also wegen seiner Kritik verfolgt worden soll er sein, der Havel. Ungefähr so: Kritik, die Wahrheit auf ihrer Seite, bringt System, welches Wahrheit nicht verträgt, ins Wanken, so daß es jede Form der abweichenden Meinung ins Gefängnis verfrachtet. So lautet das Gerücht, das sich nicht lange dabei aufhält, wer da wem wie und aus welchen Gründen die Gegnerschaft erklärt hat - die Fronten sind schließlich klar, und gut und böse auch. Kein Wort davon, daß Havels "fundamentale Systemkritik" kein wahres Wort über den Realen", geschweige denn den Sozialismus verlauten läßt, weil der gar nie das Thema ist; daß sein "Dissidententum eine bestimmte existentielle Einstellung" (49) ist und mit der Gesellschaft, in der er lebt, nur insofern etwas zu tun hat, als er den Wunsch, nach seiner Facon selig zu werden, nur bei sich verspürt, ihn aber in der Gesellschaft, von der er das Recht zum freien Abheben unbedingt erteilt haben möchte, vermißt; daß Havel "Opposition" überhaupt nicht ausstehen kann, weil ein echter Mensch in sich ruht und sich auf nichts als sich selbst bezieht:

"Der Begriff Opposition hat etwas Negatives in sich - wer sich so definiert, definiert sich so in bezug auf irgendeine Position; er bezieht sich ausdrücklich auf die gesellschaftliche Macht, definiert sich selbst durch diese, leitet seine eigene Position erst von der ihren ab. Für Leute, die sich einfach entschlossen haben, in Wahrheit zu leben,... wäre es unangenehm, sich selbst vor allem als diejenigen zu begreifen, die gegen das und das sind, und nicht einfach als diejenigen, die das sind, was sie sind." (46)

Andererseits kein Wort darüber, was das "System" an Havel gestört hat und was nicht, welche Kritik im "Realen Sozialismus" erlaubt war und welche nicht. Die Kommunisten des "Prager Vorfrühlings" haben an den dichterischen Ergüssen des guten Vaclav so lange keinen Anstoß genommen und ihn auch seine ersten Stücke in Prag uraufführen lassen, bis Havel als Unterzeichner der "Charta 77" in Erscheinung trat. Mit seiner Forderung des Menschenrechts, sich seinen eigenen Vers auf die Verhältnisse machen zu dürfen, wurde er der Führung lästig; nicht, weil dort keine Kritik erlaubt war - konstruktive Kritik war auch im Ostblock allzeit gern gesehen. Sondern weil für diese Art des Mitmachens dort kein Platz war. Die realen Sozialisten haben nicht nur die Dienste des verehrten Volks beansprucht, sondern dem Volk damit stets einen Dienst erweisen wollen. Weil die ständige Feier der Herrschaft als Segen für alle Tschechen und Slowaken die Staatsdoktrin war, wurde das Meinen, ob das Paradies geglückt sei, auch nicht den einzelnen überantwortet: Jeder sollte sich zu der Auffassung vorarbeiten, er habe es mit seinem Staat gut getroffen. So war Havels Dissidentenstatus vor allem das Werk des wahrgemachten revisionistischen Ideals vom Sozialismus: Wegen der Glaubwürdigkeit waren nicht einmal poetisch-philosophische Zweifel an der behaupteten Einheit von Staat und Volk zugelassen.

Revolutionär

war Havel auch noch. Genie und Größenwahn liegen ja nicht selten nahe beieinander.

"Ein Gespenst geht um in Osteuropa, ein Gespenst, das man im Westen 'Dissidententum' nennt." (9)

Zwar haben auch in der CSSR allenfalls die Intellektuellen seine Stücke und Essays gekannt. Aber die Behauptung, daß man nichts zu verändern brauche als sein Selbst und schon erbebten sämtliche in der Nähe befindlichen Systeme, hat tschechoslowakische Menschen schwer beeindrückt, die Havel dafür zujubelten. Auch wenn jeder seinen Dienst an seinem Platz getan hat, mit seiner Einstellung - dieser "explosiven und unberechenbaren politischen Macht des 'Lebens in Wahrheit'" (29) - hat er das System als Papiertiger entlarvt, und das hat sich anscheinend davon erschüttern lassen. Die Verkündung der ungeheuer destruktiven Wirkungen der Anpassung bei innerem Dissens hat aber - ebenso wie alle anderen fabelhaften Eigenschaften des neuen Präsidenten - kaum eine Rolle dabei gespielt, als er zur

Symbolfigur des Widerstands

ausgerufen wurde. Sicher ist das Volk nicht aufgrund der revolutionären Vaclav-Havel-Ideen auf die Staße gegangen, und es hat sich Havel als Symbol der wahren Tschechei auch nicht ausgesucht, sondern die zuständigen Stellen haben dem Volk die zu ihm passende Integrationsfigur verpaßt. Um sich von ihm vertreten zu fühlen, muß das Volk nur eines wissen: Dieser Mann ist verfolgt worden. Dann allerdings ergeben sich zwingend und ganz ohne die Lektüre seiner Meisterwerke all die Rückschlüsse auf seinen untadeligen Charakter, mit dem er den Machthabern des "Lügensystems" widerstand und aufgrund dessen sie ihn verfolgen mußten: aufrecht und unbeugsam, besonnen und unbeirrbar in seiner Kritik - denn der Gerechte muß viel leiden.

Glücklich das Volk, das so ein schönes Symbol hat und nichts weiter braucht, um sich schon wieder alles gefallen zu lassen. Lauter integre Persönlichkeiten, die nichts mit dem alten System am Hut hatten und eigentlich alle irgendwie von ihm verfolgt wurden, machen sich so in holder Eintracht vor, daß sie sich nicht schon wieder auf alles, was "die Lage" so mit sich bringt, einstellen. Als eine Mannschaft, die nie und nimmer irgendwo mitmachen würde, behaupten sie von sich, das "Unrechtsregime" mit ihrem Mut gekippt und das neue System selber aufgrund ihrer kühnen Widerständigkeit erstritten zu haben.

Mit Havel an der Spitze wird so den Tschechen und Slowaken der neue Kurs als ihr Werk verdolmetscht, weshalb sie sich Kritik daran schenken können. Und falls sie noch nicht begriffen haben sollten, haben sie ja einen Präsidenten, der ihnen sagt, was sie sich damit ihm und "unserer friedlichen Revolution" eingebrockt haben wollen.

Summa summarum: Ein Präsident

Die Befürchtungen vereinzelter westlicher Stimmen,

"Der Dichter und Oppositionelle Havel wird seine politische Befähigung erst beweisen müssen." (Presse),

können zerstreut werden. Dieser Mann hat ausgelernt! Er hat die Chance erhalten, sich garantiert treu zu bleiben. Er wird jede Gelegenheit ergreifen, seine unwidersprechlichen "Wahrheiten" unters Volk zu bringen und an ihm "die Macht des Wortes" zu testen. Skrupel hat er keine, die Wiedereingliederung der Tschechoslowakei in den Weltmarkt abzuwickeln und den Härten, die damit auf die Leute "zukommen", mit dem passenden "Ton" die Schärfe zu nehmen - Gemütsmensch, der er ist:

"Erhalten wir unserer friedlichen Revolution ihre Reinheit, Friedensliebe und ihren liebevollen sowie heiter-freundschaftlichen Ton. Bemühen wir uns um die Weiterentfaltung dieser Werte! Lassen wir nicht zu, daß irgend jemand auf irgendeine Art dieses wunderschöne Antlitz der friedlichen Revolution beschmutzt! Die Wahrheit und die Liebe müssen die Lüge und den Haß besiegen!" (Rede am Wenzelsplatz) Mit seinem "Glauben an Strukturen mit menschlichem Inhalt" wird er seinen Böhmen und Mähren mit gutem Beispiel vorangehen und noch in allen jetzt in der CSSR gültig gemachten Staatsnotwendigkeiten, auf die Havel weder als Philosoph noch als Dramatiker gekommen ist, die Möglichkeiten zur "Menschwerdung" aufspüren.