"Deutschland ist nicht zu verteidigen" (Dregger)

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1988 erschienen.
Systematik: 

Mit den Argumenten der Friedensbewegung in den USA: Dr. Dregger (CDU)
"Deutschland ist nicht zu verteidigen" (Dregger)

- JEDENFALLS NICHT IN DEUTSCHLAND. WO DENN DANN?

Die westdeutsche Friedensbewegung ist tot. Ihre einschlägigen Argumente leben derzeit  wieder auf. Dank Alfred Dregger, der mit ihnen in den USA hausieren ging. Entsprechend begeistert ist die kritische Presse eingestiegen: Jetzt habe sich sogar der schneidige "Rechtsaußen" und Häuptling der CDU/CSU-Fraktion von der "Phantasie" der Friedensbewegung anstecken lassen. (Frankfurter Rundschau, 5.5.88)

Hat vielleicht der Pazifismus bei unserer Frontstaat-Regierung Einzug gehalten? Oder wofür sind 'Einsichten' wie diese gut:

"Dieses dicht besiedelte Land kann atomar vernichtet, aber nicht verteidigt werden." (Alles O-Ton Dregger in Washington)

Soll das heißen: Ab sofort Schluß mit der Nuklearkriegsplanung - alle Atomwaffen raus aus Europa? Im Gegenteil:

"Wir erwarten daher von unseren Verbündeten, daß sie ihre atomaren Abschreckungswaffen - wenn irgend möglich - nicht gegen unser Land, sondern gegen das des potentiellen Angreifers richten."

Die Bundesrepublik zieht es vor, sich atomar "verteidigen" zu lassen, indem die Vernichtung beim Hauptfeind passiert. Westliche Atombomben gehören nach Moskau und Leningrad! Denn daß die Russen kommen, wenn "wir" sie nicht daran hindern, steht in Bonn außer Frage. Wozu bräuchten die sonst Panzer und Soldaten! Sie stehen ja jetzt schon "kurz vor Hamburg". Für die BRD und Dregger herrscht kein Frieden in Europa, solange nicht ihre Freiheit herrscht.

Dann aber kommt alles darauf an, wie "wir" hinterher dastehen:

"Das erklärt unsere Abneigung gegen atomare Kurzstreckensysteme, die in beide Richtungen nur von Deutschland nach Deutschland reichen und unsere noch größere Abneigung gegen atomare Artillerie."

Die Bundesrepublik besteht darauf, daß Deutschland ihr gehört und unter ihr vereinigt wird. Zwar ist der Osten noch beim Feind, aber nicht unser Feindesland. Zwar gehört er noch befreit, aber bitteschön als Zugewinn an schwarz-rot-goldener Macht, und - "wenn irgend möglich" - nicht als vereinigte strahlende Wüste. Diesen Anspruch macht Dregger geltend, wenn er - den Krieg antizipierend - den Amis mit der Parole kommt: 'Je größer die Reichweiten, desto lebendiger die Deutschen'.

"Wir lehnen es ab, für die wegfallenden Mittelstreckensysteme Ersatz im Kurzstreckenbereich zu schaffen."

Will der Mann für die Abschaffung auch der kurzen Raketen und gegen ihre "Modernisierung" plädieren? Im Gegenteil: Die Bundesrepublik besteht auf der Forderung, die wegfallenden Mittelstreckenraketen durch solche Atomwaffen zu ersetzen, die wie jene auf Moskau und Leningrad geschossen werden können. Die also eine direkte strategische Bedrohung der östlichen Hauptmacht garantieren. Und zwar von deutsch-europäischem "Boden" aus!

"Wir möchten vor allem wissen, ob und mit welchen Waffensystemen die USA bereit sind, nach Verschrottung der landgestützten Mittelstreckensysteme den Abschreckungsbereich durch luft- und seegestützte Systeme aufrecht zu erhalten."

Die Bundesrepublik leidet unter der doppelten Null-Lösung, mit der ausgerechnet ihr jüngst errungener Hauptkriegsschlager - die Pershing II und Cruise Missiles - dem Beweis der Möglichkeit rüstungsdiplomatischen Einvernehmens zwischen den feindlichen Supermächten geopfert wird. Die Dregger und Co stellen sich vor, es ist Krieg, und von ihrem Staat geht keine kriegsentscheidende Front aus. Das erfüllt sie mit Abneigung, und sie leiden darunter, daß sie selbst nicht über die Mittel verfügen, die entstandene atomare "Lücke" der Nation zu schließen. Also geht Dregger ins Pentagon und verlangt dort einen ehrlichen "Ausgleich" für den Diebstahl an "unseren" INF-Raketen, brüskiert damit die angeblich so bedrohliche Übermacht Sowjetunion - und stößt bei deren 'Vertragspartnern', den USA, auf offene Ohren. Die Presse meldet kurz darauf: "Amerikanische Atomsprengköpfe in die Tornados der Bundesluftwaffe" und/oder Zusage der Stationierung sonstiger luft- und seegestützter 'Abstandswaffen' in und um die kleine, dicht besiedelte BRD herum. Das wären vielleicht echte Ersatzoptionen, zumindest vorläufig.

Und was wird aus den Kurzstreckenraketen, die "wir" Deutsche doch nicht mögen?

"Solange der Risiko- und Abschreckungsverbund im Mittelstreckenbereich aufrecht erhalten bleibt, lehnen wir, die CDU/CSU, die dritte Null-Lösung ab..."

Verstanden?! Dregger ist "solange" gegen die Abschaffung der Kurzstreckenraketen und für eine "modernisierte Version der Lance", solange die vom INF-Abkommen befürchtete Mittelstrecken-"Lücke" im Kontinuum der NATO-Waffen nicht eintritt! Will Sagen: Die Bundesrepublik ist solange gegen die dritte Null-Lösung, wie sie gegen die erste und zweite ist. Die BRD lehnt die - längst laufende! - "Modernisierung" bei den Atomraketen im Kurzstreckenbereich ab, weil sie für atomare Aufrüstung in beiden Bereichen ist!

Doch Dregger, Alfred, ist nicht nur gegen jeden atomaren Krieg, in dem die BRD bloßes Opfer und nicht maßgeblicher (Mit-)Täter ist. Der Ex-Hauptmann des 2. Weltkriegs ist wirklich ein echter deutscher Patriot (geblieben). Auch einen konventionellen Krieg haßt er - abermals unter konstruktiver Verwendung der Vorstellung vom "Schlachtfeld Deutschland" (gez. Friedensbewegung) - zutiefst, wenn er an 1945 denkt:

"Auch einen nichtatomaren Krieg zu verhindern, ist deutsches Überlebensinteresse. Unser Land wäre Hauptkriegsschauplatz eines europäischen Krieges, was sich nicht nur aus der Tatsache seiner Teilung ergibt, sondern auch aus dem Umstand, daß der Osten ein offensive und der Westen eine defensive Militärstrategie verfolgt. Was es bedeutet, Hauptkriegsschauplatz zu sein, dazu haben wir im letzten Krieg einschlägige Erfahrungen gesammelt. Dresden war nicht weniger schlimm als Hiroshima."

Wird ein Patriot, der darunter leidet, daß die Veranstalternation des 2.Weltkrieges dessen Opfer wurde, also den Krieg verloren hat, darüber zum Feind des Krieges? Was lernt eine imperialistische Staatsgewalt, die den Kampf um die Weltherrschaft zweimal vergeigt hat, aus vergangenen Niederlagen? Etwa "Nie wieder Krieg"? Im Gegenteil. "Wir" Deutsche brauchen eine ganze NATO - und wozu:

"Dieser (Risiko- und Abschreckungs-) Verbund bedeutet, daß die Sowjetunion bei einem Angriff auf Deutschland nicht nur auf die bei uns stationierten konventionellen und atomaren Streitkräfte der USA, Kanadas und Europas treffen würde..., sondern auf eine Allianz, die... die geographische Distanz zwischen Europa und Nordamerika überbrückt,... die keine Zonen unterschiedlicher Sicherheit duldet, eine Allianz, die deshalb kein Mittel scheuen würde, um einen Angreifer zurückzuweisen, und zwar - was entscheidend ist - auf seinem eigenen Territorium mit vernichtenden Folgen für ihn selbst."

Die Bundesrepublik klagt das bedingungslose Eintreten der gesamten NATO-Kriegsmaschinerie für eine "defensive Militärstrategie" nach westdeutschem Geschmack bei ihrer Vormacht ein. Eine Strategie, welche Deutschland von Anfang an "vorne", d.h. auf dem Territorium der Sowjetunion "verteidigt". Und zwar bis zum Endsieg und ohne Rücksicht auf (eigene) Verluste. Die BRD leidet unter der Entscheidungsfreiheit der amerikanischen Kriegskalkulation, für welche Europa eine Front ist. Sie leidet unter der Entwertung dieser Front, ihrer schönen Raketenrepublik, im Gefolge des INF-Vertrags. Die Vorstellung, letztlich vielleicht doch bloß als Schlachtfeld für die Strategie und zum Nutzen eines anderen Nationalismus zu fungieren, macht Amerika für die BRD und Herrn Dregger verdächtig. Dieser Verdacht macht den staatsoffiziell gewordenen deutschen Antiamerikanismus aus, der insofern abermals den Sorgen der deutschen Friedensbewegung recht gibt. Die waren ja entsprechend:

"Wir Deutsche können nicht bereit sein, unser kleines und dicht besiedeltes Land für eine atomare Kriegführungsstrategie zur Verfügung zu stellen, die bei ihrer Verwirklichung unseren Untergang bedeuten würde." (Dregger)

Ein Antikriegsaufruf aus dem Munde Dreggers? Im Gegenteil. Hier spricht nicht die Scheu vor dem Krieg, sondern der Wille zum Sieg. Zu einer Führung des Krieges, damit er sich lohnt - nicht nur fürs Bündnis und die USA, sondern auch und speziell für die Rechnung der (west-) deutschen Nation. Alfred Dregger kämpft für den sichersten Weg, den deutschen Erfolg zu programmieren. Dieser Weg heißt Aufrüstung hier: an allen Fronten!

Das ist also der "Schluß", den Staatsmänner wie Dregger aus den einschlägigen Warnungen der heimatbewußten Friedensbewegten ziehen. Fragt sich nur: Spricht das nun für Dregger oder - entschieden dagegen, gegen einen Krieg im Namen des möglichen Schadens der Nation zu protestieren, die ihn plant?

Und wenn heutzutage der Protest verstummt: Liegt das vielleicht daran, daß die Friedensbewegung ihre Sorgen mittlerweile bei den Führern der Nation - von Bahr bis Dregger - in besten Händen sieht?