DER WIDERSTAND - WIE ER WIRKLICH WAR

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1983 erschienen.

DER WIDERSTAND - WIE ER WIRKLICH WAR

In einem Schulbuch lautet die Anweisung zur "Unterrichtseinheit: Der deutsche Widerstand":

"So wie Judenausrottung und Koazentrationslager die äußersten Markierungen des Verbrechens sind, das im Namen Deutschlands begangen wurde, so ist der deutsche Widerstand auch in seiner Erfolglosigkeit und in seinem Untergang ein Triumph der Moral über die Unmenschlichkeit. Es muß deutlich gemacht werden, daß es dieses "Andere Deutschlaad" gab, ein Deutschland, das im Terror der nationalsozialistischen Diktatur oft schwach, feige und mutlos war, das aber durch seinen Widerstand bewies und noch heute beweist: Der Repräsentant Deutschlands ist in jenen dunkelsten Tagen seiner Geschichte nicht nur die überwältigend große Anzahl der Mitläufer und Mithelfer Hitlers gewesen, sondern auch die kleine Zahl derer, die NEIN sagten, ... Der Widerstand beweist, daß der Nationalsozialismus nicht die zwingende Konsequenz aus der deutschen Geschichte war, wie das, ein Vorurteil meint." (Günther von Norden, Das Dritte Reich im Unterricht)

Eine zwingende Konsequenz der deutschen Geschichte war der Faschismus tatsächlich nicht, weil die Geschichte nichts erzwingt, nicht einmal die deutsche. Aber Gründe bot (und bietet) der bürgerliche Staat genug, um des Erfolgs der Nation willen einen in jeder Hinsicht starken und totalen Staat zu installieren, was ja auch in die Tat umgesetzt wurde. Deshalb war das Dritte Reich weder eine geschichtliche Verirrung, noch ein unabwendbarer Zwang deutscher Geschichte. In einem aber hat der Wille, im Dritten Reich unbedingt das gute "andere Deutschland" auffinden zu wollen aber recht, ohne es zu wissen. Nicht nur Hitler, seine Partei und die vielen Mitläufer repräsentierten den politischen Geist Deutschlands damals, auch die wenigen des Widerstands, die Antifaschisten sind repräsentativ - für den Faschismus. Obwohl sie als Gegner des Nationalsozialismus auftraten, von diesen deshalb umgebracht wurden, richtete sich ihre Kritik gerade nicht gegen die Grundprinzipien des Faschismus.

Die deutsche Nation und ihr Ansehen

waren das erste, was so ziemlich alle Gegner des Nazi-Regimes auf ihre Fahnen schrieben. Auch die Sozialdemokraten, damals noch ernster mit dem Anspruch auftretend, Partei der Arbeiterklasse zu sein, standen nicht an, gegen den Faschismus den Sozialismus der Rettung der deutschen Nation zu setzen.

"Unser Ziel ist, die nationalsozialistische Despotie zu stürzen!...

Diese revolutionäre Verpflichtung und die nationale Verpflichtuag stehen dabei nicht im Gegensatz zueinander! In der Erkenntnis, daß der Faschismus national zum Untergang Deutschlands führen muß, daß er Volk und Land in die Katastrophe stürzt, ist der Sturz des Regimes die oberste Pflicht, um der Rettung von Volk und Land willen...

Wir rufen deshalb dem Volke zu, allen Klassen des Volks: Erkämpft Euch Recht und Freiheit zurück! Befreit Euch vom Druck der Despotie! Macht Deutschland wieder zu einem freien Lande, auf daß das deutsche Volk wieder erhobenen Hauptes unter die freien Völker der Erde treten kann!" (Flugschrift des Exilvorstands der SPD von 1933)

Die Idee der Volksgemeinschaft, dieses Ideal der Einheit von Volk und Staat, teilt man, aber Hitler hat es in den Schmutz gezogen. Hitler, nicht mehr das Recht, herrsche über diese Gemeinschaft, die dadurch das Gegenteil von solidarisch nationalem Zusammenhalt sei.

"Jeder sittlich Verantwortliche würde mit uns seine Stimme erheben gegen die drohende Herrschaft der bloßen (!) Macht über das Recht, der bloßen Willkür über den Willen des sittlich Guten. Die Forderung der freien Selbstbestimmung auch des kleinsten Volksteils ist in ganz Europa vergewaltigt, nicht minder die Forderung der Wahrung der rassischen und völkischen Eigenart. Die grundlegende Forderung wahrer Volksgemeinschaft ist durch die systematische Untergrabung des Vertrauens von Mensch zu Mensch zunichte gemacht. Es gibt kein furchtbareres Urteil über eine Volksgemeischaft als das Eingeständnis, daß wir alle wachen müssen, daß keiner sich vor seinem Nachbarn, der Vater nicht mehr vor seinen Söhnen sicher fühlt." (Prof. Huber, Weise Rose, 1943)

Es sind Ideale eines besseren Nationalismus, des guten Deutschlands, die gegen dessen praktische Verunglimpfung durch die Nazis ins Feld geführt werden. Deutschland soll groß und stark sein, dafür ist man schon, aber als Rechtsstaat, als Volk, das nicht mit Lügen, verbrechenschen Kriegen, mit Aufforderung zur Denunziation zum Dienst am Vaterland gezwungen wird. Das legitime Interesse Deutschlands nach machtvoller Geltung soll nicht so schimpflich wie von den Nazis vertreten werden, nicht von Verbrechern, die so frech sind, Verteidigung des Vaterlandes als Eroberungskrieg zu definieren.

"Wir müssen nunmehr Schluß damit machen, Narren zu gestatten, dem deutschen Volk ihre Illusionen und Lügen aufzwingen zu wollen, aus einem aus Herrschsucht geborenen Eroberungskriege einen Krieg notwendiger Verteidigung zu machen. Wir haben gar keine Veranlassung, den Bolschewismus oder die Angelsachsen zu fürchten. Auch dort wird mit Wasser gekocht, und wir haben vieles in die Waagschale zu werfen. Auch sie sind alle auf unsere Kraft und unser Können angewiesen. Aber es müssen wieder anständige Deutsche sein, die die deutschen Interessen mit Kraft und Vernunft vertreten." (Goerdeler, Briefentwurf an Generalfeldmarschall von Kluge, 1943)

Natürlich nahm derartiger Widerstand gegen die Kriegspolitik der Nazis mit der sich abzeichnenden Niederlage zu.

Der ehrenwerte deutsche Soldat

nimmt denn auch seinen gebührenden Platz ein bei den damaligen Antifaschisten, um ihrer Kritik am unsoldatischen Treiben der Nazis Nachdruck zu verleihen. War es noch vor Kriegsbeginn der sehr vereinzelte generalstabsmäßige Einwand, daß man einen Krieg erst besser vorbereiten müsse -

"Wenn man die Augen und Ohren offen hält, wenn man sich durch falsche Zahlen nicht selbst betrügt, wenn man nicht in dem Rausch einer Ideologie lebt, dann kann man nur zu der Erkenntnis kommen, daß wir zur Zeit wehrpolitisch (Führung, Ausbildung und Ausrüstung) wirtschaftspolltisch und stimmungspolitisch für einen Krieg nicht gerüstet sind." (Generaloberst Beck, 1938) -,

so war vor allem die Niederlage von Stalingrad in Verbindung mit den NS-Praktiken im eroberten Land Anlaß, das Lied vom guten deutschen Soldaten zu singen, dessen Ehre und Ruhm schändlich mißbraucht wurde:

"Was hat man aus der stolzen Armee der Freiheitskriege und Kaiser Wilhelms I. nur gemacht!" (Goerdeler, a.a.O.)

Da die deutschen Landser nicht nur einfach Krieg führten, sondern nebenbei auf Befehl auch noch Juden, Kommunisten, Zigeuner und Zivilisten - auf abscheuliche Art und Weise - umlegten, da sie dabei auch noch große Niederlagen einstecken mußten, war der Krieg kein wirklicher Krieg mehr, sondern "sinnlos" - man beachte den Gegensatz!

"Kommilitohen! Kommilitoninnen!

Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihunderttausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir! Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niederen (?) Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest der deutschen Jugend opfern?" (Weiße Rose, 1943)

Generaloberst Beck wäre besser gewesen, weil dann das Sterben sinnvoller organisiert worden wäre. Die Gegner der Nazis leisten sich die wahnsinnig scharfe Kritik, daß das Ideal eines gerechten Krieges durch Verbrechen "hinter dem Rücken der kämpfenden Truppe und ihren Schutz mißbrauchend" verhunzt worden sei:

"Die Ehre der Gefallenen ist damit besudelt". (Vorbereitete Regierungserklärung für den 20. Juli 1944)

Sie ehren den echten kriegerischen Nationalismus, indem sie das Sterben der Soldaten wegen unedler Motive und Dilettantismus der Heerführer in Mißkredit gebracht sehen wissen wollen. Kritik am Krieg, die ihn mit weniger Opfer geführt hätte.

"Wir wünschen keine Versklavung anderer Völker. Die Freiheit (!), die unsere Väter im vorigen Jahrhundert für Deutschland als köstlichstes Gut völkischen Lebens errungen und die wir in gleicher Begeisterung zu hüten haben, muß auch allen anderen Völkern zugestanden werden. Denn nur auf dieser Grundlage kann die Kluft überbrückt werden, die eine hemmungslose, machtberauschte Politik aufgewiesen hat. Ein weiteres droht Euch noch um den Erfolg Eurer Siege (!) zu bringen, die ihr unter Führung geschulter und erfahrener Männer erfochten habt: das 'Feldherrngenie' Hitlers, das er in wahnwitziger Verblendung sich selbst angemaßt hat und das ihm von Speichelleckern aufs Widerlichste angehimmelt worden ist. Wer einen Stiefel besohlen will, muß es gelernt haben. Wer ein Millionenheer führt, muß die Fähigkeit dazu auf den verschiedenen Stufehleitern harten militärischen Dienstes erlernt und bewiesen haben. Seitdem sich Hitler im Winter 1941/42 selbst den Oberbefehl zuerkannt hat, wurde durch Eigensinn, Uhfähigkeit und Maßlosigkeit die Wehrmacht in Lagen gebracht, vor denen Sachverständige gewarnt hatten und die vermeidbare schwerste Opfer gekostet haben. Der Untergang der 6. Armee bei Stalingrad..." (vorbereiteter Aufruf an die Wehrmacht für den 20. Juli 1944)

Die Kriegsopfer sollten weitergehen nach dem 20. Juli 1944, nach erfolgreichem Tyrannenmord, aber "nur die zur Verteidigung des Vaterlands und zum Wohle des Volks notwendigen" und sachkundig soldatisch befohlenen. So endete der Aufruf der aufrechten Antifaschisten an die Wehrmacht mit der trostreichen Zuversicht:

"Ich vertraue, daß Front und Heimat, alle vereint in gesammelter Kraft, weiter ihre Pflicht bis zum Äußersten tun in Demut vor Gott, für Ehre und Freiheit, für Volk und Vaterland!"

Nix Elite - gottlos!

Studenten der Weißen Rose, die ihren Geist dazu gebrauchen - "Es geht uns um wahre Wissenschaft und echte Geistesfreiheit!" -, den Krieg ausgerechnet mit Sinnlosigkeit zu kritisieren, sehen Deutschland geschändet, weil nicht eine echte geistige Elite, ausgewählte Führer von Qualität, an seiner Spitze stehen - nicht solche wie sie, die wirklichen "Arbeiter des Geistes". Die Weltanschauung des Faschismus lassen sie unbehelligt stehen, die Einführung der Nazis in sie gilt ihnen als ungeistig. Deutscher Geist und deutsche Sitte sollen vor den ungebildeten und sittenlosen Strolchen um Hitler gerettet werden. Ein Appell für einen besseren Faschismus:

"In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen. HJ, SA, SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht. 'Weltanschauliche Schulung' hieß die verächtliche Methode, das aufkeimende Selbstdeuten in einem Nebel leerer Phrasen zu ersticken. Eine Führerauslese (!), wie sie teuflischer und bornierter zugleich nicht gedacht werden kann, zieht ihre künftigen Parteibonzen auf Ordensburgen zu gottlosen, schamlosen und gewissenlosen Ausbeutern und Mordbuben heran, zur blinden (!), stupiden (!) Führergefolgschaft. Wir 'Arbeiter des Geistes' wären gerade recht, dieser neuen Herrenschicht den Knüppel zu machen..."

Zwanzig Zeilen weiter folgt in demselben Flugblatt die freie Meinungsäußerung, das Selbstdeuten, wie es sich die Weiße Rose vorstellt:

"Freiheit und Ehre! Zehn Jahre lang haben Hitler und seine Genossen die beiden herrlichen deutschen Worte bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die die höchsten Werte einer Nation vor die Säue werfen. Was ihnen Freiheit und Ehre gilt, haben sie in zehn Jahren der Zerstörung aller materiellen und geistigen Freiheit, aller sittlichen Substanzen im deutschen Volk genugsam gezeigt." (letztes Flugblatt der Weißen Rose, 1943)

Vom Vorwurf der geistlosen deutschen Art, wie sie die Nazis pflegten, ist der der Gottlosigkeit nicht weit entfernt. Der Faschismus duldete neben Nation und Führer keinen anderen Gott, machte sich daran, die Kirchen, die einem extra Herren dienen, auszuschalten. Ihre eigenständige Rolle im Staat wurde ihnen bestritten, damit auch die Funktion christlichen Glaubens und christlicher Moral. Dies sind die Gründe für den Widerstand unter Christen. Hatten die Kirchen mit dem Abschluß des Konkordats noch gehofft, sich auch mit dem neuen Staat ins Einvernehmen setzen zu können, und 1933 in einem katholischen Hirtenbrief versprochen, daß "die willige Einfügung in das Volk und die gehorsame Unterordnung unter die rechtmäßige Volksleitung die Wiedererstarkung der Volkskraft und Volksgröße gewährleisten", so führte die Praxis der Nazis dazu, daß auch einige offizielle Stellen der Kirchen das unchristliche Gebaren der Faschisten verurteilten. Nicht aber der Faschismus wird kritisiert, sondern die Verunmöglichung kirchlicher Praxis, sein Vergehen gegen christliche Grundsätze wie den Schutz des Lebens, von dem natürlich die Kriegstoten ausgenommen sind. Die Protestanten machen keinen Hehl aus der braven Unterordnung unter die faschistische Ordnung, in der man aber weiter gläubiger Christ sein will.

"Wir bitten aber um die Freiheit für unser Volk, seinen Weg in die Zukunft unter dem Zeichen des Kreuzes Christi gehen zu dürfen, daß nicht einst die Enkel den Vätern fluchen, weil sie ihnen zwar einen Staat auf der Erde bauten und hinterließen, das Reich Gottes aber ihnen verschlossen." (Denkschrift der vorläufigen Kirchenleitung der EKD, 1936).

"Wo die Rasse oder das Volk oder der Staat oder die Staatsform, oder der Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung - die innerhalb der irdischen Ordnung - einen wesentlichen und ehrgebietenden Platz behaupten - aus dieser ibrer irdischen Wertskala herausgelöst, sie zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und verfälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge." (Pius XI., 1937)

Der liebe Gott hat offenbar nichts gegen den Faschismus, wenn er nur seinen Part dabei spielen darf. Als nützliche Staatsideologie will das Christentum anerkannt sein, wie es die vorläufige Regierungserklärung zum 20. Juli so deutlich positiv formuliert:

"Das Wirken des Staats wird von christlicher Gesinnung in Wort und Tat erfüllt sein; denn dem Christentum" (wenn man die gesegnete Gewalt dazunimmt, dann schon) "verdanken wir den Aufstieg der weißen Völker, verdanken wir die Fähigkeit (?), die schlechten Triebe in uns zu bekämpfen." (Dagegen war der Führer sicher nicht!) "Auf diese Bekämpfung kann keine völkische und staatliche Gemeinschaft verzichten. Aber (!) echtes Christentum verlangt auch (!) Duldsamkeit gegenüber den Andersgläubigen oder Freidenkern. Der Staat wird den Kirchen wieder Gelegenheit geben, sich im Sinne wahren Christentums lebendig zu betätigen, insbesondere auf den Gebieten der Wohlfahrtspflege und der Erziehung."

Es ist ebenso absurd wie bezeichnend für den christlichen Widerstand, daß er, wo er "das Böse" am faschistischen Staat bekämpfen wollte, Gewissensbisse bekam; wo er Hand anlegen wollte an den verbrecherischen Zerstörer der göttlichen Ordnung, sich noch der Sünde bezichtigt. Demnach kann der christliche Gott vom irdischen gar nicht so weit entfernt sein.

"Wer wollte dem Deutschen bestreiten, daß er im Gehorsam, im Auftrag, im Beruf immer wieder das Äußerste an Tapferkeit und Lebenseinsatz vollbracht hat. Seine Freiheit aber wahrte der Deutsche darin - und wo ist in der Welt leidenschaftlicher von der Freiheit gesprochen worden als in Deutschland von Luther bis zur Philosophie des Idealismus -, daß er sich vom Eigenwillen zu befreien suchte im Dienst am Ganzen. Beruf und Freiheit galten ihm als zwei Seiten derselben Sache. Aber er hatte damit die Welt verkannt; er hatte nicht damit gerechnet, daß seine Bereitschaft zur Unterordnung, zum Lebenseinsatz für den Auftrag mißbraucht werden könnte zum Bösen. ... einerseits verantwortungslose Skrupellosigkeit, andererseits selbstquälerische Skrupelhaftigkeit, die nie zur Tat führte. ... Die Deutschen fangen erst heute an zu entdecken, was freie Verantwortung heißt. Sie beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und der dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht..." (Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung)

Von so viel Untertanengeist war der christliche Widerstand erfüllt - der guten irdischen Ordnung gehorchen und Gott dienen.

Bliebe noch zweierlei nachzutragen: 1. daß sich auch einige intellektuelle Künstler und andere Poeten in den deutschen Widerstand einreihten - entweder durch äußere oder durch innere Emigration -, weil ihnen das unmenschliche Unglück von den Nazis widerfuhr, daß ihnen freies Kunstschaffen und freie Sinnsuche verwehrt wurde, wogegen sie dann offen oder heimlich ankämpften. 2. das Dilemma, in dem der deutsche Widerstand sich befand. Ein gutes Urteil über ihn:

"Der Zustand, in dem sich mitten in einem großen Kriege Deutschlands die Mehrzahl der politisch Klardenkenden, einigermaßen unterrichteten Leute befinden; die ihr Vaterland lieben und sowohl national wie sozial denken, ist geradezu tragisch. Sie können einen Sieg nicht wünschen und noch weniger eine schwere Niederlage..." (Ulrich von Hassel, Tagebuch)

Die Kommunisten

zum deutschen Widerstand, zum "anderen Deutschland" zu zählen, erweist sich - was Wunder - für die gängige Glorifikation des deutschen Antinazitums als ziemlich problematisch. Ihr Widerstand wird erwähnt, von ihren zahlreichen Toten wird berichtet. Aber da der Antikommunismus bruchlos in den Nachfolgestaat des Dritten Reiches übergeführt wurde, überrascht es nicht, daß der kommunistische Widerstand nicht die Würdigung erfährt wie der andere Widerstand. Schließlich blieben sie bis zuletzt Kommunisten, hielten an der Notwendigkeit der Übernahme der Macht durch die Arbeiterklasse fest - und so mag man sich den deutschen Widerstand gegen die Nazis nicht gern vorstellen.

"Dem Proletariat als aufsteigende herrschende Klasse gehört die Zukunft! Baut eure Macht Stufe um Stufe auf und gebt sie nie wieder frei... Wir Kommunisten sind ohne jede Tarnung, offen und ehrlich in der nationalen antifaschistischen Einheitsfront. Wenn wir um der Einheit willen bewußt manche Forderungen zurückstellen, so weiß doch jeder, daß wir unser Fernziel nicht aufgeben! Erst die Herrschaft der Arbeiterklasse wird alle Widersprüche, alle sozialen und nationalen Probleme lösen. ... Im neuen Deutschland wird und muß die Arbeiterklasse die Einheitsfront erkämpfen und damit dem Sozialismus ein Stück näherkommen." (Politisches Testament Anton Saefkows, KPD, Mitglied der illegalen Reichsleitung des deutschen Nationalkomitees 'Freies Deutschland' 1944, kurz vor seiner Hinrichtung)

Als Kommunist, der doch kein Vaterland haben sollte, für ein freies Deutsehland einzutreten, ist zwar einer ihrer Fehler gewesen, aber der Anspruch, den sie damit verbanden, reicht aus für die offizielle Vergangenheitsbewältigung, dem kommunistischen Widerstand zu mißtrauen und ihn nahe am Landesverrat zu wissen. Sie hatten ja nicht das Problem eines Ulrich von Hassel - ein Dilemma, das noch heute als die Schwierigkeit des deutschen Widerstands anerkannt ist -, im Kampf gegen die Nazis keinen Landesverrat zu begehen, eine schwere Kriegsniederlage nicht zu wünschen. Die Sabotageakte kommunistischer Widerstandsgruppen, die "Rote Kapelle" (Heute nicht ohne Grund vor allen als Spionageeinrichtung des 2. Weltkriegs gehandelt), die mit ihrer Tätigkeit mehr für die Niederlage der Nazis tat als alle Christen und Generäle des Widerstands zusammen - das zielte ja darauf, die deutsche Kriegsniederlage zu beschleunigen, den Sieg der Sowjetunion zu befördern. So etwas tut natürlich ein guter deutscher Widerstand nicht, der fein zwischen Nation und der für sie kriegführenden faschistischen Herrschaft differenziert. Kommunismus und deutscher Widerstand, das paßt dem Demokraten nicht so recht zusammen ('die wollten ja eigentlich etwas anderes!'); Antikommunismus und Antifaschismus (über beide 'Regime' soll ja mit der Identifizierung "Totalitarismus" schon das meiste Schlechte gesagt sein) aber schon.

So legt die Demokratie alle Jahre Kränze nieder für jene an der Ostfront hochdekorierten Offiziere, die am 20. Juli ihren obersten Feldherrn wegen seit Stalingrad erwiesener Unfähigkeit umbringen wollten, während Anton Saefkow niemand kennt und die Ermordung Ernst Thälmanns im KZ Buchenwald gleichsam als "Berufsrisiko" des Vorsitzenden der Weimarer KPD nicht einmal in allen gängigen Schulbüchern zur Zeitgeschichte für erwähnenswert befunden wird. Fine Auffassung, an die auch die Urteilsbegründungen des BGH erinnern, mit denen Anträge kommunistischer KZ-Häftlinge endgültig ablehnend beschieden wurden, mit dem Zusatz, daß solcher Widerstand "Hochverrat" und das damalige staatliche Vorgehen gegen ihn nicht nur legal gewesen ist, sondern auch vor heutiger Legalität bestehen könnte. Den Ehrenpreis für Widerstand des mittlerweile wieder demokratisch beherrschten Vaterlands gibt's für Deutschnationale wie von Hassel und Goerdeler, die aus ihrer sauberen Gesinnung keinen Hehl machen:

"Mit meinem Besucher (Goerdeler) besprach ich die politische Lage. Meiner Grundauffassung stimmte er in jeder Hinsicht zu. Auch nach seiner Ansicht ist die Kriegspolitik ein verbrecherischer Leichtsinn (!) und die Politik mit Rußland (gemeint ist der Hitler-Stalin-Pakt) in dieser Form (!) eine ungeheure Gefahr...

Außenpolitisch aber hat man in selbstverschuldeter bitterer Not, um aus ihr im Augenblick herauszukommen, alle wichtigsten Positionen aufgeopfert: die Ostsee und die Ostgrenze (?). Ganz zu schweigen von der politisch unsittlichen Preisgabe der baltischen Länder ist nun das Dominium maris baltici schwer gefährdet, im Konfliktfalle mit Rußland (!) auch die Erzzufuhr aus Schweden. Alles tritt aber zurück gegen die unbekümmerte Auslieferung eines großen wichtigen Teiles des Abendlands, zum Teil deutsch-lutherischer Kultur, zum Teil altes Österreich, an denselben Bolschewismus, den wir angeblich im fernen Spanien auf Leben und Tod bekämpft haben. Die Bolschewisierung hat in den bisher polnischen Teilen bereits auf breiter Front eingesetzt." (Ulrich von Hassel, Tagebuch, 10.10.1939)