DER WELTGEITS PERSÖNLICH

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1981 erschienen.
Systematik: 

Rene König, Leben im Widerspruch, Versuch einer intellektuellen Autobiographie.
DER WELTGEITS PERSÖNLICH

"Kurzum: kritische Soziologie wendet sich gegen jede Machtausübung, von welcher Seite auch immer... So repräsentiert heute der Soziologe jenen Stachel, von dem Sokrates sprach, und der nicht nur das Denken antreibt, sondern es zugleich auf den Weg der Wahrheit bringt." (194 f)

"Erst sehr viel später wurde mir klar, daß die Soziologie keineswegs immer als Spitzenreiter der Erkenntnis auftritt, sondern eigentlich zumeist in zweiter Linie das vorher dichterisch Geschaute zu systematisieren sucht... Man braucht erst Bilder, bevor man Hypothesen formulieren kann." (34)

König betätigte sich in fast 50 Jahren Veröffentlichungs-, Reise- und Kongreßtätigkeit (und letztere haben einen merklich genossenen Großteil der geistigen Aktivitäten dieses Anhängers einer welt- und kollegengesprächsoffenen, möglichst internationalen Gemeinschaft der lehrenden und lernenden Elite ausgemacht) als soziologisierender französischer Literaturwissenschaftler ("Die naturalistische Künstlerästhetik in Frankreich und ihre Auflösung") kritischer Kenner italienischer Kultur ("Niccolo Machiavelli. Zur Krisenanalyse einer Zeitwende"), geistiger Reisebegleiter ("Sizilien. Ein Buch von Städten und Höhlen, von Fels und Lava und von der großen Freiheit des Vulkans"), Nestor der Nachkriegseinführung der empirischen Soziologie in Deutschland, Mode- ("Macht und Reiz der Mode. Übersetzungen ins Spanische, Holländische, Französische, Italienische, Englische und Polnische") und Familiensoziologe ("Die Familie der Gegenwart. Ein interkultureller Vergleich") und als Anthropologe ("Indianer wohin. Alternativen in Arizona"). Dann war es für ihn nicht zu spät, endlich Dichtung und Wahrheit in eins fallen zu lassen.

Er legt nun eine halb dichterische, halb soziologische Deutung seines eigenen nicht unbewegten Lebenslaufs vor als "anthropologische Situationsanalyse " der "Entwicklung eines akademischen Lehrers in einer heillos zerfallenen Welt". (9) Und weil er wie alle, die sich selbst die öffentliche Anerkennung zugutehalten, als deutsche Professoren mehr als nur einfache Kopfarbeiter im Staatsdienst zu sein, so selbstverständlich eingebildet ist, daß es schon gar nicht mehr auffällt, möchte er auch nicht einfach "Erinnerungen" verfaßt haben, sondern eine "Analyse", die seine Person "den heute lebenden jungen Menschen als Paradigma" weitergibt. (12)

Der deutsche König der internationalen Soziologie

König legte den Grundstein seiner intellektuellen Identität, der von den jüdischen Gemeinden in Polen nach dem ersten Weltkrieg über die 'narzistischen' Literaten der 20-er Jahre in Berlin, die Schweizer Kantonsgymnasien während des Dritten Reiches, afghanische Reisende in türkischen Kollektivtaxis (Dolmus), die ein altertümliches Farsi sprachen, bis zu revoltierenden deutschen Studenten und Pueblo-Indianern aber auch wirklich nichts fremd und unverständlich ist, mit seinem offensichtlich sorgfältig ausgewählten Geburtsakt:

"Als Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter über eine Grenze hinweggeboren" war er "von Anfang an instand gesetzt... zu beurteilen, daß selbst in einer relativ einheitlichen Kultur wie der europäischen für gewisse elementare Lebensaufgaben durchaus mehrere Lösungen möglich sind. Diese sind weder besser noch schlechter, sondern einfach anders." (13)

Es brauchte ur noch einige unruhige Kinder- und Jugendjahre mit Aufenthalten in verschiedenen Ländern, schon kam für ihn der

"Moment, da es in diesem Sinne überhaupt keine Grenzen mehr gibt, sondern nur noch eine Mannigfaltigkeit von Kulturgestalten, die alle ihre eigene Logik und ihr eigenes menschliches Gewicht entwickeln." (14)

Weil ein Soziologe eben nicht Vater und Mutter aus verschiedenen Staaten hat, sondern damit personifizierter Ausdruck verschiedener "menschlicher Lösungen" "für gewisse elementare Lebensaufgaben" ist, also die Inkarnation eines "kulturanthropologischen Relativismus", die bis in sein "Tiefenbewußtsein" reicht -

"So träume ich noch heute auf französisch, wenn ich mich in einem mehrheitlich französischen, und auf deutsch, wenn ich mich in einem vorwiegend deutschen Milieu aufhalte" (13) -,

ist mit dem ersten Satz über seine Geburt die königliche Lebensphilosophie und wissenschaftliche Botschaft auch schon fertig. Mit den Mittel der "theoretischen Erzählung oder erzählenden Theorie" (9) breitet er sie danach auf 371 Seiten (+ 9 Seiten Namensregister von Albernathy, Ralph bis Zwingli, Ulrich) als seine "existenzielle Wirklichkeit" aus. Das Grunddogma der Soziologie, daß jede existierende oder vergangene Herrschaft, die verschiedenen Nationen und das Treiben ihrer Staatsbürger nur mehr oder weniger gelungene Weisen der Gesellschaftlichkeit, der immergleichen Bewältigung menschlichen Daseins seien, ist im deutsch französischen Rene mit seinem Hang zu nationalen Minderheiten und intellektuellen Zirkeln inkorporiert. Und seine die ganze Welt als kulturelles Ereignis und als politische Störung dieses harmonischen internationalen Weltverständnisses deutende Person liefert mit ihrer

"wahren Leidenschaft, wo immer ich konnte, auf die Überwindung von Vorurteilen hinzuwirken" (18),

den Maßstab, wo anthropologisch-soziologjsche Volks- und Kulturbegeisterung und wo kritische Distanz zu Politik und Volk angebracht ist. Die programmatische Deutung des eigenen Werdegangs als die existentiell-empirische Bestätigung der 'Hypothese', die Menschheit und die verstehende Gemeinde der "zwischen Kunst und Wissenschaft" schwebenden Intellektuellen als ihre besten Vertreter seien eine vielfältige und bunte Ansammlung von "Zusammenleben" und Nationalismus sei ein hartnäckiges, aber dummes geistloses Mißverständnis, beschert dem Leser daher im größeren Rest des Buches ein paar sympathische Ausfälle zu Politik und deutschen Fachkollegen und viele viele mehr oder weniger geistreiche Ausführungen zu Ländern, Völkern, Kulturen und Zeitgeschichten, in denen dieser Kosmopolit aus Naturell seine Vorurteile nach dem Motto produziert:

"Daran mußte ich jüngst wieder denken, als ich die haßerfüllten Ausführungen des deutschen Soziologen Helmut Schelsky gegen 'die Intellektuellen' las. Wenn es etwas gibt, das dem ganzen Geist widerspricht, in dem die Soziologie einmal aufgebrochen ist, dann sollte es diese Art von Diskriminierung sein. Mit Julien Benda könnte man ihr das Wort von Tolstoi entgegenhalten, als er einmal sah, wie ein Unteroffizier einen Soldaten auspeitschte: 'Haben Sie denn das Evangelium nicht gelesen?' - Jener antwortete: 'Haben Sie denn das Militärreglement nicht gelesen?' Im Intellektuellen lebt, wie in aller Soziologie, noch immer das Evangelium, wie der 'Nouveau Christianisme' von Saint-Simon belegt." (36 f)

Als

verstehender Soziologe

in einer Welt voll "ungeistiger" Vorurteile und "beschränkter" Nationalismen hat König sein geistvolles Weltbürgerdasein, das er mit der Pose des ewigen geistigen Emigranten bebildert, gewußt und gelebt, bevor er es gewußt hat:

"So hatte ich schon etwas von der großen Variabilität menschlichen Verhaltens erfahren, bevor ich noch wußte, daß es so etwas wie eine Theorie des sozialen Verhaltens gab." (14)

"So wurde mir schließlich die Soziologie zum Symptom einer ethischen Entfaltungsstufe des Menschen zum Mittel der Überwindung des Narzismus und zugleich des Existentialixus. Freilich mußten noch einige Jahre vergehen, bevor mir das ganz klar wurde." (79)

Die Moral des in allen geistigen und künstlerischen Sphären beheimateten, in diesem Sinne über alle Grenzen konferierenden und sich kultivierenden Aufgeklärten hat ihm auch immer schon eingegeben, was andere Soziologen schrieben, bevor sie es wußten, und bevor er es von ihnen gewußt hat:

"Aber schon als Leser von Reymont war ich auf die Probleme gestoßen, die Znaniecki später einen Ehrenplatz in der Weltsoziologie sichern sollten: die Entwicklung der ländlichen Familie..." (33)

"... und Soziologie - schon damals - in ihrer hegelschen wie in ihrer marxistischen Variante (Siegfried Landshut) faßte. Was Durkheim und Max Weber betraf, so teilten Parsons und ich mehr oder weniger die gleiche Meinung, während ich ein neues Element mit einbrachte, das bei Parsons völlig fehlte..." (101)

"Ich wies wohl als erster auf die Diskriminierung von Minoritäten und Unterprivilegierten hin." (139)

Als Geistiger Heimkehrer mit 'globaler Betrachtung'

mit einigen Jahren Dichterzirkel, einigen Besuchen an Ferienuniversitäten, 10 Jahren Emigration in der Schweiz, mehreren Gastprofessuren und unzähligen Forschungs- und Bildungsreisen von Afghanistan bis Mexiko hinter sich, ist er ein eifriger Verächter deutscher Nachkriegswissenschaftsgeschichte. Zu einer erfrischenden Offenheit über sein en Intimfeind -

"Helmut Schelskys unerträgliche Schimpftiraden", von "denen Helmut Schelsky behauptet... schlicht falsch..." "die von Schelsky empfohlene Gründung in Bielefeld..., die, der Begründer selbst eigenartigerweise kurz danach wieder verließ. Offensichtlich war er von seinem Kinde nicht sehr erfreut, aber die Nachwelt muß nun den Schaden auslöffeln, und der Staat muß zahlen." -

gesellen sich einige Angriffe auf den Charakter bekannter Kollegen, die seinem Ideal einer aufrichtigen Soziologie, zuwiderhandelten -.

"Nach dem Krieg hatte Gehlen versucht, die Öffentlichkeit irrezuführen, indem er die Neuausgabe seines Buches als 'unverändert' ankündigte, obwohl er heimlich eine Reihe von Stellen hatte entfernen lassen - wohl in der Hoffnung, daß der Krieg nicht mehr viele Exemplare der Originalausgabe übriggelassen hatte. Um Mißverständnissen vorzubeugen, möchte ich hier betonen, daß ich mit diesen Hinweisen nicht die sachliche Bedeutung des Werkes von Gehlen verringern will, sondern einzig seinen Charakter kritisiere, der - trotz der gepriesenen 'germanischen Charakterwerte' - so feige war, daß Gehlen es an keiner Stelle gewagt hat, ein"

Dabei und daneben pflegt der geistige Emigrant reformerisch-konservative Ideale einer Universitätselitegemeinschaft, wo im Sinne des "kreativen Lehrens" ohne Manuskript -

"Sombart in Berlin dagegen klebte auf dem Stuhl hinter dem Podium und las jedes Wort ab, wobei er sich noch häufig in der Seite irrte... Sombart war der geborene Studentenverächter: er sah einzig sich selber. Daß er überhaupt Vorlesungen abhielt, war ein echter Akt selbstlosesten Snobismus, sich gelegentlich unters Volk zu mischen, aber gewissermaßen im Talar und mit Handschuhen, um sich nicht zu beschmutzen." (223 f)

und ohne Podium -

"Das Podium ist die eigentliche Crux der Frontalvorlesung, eine Art materielles Symbol für die Einbahnstraße, die sie darstellt... Ich habe Max Scheler reden hören: er stand keinen Moment still... An der Ecole Normale Superieure in Paris erlebte ich in einem Seminar bei Celestin Bougle... Ähnliches erlebte ich in einem Seminar bei Max Dessoir..." (222 f)

jenseits von Massenuniversität und Überfüllung Professoren, Asisstenten und "junge Menschen" einander immer "Neues" mitzuteilen haben. Der "pädagogische Eros" und die Selbstsicherheit, als vielgereister und bewanderter Geist eine wirkliche wissenschaftliche Autorität zu sein, ließen ihn immer ein Ansprechpartner für "seine" Studenten sein:

"Ich habe in der Tat 25 Jahre lang in Köln bei ständig offener Tür gearbeitet, sie war nicht einmal angelehnt, sondern weit offen, womit ich erfolgreich dokumentierte, daß ich auch außerhalb der Sprechstunde für alle und zu jeder Zeit zu sprechen war." (228)

Der Studentenrevolte wegen ließ er - toleranter Streitgeist der er war

"alle Pläne einer neuerlichen Auswanderung fallen", um "den jungen Leuten die bestehenden Alternativen vorzuführen und nahezubringen." (193),

gründetet mit Szczesny die "Humanistische Union" für alle geistigen Kämpfer gegen den "Ungeist" und - führte seinen provinziellen deutschen Kollegen vor, wie man "deutschen Studenten", die "im Grunde gar nicht unruhig waren", sondern nur wissen wollten, "warum sie in einem geteilten Deutschland leben mußten", mit selbstsicherem Verständnis und der gebotenen Härte einer diskussionsfreundigen wahren Autorität begegnet:

"Als ich vorsichtig über die am Boden sitzenden Studenten und Studentinnen hinwegschritt, kam ein Student zu mir und forderte mich auf, an einer Diskussion in einem nahe gelegenen Hörsaal teilzunehmen. Ich bat darum, diesmal ausgelassen zu werden, da ich am nächsten Morgen zu einem Kongreß nach Tunis fliegen müsse. Als ich dann aber sah, auf welch hilflose Weise sich meine Kollegen einen Weg durch die Menge zu bahnen versuchten, änderte ich spontan meine Meinung, erbat den Lautsprecher und sagte zu den Studenten: 'Hier spricht König. Wollen Sie bitte meinen Kollegen sofort den Weg freigeben (wobei der Ton deutlich auf sofort lag). Ich komme gleich zu Ihnen in den Hörsaal. 'Die Studenten folgten unverzüglich meiner Bitte... Dafür prangten in dem riesigen Hörsaal große rote Fahnen. Als ich sie sah, erklärte ich, daß ich nicht unter roten Fahnen reden würde, auch nicht unter solchen irgendeiner anderen Farbe... (Nach folgsamer Entfernung der Fahnen) erklärte ich den Studenten meine Meinung über die Notstandsgesetze anhand einer Bemerkung des Prinzen de Ligne gegenüber Napoleon Buonaparte: 'Sire. man kann mit Bajonetten alles tun, man kann nur nicht darauf sitzen'... Die Studenten waren glücklich, daß man sie ernst nahm, man sah es ihren Gesichtern an."

Als

politischer Soziologe und deutscher Intellektueller mit Welterfahrung

hätte er nicht erst seit seiner Tätigkeit in der Partnerfakultät von Kabul das richtige Rezept für die kulturelle und nationale Rettung dieses Völkchens vor dem "sozialistischen Imperialismus" (276) gehabt, den er in einem Nachtrag wieder nachträglich vorausgesehen hat. Die Intellektuellen dieses Landes hätten sich nicht mit dem "Ethnozentrismus" der amerikanischen Industriegesellschaft der Eigenart ihres Landes entfremden sollen, wo doch die Afghanen eine ganz eigenständige Neigung zu "präindustriellen Formen" haben. Statt dessen hätten sie durch den zügigen Ausbau von Verkehr und Kommunikationswesen dem Land die "Chance" verschaffen sollen, "zu einer einheitlichen Gesellschaft zusammenzuwachsen" und "eine Lingua Franca, die überall im Lande verstanden wird" zu schaffrn, "Probleme über Probleme". Auch die Rassenunruhen in den USA wären leicht zu lösen gewesen mit der Anwendung seiner Generalmoral, jeder gehöre in seiner ethischen und kulturellen Eigenart gerade als 'Minderheit' geachtet. Schon mit einer einzigen Zurechtweisung eines rassistischen Weißen kann nämlich ein praktizierender aufgeklärter Soziologe'Negerherzen ebenso glücklich machen wie die der Studenten:

"Als ich ihm mit einer treffenden Antwort erwiderte, sah ich zu meiner großen Freude lächende Gesichter bei den Schwarzen; plötzlich wußte ich: ich hatte bei ihnen gewonnen, was sich auch bald in zahlreichen Besuchen in meiner Sprechstunde ausdrücken sollte." (285 f)

Die Politik mißt er an seinem toleranten Maßstab, daß zur zwischenmenschlichen Leisung des Zwischenmenschlichen der Beitrag aller Rassen und Kulturen zähle, solange er von Toleranz getragen ist. - Deshalb kann er dem tschechischen Zwischenkriegs-Ministerpräsidenten Masaryk, über den er frühzeitig, trotz aller Abneigungen gegen "Mob" und "Revolutionen", zum "Sozialismus" gekommen ist, später den Vorwurf nicht ersparen, kein ordentlicher Soziologe gewesen zu sein:

"Er hielt den tiefen Zwiespalt zwischen Tschechen und Slowaken allein schon dadurch für überwunden, daß er selber im Grenzgebiet zwischen den beiden Völkern aufgewachsen war und als Tscheche immer beste persönliche Beziehungen zu slowakischen Politikern gehabt hatte - anstatt, wie man es von ihm als Sozialwissenschaftler hätte erwarten können, der speziell über das Verhältnis von Religion und Sozialstruktur nachgedacht hat, an eine Strukturanalyse des neuen Staatswesens zu gehen und die daraus resultierenden staatsrechtlichen Konsequenzen zu ziehen... Irgendwie scheinen sich die Beziehungen zwischen Soziologie und Politik keineswegs wie von selbst zu ergeben..." (29)

Und dem Faschismus, dem er erbittert vorwirft, ihn durch das Verbot der Bücher ins Exil getrieben zu haben, begegnet er mit der rassistischen Umkehrung "deutscher Arterhaltung". Die erschreckende persönliche Begegnung mit Hitler darf schließlich in keiner deutschen Gelehrtenautobiographie fehlen:

"Als ich etwas verspätet aus der Untergrundstation Kreuzberg stieg, waren die Straßen bereits leer, einzig ein schwarzer Mercedes kam mit großer Geschwindigkeit angefahren; darin sah ich Hitler in nur wenigen Metern Abstand und fragte mich, was wohl die Deutschen an diesem Gesicht eines böhmischen Mausefallenhändlers finden mochten, ein Gesicht, das so undeutsch war, wie es überhaupt nur sein konnte, mit einem Loch anstatt eines Mundes, mit stieren Augen und darüber die affektierte Militärmütze der SA, die verbarg, daß er auch keine Stirn und daher keinen offenen Blick hatte." (82)

So sieht der Antifaschismus eines zweisprachig aufgewachsenen kritischen deutschen Soziologen aus, der beim Ausbruch des ersten Weltkriegs und angesichts des Nationalismus seiner Klassenkameraden angeblich plötzlich "erfuhr",

"daß sich das Hin- und Herwechseln zwischen der einen und der anderen Sprache von einem Tag auf den anderen nicht mehr so nahtlos bewerkstelligen ließ wie bisher. Eine Kraft war dazugekommen, die mich allmählich zur Obsession auswuchs, und die mich zu zwingen suchte, was bisher gut, weil ein Teil meiner selbst gewesen war, zu verteufeln und möglichst spurlos abzulegen." (15)

Angesichts einer solchen Parteinahme eines weitgereisten Vertreters wahren Deutschtums, eines ästhetisierenden und moralisierenden Daueremigranten bleibt auch das deutsche Volk vor Kritik nicht verschont, zumal es die Chance versäumt hat, unter tätiger Mitwirkung Rene Königs Geist und Politik im Geiste eines toleranten antifaschistischen Deutschland zu erneuern und so miteinander zu versöhnen:

"Man muß nicht radikal sein, um solcher Verhältnisse überdrüssig zu werden. Die delikateste Frage war aber" (zumindest für den internationalen Geistesrepräsentanten) "das Wiedereindringen zahlloser erwiesener Nationalsozialisten in den akademischen Lehrbetrieb... Aber die Kontinuität reißt nicht ab und wird alle paar Jahre wieder zu einem öffentlichen Ärgernis, so daß man sich unwillkürlich fragt, wie lange die Betreffenden dieses Spielchen noch treiben wollen. Eigentlich sollte es ihnen der Takt verbieten, die Bundesrepublik immer wieder vor dem Ausland zu kompromittieren. Aber das ist diesen Herren mit dem ausgeleierten Gewissen wohl gleichgültig, wie ja auch Takt so wenig eine deutsche Eigenschaft ist... Sie gieren nur nach Macht; Deutschland selber, das sie so gerne im Munde führen, ist ihnen im Grunde weniger als Hekuba. Zudem bestätigt das von neuem, daß die Deutschen zwar tüchtig, politisch aber sicher eines der dümmsten Völker sind, das mir in meinem Leben jemals begegnet ist..." (191)

Und derer sind ihm als

polyglottem Kulturkenner und Angehörigem der Weltgelehrtenfamilie

ebensoviele begegnet wie "gute Freunde ", also die ganze Schar internationaler Wissenschaftler, die er getroffen, kennen und viel mehr lieben gelernt hat als die engstirnigen und spießigen deutschen Kollegen. Die Umtriebe dieses politisierenden Freigeistes, kulturbegeisterten Europäers und geistvollen Genießers fremder Völker und Sitten haben ihm viele Geistesfreunde eingetragen, die mit ihm zumindest untereinander den Standpunkt teilen: Alle(s) kennen, heißt alle(s) verstehen!, und die er mit wachsender Begeisterung in seine erzählende Analyse einstreut. Die haben dem geistigen Globetrotter mit dem planetarischen Horizont - "bei planetarischer Betrachtung" ist seine Lieblingsvokabel - bei seiner rastlosen Suche nach intellektueller Ansprache und sinnigen Deutungen sozialer Phänomene nicht nur hilfreich zur Seite gestanden, sondern ihm auch die Genugtuung verschafft, "in einer heillosen Welt" dennoch Anerkennung, ja Heimat zu finden und sein "Leben im Widerspruch" genießen zu können. Sie haben ihm nicht nur die Reisen zu den geliebten Hopi-Indianern ermöglicht:

"Man muß schon geistig sehr heruntergekommen sein, um diese Menschen nicht zu lieben... Kluckhohn... erlebte hier etwas, was mein verstorbener holländischer Freund A.N.J. den Hollander die 'ferne Fremde' genannt hat... er zeigte relativ wenig Sinn für die Ruhe und Ausgeglichenheit ihres Charakters, obwohl sie sich so unverkennbar physiognomisch niederschlägt in Gesichtern, die wie aus Lehm gebacken erscheinen und noch die Einheit von Mensch und Kosmos widerspiegeln. Dagegen ließ er sich fangen von den hochaufgeschossenen, schlanken Navjos... Sollte dem schlanken Anglo der hagere Navajo verwandter erscheinen...?" (329)

Sie haben ihn nicht nur in die internationale Mannschaft der Soziologen aufgenommen und am Aufbau ihrer Organisationen beteiligt. Sie haben ihm auch bezüglich einer geistigen Freundschaft, die bei einer Ferienuniversität in Florenz begann, erhellende Erkenntnis zuteil werden lassen:

"Er fand viel später in einem Brief an mich die entscheidenden Worte über unser aller Entwicklung nach der Rückkehr aus Italien: 'Alles fing in Florenz an.' Das war wirktich die ganze Wahrheit." (342)

So ist diesem tief-, weit- und durchblickenden begeisterten Weltbildungsbürger zwischen Gershwin -

"Beziehung zu polnisch-jüdischen oder russisch-jüdischen Traditionen. Einfluß amerikanischer Neger und ihrer Sehnsucht nach einem neuen Leben." (25) -,

europäischen Hauptstädten, über die er 1951 in der Schweiz einen Vorlesungszyklus hielt, und einem garantiert untouristisch, ganz "vergeistigt" erlebten Italien ("Längst bevor der Ruf vom Tod des großen Pan über das Mittelländische Meer hallte...") die Zeit nicht lang geworden. Deswegen zitieren wir zum Abschluß den Gang der letzten Seiten dieses deutschen Professors mit einem Schuß französischem Esprit, einer Prise italienischer Grandezza, einem Quentchen amerikanischem business und der grenzenlosen Fähigkeit Politik, Kultur, Armut und Gewalt, kurz einfach alles zu einer freigeistigen und doch urdeutschen Weltsicht zusammenzuassozieren und zu genießen:

"Die itatienische Realität ist ein ungemein komplexes Ganzes, das sich aus Geräuschen, Klängen, Stimmen... aus Düften und Geschmäckern... zusammensetzt... in der hohen geschwungenen Bahnhofshalle von Mailand den 'Corriere della Sera' im Torfall der kirchlichen Litanei ausrief... die erfahrenen Reisenden wissen; hier gibt es irgendeine Spezialität... Selbst die Tagesstunden haben in Italien ihre eigenen Geruchsqualitäten... Der vorwiegende Geschmack... aber ist die Bitterkeit, die als 'amarezza' auch eine emotional hervorgehobene kulturelle Tönung hat... Dagegen haben sich seit jeher die nordischen, vor allem die britischen und deutschen Touristen gewehrt, die Itatien einfach 'süß' haben wollten... Das Greuel der Greuel aber ist der Marsala, eine britische Erfindung in Sizilien... dazu als eigene Geschmackstonleiter der Fenchel, der den Hauptcharakter der Mortadella von Bologna ausmacht... Salz..., das kommunste Gewürz, das im Laufe der letzten zwei Millionen Jahre auf unserem Planeten erfunden wurde... Rückkehr zu Lebensformen, die man für archaisch gehalten hat... Mein Freund und Kollege Carlo Tullio-Altan ist sicher nicht mit mir einverstanden... italienische Kunst des Improvisierens... eine eigene Vitalität, an die auch Machiavelli dachte, als er von den 'Ricorsi' der Völker sprach... es muß auch der Abgrund zwischen der Weisheit der Menschen und der Unbelehrbarkeit der realen Verhältnisse überbrückt werden..."

Dieses "Paradigma" eines künsterlisch angehauchten aufgeklärten Soziologen mit Neigungen zum Reiseführer für Bildungshungrige hat dazu ganz zum Schluß seine eigene Deutung gegeben:

"Mein Unternehmen war also kein Rückzug in die Privatheit, sondern ganz im Gegenteil ein Ausbtick in größere Perspektiven, in denen sich Gegenwart und Vergangenheit vereinen und zur Zugunft hin aufschtießen." (371)

So endet die "Entwicklung eines akademischen Lehrers in einer heillos zerfallen Welt" konsequent in der krönenden Schlußfrage: "Comment vivra-t-on apres nous?" (371) Wir mögen es uns wahrlich nicht vorstellen!