DER VERGLEICH: EINE WISSENSCHAFTLICHE PRODUKTIVKRAFT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1980 erschienen.
Systematik: 

Phänomenologie des Geistes (I)
DER VERGLEICH: EINE WISSENSCHAFTLICHE PRODUKTIVKRAFT

"Gerade weil Vergleiche 'hinken', gehören sie zu den bevorzugten Mitteln der rhetorischen Dialektik." (Schlüter, Grundkurs der Rhetorik)

Das stimmt wohl. Nachdenkenswert ist allerdings, wieso heutzutage die Wissenschaft, deren Argumente doch für sich selbst sprechen sollten, auf Hilfsmittel nicht verzichten will, deren Zweck einzig die Vereinnahmung des Lesers oder Hörers für das Vorgetragene ist. Denn soviel ist doch klar: Beweisen läßt sich mit einem Vergleich nichts, da unterschiedliche Gegenstände in ihm nur ver-glichen werden und ihre äußerliche Beziehung der Vorstellungskraft des Angesprochenen daher gerade alles offenhält, statt sie in die Bahnen der Notwendigkeit zu lenken. Tritt ein solches Verfahren an die Stelle von Argumenten, dann wird - weil keine der verglichenen Seiten näher bestimmt, sondern nur der Schein eines Zusammenhangs erzeugt wird - die Beweiskraft des "Arguments" ganz der Phantasie der Adressaten überlassen, die eingeladen werden, sich zum Thema zu denken, was sie wollen, und dies dann mindestens für eine Veranschaulichung des Sachverhalts zu halten. Dessen Plausibilität wächst in dem Maße, in dem man nichts über ihn erfährt. Wissenschaft wird so vergleichweise einfach: Der Lehrende denkt aus Anlaß seines Gegenstandes an etwas anderes - und die Lernenden fühlen sich anläßlich dieses anderen angenehm an seinen Gegenstand erinnert. Das nennt man "Mitdenken" und hat recht damit, obwohl die Tätigkeit hier nur im Ersatz des Denkens durch das freundlich angebotene Mit besteht. Wenn ein Vergleich gestattet ist: Diese Wissenschaft ist so frei wie ein Vogel. Der wird ihr im folgenden gezeigt.

1. Die vergleichweise mögliche Wirklichkeit

"Der Vergleich ist... wichtiges Mittel der Bedeutungsverschiebung, der Problemverlagerung und unmerklichen Wertung." (Grundkurs der Rhetorik. Argumentationslehre)

Ein Ökonom weiß, daß es das Geld gibt. Diese Feststellung hält er aber für langweilig, da er von folgender Anforderung an die Wissenschaft Kenntnis genommen hat:

"Soll eine Beschreibung brauchbar sein, so muß sie mehr sein als eine Reihe von unzusammenhängenden Berichten. Sie muß ein System erkennen lassen; nur dann kann man von einer echten Analyse sprechen." (SAMUELSON, Volkswirtschaftslehre I, 23)

Also läßt er in seiner Analyse des Geldes "ein System erkennen", indem er es in einen brauchbaren Zusammenhang rückt:

"Ohne Geld wäre das heutige Ausmaß der Arbeitsteilung und des Tausches unmöglich. Das wird deutlich, wenn man sich den Zustand einer reinen Tauschwirtschaft vorstellt, in der jedes Gut direkt gegen ein anderes getauscht wird." (a.a.O., 79)

Wenn das Geld nicht wär...

Der Beweis der Notwendigkeit des Geldes fängt schon gut an. Erst wird die Existenz des Geldes unterderhand mit seiner Leistungsfähigkeit für das "heutige Ausmaß" der Wirtschaftstätigkeit identifiziert; dann soll dieser Glückwunsch durch den Vergleich mit der "Vorstellung" einer Wirtschaft "deutlich" gemacht werden, in der es gerade kein Geld gibt. Was gibt es dann aber zu vergleichen? Richtig, mindestens die ökonomische Begeisterung für die "Leistungen" einer Wirtschaft ist in beiden Fällen gleich.

"Die Tauschwirtschaft ist bereits eine große Verbesserung gegenüber dem Zustand der Autarkie, in dem jeder alles tun muß und nichts richtig versteht. Darum gebührt jenen beiden Affenmenschen" (Paul A. Samuelson und Paul B. Samuelson) "großer Dank, die entdeckten, daß jeder Vorteile daraus ziehen kann, von seinen Gütern etwas abzugeben, um vom andem etwas von dessen Gütern zu bekommen." (ebd.)

Aber langsam, Sämmi! Du drehst ja mitten in Deinem schönen Vergleich der Geldwirtschaft mit der "reinen Tauschwirtschaft" den Standpunkt um und vergleichst auf einmal Deine Vorstellungen über die Wirtschaftsform der Affenmenschen mit Deinen Ideen über die Geldwirtschaft. So geht das doch nicht! Natürlich schauen die Affen alt aus bei ihrer "Autarkie", wenn Du ihnen bei dem "alles", was sie tun müssen, und dem "nichts", das sie richtig verstehen, gleich Aufgaben unterschiebst, die ihnen von selbst gar nicht eingefallen wären. Ihre Bananen werden sie schon noch von den Stauden gebracht haben! Und bloß weil Du Deinen Vorfahren Dein Problem zugelegt hast, damit sie es dann nicht lösen können, mußt Du Dir doch nicht auch noch zwei Vorfahren zulegen, die genau das Gegenteil machen und das Problem lösen - unglücklicherweise nicht einmal dasselbe Problem: Denn um sich die Arbeit u teilen, braucht ja auch kein Affenmensch zu tauschen. Soll er sich halt die Arbeit teilen! In einem hast Du natürlich recht, Sämmi: Wenn Du die Geldwirtschaft mit einer Geldwirtschaft ohne Geld vergleichst, dann wiist Du aus der Feststellung, daß die letztere eine vergleichsweise unmögliche Geldwirtschaft ist, sicher "schließen" können, daß die wirkliche Geldwirtschaft eine vergleichweise möglichere Geldwirtschaft ist. Daß Deine Vergleichswirtschaft also nur Deinem verständlichen Bestreben entsprungen ist, Dir und anderen Deinen Gegenstand - das Geld - schmackhaft zu machen, muß Dir insofern auch nicht wehtun; zumal Du es ja Deinen Erfindungen vergelten kannst:

"Aber dennoch leidet der einfache Tausch unter großen Nachteilen." (Nämlich unter denen, daß er das nicht sein kann, was er eh nicht ist:) "Eine ausgeklügelte (!) Arbeitsteilung wäre undenkbar ohne eine weitere große Erfindung - die des Geldes." (ebd.)

Wir merken uns also: Wenn ein Ökonom die Nützlichkeit des Geldes für alle guten Dinge auf der Welt beweisen will, ohne auch nur einen Ton über das Geld zu verlieren, dann leistet ihm ein Vergleich gute Dienste. Indem er sich einfach andere "Wirtschaftsformen" ausdenkt, denen er sowohl das Geld als Zweck unterschiebt - wofür ihre Mittel sofort unzureichend eischeinen -, als auch das Geld als Mittel vorenthält, kann er seine eigenen Erfindungen bequem als "undenkbar" desavouieren, seinen wirklichen Gegenstand wie einen Phönix aus der Asche auferstehen lassen und ihn zugleich mit eingebildeten nützlichen Eigenschaften ausstatten, die er aus der Vorstellungswelt seiner Vergleichswirtschaften in die "Realität" hinüberrettet!

Ohne Vertrauen Chaos

Aber der Vergleich ist eine noch produktivere Denkform. Einen Soziologen enthebt er gleich der Notwendigkeit, überhaupt noch über irgendetwas Reales zu reden; dieser findet sich theoretisch zurecht, indem er alles, was es gibt, mit dem Chaos vergleicht, das entstünde, wenn es nichts von alledem gäbe, und sich dann einen Augenblick lang nicht aus dem Bett traut:

"Ohne jegliches Vertrauen aber könnte er (der Mensch) morgens sein Bett nicht verlassen." (Wie er da wohl hineingekommen ist?) "Unbestimmte Angst, lähmendes Entsetzen befiele ihn. ... Alles wäre möglich." (Was, nur wegen des Vertrauensschwundes?) "Solch eine unvermittelte Konfrontierung mit der äußersten Komplexität der Welt hält kein Mensch aus." (LUHMANN, Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, 1)

Logo, denn: "Dem Chaos kann man nicht vertrauen." (a.a.O., 37) Daraus läßt sich nun das Geld auf soziologisch ableiten:

"Das erworbene Geldsymbol drückt eine bestimmte Unbestimmtheit von offenen Erwerbsmöglichkeiten aus und macht die Reduktion dieser Komplexität nach individuellem Belieben verfügbar." (a.a.O., 45)

Wir sehen hier zunächst, was ein Vergleich eben nicht leistet: So naheliegend die Asioziation zu Gedankengängen von Wahnsinnigen sein mag, so wenig würde man damit der Qualität des soziologischen Denkens gerecht. Das Fatale an Leuten wie LUHMANN ist ja gerade, daß sie einen durchaus intakten Verstand zu weniger intakten Leistungen nutzen. Wie sehen diese aus?

1. ist der von LUHMANN angestrengte Vergleich logisch eigenartig. Er hat nämlich nur eine Seite; es wird nicht ein Gegenstand mit einem anderen verglichen, sondern das "Chaos" in den Potentialis erhoben. Die Wirklichkeit bleibt, wo sie ist. Nach dem Vergleich ist sie auch nicht näher charakterisiert als vorher - nur: sie ist kein Chaos. Hätte es dazu eines Vergleichs bedurft? Allerdings! Denn 2. hat der Soziologe ja gar nicht vor, über die Umstände zu reden, die "dem Menschen" für gewöhnlich das wuchtige Entscheidungsproblem abnehmen, ob und wann er morgens aus den Federn soll. Was ihm am Herzen liegt, ist die Ableitung seiner Sichtweise, alles als "Reduktion von Komplexität" zu interpretieren; und dazu benötigt er erst einmal die Vorstellung einer "äußersten Komplexität der Welt", der gegenüber alles Wirkliche dann als dringend erforderliche "Reduktion" dargestellt werden kann. 3. ist die Interpretation ihrerseits wiederum ein Unding, weil sie nur scheinbar etwas interpretiert. Zwar kann sich der Soziologe jetzt zu allen wirklichen Zwecken seinen erfundenen Zweck, mit unmöglichen Möglichkeiten zurechtzukommen, dazu denken - aber dies bleibt sein Zusatz, weil ein Verhältnis zu den wirklichen Zwecken nur in denn per definitionem als nicht existent gedachten Vergleich mit dem unwirklichen Chaos besteht. 4. stört dies aber keineswegs, wie die Behandlung des Geldes zeigt. Je unmöglicher man sich nämlich die "unbestimmte Komplexität" denkt, desto eher gewöhnt man sich an die Unterstreichung der wirklichen Möglichkeiten, die dem Geld so innewohnen sollen, und lernt, das Geld als vertrauensbildende Maßnahme zu schätzen - auch ohne daß man von seinen Wirkungsweisen eine Ahnung zu haben braucht. Insofern ist der dem wissenschaftlichen Vergleichsprinzip immanente Idealismus in der Soziologie zu einer gewissen Perfektion gediehen: Allein der Gedanke an die Möglichkeiten, die der Wirklichkeit über so sinnige Vergleiche wie mit der "äußersten Weltkomplexität" angedichtet werden, ruft von selbst die Vorstellung von der Welt als einer Schatzkammer von Bedingungen des "individuellen Beliebens" hervor...

Zeit als Logik

Die Historiker betrachten solche Anstrengungen mit Interesse, aber auch mit Abstand. Wozu benötigen sie auch bemühte Vergleiche, um ihren Gegenstand interessant zu machen, wenn schon ihre ganze Wissenschaft in einem einzigen Vergleich besteht? Der Schein der Begründung oder Belehrung der Gegenwart durch die Vergangenheit kommt noch stets zustande, wenn man sich schamlos der zeitlichen Folge bedient, um damit ein logisches Wirkungsverhältnis zu suggerieren. In schöner Regelmäßigkeit sich einstellende Skrupel, die sich aus den eigenen Kriterien der Wissenschaftlichkeit ergeben (Werden nicht doch bloß Zahlen gepaukt? Müßten wir nicht mehr Nachdruck auf Zusammenhänge legen?), erledigt man mit dem Instrument seiner Wissenschaft - dem Vergleich. Entweder vergleicht man noch gründlicher (ist damals nicht noch mehr passiert?) - Gründlichkeit kann ja auch als Indiz von Wissenschaft gewertet werden. Oder man entnimmt dem historischen Vergleich, daß die "indiviiuellen" Ereignisse eigentlich unvergleichbar sind - ein sonderbarer Schluß, der freilich das Gegenteil von dem meint, was er sagt: Man soll unmittelbar den Maßstab der eigenen Vorstellungen an die Geschichte anlegen, ohne sich dabei von "objektiven" Ansprüchen der Gegenwart irritieren zu lassen. Oder man kokettiert schließlich mit der eigenen Methode - sollte der Vergleich nicht auch noch dazu taugen, sich selbst zu problematisieren und gerade darin ins Recht zu setzen?

Ein Emeritus denkt darüber so:

"Bismarck ist für Hitler nicht mehr verantwortlich zu machen, als dessen Großmutter es ist." (Das ist erst ein Vergleich!)" Gewiß hätte es ohne Bismarck keinen Hitler gegeben, aber durch ihn ist er deswegen noch lange nicht zu erklären, auch wenn der Regierungsstil Bismarcks auf die Weimarer Verfassung abfärbte" ('semper aliquid haeret', muß sich auch der hin- und herdenkende Historiker gedacht haben) "in der dem Reichspräsidenten eine Rolle zugewiesen wurde, die die 'Machtergreifung' Hitlers erleichterte." (KLUXEN, Vorlesungen zur Geschichtstheorie 1, 123)

Das ganze Arsenal der Wissenschaft in schlichten zwei Sätzen unterzubringen, kann eben nur ein Mann von Erfahrung. Zuerst gibt er den Angelpunkt seiner Überlegungen an: Wer ist für Hitler "verantwortlich zu machen"? Und da die Geschichte zwar viel hervorbringt, nur keine Antworten auf moralische Schuldfragen, hallt es aus dem Wald so blöd wieder heraus, wie hineingerufen wurde: 1. keiner, 2. alles, 3. beides irgendwie. Dazu gehört nur ein Auftakt mit einem so schiefen negativen Vergleich - Bismarck und Hitlers Großmutter, das kann man ja gar nicht so stehen lassen -, daß sich ein vorsichtiger positiver Vergleich schon aufdrängt. "Gewiß hätte es nicht ohne..." ist andererseits so inhaltsleer, daß sich Hitler allein daraus mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit noch lange nicht erklärt. Um den übergreifenden Gedanken zu retten - irgendwie soll man schon bei Hitler an Bismarck denken -, formuliert der listige Emeritus dann den scheinbaren historischen Zusammenhang, auf den er hinaus will, als Relativierung seiner eigenen Vergleicherei ("auch wenn"). Was ihn um so glaubwürdiger macht, "auch wenn" Übergänge der Art "Regierungsstil färbt ab", "Rolle des Reichspräsidenten in der Verfassung", "Machtergreifung erleichtert" jeder Beschreibung spotten, da sie angebliche Bedingungsverhältnisse nur noch beschwören und dem Leser erlauben, sie nach Lust und Laune mit Inhalten zu füllen. Immerhin darf er sich hinterher denken: Hitler war zwar nicht unbedingt unausweichlich - wer ist das schon? -, aber auch wieder irgendwie nicht ganz zufällig. Das sind Erkenntnisse, die man nicht missen möchte, wenn man sich als bescheidener historischer Besserwisser verstehen will!

II. Das vergleichsweise Wesen der Dinge

"In vielen Vergleichen wird die erste Vorstellung (das erste Bild) erst durch das Vergleichsbild deutlich. Mancher Lyriker nutzt diese Möglichkeit, um schwer Sagbares durch reichausgestaltete Vergleiche auszumalen." (SOWINSKI, Deutsche Stilistik)

Neben der rhetorischen soll diese lyrische Dimension des bürgerlichen Denkens nicht verschwiegen werden. Die Unzahl der für Argumente geltenden Vergleiche in der Wissenschaft, die die Identität der behandelten Gegenstände stets in der Differenz zu anderen aufzufinden verlangen, beherrscht eben nicht nur das Herbeizitieren von Möglichkeiten, als deren Bedingung der Gegenstand betrachtet werden soll, sondern auch die Entdeckung seines Wesens in Erscheinungen, von denen er explizit unterschieden wird. So wird dann das "schwer Sagbare" doch noch zur Sprache gebracht.

Identität in der Differenz

in Psychologe benennt seine Schwierigkeit, indem er seine Wissenschaft zunächst mit der Chemie vergleicht: "Wenn wir feststellen, unser Wissen von der Seele sei hauptsächlich ein theoretisches (?), so meinen wir damit (!), daß wir die Seele in gleicher Weise studieren, wie der Chemiker das Atom. Atome sind für ihn nicht direkt beobachtbar, doch kann er ihre Eigenschaften aus den beobachtbaren Ereignissen erschließen." (HEBB, Einführung in die moderne Psychologie, 14)

Seinem kurzen Studium der Chemie hat der Seelenforscher also entnommen, daß dort gar keine Atome reagieren, sondern sich die Chemiker ein theoretisches Konstrukt namens "Atom" zugelegt haben, dessen nicht beobachtbare "Eigenschaften" sie nun aus "beobachtbaren Ereignissen erschließen". Daß er damit die Atome von ihren Reaktionen getrennt hat - eine wahrhaft alchimistische Vorstellung! -, stört ihn nicht weiter, weil er auf genau dies auch bei "der Seele" hinauswill:

"Das Problem der Psychologie besteht darin, n unserer Vorstellung die komplexe Maschinerie der Seele zu konstruieren, die für die Phänomene des Verhaltens verantwortlich ist." (ebenda)

Jenseits des "Verhaltens" meint er, sich einen Mechanismus - eine weitere Analogie - vorstellen zu müssen, der das Wunderwerk vollbringt, zugleich für die "Phänomene des Verhaltens" verantwortlich zu zeichnen und in ihnen gar nicht zu erscheinen. Damit hat er seinen Gegenstand, das menschliche Seelenleben, glücklich in eine Hypothese verwandelt, die ihm erlaubt, ihn nun ausgerechnet dort zu studieren, wo er mit Sicherheit nicht zu finden ist - nämlich bei Ratten. Schließlich "verhält" sich ein Mensch ebenso wie diese, wenn man zu Vergleichszwecken einfach die Differenz wegläßt:

"Sein verbaler Bericht, seine Ausführungen darüber, wie ihm etwas erscheint, sind ein Verhalten, das im Prinzip genauso funktioniert" (den Einfall, daß ein Bericht funktioniert, hat er dem vorigen Vergleich des menschlichen Hirns mit einem Computer zu verdanken) "wie das der Laboratoriumsratte, die hinter unterschiedlich gekennzeichneten Türen Futter sucht." (a.a.O., 55)

"Im Prinzip" gibt also eine futtersuchende Ratte einen Bericht darüber ab, "wie ihr etwas erscheint"? Na, na! Der Einsicht, daß eine Ratte doch nicht ganz dasselbe ist wie ein Mensch, kann sich denn auch der Psychologe nicht verschließen; nur muß es nicht verwundern, daß er dazu nun den falschen Vergleich rückwärts macht. Da er dort, wo es ihm um die Identität im "Verhalten" ging, von der Differenz abstrahiert hatte, erfindet er jetzt eine Differenz, die von der falschen Identität ausgeht:

"Alle bisher gesammelten Daten stimmen darin überein, daß die komplexere (!) Maschinerie, die für die höheren intellektuellen Prozesse notwendig ist, auch leichter störbar (?) ist, d.h. also, daß die gesteigerte Empfänglichkeit für irrationale Prozesse mit der immer besser entwickelten Fähigkeit, Probleme zu lösen, Hand in Hand geht." (a.a.O., 34)

Das ist ein Handstreich! Weil der Psychologe in den Äußerungen des menschlichen Seelenlebens keine Äußerungen des menschlichen Seelenlebens sehen will, malt er sich ein Kontinuum "intellektueller Prozesse" zwischen Mensch und Tier aus, das jenem mangelnde Problemlösungsfähigkeit - ein Problem, das kein Tier hat - und diesem erhöhte irrationale Störanfälligkeit anlastet - ein Problem, das kein Mensch hat, weil er eben nicht eine Maschine ist, bei der mit einer zunehmenden Anzahl von mechanischen Teilen die Möglichkeit von "Störungen" wächst. Resultat des verrückten Vergleichs: Das Tier darf sich als sehr rationalen, wenngleich wenig beweglichen Menschen - und der Mensch sich als zwar flexibles, dafür aber umso irrationaleres Tier betrachten. Und das alles nur wegen der Schwierigkeiten bei der "Beobachtung" der Seele!

Das Wesen im schwer Sagbaren

In solche Abgründe braucht ein Germanist nicht unbedingt hinabzusteigen, gilt ihm doch das "schwer Sagbare" überhaupt für das Wesen seines Gegenstands. Wenn er also Vergleiche anstellt, um diesem näherzurücken, krönt er die Produktivkraft des Vergleichs vollendet durch ihre Parodie. Erst wird die Notwendigkeit eines Vergleichs einfach dadurch begründet, daß ihn noch niemand angestellt hat:

"Es ist merkwürdig, daß unseres Wissens noch niemand den Aristokratismus Wilhelm Meisters eingehender mit einer gesellschaftlichen Erscheinung verglichen hat... wir meinen den Dandysme..." (BORCHMEYER, Höfische Gesellschaft und französische Revolution bei Goethe, 50)

Dann tilgt er die Differenz zwischen "Aristokratismus" und "Dandysme" -

"Gegenüber dem ökonomischen Rationatismus verzichtet der Dandy bewußt darauf, sein Leben zweckrational einzurichten, sich in irgendeiner Weise 'nütztich' zu machen..." (a.a.O., 51),

um im nächsten Schritt gleich wieder die Identität abzustreiten:

"Selbstverständlich wäre es töricht, Wilhelms Aristokratismus mit dem Dandysme... einfach gleichzusetzen" (dabei ist noch nicht einmal jemand auf die Idee des Vergleichs gekommen!) "in zu vielen Punkten unterscheiden sie sich tiefgreifend voneinander: das Ironisch-Herablassende, Egoistisch-Arrogante, Zynisch-Oppositionelle..." (kurz: alles, was den Dandy von Wilhelm Meister unterscheidet) "sind Wilhelm gänzlich fern." (a.a.O., 52)

Die verdutzte Frage, was dann eigentlich der Vergleich sollte, beantwortet der Denker zur Abrundung des Gedankengangs damit, daß er gar nicht nötig gewesen wäre: "Es sollte hier nur auf eine gemeinsame Grundtendenz aufmerksam gemacht werden: In Widerspruch zum ökonomischen Weltbild..." usw. (ebd.) Hier hat sich die Theorie endgültig von der Bindung an ihren Gegenstand verabschiedet. Der Vergleich ist nicht mehr nur Mittel, den wirklichen Gegenstand in einen Gegenstand der Theorie zu verwandeln - er ist sein eigener Zweck geworden, dem die Literatur nur noch Anstöße gibt, sich ganz frei von einer Assoziation zur andern zu bewegen.

Trennung der Wirklichkeit vom Gedanken

Solche "Argumentationen" bringen das Wesen des wissenschaftlichen Vergleichs auf seinen letzten Begriff: Das theoretische Instrument der Trennung der Wirklichkeit von den Gedanken, die sich die Wissenschaft über sie macht, ist eben eines der Geistesfreiheit, die sich ablöst vom Zwang des Urteilens - also mit all ihrem Idealismus die Entscheidung über die Wirklichkeit zu einer praktischen Frage erklärt. Videant consules! lautet der Schluß dieses gerade in seiner Souveränität absolut botmäßigen Denkens.