DER UNWÜRDIGE BISCHOF

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1980 erschienen.

Kardinal Ratzinger an der Uni München
DER UNWÜRDIGE BISCHOF

An Münchens Ludwig-Maximilians-Universität bieten im Sommersemester RCDS, SLH und LHV "Wissenschaft im Dialog" als Konkurrenzveranstaltung zu den nur wissenschaftlichen Teach-ins der MG. Als Höhepunkt und um den Saal vollzukriegen, hatten sie für den 9. Juni Josef Kardinal Ratzinger, Erzbischof von München und Freising eingeladen. Die Veranstaltung mißglückte, wie auch der Tagespresse zu entnehmen war. Weil Pressemitteilungen des Erzbischöflichen Ordinariats und des RCDS Quelle der Meldungen waren, kommen wir um die Feststellung nicht umhin, daß man es christlicherseits mit dem 8. Gebot nicht allzu genau nimmt und gegen die MG falsche Zeugnisse noch und noch abgelegt wurden. Mit freundlicher Genehmigung unserer Nächsten von der "Münchner Hochschulzeitung" übernehmen wir ihre "kurze Würdigung der Ereignisse vom 9. Juni".

Der Vorfall

17h s.t. Einzug von Josef Kardinal Ratzinger, begleitet von mehreren geistlichen Herren in die Große Aula. Der Verein "Wissenschaft im Dialog e.V." bringt einen Flugzettel mit Text und Noten bekannter Kirchenlieder zur Verteilung. Die Anregung wird aufgegriffen und ca. 1200 Menschen singen das "Lobet den Herrn", musikalisch einwandfrei und wesentlich besser als in den Kirchen, wo die Überalterung des Publikums ein Unisono, das den Namen ver dient, in der Regel verhindert. Der Kardinal, sichtlich ergriffen, singt die erste Strophe mit (dafür gibt es Zeugen!) und hält erst inne, als ihn die Veranstalter darauf aufmerksam machen, daß ihrerseits Gesaag nicht vorgesehen war, Josef Kardinal Ratzinger tritt vor das Mikropbon und bezeichnet das Absingen eines mit dem kirchlichen Imprimatur versehenen Preisgesangs wörtlich als "Happening"! Um es zu keiner Vergiftung der Atmospbäre kommeen zu lassen, wird im Saal "Großer Gott, wir loben Dich!" angestimmt. An der schönen Stelle, wo es heißt:

"Der Apostol heilger Chor, / der Propheton hehre Menge / schickt zu Deinem Thron empor / neue Lob- und Dankgesänge"

steigt eine Taube zur Decke der Großen Aula empor und Sternwerfer verleihen dem Augenblick eine wunderbare Note. Es hätte aoch lange so weiter gehen können: der Saal voll, die Sänger stimmlich bestens disponiert, der Kardinal anwesend, der christliche Dialog zwischen Hirten und Volk in vollem Gange, wenn nicht gegen 17.30

Der Eklat

vorgefallen wäre. Daß die Amtskirche zur 'naiven Frömmigkeit' der gläubigen Herde ein gebrochenes Verhältnis hat, das wußten wir aus eigener Erfahrung; daß deutsche Bischöfe vor lauter Politisieren ihre Hirtenpflichten hintenanstellen, wir haben es in der Zeitung oft genug gelesen; daß aber die geweihten Herren, wenn man ihnen ihre eigene Melodie vorspielt, so reagieren, wie der Teufel auf das Weihwasser - das hat uns verblüfft. Josef Kardinal Ratzinger verließ schlag halb Sechse die Universität und zog in die nahegelegene Ludwigskirche um. Wie sich dann herausstellte, war dieser Akt als Affront gedacht, denn in den eigenen vier Wänden war er durchaus bereit zu predigen. Zurückließ er jedoch eine restlos verunsicherte ad-hoc-Gemeinde, die auf das Versprechen zum Dialog mit der Amtskirche hereingefallen war. Die Folgen des Eklats sind noch gar nicht abzusehen: Man denke nur an den Semesterschlußgottesdienst, der seit Jahren schon von der Präsenz der immergleichen Gesichter zehrt: Mieter katholischer Studentenwohnheime, denen der Schlafplatz zweimal im Jahr eine Messe wert sein muß.

Die Stellungnahmen

Die Veranstalter, RCDS, SLH, LHV und Wissenschaft im Dialog e.V. waren tags darauf mit einem Flugblatt bei der Hand, das die Verantwortung für den Eklat der MG in die Schuhe schieben wollte. Der antikirchliche Unterton dieses leichtfertigen Pamphlets ist unüberhörbar bereits im Titel: "Die Chorknaben der MG". Seit wann sind denn das Chorsingen oder andere "geistliche Exkurse" des Teufels? Unter einem Motto des atheistischen Schriftstellers Max Frisch wird hier vom Kirchturm aus ausgerechnet "über den Kirchturmhorizont dieser Chorknaben" hergezogen, denen man "fehlende sonntägliche Übung" vorwirft, statt anzuerkennen, daß der Chor der MG trotz geringen Trainings und seltener Auftritte jeden Vergleich mit den Sangeskünsten z. B. der KHG standhält, die nur im engsten Kreis zur Klampfe und mit schrecklichen neumodisch-kritischen Liedern praktiziert wird. Die Behauptung, das Flugblatt mit den Liedertexten sei eine Fälschung der MG, überprüft die MHZ-Redaktion zur Stunde noch. Fest steht jedoch auf jeden Fall, daß dieses Flugblatt mehr der Veranstaltung angemessen war, als der merkwürdige Text der Veranstalter vom Folgetag.

Der "Politische Referent des Ordinariats", Curt Genewein, mißbrauchte den Verlauf des Ratzinger-Gastspiels an der LMU für das Austragen einer innerkatholischen Querele, in dem er gegen, "Priester" wetterte, "die bei linksradikal gesteuerten -Kundgebungen sprächen" (SZ vom 12. Juni). Die MG erklärt hier coram publico und ex cathedra, daß auf ihren Veranstaltungen noch nie ein Priester gesprochen hat und dergleichen auch nicht beabsichtigt ist. Man sollte uns da also rauslassen. Ebenfalls für nicht betroffen halten wir uns in der von Genewein erwähnten Kontroverse zwischen dem 1952 verstorbenen Kardinal Faulhaber und dem Nazistaat. Warum dieser Amtsvorgänger Josef Kardinal Ratzingers, nechdem er noch bis kurz vor Stalingrad für den Sieg der deutschen Waffen predigte, dann - angesichts der sich abzeichnenden Niederlage - sein Unbehagen mit bestimmten Erscheinungen an der Heimatfront äußerte; die Klärung dieser Frage wollen wir uns schenken, weil sie garantiert nichts mit "Versuchen zur Systemveränderung" weder damals noch heute zu tun hat. Den Vergleich zwischen der Inhaftierung Faulhabers in Dachau und dem Singen von "Oh, Maria hilf!", den Herr Genewein anstellt, beantworten wir ausnahmsweise ernig mit der Frage, ob dieser "politische Referent" noch richtig tickt und kommen gleich zu unserem abschließenden

Kommentar

In der Ludwigskirche beklagte Ratzinger, daß der modernen Wissenschaft das christliche Fundament fehle. Daß er diese These vor Intellektuellen als Kritik formulieren konnte und nicht ausgepfiffen wurde, beweist eindeutig, wie sehr er mit dieser Klage daneben liegt. Moderne Wissenschaftler brauchen ihre Studenten nicht zu Beginn jeder Vorlesung mit einem "Gelobt sei Jesus Christus!" begrüßen: Im Irrationalismus ihres wissenschaftlichen Standpunkts sind sie je schon Brüder und Schwestem in Christo! Die umstandslose Verherrlichung des Staates als dem Gott des modernen Bürgers konfligiert mitnichten mit der Botschaft der Kirche, für die der Staat kein fremder Gott neben dem Alten, sondern der irdische Garant seiner Ordnung ist. Was soll also die Aufregung darüber, daß die Botschaft solcher Wissenscheft ihr in Noten gesetzt entgegenschallt? Anders ausgedrückt: Die MARXISTISCHE GRUPPE ist auch beim Ratzinger-Gastspiel von ihrem Prinzip der immanenten Kritik kein Jota abgerückt. Der Erfolg gibt ihr recht. Zum Schluß noch ein offenes Wort an den Ratzinger Sepp, damit er das nächste Mal eine würdigere Figur macht:

"Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, / der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, / der dich erhält, / wie es dir selber gefällt. / Hast du nicht diesos verspüret?".

Das wird man doch einen Kardinal mal fragen dürfen?

*

Und dann kam auch noch Löwenthal

Den folgenden Mittwoch schob der RCDS den ZDF-Magaziner Gerhard Löwenthal nach. Obwohl die MARXlSTfSCHE GRUPPE in ihrer "Münchener Hochschulzeitung" diesem Mauerstürmer eine "Absage" erteilte, kam es erneut zu häßlichen Szenen.

Was ist passiert? Ein rechter Hetzer ist an der Universität zu Besuch gewesen, um das zu sagen, was er jeden zweiten Mittwoch sagt, 20.15 im ZDF. Millionen vor und hinter dem Eisernen Vorhang hören ihm zu, darunter auch ein paar Leute, denen nicht gefällt, was er sagt. Pfeifen vor dem Fernsehgerät wäre albern. Da kommt der Mann an die Uni, in der festen Absicht, sich auspfeifen zu lassen. Für seine Argumente wünscht er sich diese Bestätigung an diesem Ort, so wie er sich andernorts des Beifalls sicher sein kann. Die Diskussion mit Kommunisten, so das Credo dieses Mannes, hat demokratisch ausschließlich mit den Argumenten Berufsverbot, Parteienverbot, Parteiausschluß, drastische Strafen stattzufinden. Das ist rechtsstaatlich. Wer überhaupt mit Kommunisten und denen, die dazu gezählt werden, diskutiert, ist ein Mann Moskaus. Diese Botschaft verbreitet er in allen Medien dieses demokratischen Rechtsstaates. Ein Häufchen Studenten - er würde sie "Chaoten" nennen - wagt es, ihm nicht zuzuhören, wenn er erzählt, wie er mit ihnen verfahren lassen will. Sie fordern nicht einmal "Berufsverbot für Löwenthal!" Sie nehmen sich die bescheidene Freiheit zu pfeifen und am nächsten Tag ist der Rechtsstaat in Gefahr.

P.S.: Die Protestierer haben den Löwenthal mit dem Sprechchor, "Nazi raus! " gemeint treffen zu können. Spätestens am nächsten Tag bei der Zeitungslektüre hätten sie merken können, wie sehr sie mit diesem Spruch danebenlagen. Die Leviten las ihnen die christliche, freie und Sozialdemokratie. Die Freiheit ist nämlich genauso unteilbar wie Deutschland, um mit Gerhard Löwenthal zu sprechen. Deswegen gebrauchen Männer wie er sie so gerne, und jeder Pfiff dagegen mißbraucht sie und gehört deswegen verboten

Aufruf zur Gewalt

1. Hausfriedensbruch und widerrechtliche Aneignung?

"In der polnischen Diözese Masuren häufen sich überfallartige Besetzungen evangelischer Gotteshäuser durch Katholiken, auch unter Anführung von Geistlichen (!)... Besetzungsaktionen von gemeindlich genutzten Kirchen... Besondere Aggressivität sei bei einer Kirchenbesetzung in Spychowo deutlich geworden. 'Diesmal brachen die Katholiken während des evangelischen Gottesdienstes ein. Die Menge der Katholiken blockierte den Ausgang, so daß die evangelischen Christen nicht mehr die Kirchentüre schließen konnten...' Nach Auffassung des polnischen Pfarrers stehen die katholischen Übergriffe in direktem Zusammenhang mit dem Polenbesuch des Papstes im letzten Jahr..."

2. Einbruch und Sachbeschädigung?

"Die Brandanschläge auf Beratungsstellen von Pro Familia sind vermutlich von einem religiös motivierten Mann verübt worden. In Briefen an Hamburger Tageszeitungen bekannte sich ein anonymer Verfasser zu den Anschlägen. Die Schreiben enthielten unter anderem Bibelzitate und die Beschuldigung, bei Pro Familia handele es sich um eine 'Brutstätte des Satans, allerhöchster Perversion'. Außerdem berufe sich der Verfasser auf die Nobelpreisträgerin Mutter Teresa und bezeichne Schwangerschaftsabbruch als Mord."

3. Anstiftung zum Mord?

Letztgenannte Mutter Teresa auf dem Katholikentag:

"Abtreibung ist reiner Mord. In Indien werfen die Frauen ihre Kinder lieber in die Mülltonne, als sie abzutreiben."

Bloß weil mal wieder einer, der auf wahrhafte Kirche macht, Papst geworden ist und die Gewaltätigkeit für Höheres allgemein wieder Konjunktur hat, bloß deshalb, liebe Christen, muß man doch nicht gleich aus der eigenen Schafsnatur wieder einmal den Streiter Gottes hervorkramen!

Spinnt der Papst?

Wie immer, so ist auch in diesen Tagen der Polen-Paul aus Rom wieder auf Achse, mit unser aller Kirchensteuergroschen. Die ganze Menschheit, besonders die Naturwissenschaftler, hat er in Paris gewarnt, damit sie endlich aufhören, sich an der Zerstörung der Welt zu schaffen zu machen. Wo aber sitzen die gemeinen Burschen, die den Erdball in die Luft jagen wollen? Sind's die Physikstudenten? Oder eher ihre Wasserträger aus der mathematischen Abteilung? Der alte Kirchenfürst tut ziemlich gekonnt so, als hätte er hier, im Felde der Naturwissenschaft, die Leute gefunden, die an dem Ast sägen, auf dem wir alle sitzen. Dabei kennt doch jeder den kleinen Unterschied zwischen Leuten, die von Berufs wegen Atombomben erfinden und solchen, die beschließen, wann sie auf wen geworfen werden, oder? Trotzdem, die Sache ist ganz diplomatisch gedacht: man kann schließlich kein Berufsverbot für die Bombenwerfer in höchsten politischen Ämtern fordern, wenn man sich von ihnen grandiose Empfänge und viel Sympathie bieten lassen will. Viel leichter ist es da, die Wissenschaftler daran zu erinnern, daß ihre Arbeiten schon längst nicht mehr am "Wohl der Menschen" ausgerichtet sind. Aber wäre es nicht wenigstens konsequent gewesen, für diese Sorte Totengräber der Menschheit bei Giscard oder Helmut Berufsverbot zu fordern? Stattdessen kommt aus Rom die Aufforderung, so weiterzumachen wie bisher und davor die Ethik zu setzen. Aber auch dabei wird sich der Alte etwas gedacht haben: ohne die naturwissenschaftliche Elite der Nation steht es auch wieder schlecht um seine politischen Freunde. Seiner moralischen Verpflichtung als katholisches Gewissen der Weltgeschichte hat der Mann jedenfalls genüge getan. Mit den Machern der Weltgeschichte hat er es sich nicht verdorben, ihren wissenschaftlichen Zuarbeitern hat er ein Angebot unterbreitet, mit dem sie ihren Auftrag weiter erledigen können. Man muß sich nur zu jeder bakteriologischen oder nuklearen Waffe, die man beim Verteidigungsminister einreicht, noch ein Gewissen zulegen, welch fürchterliche Wirkungen die eigenen Erfindungen zeitigen, wenn sie in die falschen Hände geraten (am besten vom Labor gleich in den Beichtstuhl). An ihren Gewissensqualen zugrundegehen wird die naturwissenschaftliche Intelligenz dabei wohl nicht. Schließlich arbeitet man nur für die richtigen Hände und nicht die Verteidigungsminnisterien fremder Länder.

Papst appelliert an Wissenschaftler

Paris (dpa). Papst Johannes Paul II. hat gestem eindringlich die ganze Menschheit und vor allem die Wissenschaftler vor der Zerstörung der Welt gewarnt. In einer Rede vor der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) in Paris rief der Papst am letzten Tag seines viertägigen Besuches in Frankreich "wegen der schrecklidien Bedrohung, die auf der Menschheit lastet" dazu auf, in allen Bereichen der Wissenschaft, und vor allem in den Naturwissenschaften, die Ethik voranzustellen. Angesichts der herrschenden Unsicherheit könne elne Störung des zerbrechlichen Gleichgewichts schnell zu einem Krieg führen, der unweigerlich den Einsatz von Kernwaffen beinhalte, sagte der Papst. Die ganze Zukunft der Menschheit sei damit radikal bedroht. Der Papst zählte als Beispiel für eine nicht mehr am Wohl der Menscheit ausgerichtete Wissenschaft genetische Manipulationen, biologische Experimente, chemische, bakterlologische und nukleare Waffen auf. Zum Abschluß seines Besuchs in Frankreich forderte der Papst die Katholiken auf, in "ihrem missionarischen Eifer nicht nachzulassen". (WESER-KURIER 3.6.80)