"Der Stil, den wir noch aus Goebbels Zeiten kennen"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1989 erschienen.
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Korrespondenz
"Der Stil, den wir noch aus Goebbels Zeiten kennen"

Betrifft: "1O Fragen an unsere neuen Mitbürger aus der DDR", MSZ 5/1989, Rückseite.

Münchner Verwandte schickten mir Ihren Aufruf...

Ich möchte gerne, daß Sie wissen: Mit einem solchen Text werden Sie von keinem ehemaligen DDR-Bürger ernst genommen. Das ist genau der Stil, den wir noch aus Goebbels' Zeiten kennen und den wir anschließend dreißig Jahre lang aus dem Munde Karl-Eduard von Schnitzlers übers DDR-Fernsehen hätten hören können, wenn wir alle nicht rechtzeitig abgeschaltet hätten. Jetzt haben wir es endlich erzwungen, daß dieser Mann seinen Posten und damit seine Sendung verlor. Das müßte Ihnen doch zu denken geben, wenn Sie sich anschicken, weitere demagogische Flugblätter zu verfassen. Und seit vier Wochen sind wir dabei, uns auch noch einer Regierung zu entledigen, die wir nie gewählt haben und die außer ihren privilegierten Kostgängern keine Anhänger hat. Was sagen Sie nun?!

Wir in der DDR sind auch nicht glücklich über diese Ausreisewelle, denn sie macht unser ohnehin problematisches Leben noch viel problematischer. Aber was für eine Angst spricht doch aus Ihren Worten! Angst, die vielen Flüchtlinge könnten den Alteingesessenen etwas von ihrem seit Jahrzehnten genossenen Wohlstand nehmen, womöglich müsse man dies oder jenes künftig mit ihnen teilen! Wir hier wissen solche Töne genau einzuschätzen, seien Sie sicher. Auch DDR-Bürger haben nur ein Leben. Wenn es einige Zehntausende von ihnen endlich satt haben, dieses Leben in einer Diktatur zu fristen und endlos die Schulden des letzten Krieges auch für die Bundesbürger mit abzubezahlen, ohne je einen Silberstreif am Horizont zu sehen - wer kann es ihnen verdenken?!

Alle, die sich so wie Sie um die DDR sorgen und gegen das eigene System hetzen, sollten hierher übersiedeln. Aber das tut KEINER! Die Freiheit und der Wohlstand des Westens sind ihnen viel zu wertvoll, als daß sie auf sie verzichten wollten. Ich weiß, ich weiß: Sie bleiben alle im Kapitalismus, um ihn besser bekämpfen zu können. Aber was wollen Sie statt dessen? Unseren "Sozialismus", gegen den wir uns gerade erheben und den wir endlich abwerfen? Ich würde ihn Ihnen und Ihren Genossen herzlich gönnen.

M.A., Leipzig (DDR)

Antwort der MSZ

Wir setzen darauf, daß es unter den ehemaligen wie den verbliebenen DDR-Bürgern und sogar unter den Bundesdeutschen ein paar Leute gibt, die sich in der Politik nicht bloß an Stilfragen ärgern oder belustigen, sondern Inhalte wenigstens noch zur Kenntnis nehmen. Wir halten es jedenfalls so. Sogar an Gobbels' berühmter rhetorischer Frage: "Wollt ihr den totalen Krieg... " usw. stört uns der Inhalt mehr als die demagogische Masche. Vielleicht wäre es auch bei Schnitzlers Schwarzem Kanal besser gewesen, die Zuschauer hätten nicht immer rechtzeitig abgeschaltet, sondern einmal den Fehler herausgehört, den Sozialismus als die bessere deutsche Staatsideologie auszugeben und damit die Konkurrenz gegen den Nationalismus der BRD gewinnen zu wollen. Verärgerung über Stilfragen ist jedenfalls auch da nichts als die hochanständige billige Tour, sich die Mühe einer Kritik in der Sache zu ersparen. (Dem Gegner übrigens auch!)

Sie sind, sicherlich gemeinsam mit fast allen DDR-Bürgern und mit der westdeutschen Öffentlichkeit sowieso, überzeugt, ein neues Fernsehen und eine neue Regierung erzwungen zu haben. Hoffentlich ist Ihnen nicht ganz entgangen, daß da noch mindestens zwei andere, maßgeblichere Mächte mit im Spiel waren und sind. Die SED hat sich zu ihrer Wende entschlossen; sie tut alles, um beim Nachgeben die Kontrolle über das Geschehen zu behalten; sie geht sehr kalkulierend mit dem Druck von unten um. Und vor wem sie wirklich nachgibt, das zeigt sich nur allzu deutlich an den Verhandlungspartnern, mit denen sie die tatsächliche materielle Zukunft der DDR aushandelt.

Da ist von Ihnen und Ihren Kampfgefährten leider gar nichts zu sehen; um so mehr dafür von Bonner Ministern, westdeutschen Parteigrößen, kapitalistischen Unternehmern und Bankiers usw.

Mag sein, daß Sie und Ihre Mitbürger in ein paar Wochen oder Monaten die Gelegenheit gewährt kriegen, sich tatsächlich Ihrer nicht gewählten Regierung zu entledigen und neue Leute in die alten Ämter zu wählen. Aber wenn Sie und Ihre Landsleute sich weiter den Schwenk der SED als Ihren Erfolg in die Tasche lügen, dann werden Sie nicht bloß genau an dem Tag zur Wahl latschen, an dem Sie hinbestellt werden; Sie werden dann auch abgewartet haben, welche Parteien bis dahin von lauter "privilegierten Kostgängern" einer neuen, prowestlichen DDR und von deren bundesdeutschen Paten aufgebaut und mit "netten Menschen" als Wahlkandidaten ausstaffiert worden sind. Meinen Sie, es gibt dann, bei einer solchen gut vorbereiteten freien Wahl, andere ernsthafte Wahlalternativen als solche zwischen den beflissensten - und natürlich "glaubwürdigsten"! - Hampelmännern der West-Integration der DDR?

Nebenbei: nicht einmal die Abschaltung des Sehwarzen Kanals können wir so ohne Weiteres als Ihre Befreiungstat würdigen. Für uns ist nur gar zu offensichtlich, daß da die Partei einen Störenfried bei ihrem entschlossenen West-Schwenk abgehalftert hat. Und bevor Sie sich jetzt darüber erbosen, daß wir Ihnen nicht einmal diesen kleinen Triumph lassen, bitten wir um Prüfung, ob es nicht vielleicht stimmt. Sonst machen wir in Zukunft Sie für die Aktuelle Kamera verantwortlich.

Sie lesen aus unseren "10 Fragen" die Angst davor heraus, wir müßten "unseren Wohlstand" mit den Zuzüglern aus dem Osten teilen. Dem Inhalt unseres Blättchens können Sie das nicht entnommen haben. In dem erlauben wir uns eine Polemik gegen den widerlichen nationalistischen Konkurrenzstandpunkt, mit dem die Übersiedler hierzulande nur allzu leicht konfrontiert sind - und dem sie sich leider nur allzu gern anschließen. Da ist nämlich oft blitzschnell die Sorge da, man müßte mit "Nachzüglern" teilen; oder womöglich mit Zuzüglern, die "noch nicht einmal Deutsche" sind.

Darf man dagegen nicht einmal die Frage stellen, ob die Ausgereisten (übrigens genauso verkehrt wie leider die riesige Mehrheit der Bundesdeutschen) sich unbedingt auf den Standpunkt eines vorgestellten nationalen Rechtstitels stellen müssen - der übrigens immer gleich Leute kennt, die rausgeschmissen gehören -; oder ob sie vielleicht noch unterscheiden können zwischen dem Fanatismus für ein deutsches Vorrecht und ihren materiellen Interessen ?

Was die betrifft, so teilen wir erstens nicht Ihre Vorstellung, die wären in der BRD der Leitfaden aller Dinge und bestens sichergestellt. Zweitens finden wir Ihre Vorstellung grundverkehrt, der Kapitalismus Marke BRD wäre ein enorm großer Wohlstandstopf, aus dem alle sich was rausholen dürfen; der schneller leer würde, wenn mehr Leute sich was rausholen; und aus dem deswegen womöglich ausgerechnet die Deutschen, sei es ohne DDRler oder mit denen, vorrangig oder sogar exklusiv bedient werden müßten. Die materiellen Interessen der normalen Leute hierzulande werden dadurch "bedient", daß sie total ein- und untergeordnet sind; und zwar unter die Belange einer Weltwirtschaftsmacht, die mit ihrem akkumulierenden Reichtum auch noch den Rest der Welt in Dienst nimmt - nicht zuletzt und schon seit langem die DDR, deren Einwohnern das auch gar nicht gut bekommt. Das macht die Leute hierzulande kaputt, und "versorgt" werden sie so, daß sie funktionieren.

Wir halten es drittens gar nicht für gut, die eigenen materiellen Interessen aus einem vorgestellten "Systemvergleich" heraus zu bestimmen, also von vornherein davon auszugehen, daß einem sowieso gar nichts anderes übrig bleibt, als sich nach der Decke zu strecken, so daß man sich am besten gleich die längste Decke sucht. Es ist kläglich, sich immer schon damit abgefunden zu haben, daß eine nationale Ökonomie sich sowieso nie um die Interessen der Leute dreht, so daß man immer bloß auf die Gelegenheiten und Chancen spechten kann, die in dem einen oder dem anderen Wirtschaftssystem so abfallen und dann doch allesamt wieder einen Pferdefuß haben. Wir agitieren jedenfalls hierzulande dafür, daß die Leute aufhören, ohne Rücksicht auf sich selbst bei lauter mehr oder weniger erfolgreichen DMark-Kapitalisten Dienst zu tun und diesen Dienst auch noch dankbar für ein herrliches Lebensmittel zu halten, bloß weil es anderswo noch elendere Verhältnisse gibt. Deswegen liegt es uns auch fern, den Bürgern uon anderswo schulterklopfend bundesdeutsche Verhältnisse zu "gönnen": Auch denen sollte, bei aller Unzufriedenheit mit ihren heimischen Zuständen, doch ein etwas anderer Wohlstand einfallen als die bewunderten Abhängigkeiten und Freiheiten in Deutschland/West, diesem Paradies für alle, die von ihren DMark nicht leben müssen, sondern genug haben, um sie ertragreich anlegen zun können. Auch allen unzufriedenen DDR-Bewohnern möchten wir zu bedenken geben, ob denn wirklich die einzige Alternative zum schlecht entlohnten Arbeitsdienst drüben der Arbeitsdienst für weltrekordmäßige Kapitalisten herüben sein kann. Soll das wirklich das Höchste sein: Anpassung an neue Dienstvorschriften, die man für erträglicher hält?!

Na klar bei Ihnen kommt jetzt sicher gleich wieder der Verdacht hoch, wir wollten Ihresgleichen bloß den Zugang zu westlichen Futterkrippen neiden oder verwehren. Wenn Sie also wirklich keine besseren Sorgen haben, dann können wir Sie trösten: Das westdeutsche Kapital ist schon im Aufbruch, es kommt zu Ihnen rüber, mit seiner DMark und seinen Fließbändern, seinen Bodenspekulanten und seinem Werksschutz. Es wird auch alle Kaufhausketten mitbringen, die in Ihrer Optik für den westlichen Wohlstand stehen. Wir wünschen Ihnen bloß, daß Ihr Geld dann etwas weiter reicht als der Durchschnittslohn eines westdeutschen "Wohlstandsbürgers". Und wenn die "Zehntausende", die den "realsozialistischen" Laden satt haben, nichts wirklich in die eigenen Hände nehmen wollen, sondern bloß danach seufzen, daß die große kapitalistische Bescherung noch zu ihren Lebzeiten stattfindet, dann kriegen sie halt auch nichts besseres.

Auf dem Höhepunkt Ihrer Beschwerde über den Egoismus der Bundesdeutschen, den Sie in unserem Flugblatt erspürt haben, kommen Sie mit den "Schulden des letzten Krieges", die einseitig in der DDR abbezahlt würden. Meinen Sie das wörtlich: Sollte ausgerechnet diese SED-Ideologie über den fortwährenden Grund des schlechten Lebens in der DDR bei Ihnen eingeschlagen haben? Oder meinen Sie das mehr moralisch, im Sinne einer historischen Strafe, die die unglücklichen Bewohner von Deutschland/Ost ungerechterweise allein getroffen hätte? Ungefähr so, wie es der westdeutsche Bundeskanzler öfters sagt, um seinen bundesdeutschen Besitzanspruch auf die DDR als Wille zur Wiedergutmachung an den vom Kriegsergebnis so arg gebeutelten Ostdeutschen hinzustellen?

Wie dem auch sei: Wahr ist doch nur, daß die DDR unter viel schlechteren materiellen Voraussetzungen an den Wiederaufbau nach Kriegsende herangehen mußte. Ansonsten läßt sich aus dem Geschichtsverlauf aber doch bloß ablesen, daß er mit Schuld, Sühne und Gerechtigkeit überhaupt nichts zu tun hat; weil er nämlich von Staaten gemacht wird, für die ihr nationaler Erfolg die einzig gültige "Moral" ist; und daß die Menschen immer die Dummen sind, wenn sie sich auch noch moralisch mit den Kriegen und Kriegsfolgen der Staaten identifizieren, für die sie doch bloß die Manövriermasse hergeben müssen.

Und diesen Fehler müssen wir Ihnen vorwerfen. Sie grübeln über Sinn und Ungerechtigkeit der Geschichte, denken dabei überhaupt bloß in nationalen Kollektiven, vor allem in der Kategorie "wir Deutschen", und deuten sich Ihre Lage und die Ihrer Landsleute als verletzte nationale Solidarität. Meinen Sie, damit hätten Sie irgendeine Wahrheit darüber erwischt, warum es wie nach dem Krieg zugegangen ist mit dem besiegten "3. Reich" und seinen Insassen? Oder Sie hätten damit irgendeinen vernünftigen Anspruch gestellt, was sich gefälligst ändern soll: Die nationale Solidarität, die Sie vermissen, gibt es überhaupt nur so, daß eine Staatsgewalt das Zusammenhalten ihrer Untertanen erzwingt; das dürfen sich die Betroffenen dann als ihre moralische Leistung zurechtlegen. Und in diese Ecke gehört ihre Beschwerde. Eindruck können Sie damit allenfalls gleichgesinnten Moralaposteln einer deutschnationalen Volkssolidarität machen und Sie werden auch wissen, welchen: Sie fordern damit nur genauso verkehrte moralische Selbstrechtfertigungen heraus.

Auf das gute alte reaktionare "Geht doch rüber!" wollen Sie am Ende also auch nicht verzichten. Sie finden also am Kapitalismus nichts auszusetzen; Sie verwechseln jede Kritik daran mit Befürwortung der DDR-Verhältnisse; Sie nehmen uns Ihre Verwechslung persönlich übel; und Sie wüßten für den DDR "Sozialismus" mit seiner "Diktatur" immerhin eine gute Verwendung, nämlich die, uns das Kritisieren abzugewöhnen. Na, das ist ja wenigstens mal wohltuend undemagogisch.

"Die Leute hier haben den aufrechten Gang gelernt"

Ich habe am Sonntag in Berlin-West Euer Flugblatt gegen den Deutschen Wahn (1) in dieH and bekommen. Ebenso wie Ihr bin ich betroffen und enttäuscht von dem, was zur Zeit hier in der DDR läuft. Und ich muß sagen, Ihr habt mich auch bei keiner Feier gestört, es sei denn bei einer Totenfeier. Ich gehe auch mit Euch konform, wenn Ihr sagt, daß die DDR vorm Ausverkauf steht. Und es verbittert, nichts mehr dagegen tun zu können. Aber bei all dem, was jetzt wirtschaftlich ins Rollen und für uns hier ins Rutschen kommt - und das für uns ungeheure Probleme bringen wird möchte ich, daß niemand auf irgendeine Art und Weise über die - ja - Volksbewegung hier lästert oder sie klein zu machen versucht. Wir hier mußten unter den gegebenen stalinistischen Spielregeln arbeiten und leben. Und in der SED (und ich bin Mitglied) war es frustrierend, sich diesem Machtgefüge ausgesetzt zu sehen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie es ist, in jeder Seminargruppe einen Stasi-"Menschen" zu wissen, zwei Meinungen zu haben, dieses Land hier, das ich liebe, weil es meine Heimat ist, verfallen zu sehen. Ihr könnt nicht nachempfinden, was es für eine Leistung war, am 9. Oktober auf die Straße zu gehen. Ich war nicht dabei, weil ich Angst hatte. Und Ihr könnt es wirklich glauben, die Leute hier haben den aufrechten Gang gelernt. Das hatte nichts mit Reisefreiheit zu tun, noch nicht. Die paßte selbst einer Frau Boley vom Neuen Forum nicht ins Konzept. Sie hätte sie lieber selbst gewährt. Das Chaos z. Zt. ist schlimm, und ich schäme mich für viele DDR-Bürger, die an Suppenküchen anstehen, riesige Dreckberge hinterlassen etc., aber all das ist doch nur Ausdruck des Dampfdrucks im Kessel, der nun entweicht.

In meiner Partei, also der SED, gibt es noch viel aufrechte alte und junge Genossen. Und ich hoffe, daß sie die z. Zt. herrschende Anarchie schnell überwinden. Es ist meine letzte Hoffnung. Nur sie werden es schaffen, nicht "Garant der marktwirtschaftlichen Entwicklung" der DDR zu werden. Die SED ist nicht die SPD. Es gibt da mehr als ein paar feine Unterschiede. Aber sie hat es, gefesselt in stalinistische Zwänge nicht vermocht, das Modell Sozialismus durchzusetzen. Was sie geschafft hat, war eine landesweite Frustration, Arbeitsunwilligkeit, Verfall ideller Werte, Verfall der Städte und Dörfer, Niedergang der Wirtschaft, ja, die Wirtschaft in den Kollaps zu führen. Die durchaus vorhandenen Werte, allen voran die soziale Sicherheit, die durchaus gegeben war, haben nicht genug Überzeugungskraft besessen, wurden von anderen Mißlichkeiten überdeckt, ja haben sogar die produktiven Kräfte des Volkes gelähmt, so daß wir es heute mit einer Volkswirtschaftskrise gigantischen Ausmaßes zu tun haben. Sie hat nichts mit zyklischen Überproduktionskrisen zu tun, an ihrem Ende steht die Implosion der gesamten Gesellschaft unseres Landes. Ein Dozent bei uns hat es einmal so charakterisiert: Wenn ein kapitalistischer Unternehmer Unsinn macht, geht er gottlob schnell pleite; bei uns kann die Dummheit fröhliche Urständ' feiern, ohne daß den Verantwortlichen an den Kragen gegangen wird. Der Schaden ist dadurch um Dimensionen größer. Diesen Schaden müssen wir nun beheben. Am Versagen der SED kochen nun andere ihr Süppchen, keiner weiß, was von Parteien wie CDU, LDPD, NDPD, DBD bei uns zu erwarten ist...

Warum schreibe ich Euch das alles? Weil ich möchte, daß deutlich wird, daß unsere Probleme hausgemacht sind. Und vielleicht haben wir geschicktere Männer als die Ungarn, und sicher ist unsere Position um vieles, vieles besser als in Polen, um mit dem Teufel einen Pakt einzugehen und seiner Großmutter drei goldene Haare auszureißen. Ja, wir brauchen die Dresdner Bank, den Kanzler. Wir holen sie nicht her, um ihre Profite zu steigern (auch wenn sie das tun werden), sondern weil wir auf ihr Geld einfach angewiesen sind...

Ich werde Euer Flugblatt an unserem schwarzen Brett aushängen...

T., Leipzig (DDR)

Antwort der MSZ Redaktion

Daß Du "betroffen und enttäuscht" bist über den Abgang, den die deutsche Ausgabe des "Modell Sozialismus" macht, ist eine Seite und verständlich.

Die andere, gar nicht korrekte Seite ist, wenn Du unsere Kritik der sehr unterschiedlichen Zwecke und Parteien, die sich da - jede auf ihre Weise - am Aufbau des Ersatzmodells "Gesamtdeutschland" zu schaffen machen, so gleichmacherisch und ganz ohne Rest auf ein persönliches Bekenntnis zu einer durch den Lauf der Dinge enttäuschten Hoffnung zusammenstreichst. Die war es nämlich überhaupt nicht, die uns auf unsere Einwände gegen das deutsch-deutsche Mauerfest gebracht hat - mit dem Prinzip Hoffnung haben wir den Sozialismus noch nie verwechselt. Und auf Enttäuschung laufen unsere Einwände auch überhaupt nicht hinaus: Weil wir uns über den imperialistischen Witz des deutsch-deutschen Verhältnisses unseren Begriff gemacht haben, sind wir vom für beide Seiten ziemlich gegenläufigen Ausgang der zwischendeutschen Erfolgsbilanz nicht enttäuscht, sondern merken an ihr bloß, wie wenig wir uns getäuscht haben. Das macht uns höchstens unzufrieden - das wiederum aber schon sehr.

Doch nicht nur darin hast Du uns mißverstanden. Du hast auch unsere Rede vom "Ausverkauf" der DDR, mit der Du ja konform gehst, ihrem sachlichen Gehalt nach ziemlich verdreht. Und zwar gleich so, daß aus unserer Kritik des Imperialismus, wie sie im Flugblatt steht, glatt eine Perspektive wird, aus der Du Hoffnung schöpfst. Weil das grundverkehrt und sehr schädlich ist, drängen wir da auf Richtigstellung - und wollen Dich gleich wieder, möglichst gründlich und auf Dauer, enttäuschen. Dazu die folgenden paar Hinweise auf die Hoffnungsträger, die Du Dir hast einfallen lassen.

Dein erster Hoffnungsträger ist das Volk, das Du in seiner Eigenschaft als "Volksbewegung" schon sehr grundsätzlich über jeden Zweifel stellen möchtest. Das ist nicht in Ordung. Eine Parteinahme für oder gegen ein massenhaft vorgebrachtes Anliegen kommt nämlich gar nicht umhin zu begründen, warum und worin die Zwecke, die sich da Gehör verschaffen, in Ordnung gehen - oder ob sie nicht besser zu kritisieren sind. Diese nicht unwichtige Prüfung ersparst Du Dir pauschal mit dem Verweis auf den "aufrechten Gang", den Deine Volksgenossen statt ihres bisherigen opportunistischen Mitläufertums nunmehr aufzuweisen hätten. Nun mag es ja sein, daß Dir die bisherigen Volksbewegungen, die Fahnen- und Parolenumzüge auf den offiziellen Jubelveranstaltungen zum Ruhme des Sozialismus und der Einheit von Staat und Volk, schon länger ein wenig suspekt vorgekommen sind. Aber braucht es, damit eine Kritik daraus wird, die Bestand hat, da nicht ein wenig mehr als ein Zitat der antikommunistischen Wunderwaffe aus dem Arsenal bürgerlicher Ideologie, das bloß "Stalinismus" heißt und doch stets die prinzipielle Untragbarkeit eines ganzen Produktionsuerhältnisses meint? Ein Urteil beispielsweise über den politischen Zweck eines Staates wäre da schon sehr angebracht wenn man schon seinen Manövern nicht glaubt, mit denen er den Schein pflegt von der notorischen Übereinstimmung all seiner Machenschaften mit den Interessen derer, die er politisch wie ökonomisch befehligt. Dann könnte man sich nämlich überhaupt erst einmal Klarheit darüber verschaffen, was einem denn daran nicht paßt und wie überhaupt der Gegensatz beschaffen ist, in dem man als 'Volk' der DDR zu einen Staat steht. Dann sortiert sich auch die Sache mit dem "aufrechten Gang" ein wenig anders, von dem Du behauptest, daß "die Leute hier" ihn "gelernt" hätten. Denn so richtig es ist, daß die, die sich am 9. Oktober aufgebaut haben, dabei tatsächlich einiges riskiert haben: Bevor man das so locker zu Heldentum und Unbeugsamkeit eines Volkes stilisiert, sollte man schon auch den Inhalt des Selbstbewußtseins zur Kenntnis nehmen, das sich inzwischen regelmäßig zu Massendemonstrationen aufbaut. Und diesbezüglich ist uns gar nicht wohl, weil dem überreichlich zum Ausdruck gebrachten Mißtrauen in alle bisherigen Amtsträger in Staat und Partei bloß der Wunsch nach einer neuen Führung zu entnehmen ist, der man vertrauen, also gerne gehorchen können will: Das ist ziemlich das Gegenteil einer "Bewegung", die sich anschickt, ihre Angelegenheit gut kommunistisch selbst in Angriff zu nehmen und sich darüber den Respekt verdiente, den Du ihr so pauschal schenkst. Da ist eben kein Umsturzwesen in Gang gebracht worden, sondern ein im Prinzip schon sehr fügsames und dienstbereites Volk nimmt eine Gelegenheit wahr, die ihm nur durch den Anspruch der BRD auf DDR-Staatsbürger und ungarische Amtshilfe geboten worden ist. Und wenn Du das bei den Westbesuchern, am Schlangestehen, an den großen Kinderaugen, an der nichtaufhörenwollenden Dankbarkeit für geschenkte Freiheitserlaubnis usw. usw. schon selbst irgendwo gemerkt hast -: dann schäme Dich gefälligst nicht für Deine Landsleute und entschuldige nicht alles mit dem Dampfkessel "Stalin"! Erstens kannst Du ja vom "Ausdruck" auch mal den Rückschluß auf die Qualität "des Dampfdruckes im Kessel" wagen, der da entweicht. Und zweitens glaubst Du ja wohl auch selber nicht im Ernst, daß man mit so eindeutig zwecklosen, weil bloß rundum verwerflichen Absichten wie "Unterdrückung", "Bespitzelung" und "Gesinnungskontrolle" ein ganzes realsozialistisches Planwesen auf die Beine kriegt. Also weg mit dem Pathos eines Kampfes gegen "Bevormundung", mit dem Du die Volksumtriebe versiehst: Pathos ist eh' Blödsinn, und aus einer anvisierten "Befreiung", wird ganz schnell Unsinn, wenn die gar kein sachliches "WOVON" hat und in keinem der materiellen politischen wie ökonomischen Zwänge einen wirklichen Gegner kennen will.

Dein zweiter Hoffnungsträger und, wie Du sagst, Deine "letzte Hoffnung", ist die SED. Das ist einerseits logisch, weil Du in der ja Mitglied bist. Andererseits aber überhaupt nicht, weil Du Deine Hoffnungen in Sachen "Modell Sozialismus" ausgerechnet in derselben Partei aufgehoben siehst, mit der Du ziemlich radikal abrechnest. Allerdings aber schon auch denkbar schlecht und verkehrt, denn genaugenommen kritisierst Du an der SED-Politik rein nichts: An all ihren politischen und ökonomischen Machenschaften, die sie ins Werk gesetzt hat, findest Du nichts Bedenkliches, stößt Dich an keinem Fehler und keinem Zweck; statt dessen erteilst Du allem eine ganz leere, grund- wie inhaltslose Absage, für die schon wieder die Zwangsjacke "Stalinismus" den Bürgen spielt. Diesmal als Verkrustungsteufel, der alle guten Absichten zunichte gemacht hätte, denen das tatsächliche praktische Schalten und Walten der SED immer und überall gehorchte. Das ist ausgesprochen schlechte "Kritik". Denn statt beispielsweise unter die Lupe zu nehmen, was die SED so alles positiv und praktisch in Sachen Beanspruchung der von Dir zitierten "produktiven Kräfte des Volkes" unternommen hat, und statt an dem zu überprüfen, ob das alles ein stichhaltiger, materieller Grund für "Überzeugung" fürs Mitmachen bei ihrem Programm ist, wirfst Du ihr glatt vor, das Volk nicht, zumindest nicht genügend beansprucht zu haben! Das ist nicht übermäßig sozialistisch von Dir! An der ganzen Latte der "ideellen Werte"', derentwegen sich nach offizieller SED-Ideologie das Mitmachen im realen Sozialismus ganz insbesondere lohnen soll, fällt Dir gleichfalls nichts Anrüchiges auf und keine gescheite Widerlegung ein. Statt dessen beklagst Du den "Verfall" dieses antimaterialistischen Mummenschanzes, mit dem Deine Partei alle uon ihr eingerichteten Sachzwänge des Geldverdienens und -ausgebens unbedingt auch noch als freie Lustbarkeit aller beteiligten Lohnempfänger verkaufen wollte! Wenn's bloß so wäre, mit dem "Verfall" aller ideellen Lohnformen da hätten sogar wir wieder was zu hoffen!

Sehr schief gewickelt bis Du auch beim 2., die SED betreffenden Hoffnungsposten. Der besteht in Deiner Auffassung darin, daß all das, was die SED mit ihrem Übergang zur "Demokratisierung" und zur "wirtschaftlichen Erneuerung" nebst "Vertragsgemeinschaft" mit der BRD sich vorgenommen hat, ein Bollwerk gegen den Übergang zur "marktwirtschaftlichen Entwicklung" der DDR sein soll. Schon rächt sich - und zwar bitter! - der leere Formalismus Deiner politischen (Nicht-)Kritik an der SED: Gerade weil Du keinen einzigen Gegensatz im Visier hast, den eine Geld- und Gewinnwirtschaft den Leuten beschert, die mit ihren staatlich bilanzierten Erlösen beglückt werden sollen, kommt Dein kritischer Gesamtbefund zur aktuellen Wirtschaftslage der DDR ziemlich gesamtvölkisch und ebenso begriffslos wie unmaterialistisch als "Volkswirtschaftskrise" und "Schaden" daher. Für wen denn eigentlich: Und worin denn "Schaden": Für den Sozialismus: War der nicht ein Gegenprogramm zum nationalen Standpunkt einer volkswirtschaftlichen Erfolgsbilanz: Sollte in dem sich der Reichtum nicht mal vordringlich deswegen und dadurch bezahlt machen, daß seine Produzenten ihn verfressen - und nicht ein mit Staatshoheit versehener Gesamtplaner die Anhäufung des gesellschaftlichen Reichtums für zu wenig "effektiv" befindet, weil sie ihn zu wenig bereichert: Und wo haben sich denn diese nationalen Bilanzbuchhalter erkundigt, als sie eine "Wirtschaftskrise" ausriefen und diese gleich mit einer echten "Leistungsgesellschaft" kurieren wollen: Beim Volk vielleicht, dem "arbeitsunwilligen" : Und wieso glaubst Du Deinem Dozenten diesen Stiefel, wonach Unsinn im Kapitalismus mit einer Pleite, im Sozialismus aber gar nicht bestraft wird:! Frag' Dich doch mal - und wenn Du's weißt, Deinen Dozenten -, was an einer kapitalistischen Geschäftskalkulation und ihrer erfolgreichen Durchsetzung in der Konkurrenz der Kapitale so vernünftig sein soll, daß ein Ausbleiben des angepeilten Erfolgs gleich bloß noch "Unsinn" ist. Und dann überlegt Euch zusammen, welche Fehler Ihr Eurer Planwirtschaft vorrechnet und auch vorzurechnen habt, bevor Ihr sie so furchtbar ignorant mit "Dummheit" belegt und Euch ans Aufknüpfen von "Schuldigen" macht, die alles verbrochen hätten. Das wäre mal "Anti-Stalinismus"!

Dann kämen vielleicht auch Deine dritten Hoffnungsträger etwas schlechter weg. Daß Eure "Probleme" "hausgemacht" sind, ist Dir eigens der Erwähnung wert. Wenn Du damit ausdrücken willst, daß es an der politischen Ökonomie des realen Sozialismus einiges auszusetzen und praktisch zu korrigieren gibt. geht's in Ordnung. Wenn Du aber mit "Problemen" gar nichts Bestimmtes, sondern bloß "Volkswirtschaftskrise" und so Zeug gesagt haben wolltest, ist es uns nicht recht - siehe oben. Weil das nachfolgende Bekenntnis zum "hausgemachten" Charakter derselben dann bloß noch den falschen Moralismus unterstreicht, der dem begriffslosen Deuten auf einen "unhaltbaren" Zustand innewohnt, und sich bloß noch eigens zur eigenen Verantwortlichkeit dafür bekennt, mögen wir diese Sorte Selbstkritik auch nicht leiden: Die kritisiert nämlich nichts, sondern bezieht aus dem selbst eingestandenen "Versagen" bei so manchem für sich die trostreiche Perspektive, die Lage in Zukunft erfolgreich und souverän in den Griff zu kriegen - wobei dann ziemlich gleichgültig ist, woran man da versagt haben und wie man was korrigieren will. Wir haben aber schwer den Verdacht, daß Du's in letzterem Sinn verstehst, wenn die Lösung Eures Hausgemachten ausgerechnet durch "geschicktere Männer", als Ungarn sie herzeigen kann, erfolgen soll. Was ist denn der Stoff, den sie so "geschickt" handhaben: "Regieren" doch wohl. Und das ist doch keine Frage des Geschicks, sondern der politischen Ziele, die verfolgt werden und der Machtmittel, die zu ihrer Durchsetzung zur Verfügung stehen! Und wenn Du Dich schon - was wir für sehr verkehrt halten um die politischen Inhalte so wenig scherst, die die hohe Kunst "geschickten" Regierens im Auge hat: In Sachen Macht und Ohnmacht könnte Dir an Deinem eigenen Polen-Vergleich schon auch noch Richtiges auffallen. Das ewiggleiche Verhältnis nämlich, das zwischen Gläubigern und Schuldnern, Erpressern und Erpreßten besteht, wenn Teufel und Großmutter in der Personalunion namens Kapital eingeladen werden. Da zitierst Du noch selbst den praktischen Beweis, der alle frommen Idealismen von den segensreichen Wirkungen einer "Öffnung" gen Westen für die eigene Planwirtschaft ad absurdum führt - und meinst, für "Deine" DDR seien die Gesetze, die da zuschlagen und ganzen Nationalökonomien den Ruin bescheren, ganz schnell mal eben außer Kraft gesetzt. Weil "Ihr" (Wer?) ein bessere "Position" (Wem gegenüber?) habt, meinst Du. Und was ist, wenn das bloß die Dimension vergrößert, in denen die Geschäftemacher mit Euch kalkulieren? Das kann doch nicht Dein Ernst sein, daß Du Dir die gesamten Geld- und Kreditgeier des kapitalistischen Bankbetriebs herbeiwünschst, bloß weil Du mit Deinem Geld nur bei Dir zuhause einkaufen kannst. Oder glaubst Du wirklich, daß der Ex- und Import eines Produktionsverhältnisses wegen dem Titel "Hilfe", unter dem er läuft, deswegen auch schon eine ist, und die Vorstände der Dresdner Bank oder von Siemens die Sache mit dem Geld das "Ihr" - nochmal: wer ist denn dieses "Wir" von dem Du redest? - so furchtbar dringend "braucht", so ähnlich sehen wie Du - und es einfach dorthin verteilen, wo Bedarf nach ihm ist? Und ist Dir denn unbekannt, daß der Kanzler mit seinen Hilfen nichts anderes als die Eingemeindung der DDR im Sinn hat? Und daß er das deshalb als schönes Angebot an die SED offerieren kann, weil die schon längst auf die deutsch-deutschen Sonderbeziehungen und Geschäfte als Weg der DDR aus der "Volkswirtschaftskrise" setzt? Also laß' doch Deine idealistischen Flausen!