DER "STALINISMUS" IN DER NATIONALITÄTENFRAGE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1990 erschienen.
Systematik: 

DER "STALINISMUS" IN DER NATIONALITÄTENFRAGE

"Ich bin Kommunist, darum muß ich bei meiner Tätigkeit" (in den asiatischen Randgebieten der Sowjetunion) "dem gegebenen Milieu Rechnung tragen und jenen einheimischen nationalen Elementen Zugeständnisse machen, die im Rahmen des Sowjetsystems loyal arbeiten wollen und arbeiten können. Das schließt jedoch einen systematischen ideologischen Kampf für die Prinzipien des Marxismus und für wahren Internationalismus, gegen die Abweichung zum Nationalismus nicht aus, sondern setzt ihn voraus. Nur auf diese Weise wird man den lokalen Nationalismus erfolgreich überwinden und die breiten Schichten der einheimischen Bevölkerung für die Sowjetmacht gewinnen können." (Vierte Beratung des ZK der KPR 1923, J. Stalin, Werke, Bd. 5, S. 258)

Dies die Generallinie für die Kader der Partei in den "Randgebieten". Stalin selbst hatte als Volkskommissar für die Angelegenheiten der Nationalitäten vorgemacht, wie das geht:

"Wenn zum Beispiel die daghestanischen Massen, die stark von religiösen Vorurteilen angesteckt sind, 'auf Grund des Scharias' den Kommunisten folgen, so ist es klar, daß der direkte Weg des Kampfes gegen die religiösen Vorurteile in diesem Lande durch indirekte, vorsichtigere Wege ersetzt werden muß." (Die Politik der Sowjetmacht in der nationalen Frage in Rußland 1920, WW 4, S. 318 f.)

Es scheint innerhalb der KPR (Bolschewiki) durchaus ein paar kommunistische Einwände gegen die Parteilinie des Einsatzes von Nationalismus und Brauchtum für den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion gegeben zu haben. Demgegenüber stellte Stalin eindeutig klar:

"Manche Genossen betrachten die autonomen Republiken Rußlands und die sowjetische Autonomie überhaupt als ein vorübergehendes, wenn auch notwendiges Übel, das in Anbetracht bestimmter Umstände zugelassen werden mußte, das man aber bekämpfen muß, um es mit der Zeit zu beseitigen. Es braucht wohl kaum bewiesen werden, daß diese Auffassung grundfalsch ist und jedenfalls mit der Politik der Sowjetunion in der nationalen Frage nichts gemein hat." (Die Politik der Sowjetmacht in der nationalen Frage in Rußland, WW 4, S. 315 f.)

Theoretisch sind Gorbatschow und seine KPdSU also "Stalinisten" geblieben. Gegen einen "normalen" Nationalismus haben sie nichts einzuwenden. In der Praxis der Perestroika sollte der Stalinismus endgültig überwunden werden. Herausgekommen ist de facto die Auflösung der Sowjetmacht in ganzen Unionsrepubliken und der Einsatz der Roten Armee gegen die marodierenden Nationalitäten im Transkaukasus. Hierzu noch einmal Stalin. Auf dem XII. Parteitag der KPR (B) 1923:

"Aserbaidshan. Die Hauptnationalität ist die aserbaidshanische, aber es gibt dort auch Armenier. Bei einem Teil der Aserbaidschaner besteht eine manchmal ganz unverhüllte Tendenz, die dahin geht: Wir, nämlich die Aserbaidshaner, sind eben die Urbevölkerung, die anderen dagegen, die Armenier, sind zugewandert, da könnte man sie doch ein wenig in den Hintergrund drängen, ihre Interessen unberücksichtigt lassen. Das ist Chauvinismus... das führt zu Konflikten, zur Schwächung der Sowjetmacht. Diese Tendenz zum lokalen Chauvinismus muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden." (WW 5, S. 219)