DER SPIEGEL DER SZENE

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1985 erschienen.
Systematik: 

taz
DER SPIEGEL DER SZENE

Woher kennt man das bloß?

Woher die Lüge, Politik scheitere mit ihren ehrenwerten Anliegen laufend an ihren Machern, und die seien die Opfer ihrer eigenen Gewalttaten:

"Heute hü - morgen hott. Bonner Katalysator-Chaos". "Gipfel-Diplomatie gebiert nur Mäuschen". "Golfkrieg: Verstärkte Angriffe auf zivile Ziele. Irans gemäßigte Politiker geraten unter Druck" - ?

Richtig! Aus der "Süddeutschen Zeitung" z.B.! Woher die demokratische Ideologie, die gewählte Obrigkeit verstieße laufend gegen gute rechtsstaatliche und soziale Grundsätze, würde durch Gewaltenteilung aber auch des öfteren glücklich gebremst:

"Die Dioxin-Funde reißen nicht ab". "Behörden-Schikane gegen Rentner-AktivClub". "Hochrüstung in den USA. Erste Schlappe für Reagan" - ?

Richtig! Aus der "Frankfurter Rundschau " z.B.! Woher die geschmäcklerische Besserwisserei, Politik sei ein einziges Pannenunternehmen unfähiger Führungskräfte:

"Datenschutz löchriger als Emmentaler. Hamburger Daten-Mäuse knabbern schweizerischen Datenkäse an". "Wohin rollt der Dollar? Spekulanten ratlos". "Sowjet-Rakete auf Hamburg-Kurs? Ein Fall für Dr. Seltsam" - ?

Natürlich! Z.B. aus dem "Spiegel"! Und die hämische Parteilichkeit in Fragen freiheitlicher Gewalt gegen das System drüben:

"Dallas. Sowjetdelegation im Konsumrausch". "Die Militarisierung Nicaraguas". "Der Tod Tschernenkos reißt keine Lücke. Der Apparat schafft Kardinäle" - ?

Klar! Aus der "Frankfurter Allgemeinen"! Die Attitüde intellektueller Tiefschürferei und Kultur:

"Nachdenken über RAF-Hungerstreik". "Nachtrag zu einem vielbedachten Jahrestag. Von Jalta nach Mallorca - oder: Die Flucht aus Mitteleuropa". "Tödliche Bisse. Das Drumherum um Marianne Enzensbergers Film 'Der Biß'" - ?

Aus der "ZElT"! Geschrieben aber hat das alles - die tageszeitung.

Wir wollen nicht ungerecht sein. Sie können solche Botschaften auch ein wenig unverwechselbärer unter ihr Publikum bringen. Zum Beispiel lässig vertraut mit den Händeln der Flachköpfe vom Schlage "Onkel" Reagans und Co.:

"Maggie mauert, Zimmermann droht. Katalysator: EG-Minister weiter im Stau".

Zum Beispiel ein bißchen ironisch oder mit klammheimlicher Freude über Diktatorendummheit:

"Bush im Busch". "Leider nur geographisch: Starkes Erdbeben in Chile". "Oberst Monterrosa saß auf einer Bombe der Guerilla. Lieber heimlich schlau als unheimlich dumm".

Aber auch betont empört und engagiert

"Zum Wahnsinn der Anschläge. Das ist doch purer Terror". "Die Koalition der Geschmierten stoppt weitere Befragung".

Oder ganz szeneninformativ:

"Rechtzeitig... präsentiert: Zwischenbericht zur Bahro-Diskussion um Grünen-Fundamentalismus und Sozialdemokratisierung".

Besonders betroffen und autoritativ:

"Die Privilegien des weißen Mannes sichern? Eine Diskussion zum garantierten Mindesteinkommen mit Claudia Werlhof, Gastprofessorin für Frauenforschung an der FU Berlin".

Ganz kulturalternativ:

"Gestern nachmittag gabs den Goldenen Bären; wenige Stunden zuvor sind die taz-Filmfestspieler zur Verleihung der Goldenen Tatze geschritten."

Locker in den Sparten: "Musike" "Leibesübung" "Gelee Royale"; garantiert weltmännisch: "Mexiko Stadt (taz)", "Washington (taz)", "Beirut (afp/taz)", "Montpellier (taz)"... oder schlicht herzlich: taz

Die Zeiten jedenfalls, wo taz-Redakteure mit ihrer Leserschaft über das Wagnis einer alternativen Zeitung konferierten und mit ihren eingebildeten Leiden und Aufrufen zur Beteiligung am gemeinsamen politischen Herzensanliegen Seiten füllten, sind längst vorbei. Heute bieten sie 'Information', kennen den Unterschied zwischen "Tagesthemen", "Aktuelles", "Hintergrund", "Kultur", "Magazin", "Dokumentation", "Kommentar"; drucken ap/dpa-Meldungen zuhauf; b erichten exklusiv aus der Friedens-, Grünen-, Frauen-... kurz: aus der Szene - und servieren ihr mund- und geistgerecht von Reagan bis Bundesliga, von Berlinale bis Schily lauter Staatsaffären.

Klassenkampf - eine Frage demokratischer Kultur

"Der Streik - von vielen Linken in der BRD als anachronistisch abgetan - war gar nicht so traditionalistisch, wie es den Anschein hatte... Man muß nicht unbedingt ein Anhänger des traditionellen britischen Kompromisses gewesen sein, um diese Verrohung des politischen Lebens zu bedauern. Hinter ihr verbirgt sich die Tatsache, daß sich Großbritannien von einer ganzen Reihe seiner liberalen Traditionen verabschiedet hat und sich auf dem direkten Durchmarsch in Orwells - oder sollte man vielleicht sagen bundesdeutschen - Sicherheitsstaat befindet."

Aufgeklärte Linke sind sich längst einig, daß Lohn und Arbeitszeit untergeordnete Fragen, Arbeiterstreiks eine überholte Form staatsbürgerlichen Protestes sind. Ein versierter Auslandskorrespondent kann deshalb seine Leserschaft einvernehmlich verblüffen, indem er die britischen Kumpels in eine heimliche ökologische Bewegung für mehr Umwelt, Basisdemokratie und soziale Gerechtigkeit uminterpretiert. Und man muß nur laut und deutlich versichern, daß man keineswegs ein Anhänger der Lesebuchdummheit vom britischen Fairplay ist, und schon kann man die harten Fortschritte der Demokratie hemmungslos am Ideal einer lebendigen, rücksichtsvollen, gewaltfreieren demokratischen Kultur messen. Der Trick, ständig zu suggerieren, man sei immer noch über die gängigen Glaubenssätze der Normaldemokraten weit hinaus, wenn man gerade ausschließlich nur noch sie im Munde führt, hat bei der taz Methode. Und er hat den entsprechenden Inhalt; Betroffene der Streikniederlage sind das politische Gemeinwesen und die besseren Tendenzen in ihm. Von einer solch höheren Warte aus stellen sich dem Begutachter hiesige Tarifauseinandersetzungen ganz spiegelgemäß als ein einziges Hornberger Schießen dar: Da haben "auch diesmal beide Tarifparteien Federn lassen müssen" und können sich nun in dem "Gemischtwarenladen" "nach Belieben für ihre organisationsinternen Erfolgsbilanzen bedienen". Die Fans alternativen Wirtschaftens wollen die organisierte Interessenvertretung eben gleich so gründlich als bloße taktische Funktionärsmanöver durchschaut haben, daß sie die Arbeiter-Interessen, auf deren Kosten da taktiert wird, und die neuen Unternehmerfreiheiten im Umgang mit Lohn und Arbeitszeit, die da durchgesetzt worden sind, gleich ganz unter den Tisch fallen lassen. Alles, was sie der sozialpaktmäßigen Einrichtung der Lohnarbeit entnehmen, ist kleinlicher Verbandsegoismus, Parteiengezänk und das Fehlen der großen politischen Linien vernünftiger Wirtschaftspolitik.

Der demokratische Alltag - die gewohnten Skandale

"Die Bundesrepublik im Katalysator-Strudel. Keine Woche vergeht, ohne daß neue Drohgebärden von der Autoindustrie, von unseren EG-Nachbarn, von Bonner Ministerien das ohnehin vorhandene herrliche Chaos um Einführungsfristen, Steuerbefreiungen, Hubraumgrenzen bei der Einführung des Abgas-Katalysators komplett machen würden."

"Ermittlungsverfahren ALKEM. Staatsanwälte im Ministerium: Erneut Akten beschlagnahmt... Die Aktivitäten der Staatsanwaltschaft scheinen innerhalb des Ministeriums 'große Unruhe' ausgelöst zu haben. Dies bestätigte der Atomexperte der Landtagsgruppe der Grünen, Franz Jakob, gegenüber der taz."

Wer Tag für Tag die wachsenden Giftmüllhalden vermeldet, wer die Giftsorten und -mengen auflistet, das ständige Zuschlagen des Rechtsstaatsorgans bekannt macht, und den dunklen Machenschaften zwischen Atomlobby und Genehmigungsbehörden nachspioniert, der deckt keine politischen Skandale auf, sondern bedient das politische Vorurteil, Politik sei eine einzige Summe von Vergehen und Skandalen, tagtäglich mit entsprechend ausgewähltem und kommentiertem Anschauungsmaterial. Die demokratische Saubermannsmoral ist zur journalistischen Methode geworden. Längst ist aus den einschlägigen Berichten jedes Moment von Aufregung, staatsbürgerlicher Empörung oder gar Verlangen nach Abhilfe, Protest, Widerstand gewichen. Nachgerade amüsiert nimmt man als Kenner der politischen Skandalszene an den hilflosen Bemühungen in Bonn teil, Umweltpolitik zu treiben. Daß der gute Herr Zimmermann nichts zustandebringt, wenn er die Straßen immer bleifreier, die polizeiliche Umwelt aber immer bleihaltiger macht, das hat die taz immer schon längst gewußt. Und sie hat seriöse Quellen und gewichtige Zeugen für ihre Vermutung, daß sich das Ministerium mit seiner Atompolitik wieder einmal schwer in die Nesseln bei seinen Richtern gesetzt hat. Die dümmliche journalistische Beweisführung: 'Politische Autoritäten haben glaubhaft versichert', der gebliche Blick hinter die verschlossenen Türen der Macht mit ihren schmutzigen Geschäften, all das dokumentiert die Genugtuung, dem Skandal der etablierten Politik immer schön auf die Schliche gekommen zu sein. Jede routinemäßige neue 'Enthüllung' stiftet Zufriedenheit statt Ärger: Man läßt sich und anderen nichts vormachen von den Herren in Bonn. Ganz im Gegenteil: Man kennt diese Typen ja.

Weltpolitik - dümmliche Gewalt, nationales Ungeschick und ein vergreistes System

"In seinen Gesprächen mit Gromyko hat Genscher wenig anzubieten... Genschers Handlungsspielraum ist aber durch die vorherigen Stellungnahmen für das Programm und die Übernahme der amerikanischen Argumentation eingeschränkt."

"Danny Ortega" "tanzt wie ein altgedienter Profi auf dem seifigen Parkett Washingtons herum und schert sich dabei einen Dreck um den Heimvorteil des 'Onkels'... Das alles hat die Reagan-Administration wie ein Nilpferd zurückgelassen: unbeweglich und ohne Phantasie... im Moment, und das ist die frohe Botschaft aus Washington, würde der Kongreß nicht einmal den Kleinen Schwestern Jesu 14 Millionen Dollar zum Sturz des Sandinismus bewilligen."

Der Gedanke, daß Genscher weder um Vertrauen werben, noch irgendetwas anbieten will, kommt dem Kommentator erst gar nicht in den Sinn, wenn er Genscher in Moskau scheitern sieht. Er kann sich vor lauter Glauben an deutsche Entspannungsinteressen und den Wert von Verhandlungen überhaupt nicht mehr vorstellen, daß bundesdeutsche Souveränität sich strikt im Gefolge der NATO-Linie bewegt und deshalb in Moskau die amerikanische Feindschaftserklärung noch einmal auf deutsch vorträgt. Mit allem Ernst läßt der alternative Mann den Außenminister an einem Ideal von Außenpolitik scheitern, das dieser nicht nur ganz und gar nicht hat, sondern das auch jeden alternativen Inhalts entbehrt: Es ist die Programmatik der Ostpolitik aus den Brandt-Zeiten, an der ihr späterer Mitvertreter Genscher sein Ungeschick beweisen darf.

Auf der anderen Seite kennt der Antiamerikanismus auch locker eine Mannschaft von Polit-Spontis auf dem Gewaltparkett, die es dem US-Goliath mit List besorgen: die aktuellen Opfer der US-Feinddiplomatie nämlich. Wenn sich der amerikanische Präsident mit seinen unverblümten Drohungen und Erpressungen nur vor den aparten Geschmackskriterien der Möchtegern-Diplomaten von der taz blamiert, dann hat angeblich auch schon die gute Sache halb gesiegt, und die taz läßt ihren Illusionen über die gewaltbremsende Wirkung demokratischer Arbeitsteilung freien Lauf. Auf diese Weise kann sie freilich dem Präsidenten genauso leicht Niederlagen beibringen lassen wie die Schreiber der Konkurrenzblätter. Da man den Sandinisten soviel Lob gespendet hat, gebietet es die kritische Solidarität und vor allem journalistische Sorgfaltspflicht auch, mit dem Beitrag eines Lateinamerikaexperten vor Ort unter dem Titel "Die Militarisierung Nicaraguas" eine Diskussion anzuzetteln, ob die Sandinisten überhaupt soviel Waffen brauchen:

"Gegen die vermutete nordamerikanische Invasion würde ein Generalstreik, der von einigen tausend professionellen Guerilleros unterstützt würde, genügen",

meint der Mann und schließt auf "partikulare Herrschaftsinteressen" und einen "Orgasmus der Macht" bei den Commandantes in Managua. Tags darauf kommt dann ein international anerkanntes Forschungsinstitut mit der Gegenposition zu Wort, die umliegenden Staaten würden verhältnismäßig viel mehr rüsten. So hat die taz auf jeden Fall Stellung zu einer Debatte bezogen, die von den USA aufgebracht wurde - und hat fleißig mitdiskutiert: Wer sich wehrt, regiert eventuell verkehrt!

Beim Feindbild aber geht der taz endgültig die Alternative ab:

"Die Starre des Planungssystems, die ökonomische Schwäche und der technologische Rückstand"; "hierarchischer Machtapparat"; "wie in der Kirche"; "Personenkult".

Plumper Antikommunismus ist das natürlich allein deswegen schon nicht, weil die taz an unseren Führungsfiguren kein gutes Haar läßt.

Die Bonner Politiker - Birnen, Machos, Dunkelmänner

"Man war gerade dabei, aus sich einen Narren zu machen. Vor lauter blinder Gier, keine Party zu verpassen, hätte man beinahe die eigene Niederlage mitgefeiert."

"Betrachtet man diese Gruppensolidarität der parlamentarischen Männerriege im Zusammenhang mit dem vorher beschriebenen gleichzeitigen Auftreten von Vernichtungsängsten in den Phantasien archaischer Mutterbilder in den Debatten, so wird denkbar, daß hinter der Beschwörung der Gruppensolidarität der Mächtigen ein psychosozialer Mechanismus steht, der konstituierend für die Entstehung eines männlichen Herrschaftsbewußtseins sein kann: Die Institution des homoerotischen Männerbundes."

"Oskar wirkt wie eine Droge. Oskar macht high.... Minutenlang klatschen seine Anhänger, stundenlang haben sie auf ihn schon gewartet."

Nein, die taz treibt keinen 'Personenkult'. Sie kann sich geradezu schütteln über die Dummheit von Kohls Nationalismus und gibt dabei umstandslos Dregger recht. Was machen sie doch für eine miserable Figur, unsere christlichen Repräsentanten. Und man hat ja auch längst seine Geheimtheorie dafür: Sie sind mit sich nicht im reinen, Psycho-Fälle, die ihren Uncharakter politisch kompensieren. Ausgerechnet an den Bundestagsdebatten über innere Sicherheit und Raketenstationierung haben die Seelenforscher das herausgefunden, natürlich in zielstrebiger Abstraktion vom gewalttätigen Inhalt, der da überhaupt nicht zur Debatte stand. Hauptsache, man hat das demokratische Recht auf gute Führung extra originell und intellektuell an den Bonner Charakteren zugrundegehen lassen. Die taz-Menschen wissen, was politisches Niveau ist und was blinde Heldenverehrung. Im Unterschied zur SPD-Wählerschaft, die doch trotz eindringlicher Warnungen durch ihr Idol wahrhaftig nur ein einziges Mal merkt, was die taz dem Mann und seinem Amt an Einsicht und Bürde zugutehält:

"So einfach ist das nicht, die Probleme, die Arbeitslosigkeit und Arbed-Saarstahl zu lösen."

Im Erfolg des 'ökologischen Sozialisten' feiert die taz heimlich eben doch ein Stück (vermeintlichen) Sieg für Grundsätze, denen ihre kritiklose Hochachtung gilt: die Ideale einer sauberen, sachgerechten, problembewußten, garantiert gemeinschaftsdienlichen, umweltbewußten - kurz: besseren Politik.

Alternative Politik - die Heimat der Kritik

"Der grüne Rotations-Reigen in Bonn ist eröffnet.... Wie fühlt frau sich denn so als frischgebackenes Mitglied des Bundestages? Heidemarie Dann: Ich freue mich, daß ich aus dem Schattendasein des Nachrücker-Status heraustrete. ... Du bist also wer? Ja, ich denke, es gibt mir die Möglichkeit, meine Arbeit besser an den Mann oder an die Frau zu bringen... Ich habe übrigens kürzlich einen Rhetorik-Kurs gemacht..."

"... zu Schilys Kritik am Vollmer-Nickels-Brief: Otto, der Distanzierer... Mit ihrem Dialogversuch... befinden sich Antje Vollmer und Christa Nickels in bester christlicher Tradition. Oder redete Jesus nicht mit Barabbas, dem Raubmörder?"

"Vorbereitungstreffen soll über Großdemonstration entscheiden. Gerangel um Aktionen zum Weltwirtschaftsgipfel".

"Österreichs Grüne sind sich noch nicht grün... Diese Kandidatur 1986 wäre der geeignete Probegalopp für die im Frühjahr 1987 anstehenden Nationalratswahlen."

Wenn es um die parlamentarische Alternative und ihren Erfolg und ihre Basis geht, da kennt die taz keine Distanz mehr, so wenig wie die "Süddeutsche" bei Schmidt, die FAZ bei Kohl. Das ist ihr Feld in der großen Politik und dem widmet sie sich mit dem kritiklosen Eifer journalistischer Hofberichterstattung. Da spricht eine weibliche Nachrückerschaft ins Parlament einfach für sich selbst und darf persönlich sprechen.

Gerade die dümmlichste Selbstdarstellung von Aufstiegsgeist, Sachverstand und kleinen menschlichen Schwächen sollen den guten Repräsentanten verbürgen. In die grünen Parteistreitigkeiten um moralische Glaubwürdigkeit und Wahlchancen mischt sich die taz-Mannschaft im Stile einer Heigert-Predigt über politischen Anstand und den Bestand der Republik ein. Da macht sie sich - ganz Einheitsanwalt aller kritischen Geister - Sorgen um die geschlossene Demonstration des besseren Deutschland gegen seine unwürdigen und unfähigen Vertreter und ihre Freunde. Und da wägt sie Pflichten und Chancen des kleinen grünen Nachbar ab, der es schleunigst so weit zu bringen hätte wie die hiesige Szene: zur Politikfähigkeit und parlamentarischen Vertretung nämlich. Als Sprachrohr der respektabel und seriös gewordenen schlechten Meinung über Politik dokumentiert sie das bessere politische Leben, wie es bei Mann/Frau, auf Grünen-Versammlungen, in Länderparlamenten stattfindet - und weist ihm/ihr die Perspektive: lebendige Demokratie.

Die Gewaltfrage - demokratischer Staatssinn gegen terroristischen Wahnsinn

"Das ist die Stunde des Parlaments... Es werden sehr wenige Prozente darüber entscheiden, ob die derzeitigen Machtverhältnisse bei allen drei Wahlen stabilisiert werden oder ob tatsächlich eine andere Kultur des Regierens entsteht. Darin drückt sich eine gewisse Reife des politischen Wahlvolkes aus, das sich nicht mehr abschrecken läßt von wechselnden Mehrheiten."

"Zum Wahnsinn der Anschläge: Das ist doch purer Terror". "Christian Klar ist in der Lage zu erklären, ob ein solches Attentat mit seinem Namen verbunden werden kann oder nicht. Er kann nicht nur antworten, er muß antworten. Er ist in die öffentliche Pflicht genommen."

Die alternativen Wahlauguren sind in Fragen "Arroganz der Macht" also äußerst bescheiden. Dem Wahlvolk attestieren sie - versiert wie jeder Vertreter der Öffentlichkeit, der dem mündigen Volk sein eigenes Anliegen in den Mund legt - den Sachverstand, ein bißchen mehr Gewaltenteilung und Sachverstand in die hohen Häuser tragen zu wollen - und schon entdecken sie gleich eine Kultur in der 'Männergesellschaft', die auch den tiefschürfendsten Politpsychologen und radikalsten Kohl-Verächter zufriedenstellen kann. Die wollen sie dann aber auch gepflegt und erfolgreich auf die Parlamentssessel gebracht wissen. Deshalb lamentieren sie post festum über verpaßte Chancen, falsche Wähleragitation, mangelnden politischen Sachverstand beim Wahlvolk - und befestigen so die blöde Ideologie von der Macht des mündigen Wählers noch da, wo die Politik mit grüner Beteiligung längst ihren gewohnten Gang geht.

Umso unbescheidener aber führen sich die Sittenwächter demokratischer Kultur dann auf, wenn das Gewaltmonopol des Staates einmal bloß demonstrativ in Frage gestellt wird. Da wird die RAF geistig in die Pflicht genommen, und zwar ausgerechnet in die Pflicht, sich vor einer Instanz zu rechfertigen, die es gerade eben zur Forderung nach humanerem Strafvollzug für Terroristen gebracht hat. Aber die Verantwortung des demokratischen Kritikers verlangt die öffentliche Reinigung vom unwiderleglichen Verdacht, Nährboden von irgendetwas zu sein. Die Fassungslosigkeit über so einen Anschlag auf den guten Geist der taz und die politischen Ambitionen ihrer Klientel ist daher genauso echt wie die stilistische Anleihe bei den etablierten Konkurrenten.

Kultur? - Kultur!

Sichtlich ganz bei sich und mit sich rundum zufrieden ist der kritische Geist in der Kulturszene. Von der Berlinale ("Formidabler Kintopp") bis zur Popmusik aus Fernost ("Komponieren in Möglichkeitsform") feiert sich seitenweise ein garantiert ausgefallener Geschmack, mit ambitioniertem Hintersinn, sozialradikal bis zur letzten Stilblüte:

"... ein Film, wie Emile Zola ihn gedreht hätte, wäre er nicht Fortsetzungsromanschreiber des 19.Jahrhunderts geworden... Da sind die schmutzigen, arbeitenden Menschen aus Adolf Menzels 'Eisenwerken', die Landarbeiterinnen vor dem hochgezogenen Horizont eines Millet, die soziale Anklage der Kolonnen ausgemergelten Industrieproletariats einer Käthe Kollwitz..."

Wenn man sich die alternativen Liebesgrüße und Lebensäußerungen von der kunterbunten "Wiese" und das rege Leserbrieftreiben von Ex-Links bis Neu-Knaki zu Gemüte geführt hat, dann ist man endgültig vertraut mit einem lebendigen Journalismus, der in allem eine vollwertige Alternative zur gehobenen staatsbürgerlichen Bildung und Erbauung jeder Couleur bietet. Sein besonderes Flair gewinnt er dadurch, daß ihm Kulturkritik, demokratischer Geist und alternative Politik alles einerlei ist, wenn nur die journalistische Präsentation stimmt. Die Bedeutsamkeit und Originalität des eigenen Urteils vorzuführen, ist das Herzensanliegen der taz. Vor der gelungenen 'Schreibe' wird alles gleich - Material der Selbstdarstellung. Vom Erlebnisbericht über große historische Ereignisse bis zum Feuilleton über brennende nationale Fragen: die taz hat's, das gewisse intellektuelle Etwas, das die nationalistischen Feiern erst so richtig hintergründig und die Zerschlagung eines Streiks zu einem nachdenkenswerten Beispiel kulturellen Niedergangs macht:

"Von Jalta nach Mallorca... Nichts konnte in jenen Tagen... lächerlicher erscheinen als der Gedanke an Tourismus. Völkerwanderungen ganz anderer Art waren im Gange: Millionen von Soldaten, die an den Fronten zur Mitte vorrückten... Die Geschichte des Tourismus in Deutschland nach 1941 ist zugleich die Geschichte des Eisernen Vorhangs, des kalten Krieges und der Entspannung. Der Drang in die Ferne ist eine Art Fluchtbewegung aus der eigenen Geschichte... Der Reisende im vierzigsten Jahr nach Jalta hat die größte Entdeckung noch vor sich: die europäische Mitte."

"Man konnte es ihnen ansehen: die japanirchen Touristen, die am Sonntagmorgen in strömendem Regen vorbei am 'Verein christlicher junger Männer' in Richtung britisches Museum promenierten, wußten nicht, was sie von jener lärmenden Menge halten sollten... Hätten die ausländischen Beobachter gewußt, daß sie hier auf ein hiitorisches Ereignis gestoßen waren, sie hätten mit Sicherheit ihre sprichwörtlichen Kameras gezückt... Die britische Presse hatte ihre erste Garnitur aufgeboten, um sich den Skalp Arthur Scargills zu holen. Bergarbeiterstreik letzter Akt..."

Die taz ist eben kein dummer Polittourist oder reaktionärer britischer Pressefritze sondern einfach die beste deutsche Tageszeitung, Spiegel und Spiegelbild der alternativen Szene.