DER SOWJETMENSCH LEBT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1984 erschienen.
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Klaus Mehnert +
DER SOWJETMENSCH LEBT

Demokratische Weltbürger müssen Bescheid wissen. Aufklärung brauchen sie vor allen Dingen über die Völker, mit deren Staat sich ihr eigener anlegt. Unschätzbares hat in dieser Hinsicht Klaus Mehnert geleistet.

Mehnert bereicherte die Vorstellung vom Feind im Osten um die human-christliche Komponente und wurde so zum Vater des aufgeklärt-demokratischen Feindbildes und zum Reisebegleiter manchen deutschen Kanzlers. Voraussetzung und Grundlage seiner "anerkannten Kennerschaft" ist dabei weniger seine im Wortsinn erfahrene Kenntnis der UdSSR ("zweimal in der 'harten Klasse' der Transsibirischen quer durch Rußland") als sein Glaubensbekenntnis:

"Die schale Gleichmacherei des Bolschewiken... lehne ich ab als eine Vergewaltigung der Völker; mit ihr die enge Lehre vom Klassenkampf... Ich verabscheue die Verplanung des Menschen... Es vergeht während meines Aufenthalts in der Sowjetunion kein Tag, an dem ich es nicht als großes Glück empfinde, selbst kein Untertan des Sowjetstaates zu sein, sondern ein freier Deutscher."

Einen Mehnert hält seine westdeutsche Gesinnung nicht zu Hause. Er bereist den Gulag, um seiner patriotischen Pflicht zur Abscheu vor kommunistischer Herrschaft nachzukommen. Ein Buch über seine Dankbarkeit, Deutscher zu sein, bedarf bei ihm der Leistung, sowjetische Wirklichkeit mit eigenen Augen und Ohren (ohne Dolmetscher, da "akzentfrei russisch"!) erfahren zu haben - damit stellt er sich den Ausweis der Glaubwürdigkeit aus: "objektiv, aber nicht neutral". Eine "Gemeinde..., deren Zahl in die Millionen geht" (Süddeutsche Zeitung), gibt es zufällig seit der Gründung der BRD auch schon. Auf dem Markt der Bestätigung von Vorurteilen halten sich Nachfrage und Zufuhr dank Mehnert, diesem Grzimek der falsch regierten Asiaten, die Waage. Er kommt seinem Publikum mit dem Selbst-sehen und -hören dessen, was ihm längst geläufig ist. Ebenso wie russische Augenzeugen nur dann als "authentisch" gelten, wenn sie die richtige (=Dissidenten-)Gesinnung vorweisen können.

"Ein Volk von ungewöhnlicher Glaubens- und Leidensfähigkeit" oder: Der Russe im Iwan

Gegen die Russen hat Mehnert überhaupt nichts. Im Gegenteil, er "liebt" sie; schließlich ist er in Moskau (als Kind reichs- und treudeutscher Eltern, versteht sich!) geboren, ist mit Russen aufgewachsen und hat dem Volk aufs Maul und speziell dem weiblichen untern Rock geschaut:

"Einmal lüpfte ich einem gleichaltrigen Dorfmädchen beim Spielen den Rock, um festzustellen, wie es dort aussah."

Mit dieser natürlichen Ausstattung an "typisch russischer Neugier" und deutscher Skepsis macht er sich an die Frage:

"Ist der Sowjetmensch mehr sowjetisch oder mehr Mensch?"

Erste, nur scheinbar vorläufige Antwort:

"Wie alle menschlichen Wesen lebt auch der Sowjetmensch in Gruppen und Gliederungen verschiedener Art, die sein Empfinden, Denken und Handeln mitbestimmen und damit erst ganz verständlich machen."

Über den homo sowjeticus ist damit dreierlei gesagt: Erstens ist er Mensch wie wir und geht damit uns alle und die UNO an also ein einziger Springquell von Menschenrechtsansprüchen. Zweitens ist er ein possierliches Tierchen dieser Gattung mit Empfindungen usw. Der gebildete Leser weiß, daß es sich hier nur um den Russen handeln kann, der dann zusammen mit seiner Menschlichkeit überhaupt gegen drittens, nämlich die "Gliederungen", die sein Empfinden, Denken und Handeln knechten, in Anschlag gebracht werden kann.

Auf die Darstellung der "Gliederungen", Rudel und Hackordnung, kann Mehnert dabei getrost weitgehend verzichten. Als negative, d.h. als Beschränkungen des darzustellenden russischen Menschen heute, tauchen sie so und so dauernd auf. Das "freundliche Bild", das Mehnert vom Sowjetmenschen ausbreitet, verrät Sachkenntnis und die Originalität einer gediegenen Schulbildung. Er dichtet nämlich den Russen das Einmaleins eines anständigen Staatsbürgers als Rassemerkmal an, das Politiker in aller Welt von ihren Völkern erwarten. Der Russe ist von Haus aus und auch heute noch - trotz Sowjet - verzichts- und opferbereit, freiheits- und vaterlandsliebend, gesetzestreu und gottesfürchtig. Ein Teil dieser "liebenswerten" Züge konnte durch den "bolschewistischen Züchtungsversuch" zwar nicht ganz weggemendelt, aber doch zurückgedrängt werden. Nur gegen die Vaterlandsliebe hilft bekanntlich nichts - nicht einmal der Bolschewismus:

"Von allen Stützen der Regierung ist, so scheint mir, der Patriotismus des Russen die stärkste. Dieses spezifisch russische Vaterlandsgefühl ist ein Naturphänomen, das lange vor den Bolschewiken existierte und das sich auch trotz den jahrelangen Angriffen der Bolschewiken nicht demontieren ließ. Es ist die Liebe zu Mütterchen Rußland, zu seiner Landschaft, seiner Sprache, seinen Liedern und Sprichwörtern."

Daß es die Sowjetunion zu was gebracht hat, liegt also an den Russen und daran, daß die Sowjets die ihnen untergebenen Menschen und ihre brutal unterdrückten positiven Eigenschaften schamlos und geschickt - die neidvolle Bewunderung ist nie zu überhören - ausgenutzt haben. Daß Stalin dem Nationalismus zu neuen Ehren verholfen hat, weil er die Abwehr des antibolschewistischen Feldzugs einen "großen vaterländischen Krieg" geheißen hat, verwechselt Mehnert dabei zielsicher mit der "Wiederbelebung" verschütteter Naturgefühle des russischen Volkes. Nicht zu fassen gar, wie russische Pfaffen sich dazu hergeben konnten, ausgerechnet Stalins Waffen zu segnen!

Kaum Iwan im Russen

Aber gerade weil der Bolschewismus den russischen Menschen beherrscht und unterdrückt, indem er sich seiner Eigenschaften bedient, kommt Mehnert zu dem Fazit, daß auch der Sowjetmensch Russe geblieben ist - er hat's ja selbst gesehen:

"Nach allem, was ich in Jahrzehnten gesehen, erlebt, erfahren habe, bin ich im Gegenteil der festen Überzeugung, daß auf die eingangs gestellte Frage, ob der Sowjetmensch mehr sowjetisch oder mehr Mensch ist, die Antwort eindeutig lautet: mehr Mensch...

Aber von dem, was wir als 'typisch bolschewistisch' bezeichnen und was in der Tat für die Parteifunktionäre und ihresgleichen charakteristisch ist: von jener gefühlskalten (!), berechnenden Leidenschaft (!) des Fanatikers, dem der Zweck alle Mittel heiligt, habe ich bei der überwältigenden Mehrheit der Russen wenig finden können."

Welch ein Gegensatz! Der Mensch leidet unter dem Sowjet, wenn auch nicht alle es merken und vor allem fast alle ihre Unzufriedenheit geschickt verbergen - ohne allerdings mit Klaus zu rechnen:

"So stößt man immer wieder auf Menschen, die ein Doppelleben führen: nach außen enthusiastische Bekenner zum Bolschewismus, stehen sie diesem in Wirklichkeit distanziert, ja mit starker Abneigung gegenüber. Viele Menschen bewegen sich gleichzeitig auf zwei Ebenen: auf der einen demonstrieren sie begeisterte Unterstützung des Regimes, auf der anderen lehnen sie es insgeheim ab."

Ob da nicht was abfällt für das obligatorische Kapitel

"Der Sowjetmensch und wir"?

eine Frage, die Mehnert in allen seinen Büchern zu allem Überfluß auch noch ausdrücklich stellt!

Die Begutachtung von Volk und Staat auswärts aus "deutscher, europäischer, abendländischer Sicht", die Frage, ob denn die Russen (ebenso wie Chinesen, "Burmanen" usw.) für uns zu gebrauchen sind, ist damit für den "Kosmopoliten" nämlich noch nicht abgeschlossen. Seine hohe Meinung vom Russen verdankt sich nicht nur "unseren Interessen", sie berechtigt auch zu einigen Ansprüchen an den Sowjetmenschen:

"Gibt es Kräfte und Bewegungen, die weitergehen, die diese staatliche Autorität als solche, bewußt oder unbewußt, negieren und auf weitere Sicht untergraben könnten, gibt es Ansätze oder wenigstens Ansatzpunkte eines - 'Widerstandes'?"

Der Kenner befragt hier sein Studienobjekt namens "Sowjetmensch", ob es auch die Mission erfüllen will, die ein deutscher Intellektueller ihm zugedacht hat. Dabei fällt Mehnert auch gleich ein, daß die Anerkennung der positiven Eigenarten des besprochenen Menschenschlags ermunternd wirken dürfte.

"Wir müssen dem Sowjetbürger durch unser Verhalten verständlich machen, daß wir ihm und damit der ganzen Bevölkerung der Sowjetunion gegenüber keine unfreundlichen Gefühle hegen, daß wir vielmehr für seine kulturellen Leistungen Hochachtung empfinden und das Sowjetvolk als eines der großen Völker der Gegenwart betrachten, dessen Freundschaft wir wünschen."

Wo Klaus jedoch auf einen Russen trifft, "der mir persönlich, gut gefiel", aber seine guten Seiten den politischen Interessen des Sowjetstaates zur Verfügung stellt, hört das Zutrauen auf. Einem solchen Russen legt er erstens gleich die regierungsamtliche Bonner Deutung russischer Kriegskalkulation in den Mund: "Überfall auf Schwächere". Und zweitens tritt er ihm mit einem klaren "Ja" zur NATO entgegen:

"Wenn es im russischen Volk Menschen gibt, sympathische Menschen wie Sie, die mir auseinandersetzen, daß ein Präventivkrieg gegen einen Schwächeren unter gewissen Umständen (die Sie bestimmen!) durchaus gerechtfertigt ist, dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn ich meine und meines Volkes Zukunft nicht auf den Friedenswillen der Sowjetunion, sondern auf das militärische Gleichgewicht der beiden Weltlager stützen möchte." (Klammer von K.M.)

Eine schöne Weltsicht, die am Feind immer wahrnimmt, was das eigene Lager laufend wahr macht, und als imperialistische Botschaft nichts an Aktualität verloren hat.