DER SINN DES GROSSEN ZAPFENSTREICHS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1980 erschienen.
Systematik: 

DER SINN DES GROSSEN ZAPFENSTREICHS

Die politisch Verantwortlichen sind noch viel weniger zimperlich. Ihnen reicht gegenwärtig die anerkannte Notwendigkeit unserer Friedenstruppe keineswegs aus. Mit den öffentlichen Vereidigungen zum 25jährigen Jubiläum der Bundeswehr präsentierten sie das Militär als eine demokratische Institution, also mit dem Anspruch auf alle Feierlichkeit, auf alle Wertschätzung, ja Ergriffenheit, die bei Staatsfeiern erwartet und gepflegt werden. Alle hierzulande angeblich so umstrittenen Traditionen, die zum schönen und erhabenen Präsentieren der geschätzten Truppe gehören, wurden bewußt vor aller Augen zelebriert: Der alten Wehrmacht wurde endlich der Münchner Königsplatz entrissen und mit den alten Vorbildern um die gekonnteste Inszenierung einer militärischen Feier gewetteifert.

Mit klingendem Spiel vor das Volk

Die Choreographie von Reih und Glied, zackigen Kommandos und Militärmusik bei Fackelschein ist eben das Mittel, mit dem die Tugenden jeder Truppe in jedem Staat schön zur Anschauung gebracht werden. Der Bürger in Uniform trat seiner Öffentlichkeit in der Idealisierung entgegen, die dem Soldatenstand entspricht und kritisierte damit die bisher so beliebten und propagierten 'zivilistischen' Formen der Selbstdarstellung nach außen. Die staatstragende Institution, die Armee, stellte sich als eben dies dar und demonstrierte, daß sie nicht nur ein notwendiger Dienst neben dem sonstigen zivilen Staats- und Bürgerleben ist, den man hinter sich bringt, sondern eine besondere Ehre und Verpflichtung, die den Staatsbürger auszeichnet. Die historische Besonderheit eines Militärs ohne die offiziell zur Schau gestellte militärische Wertschätzung wurde also beseitigt - und das gleich so gründlich, daß ein zukunftsweisender Fortschritt erzielt wurde. Und um diesen Fortschritt ging es. Denn ebensowenig wie in den letzten 25 Jahren die Bundeswehr und ihre Vorgesetzten Probleme mit ihr oder der allgemeinen Zustimmung zu ihr gehabt hätten, ebensowenig sind die militärischen Staatsfeiern, die das glaubensgewisse und daher berechnend leutselige Papstspektakel an Würde und Andacht in den Schatten stellen, hierzulande einfach gewohnheitsmäßiger und normal zur Kenntnis genommener militärischer Aufzug mit alten Märschen und Zeremonien. Der in den erleuchteten Abendhimmel gesprochene Eid ist mehr als die selbstverständliche Verpflichtung zu dieser Sorte Dienst. Hier steht die Mannschaft nicht nur so da und für das ein, was die Politiker erst noch mühsam herzustellen behaupten: das 'Recht' der Bundeswehr, sich auch öffentlich zu präsentieren. Die Feier der demokratischen Armee taugt gerade dadurch, daß sie bisher nicht in dieser Weise für normal erklärt wurde, für mehr als die Durchsetzung eines Rechts, das längst verwirklicht und akzeptiert ist. Was hier einer in ihrer Mehrheit ganz und gar nicht kritischen Öffentlichkeit nach der von obenangeleierten und angeleiteten 'bedrohten Weltlage'-Debatte ins Bewußtsein gehoben wird, ist die unbedingte Wichtigkeit und Wertschätzung des Heeres gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt, also die planmäßige Stärkung der öffentlichen 'Wehrbereitschaft' in einer Situation, wo ganz andere Sachen zur Debatte stehen als 'Armee pro und contra'. Der Klarstellung, daß die Bundeswehr eine öffentliche Institution ist, hätte es wirklich nicht bedurft, wenn es nicht auf mehr angekommen wäre. Das Fehlen einer unbestrittenen nationalen Armeetradition, der Ersatz durch die Ideologie vom 'Bürger in Uniform' ist ja erst dann ein Mangel, wenn das Militär wegen der neuen politischen Kalkulationen mit Blick auf den Ernstfall mit seinem wahren Zweck und seinen wahren Tugenden ins Gespräch gebracht, werden soll; und dieser Mangel wird eben dadurch behoben, daß man es so ins Gespräch bringt und vorzeigt, wie es diesen Kalkulationen entspricht. Bezüglich des Kriegs- und Friedensinstruments bedeutet das die in wieder ausdrücklich militärischen Aufmärschen und Feiern sinnfällig gemachte Forderung nach Ehrfurcht und Hochachtung - und die dabei durchgesetzte Gewöhnung an das Verbot jedweder Kritik, die nicht von der umstandslosen Sorge um unser aller 'Wehrbereitschaft' getragen ist. Solche Kritik gilt ab sofort als 'Wehrkraftzersetzung' und wird auch so behandelt, nämlich mit der Streichung gewisser Formen der freien Meinungsäußerung. Die neue Gemeinsamkeit aller wehrhaften Demokraten, die etwas zu sagen haben, schafft mit den öffentlichen Auftritten ihrer nun erklärten Lieblingsbrüder einerseits Klarheit, andererseits aber sich selber die Gelegenheit, jede noch so friedfertige Kritik an diesen Auftritten zum ungebeuerlichen Angriff auf sich zu erklären und das Volk auf ein vertrauensvolles Ja zu all den Maßnahmen einzustimmen, für die und um deretwillen das Militär nicht nur gehalten wird.

München Königsplatz. Die Uniformität des Schauspiels in Uniform ist unübersehbar. Wo Feierlichkeit und Ästhetik auf der Vorführung des Drills, auf der in Reih und Glied, 'Schwenk-Marsch!' und Uniform sinnfällig gemachten Aufgabe der Indiuidualität beruht, demonstrieren Faschismus und Demokratie an ihren besten Kräften das gleiche: die Ehre und Schönheit der Vaterlandsverteidigung. Respekt dem Bundesverteidigungsministerium das bei einem in Inhalt und Form unueränderlichem Ritual doch noch ein paar eigene Akzente zu setzen wußte. Vorschläge in der Öffentlichkeit, Erinnerungen an die jüngste Vergangenheit zu vermeiden, gehen allerdings an den Intentionen der Veranstalter vorbei: Ihr Schauspiel diente ja gerade der Traditionspflege, Identifikationen waren also beabsichtigt.