DER SCHWERSTARBEITER DER NATION KRANK

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1981 erschienen.
Systematik: 

Der Kanzler
DER SCHWERSTARBEITER DER NATION KRANK

Der Bundeskanzler krank - und schon steht fest, daß der Arbeitsplatz des regierenden Oberhauptes die Gesundheit des Menschen ausbeutet wie sonst nirgendwo im Lande. ARD-Kommentator Schättle schwang sich dazu auf, aus dem Regierungschef in Bonn einen Helden der Arbeit zu machen: "Von allen Werktätigen ist der Kanzler der am schwersten Belastete."

Was sind schon die kleinlichen Sorgen der Werktätigen gegenüber den großen, die der Kanzler in Reden, bei Besuchen, Empfängen, Gesprächen, offiziellen Essen zu verantworten hat? Was ist schon die 50jährige Knochenarbeit eines Arbeiters, der in geregelter Schicht-, Akkord - oder Bandarbeit regelmäßig Woche für Woche seine 40 Stunden runterreißt, gegenüber den diversesten Aufgaben des Regierens, und die unregelmäßige Arbeitszeit häufig bis in die Nacht hinein. Regelmäßiges Arbeiten mit festgelegten Zeiten und Pausen - dies ist das Geheimnis der Gesundheit der Werktätigen und ihrer hohen Lebenserwartung. Der Kanzler dagegen mußte bereits krank werden,

"weil Pause und Macht sich nicht zu vertragen scheinen. Der Bundeskanzler hat nun als Person und als repräsentatives Opfer einer absurden Lebensform zu spüren bekommen, daß schließlich das Herz seinen Rhythmus verweigern kann, wenn wir ihm unseren gesunden Arbeitstakt vorenthalten." (Süddeutsche Zeitung)

Aber sind wir nicht alle ein wenig schuld an der grenzenlosen Überlastung des idealen Vorarbeiters aller werktätigen Schwerarbeiter? Eine solche mahnende Stimme ans Volk blieb nicht aus. Ist es nicht ein unziemlicher und überzogener Anspruch, daß überall im Lande der überarbeitete Kanzler "als Gastredner, Vortragender, Schirmherr und Diskussionsteilnehmer auch für unwichtige Regionalveranstaltungen" gewünscht wird? Könnte und müßte man dem Oberhaupt das Repräsentieren und Werben für seine Politik nicht erleichtern?

Natürlich absurd für die devote Öffentlichkeit, daß der Kanzler offensichtlich an Amt und Würden Geschmack findet. Könnte er doch, wenn's schon so kaputt macht, ohne Not und mit gesichertem Einkommen - sehr im Unterschied zu den Werktätigen - seinen Job lassen, wenn er wollte.

Nicht absurd aber, wie geschehen, den Herzschrittmacher. (ein Gesundheitsmittel übrigens, das sich Werktätige großenteils sparen können, weil ja ihr Arbeitstakt gesünder ist) politisch auszureizen. Das Einfachste noch die grandiose Metapher, ob er die angeschlagene politische Stellung des Kanzlers "stärkt" und wieder in Schwung bringt. Jawohl, man kann mit einem Herzschrittmacher voll regieren, vielleicht sogar noch bebser als vorher. Man sehe nur das überaus aktive und offensive Vorbild Alexander Haigs, der auch so ein Ding drin hat. Ein wenig unpassend wäre es natürlich, Leonid Breschnew in die politische Herzschrittmacherdebatte zu werfen, etwa in dem Sinne: 'Ende November treffen sich zwei hohe Herz.....'. Es ist nämlich noch nicht zu lange her, da stand dieses Wunderwerk für neue politische Impulse beim Kremlchef für etwas ganz anderes, für den baldigen Niedergang einer Ära in Gestalt eines Apparatschiks mit roboterhaften Bewegungen, den nur noch unpersönlicher Saft aufrechterhält.

Für einen politischen Journalisten sind nicht einmal Herzschrittmacher ein neutrales Gebilde, selbst sie können ein Machtvakuum ausfüllen. Gut, die demokratische Öffentlichkeit ist halt so verdorben im langen devoten Umgang mit der Politik. Aber daß auch Klein-Ernas, die kaum schreiben können, dem lieben Herrn Bundeskanzler ein selbstgemaltes Bildchen und Wünsche der Genesung schicken, ist schon ein starkes Stück. Entweder liegt's an den Eltern, oder die Kinder werden hier genauso wie drüben früh verdorben, mit dem schwarz-weiß-goldenen Fähnchen zu Honnecker, äh, Schmidt zu laufen und zu winken.