DER NUTZEN EINES GEWONNENEN KRIEGES

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1982 erschienen.
Systematik: 

Großbritannien
DER NUTZEN EINES GEWONNENEN KRIEGES

Wenn siegreiche Regierungen mit ihrer Nation in demokratisch-öffentlicher Debatte die Kosten der Operation (vom Ersatz der versenkten Schiffe über Treibstoffkosten bis zur Munition wurde alles verrechnet - Bilanz: 2-3 Mrd. Pfund; außerdem: 1 Mrd. pro Jahr für die Sicherung der "Festung Falkland") auflisten, dann geht es auf keinen Fall um die Frage, ob diese sich denn auch gelohnt hätten.

Diese Frage ist mit der Kriegserklärung positiv beschieden und mit dem Sieg glorreich bestätigt. Die Vorstellung, hier würde eine Nation - schockiert von der Rechnung, die ihr für den Sieg und seine künftige Sicherung präsentiert wird - mit ihrer Regierung abrechnen, eine solche Vorstellung ist also absurd: Warum auch sollte eine Öffentlichkeit, die ihrer Kriegsherrin Beistand leistete und sich allenfalls aus Zweifel am Erfolg zu lahmen Frechheiten hinreißen ließ - "restriktive Informationspolitik"! -, ausgerechnet zum Kritiker des Sieges werden? Das zweite Falklandbuch der Welt, eine "kritische Bilanz" war denn auch von einem Kriegskorrespondenten den "anderen Falklandkriegern" gewidmet. Wenn also Frau Thatcher so tut, als wolle sie jemand zur Rechenschaft ziehen -

"Es ist kostspielig, die Freiheit zu verteidigen. Sie ist es wert, verteidigt zu werden. Da ist ein Preis in Geld und Blut zu zahlen." -,

dann beweist der Inhalt ihrer "Antwort", daß da überhaupt niemand fragen darf, ob sich denn die Opfer auch gelohnt hätten.

"Ein Gefühl von kolossalem Stolz"

Margaret Thatcher braucht sich also für Falkland keineswegs zu rechtfertigen. Im Gegenteil: Seit der Eroberung von Port Stanley hat sie wohl keine Gelegenheit ausgelassen, den Sieg auszuschlachten und wahre Orgien britischer Selbstbeweihräucherung zu veranstalten:

"Sehen Sie, was die Falklands bewiesen, ist, daß wir es schaffen können, es exzellent schaffen können. Es gab ein Gefühl von kolossalem Stolz, daß wir noch Dinge tun können, für die wir berühmt geworden sind. Und dieses Gefühl werden wir noch lange Zeit beibehalten." (Thatcher)

Das Schöne am dreimal emphatisch vorgebrachten Wir ist, daß es in der Freude über den militärischen Erfolg alle eint und gar nicht den Gedanken daran aufkommen läßt, daß sich hinter dem Wir mindestens zwei mal drei recht kontroverse Subjekte verbergen: die Oberbefehlshaber in 10 Downing Street, die Krieger im Südatlantik und die Arbeiter, denen die Rechnung für das gemeinsame Vergnügen serviert wird. Dafür ergeben sich vom gemeinsamen nationalen Standpunkt ganz andere Gegensätze: nämlich die zur ganzen Welt, der man es - endlich mal wieder - gezeigt hat! So soll auch der gebeutelte Brite seine Nase wieder höher tragen, sich über "seine Jungs" freuen - wenn er schon sonst nichts zu lachen hat -, sich an die vergangenen kolonialkriegerischen Großtaten zurückerinnert fühlen, als Großbritannien noch weltweit souverän nur für die eigene Größe und die eigene Weltherrschaft seine Soldaten sterben und morden ließ, und mit Zuversicht in die im übrigen gar nicht rosig gemalte Zukunft blicken. Den nationalen Stolz, die Genugtuung, zu den Siegern zu gehören - "Wir haben die besten Soldaten der Welt" (Thatcher) - darf ein Pfaffe deshalb mit seinem billigen Mitleid für den Verlierer nicht in Frage stellen. Den Anspruch auf den Siegerstolz läßt die Premierministerin sich vom Mann Gottes nicht madig machen. Da stellt sie sich kämpferisch vor ihre Soldaten, die man schließlich eben zu dem Zweck auf den Weg gebracht hat, die "Argies" kleinzukriegen.

Letzte Woche bekam das Volk dann seine Helden in der großen

Siegesparade

zu sehen. Die Londoner säumten die Straßen, um die mit klingendem Spiel vorbeimarschierenden Falklandsieger, Flugzeug- und Hubschrauberstaffeln und die ihrer militärischen Machtdemonstration applaudierende Premierministerin zu feiern. Schon Wochen vorher hatte die Öffentlichkeit die Frage zu wälzen, ob man dies farben- und sinnenfrohe Bild durch die Mitführung der Kriegskrüppel im Rollstuhl trüben dürfe. Die Entscheidung, sechs davon wenigstens an die Festtafel zu schieben, gereicht einer aufgeklärten demokratischen Nation, die sich ihrer Opfer nicht schämt, zur Ehre; und daß die Nation gerade auf ihre Opfer stolz sein kann, bewiesen einige Veteranen, die sich ohne Bein im Rollstuhl und Uniform an den Straßenrand rollen ließen, um ihren Kameraden pressewirksam zu applaudieren. Wirklich eine ungetrübte Demonstration nationaler Einheit und Größe! Oppositionsführer Foot - nach eigenem Bekunden "unverbesserlicher Friedenshetzer" und "radikaler Atomwaffengegner" - stellte sich mit auf die Tribüne, um den Burschen, die radikal konventionell den Frieden gesichert haben, die Ehre zu erweisen. Der liberale Steel dagegen war so sehr vom Sieg begeistert, daß er es nicht mitansehen konnte, wie ausgerechnet Frau Thatcher von den Konservativen sich zum x-ten Male mit"Falklandgirlanden" schmückte.

Darüber, daß zum x-ten Male für die "Versehrten" und die "Hinterbliebenen" gesammelt wurde, mochte sich dagegen niemand erregen. Daß der Staat gewisse Folgekosten seines Sieges in Grenzen hält, indem er über die Mobilisierung nationaler Solidarität mit den Kämpfern, die "für uns" die Knochen hingehalten haben, und die Erinnerung an die praktische Konsequenz der nationalen Siegesfreude das Volk dazu anhält, die Kriegsopfer um ein eigenes zu bereichern, ist schließlich keine Sache der Regierung, sondern "eine der Humanität". Und wo es nur um letztere geht, zeigt auch die Regierung sich großzügig: Für die große Falklandauktion stellt sie nicht nur allen möglichen Kriegsplunder zur Verfügung, der nur für nationalistische Idioten, die am Hochzeitstag Prinz Andrews dreckige Handschuhe tragen wollen, begehrenswert ist, sondern läßt auch den Kriegspressesprecher als Auktionator auftreten. Knackige Weiber in englischfarbigen Miniröcken, mit der Parole: "Be british and proud of it!" auf den Titten, präsentierten dann tänzelnd die Kriegsutensilien vom Schlüpfer bis zum Kommandeurshut und machten erkleckliche Pfundbeträge locker, die die Politiker in ihrer vernichtend hohen Meinung vom Volk, das wieder alte Tugenden beweise, erneut bestätigten. Dank dieser öffentlichen Anteilnahme braucht "man" sich (als Steuerzahler), zumindest was die Versorgung der Opfer betrifft, keine großen Sorgen mehr zu machen.

Mit Kriegselan in die Produktionsschlacht

Mit einem einfachen "Dankeschön" für diese vorbildliche Sozialleistung seines Volkes gibt sich jedoch ein Staat nicht zufrieden. Das Lob der in Krieg und Frieden erbrachten Opfer dient ihm ja nur als Beweis, daß noch einiges zu holen ist. Er reklamiert die erbrachten Opfer als selbstverständlichen Anspruch auf die Bereitschaft auf künftige:

"Wenn wir (!) mit dem gleichen Elan, den wir gegen Argentinien gezeigt haben, an die Lösung der Probleme unserer Wirtschaft gehen, dann werden wir auch hier erfolgreich sein." (Thatcher)

Die gefeierten Idole der Nation werden ihr nun unmittelbar präsentiert als das, was sie sind: Vorbilder, denen man nachzueifern hat. Gelehrig haben Soldaten an die Reling der heimkehrenden "Canberra" einen unmiffverständlichen Appell an die streikenden Eisenbahner gehängt:

"If you don't stop your strike, we'll quit our services."

Die Arbeiter selbst haben diese Fähigkeit schon während des Krieges gezeigt, wo ihnen anerkennend bescheinigt wurde, daß sie die Arbeiten zur Umrüstung ziviler Schiffe in einem Bruchteil der sonst dafür veranschlagten Zeit erledigten.

Vor dieser Klarstellung des maßlosen Anspruches des Staates und der Definition des damit einzig gemäßen Anspruches an ihn blamiert sich jede Vorstellung davon, man könne die staatlichen Mittel auch anders nutzen als zur Mehrung seiner Souveränität und seines Ruhms, als unanständige Reminiszenz an den kleinlich-privaten Nutzen. Wenn ein Abgeordneter fragt:

"Es kostet jährlich eine Milliarde Pfund, um die 'Festung Falkland' zu halten. Wieviele Häuser und Krankenhäuser könnte man davon bauen?",

dann erntet er nur das demonstrative Unverständnis seiner Premierministerin, so als käme er mit seinen Wohn- und Krankenhäusern von einem anderen Stern:

"Sir, Sie verstehen nichts vom Kriegshandwerk:"

So macht sich die praktische Unterordnung von Ökonomie und Volk unter den politischmilitärischen Zweck als "Vorrang des militärischen Denkens" in der öffentlichen Auseinandersetzung geltend und leistet seinen Beitrag zur Abforderung der dazu nötigen Opfer.

"Stars of the Falklands"

Schließlich hat der Krieg auch noch die Ausrüstung des Militärs zu einem heißdiskutierten Anliegen gemacht. Zum einen berechtigt die militärische Leistung natürlich zu Stolz:

"Die bemerkenswerte Tatsache an der Task Force ist, daß es klappte, wie es klappte. Logistisch war es ein Triumph, der nahelegt, daß Großbritanniens Fähigkeit, außerhalb des NATO-Gebietes zu operieren, so gut ist, wie man es vernünftigerweise hoffen kann." (Thatcher)

Zum andern heißt das noch lange nicht, daß Regierung und Militär sich damit zufrieden gäben. Gerade der errungene Erfolg verlangt höchste Anstrengungen, um ihn auch künftig sicherzustellen. Gerade der gewonnene Krieg wird zum Argument, auf dem bisher verfolgten Weg noch energischer voranzuschreiten und Großbritannien für alle künftigen Fälle so zu rüsten, daß sie erst gar nicht eintreten. Wenn Journalisten jetzt überall auf der Welt Falklands entdecken und der Menschheit dartun, sie befände sich auf einer als Globus getarnten Sprengladung, dann weisen sie ihre Regierung darauf hin, was noch alles zu tun ist, um durch die rechtzeitige Omnipräsenz der eigenen Friedensstreitmacht "Übergriffe fremder Potentaten" wie im Falle der Falklands gar nicht erst zuzulassen.

Die Opposition bezweifelt die Kampfkraft, deren die Regierung sich rühmt, verwandelt die britische Überlegenheit in eine Reihe glücklicher Zufälle und leistet mit dem Hinweis auf alle möglichen Lücken den Militärs wertvolle Schützenhilfe bei ihren Forderungen: Gegen die Russen möchte man sich auf keinen Fall wie gegen die "Argies" aufs "Glück" verlassen müssen.

Geradezu banal - wenn auch nicht verachtenswert - erscheint der materielle Nutzen, den die britische Rüstungsindustrie aus dem Sieg zieht. Verteidigungsminister Nott öffnet auf einer großen Waffenschau "ein Schaufenster für den Verkauf britischer Waffen ins Ausland" und posiert als würdiger Repräsentant der so erfolgreichen britischen Waffen mit einer MP im Anschlag in der "Times", umringt von exotischen Interessenten, denen die Zeitung die Schlagzeile aufmacht:

"British missiles - stars in the Falklands."

Vom Nutzen des Patriotismus

zeugt schließlich noch die Entscheidung der britischen Reederei Cunard, einen bereits nach Süd-Korea vergebenen Schiffsneubauauftrag doch einer nationalen Werft anzuvertrauen. Die dadurch entstehenden Mehrkosten sind aufs patriotischste aufgebracht worden: Erstens erhält Cunard 9,4 Mio. Pfund Versicherungsgelder für sein von der Royal Navy requiriertes Containerschiff "Atlantic Conveyor", das vorher mangels Fracht 9 Monate lang auf Reede gelegen war und von der Regierung großzügig versichert wurde, bevor es vor Falkland versenkt wurde. Ferner machte Mrs. Thatcher 9 Mio. Pfund aus dem Wehretat locker mit der Auflage, das neue Schiff zum potentiellen Hubschraubertransporter auszubauen, und schließlich wurden British Shipbuilders mit Geld in Form von Staatssubventionen dazu gezwungen, bei ihrem Kostenvorschlag um 4 Mio. Pfund herunterzugehen. So konnte zum einen die "nationale Schande" vermieden werden, daß ein fürs Vaterland versenktes Schiff durch asiatische Schiffsbaudumper ersetzt wird, zum anderen kriegt Cunard sein Schiff noch billiger, die Navy einen Hubschrauberträger für alle Fälle mehr und britisches Kapital einen fetten Auftrag, sowie ein paar Werftarbeiter die Ehre, daß ihre Arbeitskraft nicht nur angewandt, sondern auch noeh für die Ehre der Nation gebraucht wird.