DER NATIONALE KERN DES PU 239

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1985 erschienen.
Systematik: 

Eine "deutsche Lösung"
DER NATIONALE KERN DES PU 239

Die maßgeblichen Männer der Republik halten es für ganz und gar unverantwortlich, daß ein Staat mit der weltpolitischen Wucht der BRD nicht über genügend Kapazitäten für die Produktion von Pu 239 verfügt. Energie aus dem Atomkern - ob moderiert oder explosiv - ist für die Politik allemal eine Frage der nationalen Sicherheit. Und diese bekanntlich keine Frage des Preises.

Glaubt man hingegen der kritischen Abteilung der Öffentlichkeit, ist der Bau der deutschen Wiederaufarbeitungsanlage und des Schnellen Brüters der reine Wahnsinn. Alle ehrenwerten Titel deutscher Politik werden bei Grünen und anderen zitiert die Arbeitsplätze, das Biotop, der ökonomische Sachverstand, die "Probleme des Zonenrands" und natürlich der Frieden -, und immerzu soll die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoff für die Bewältigung dieser "Probleme", die angeblich die Politik umtreiben, nichts taugen. Letztlich soll es keinen einzigen Interessenten an der Plutonium-Technologie geben - noch nicht mal unter denen, die den Bau der WAA beschlossen haben.

Energie - ein strategisches Gut

Für einen Staat wie die BRD sind Energieträger nicht einfach Stoffe, mit denen sich ein Geschäft machen läßt. Was dieses angeht, läuft auf dem Energiesektor gerade mit Ex- und Import alles prächtig. Die Tatsache, daß die deutsche Industrie sich die Rohstoffquellen auf dem gesamten Globus, namentlich "unser Öl" im Nahen Osten, unter tatkräftiger Mitwirkung deutscher Politik zum Profit bringenden Mittel erschlossen hat, stellt die maßgeblichen Politiker keinesfalls zufrieden. In welcher Menge und insbesondere zu welchem Preis wird dem einheimischen Kapital 'Energie' zur Verfügung gestellt? Läßt sich damit ein gehobenen Ansprüchen genügendes Geschäft machen? Diesen ökonomischen Standpunkt, der mit billigem Strom aus der Steckdose übrigens noch nie etwas zu tun hatte, hält der deutsche Kanzler für eine Verdrängung der wahren Risiken der Energiegrundlage des deutschen Staatswesens. Und nicht umsonst fällt ihm Krieg als die Risikoquelle ein:

"Gerade die gegenwärtig laufenden Kriegshandlungen am Persischen Golf, die viele von uns auch im Blick auf die Energiegrundlagen aus ihrem Bewußtsein wieder zunehmend verdrängen, zeigen, daß die Risiken unverändert anhalten." (Kohl, Nov. 84)

Was vom Standpunkt des Geschäfts nun wirklich kein Problem ist, daß Energieartikel aus dem Ausland kommen, ist das grundsätzliche Kriterium des Kanzlers: der Standpunkt, daß es mit der "Verwundbarkeit" der Souveränität der BRD an ihrer "Energiegrundlage" ein Ende haben muß.

Wenn die "Energiefrage" mit den Augen des Strategen beurteilt wird, dann findet auch in dieser Sphäre die Kalkulation mit dem Ernstfall statt. Dafür gilt es jede erdenkliche Vorsorge zu treffen. Die Schnellen Eingreiftruppen für den Vorderen Orient und anderswo, die nicht nur theoretische Debatte über den viel zu kleinen Operationsradius der NATO-Truppen, sind dabei keine Alternative zur Praktizierung des Ideals der autarken Energie. Ganz viel Militär und Gewalt für die Sicherung der Nachschubwege des Frontstaats und die Verwirklichung des nationalen Brennstoffkreislaufs in der Kernenergie sind die beiden praktischen Seiten des bei Politikern so beliebten Ideals der Energieautarkie der Republik.

Der nationale Brennstoffkreislauf

Die deutsche Wissenschaft hat für das nationale Ideal der Autarkie in Sachen Energie schon früh den Stein der Weisen gefunden. Ganz selbstverständlich haben die Forscher aus der Entdeckung des physikalischen Sachverhalts, daß bei der Spaltung von Uranbrennstoff in Reaktoren das Plutonium-Isotop 239 entsteht, das selbst wieder spaltbar ist, den nicht gerade physikalischen Schluß gezogen, daß sich auf diese Weise ungeahnte Mengen an Energie für die Nation freisetzen lassen. Das amerikanische Manhattan-Projekt hat die erste staatliche Anwendung realisiert; ein Weg allerdings, der der BRD nach dem 2. Weltkrieg versperrt war. Deutschland hatte den Krieg verloren und "die Bombe" war antifaschistisch. Nicht nur Politiker lernen schnell, auch Physiker. Dann mußte eben die deutsche Kernenergie ebenfalls antifaschistisch werden. Als der Leiter der amerikanischen Atombombenproduktion General Groves mit der Überlegenheit des Siegers die internierten deutschen Atomphysiker die offizielle Rundfunksendung über Hiroshima hören ließ und sie dabei abhörte, führten ihm die Gelehrten einen Übergang vor, der die Kernenergiepolitik in der BRD seither charakterisiert.

"Heisenberg beklagte, daß er dem deutschen Atomenergie-Projekt nicht die gleiche Anstrengung habe widmen können, wie sie an die Entwicklung der V1 und der V2 gewendet worden sei."

So ehrlich sein Bedauern, so wenig hatte Heisenberg die Zeichen der Zeit erkannt. Weit voraus war ihm da Weizsäcker, der den Dreh gleich raus hatte:

"Weizsäcker: Ich glaube, es ist uns nicht gelungen, weil alle Physiker aus Prinzip gar nicht w ollten, daß es gelang. Wenn wir alle gewollt hätten, daß Deutschland den Krieg gewinnt, hätte es uns gelingen können."

Mit dieser Erhebung der deutschen Physik zu einem insgeheimen Sabotageunternehmen war zumindest ideell die deutsche Nutzung der Kernenergie mit dem permanenten Attribut "friedlich" geboren. Die neue Republik brauchte nur noch die Zustimmung der Alliierten. Seit sie diese 1955 erhielt, dient die deutsche Atomtechnologie schon per Namensgebung rein wirtschaftlichen Zwecken. Für die Verantwortlichen war das Ziel klar. Mit Reaktoren der ersten Generation schafft man den Brennstoff, der nach der Wiederaufarbeitung in den Brütern mindestens ebensoviel Plutonium "erbrütet", wie verbraucht wird. So wird der nationale Brennstoffkreislauf geboren.

"...die Aufstellung eines Programms unter dem Aspekt zu sehen, daß die deutsche Wirtschaft in etwa 10 bis 15 Jahren autark sei, indem sie dann genügend Kernbrennstoffe selbst herstelle." (Bagge, 19.4.56)

Und von der andern Abteilung der segensreichen nationalen Verwendung des Plutoniums, das der Brüter in ordentlichen Mengen liefert, brauchte nicht geredet zu werden. War auch nicht opportun.

Geschäft mit politischen Vorgaben

Die Zeitvoraussage des Physikers Bagge wurde nicht erreicht, doch dem Ziel angemessen fiel die Abwicklung des Programms schon aus. Der staatliche Wille, den nationalen Brennstoffkreislauf zu realisieren, hob einen Geschäftszweig aus der Taufe, der - wie sich das kapitalistisch ziemt - nach ökonomischen Maßstäben kalkuliert, der aber wegen der Unbedingtheit des staatlichen Interesses am Gebrauchswert seiner Produktion nicht mit dem wirtschaftlichen Kriterium steht und fällt. So wenig der Ausgangspunkt der heute munter laufenden Leichtwasserreaktoren eine Marktanalyse war, so ausgemacht war das Ziel Plutonium-Technologie. Gewisse ungeklärte technische Fragen durften dabei einfach keine Rolle spielen. Das nationale Anliegen vor Augen, kann einen deutschen Physiker oder Ingenieur doch nichts schrecken. Als der Bau des Brüter-Prototypen in Kalkar begann, standen nach Angaben des derzeitigen Leiters des Projekts 'Schneller Brüter' nur die lächerliche Zahl von 900 Forschungs- und Entwicklungsvorhaben an, von denen 1982 noch etwa 80 offen waren. Der Beschluß, den Brüter zu bauen, setzte den Technikern den Ansporn, die Technologie, die da gebastelt wird, auf der Baustelle noch eben zu erfinden. Lässig bringt es der gleiche Mann fertig, die aus diesem Grund nicht sonderlich erstaunliche "Kostenexplosion" des SNR-300 in Kalkar "Bürgerprotesten" und einem "konservativen Sicherheitskonzept" untergeordneter staatlicher Stellen anzulasten. Daß die Kerndinger schon im Normalbetrieb strahlen und auch mal einen kleineren fall-out produzieren können, ist angesichts der an sie anzulegenden Maßstäbe der Kostensenkung und der zügigen Fertigstellung für die Kernspezialisten in Karlsruhe schon gleich ein Gerücht, das übervorsichtige oder gar "technikfeindliche" Elemente ausstreuen. Für die gewinnkalkulatorische Seite der Anlagenbauer und der Energiewirtschaft wurde gesorgt. Im staatlichen Preisfestlegungsverfahren für den Strom der Privathaushalte (die Industrie hat gesonderte Verträge) wurde ein Atompfennig eingeführt. Durch modifizierte Sicherheitsauflagen vom "Konservativen" weg sowie durch die von der Politik kräftig mitbetriebenen Preiserhöhungen für andere Energiesorten wird die von der Kemenergieindustrie erwünschte Rentabilität des nationalen Anliegens garantiert.

Verzichtspolitik? - Der Atomwaffensperrvertrag

Die andere Seite der strategischen Bedeutung des Atoms hat die Politik bei allem geschäftsmäßigen Treiben nicht vernachlässigt. Der Beweis für die - von Politikern gern hervorgehobene - bemerkenswerte Bescheidenheit der BRD auf diesem Sektor legt davon Zeugnis ab. Der Sache nach hat die westdeutsche Gewalt mit der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags auf nichts verzichtet, sie hatte ja keine Nuklearwaffen. Vom Standpunkt der Mittel, die ein Staat mit globalen Interessen benötigt, ist der Vertrag für den Staatsminister im Auswärtigen Amt allerdings ein klarer Fall von Benachteiligung.

"Wir leben in einer Welt, die nicht nur zwischen Ost und West, Nord und Süd geteilt ist, sondern die auch geteilt ist zwischen Staaten mit Verfügungsgewalt über atomare Waffen und Staaten, die diese Verfügungsgewalt nicht haben." (Mertes, 10.1.85)

Daß allerdings gerade die Unterschrift der BRD unter diesen Vertrag ihr die Beteiligung an den härtesten Mitteln moderner Souveränität eröffnet hat, läßt Mertes nicht weg. Sie ist für ihn eine Bedingung der angeblichen bundesdeutschen Enthaltsamkeit.

"Geschäftsgrundlage des deutschen Beitritts zu diesem Vertrag war neben der Verhandlungszusage der Kernwaffenmächte und der Sicherung unseres Rechts auf friedliche Verwendung der Kernenergie, da die nicht-nukleare Bundesrepublik Deutschland auf die Sicherheitsgarantie ihres amerikanischen Hauptverbündeten angewiesen bleibt." (Mertes)

Die "Geschäftsgrundlage" ist also, daß die BRD über die politische Wucht der atomaren Mittel für die Durchsetzung der politischen Interessen der Nation im Bündnis verfügt; daß sie also wie eine Nuklearmacht ist, ohne über einen exklusiv nationalen, sondern 'nur' einen Bündnis-Finger am Drücker zu gebieten.

Der "Sinn" der WAA

Der "Verzicht" der BRD auf schwarz-rot-goldne Kernwaffen hat nicht nur das Bewußtsein der deutschen Politik zur Grundlage, daß die weltpolitischen Ordnungsmaßstäbe, die sie an fremde Souveräne anlegt, Atomwaffen braucht. Er beruht zweitens auf der bundesdeutschen Teilnahme an der nuklearen Planungsgruppe der NATO. Zufriedenheit herrscht deshalb bei den Vorkriegspolitikern beileibe nicht. In weiser Voraussicht haben sie deshalb drittens in einem Brief an die amerikanische Regierung bei der Ratifizierung des Atomwaffcnsperrvertrags eigens eine "europäische Option" reklamiert. Das Ideal der europäischen Supermacht hat die damalige sozialliberale Koalition eigens als deutsche Rechtsposition in Sachen Regelung der "europäischen Frage" international geltend gemacht. Und viertens wird jetzt die WAA gebaut. Die Sicherstellung der Mittel für alle nur denkbaren zukünftigen Optionen, darum geht es der Bundesregierung mit ihrer "höchsten Priorität" für die Wiederaufarbeitung von Brennelementen und der Produktion des Pu 239. Wäre ja auch jammerschade, wenn "wir" eines Tages höchstoffiziell auch Atomwaffen mit Bundesadler aufstellen dürften und der nationalen Sicherheit wegen dringend müßten, und die C-Regierung hätte in dieser wichtigen Frage die "technische Zukunft" verschlafen.