DER NÄCHSTE BUNDESPRÄSIDENT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1984 erschienen.
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DER NÄCHSTE BUNDESPRÄSIDENT

Richard von Weizsäcker (CDU) ist ein schönes Beispiel für völlige Harmonie von Anlage und Umwelt, die seiner Person den Schlüssel für die Villa Hammerschmidt schon in die Wiege gelegt haben. Er stammt schließlich aus einem Geschlecht, dessen Gene so vom Geist der Macht durchsetzt sind, daß seine Generationen gar nicht anders können, als von und für diesen Geist zu leben.

Vater Ernst Freiherr von, Diplomat unter Hitler, wurde wegen dieses "tödlichen Irrtums" (Ernst) entnazifiziert und wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Der Erstgeborene Carl Friedrich, vom Physiker mit den Jahren zum Naturphilosophen (de-)generiert, hätte bei der letzten Präsidentenzeugung beinahe für das höchste Staatsamt zugunsten der SPD "ein Opfer der Wissenschaft" gebracht, nahm davon ab er gerade noch mangels Mehrheit Abstand. Das Familiennesthäkchen Richard unterlag schon einmal als christlicher Zählkandidat gegen den der sozialliberalen Koalition, Walter Scheel, steigerte aber in den folgenden Jahren konsequent sein "über die Parteigrenzen hinausreichendes Ansehen" (Kohl über seinen Kandidaten). In Westberlin, wohin ihn natürlich die Verantwortung seines Herzens, und sonst nichts, rief, warf er die SPD aus der Regierung, weil er sich sofort an die Umwelt seiner Macht anpassen konnte. So gut wie kein Satz, in dem nicht "Berlin" vorkam:

"Mein Eindruck ist, daß die Existenz von Berlin (West) im Grunde unter allen Elementen der entscheidende Motor für die Entwicklung zwischen den beiden deutschen Staaten ist... Und das finde ich vom Standpunkt eines Berliners her gesehen gut... daß diese Sachen zugunsten vorm Berlin (West) gemacht werden... der Mauerbau ist eine politische Perversion... Die Interessen sind groß. Aber wenn Sie an den Pulsschlag mahnen, der von Berlin aus zu allen unseren Fragen hier vielleicht wichtig werden könnte: Ich finde, wir müssen wirklich eine größere Anstrengung machen..."

Dabei vergaß er nie, seiner ins Herz geschlossenen, aber leider vom Feind umschlossenen Frontstadt die philosophische Perspektive der Macht zu geben, die weit über Berlin hinausreicht.

"Ich rede gelegentlich darüber, gerade von Berlin her gesehen, daß wir Grenze sind. Grenze hat die Tendenz zur Ausdünnung, Grenze hat die Tendenz, daß die Kräfte abziehen, mehr ins Zentrum." (redet v.W. hier von sich?) "Wir sind aber auch Mitte, natürlich nicht Mitte in dem Sinne (schade), daß wir die Mitte der Welt sind... aber Mitte in dem Sinne, daß sowohl in der DDR wie bei uns" (hier hat er" besonders in Berlin" vergessen) "die Menschen eben nicht an einer Küste oder am Himalaya leben, sondern in einer zentraleuropäischen Tiefebene..."

Was Wunder, daß dieser geographisch versierte Philosoph des Monte Klamott (ist der Himalaya von Berlin) nur "sehr schweren Herzens" von seinen Berlinern fortgeht, die ihm fortlaufend "Beweise ihrer Zuneigung" darbringen. Das "Parteiübergreifende" an dem Weißhaupt Richard liegt also in seiner "Gabe", der Macht quasi als Charmezusatz das Flair des "Geistes" mit auf den Weg zu geben. Das liegt nicht an seinem Geist, sondern ist, wie schon bemerkt, eine Mitgift von Mutter Natur ans Geschlecht derer von Weizsäcker. Wer erinnert sich hier nicht des guten Dogberry, der den Nachtwächter Seacoal belehrt: "Ein gut aussehender Mensch zu sein ist eine Gabe der Umstände, aber lesen und schreiben zu können, kommt von Natur." (Shakespeare, Viel Lärm um Nichts)? Die Wahl Weizsäckers ist gesichert, und dies nicht nur wegen der sicheren Mehrheit der Union in der Bundesversammlung.

Dieser Mann mit dem Sinn für die Macht hat die Zeichen der Zeit erkannt und blickt in diesem Sinne sogar in die Zukunft:

"Ohne Einsicht in die geschichtlich aufweisbare Bedingtheit unserer Lage können wir sie nicht verstehen. Die Geschichte ist für uns lebenswichtig. Sie entläßt uns nicht...

...Gerade unsere Mittellage in Europa (schon wieder)... ...Das alles zeigt die Wechselhaftigkeit und dauernde Veränderung in unserem Teil der Welt. Es wird nie endgültige Antworten auf die Frage nach der politischen Gestalt in der europäischen Mitte geben. In Berlin (auch das schon wieder!) spürt man: Die deutsche Geschichte geht weiter." (v. Weizsäkker, Die deutsche Geschichte geht weiter)

Solche rhetorischen Fragen stellt nur jemand auf, der um das gewachsene imperialistische Selbstbewußtsein der Bundesrepublik weiß. Von wegen: "nie endgültige Antworten..."! Da wird sich etwas ändern - die Pershings sind da; da muß sich etwas ändern. So geht die deutsche Geschichte weiter. Das Geschlecht der Weizsäckers mit seinem natürlichen Machtinstinkt hat den richtigen Zeitpunkt getroffen. Der Höhepunkt des "Geistes" der von Weizsäckers fällt genau mit der Macht der Bundesrepublik zusammen. Wie sich das immer so gut zusammenfügt!