DER LOHN, DER DIE WELT IN FUGEN HÄLT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1980 erschienen.
Systematik: 

DER LOHN, DER DIE WELT IN FUGEN HÄLT

Daß jede Lohnforderung, die von der von Kapital und Staat vorgegebenen nach oben abweicht, die Welt zum Zusammenstürzen bringen muß, gehört zum Standard der tarifpolitischen "Argumente", Den "harten Zeiten" entsprechend, denen "wir entgegengehen", ist die Ausgestaltung dieser Argumente in diesem Jahr allerdings geradezu apokalyptisch. Bevor sich jemand dazu einfallen läßt, daß der Lohn das alles doch gar nicht sein kann; was er in diesen Berechnungen sein soll - was man schon daran merkt, wieweit mittlerweile Tarif- und Effektivlohn voneinander abweichen, wie schön also die gewerkschaftliche Tarifpolitik den unternehmerischen Spielraum erweitert hat, je nach Bedarf mit Sonderzulagen, übertarifen etc. über ihre Belegschaft zu disponieren -, die Fiktivität der tarifpolitischen Berechnungen ist ja zugestanden, ist aber doch nie ein Argument dagegen, daß es ebensogut immer darauf ankommt, die Arbeiter an ihre Bedeutung als Kostenfaktor zu erinnern, gerade damit das Kapital seine lohnpolitische Bewegungsfreiheit voll ausnützen kann.

Also würden die deutschen Arbeiter auch nur ein halbes Prozent mehr fordern und durchsetzen - wir stützen uns dabei auf die Berechnungen von Gesamtmetall und die Auskünfte des Bundesbankpräsidenten, die es ja wissen müssen -, müßte notwendigerweise

  • die "Sicherung eines Beschäftigungsstandes, der um 200.000 Beschäftigte höher ist als nach der Prognose der Forschungsinstitute und der Bundesregierung," hinfällig werden;
  • der "Kostendruck auf die Inflationsrate durchschlagen", dadurch "das Wachstum" auf null bis minus zurückgehen, "Investitionen und Absatzschancen" ins Bodenlose sinken; über die Lohnstückkosten würden die deutschen Produkte auf den Auslandsmärkten vollends konkurrenzunfähig, unsere Exportabhängigkeit stürzte über uns zusammen, ebenso wie der Binnenmarkt durch Inflation und Minus-Wachstum.

Was alles nur abzuwenden wäre (da beim "gegenwärtigen Konjunkturbild auch das herkömmliche finanz- und geldpolitische Instrumentarium nicht anwendbar ist" - Pöhl), ließe die Bundesbank ihre Rücksichten fahren und durch eine Politik "billigen Geldes" den DM-Kurs rasant fallen (Dollar auf 4,50 DM?). Wir könnten unsere Ölrechnung nicht mehr bezahlen, Auslandsreisen wären gleich unmöglich, kein Kanake nähme mehr eine DM, das Benzin ginge aus und geheizt würde mit Torf.

Was wiederum nur abzuwenden wäre, würde der Bund sein letztes Geld zusammenkratzen für ein Investitionshilfeprogramm. Die Bundeswehr bekäme keinen Schuß Munition mehr dazu, Panzer würden ersatzlos verschrottet und der Tornado storniert. Wir stünden rvehrlos da, die Ami-Soldaten allein könnten uns nicht schützen, die Russen benützten die Gelegenheit und kassierten als erstes Berlin. ...

All das abzuwenden, liegt allein in der Hand des deutschen Arbeiters! Nur ein Prozentchen Lohn weniger, und die Welt bleibt in Ordnung.