DER LITAUER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1990 erschienen.
Systematik: 

DER LITAUER

Woher kommt er, wonach strebt er? Meyers Enzyklopädie verzeichnet lapidar:

"Litauer, überwiegend in der Litauischen SSR lebendes Volk".

Wie sehr die einer vordergründigen Objektivität verpflichtete Betrachtung des Enzyklopäden doch das Wesen der Sache verfehlen kann: So unterschiede sich der Litauer ja höchstens regional von irgendeinem x-beliebigen Russen. Tatsächlich lebt er aber doch nicht in einem Bezirk der Sowjetunion, sondern in seinem eigenen Land, verfügt über eine eigene Sprache, Religion und Kultur - allesamt Ausweise der festen Gewißheit des Litauers, kein Russe zu sein.

Von einem eigenbrötlerischen Separatismus wie dem eines Basken oder Nordiren soll hier freilich nicht die Rede sein. so entsinnt sich der Litauer nicht gerne genug der Zeit, als ihn mit Russen und Ukrainern noch echte staatliche Einheit verband. Das war das Großfürstentum Litauen des alten Gedymin, das bis ans Schwarze Meer hinunterreichte. Das ist allerdings schon über 600 Jahre her - betrüblich für den Litauer vor allem deshalb, weil er seitdem den grundsätzlich völkerverbindenden Zug seines Nationalcharakters nur immer in der Vergangenheitsform zum Ausdruck bringen kann - und sich damit mitunter dem Mißverständnis einer gewissen Rückwärtsgewandtheit aussetzen mußte:

"Litauen, Heimatland, du unsrer Helden Land, Lass aus Vergangenheit uns Stärke schöpfen..." (Nationalhymne)

Um der

Vergangenheit

restlos gerecht zu werden, muß angemerkt werden, daß des Litauers Heimatland ursprünglich gar nicht in Litauen lag, sondern schon wieder in Rußland. Erst als im 9. Jh. in jenem Gebiet an der Wolga der Slawe sein Heimatland fand, sah sich der Litauer veranlaßt, sein eigenes aufzusuchen. Daß er auch dabei die geologisch-tektonische Einheit der Russischen Tafel nicht verließ, und daß es sich auch bei den einzigen charakteristischen Landschaftsformationen der Gegend, jenen 100-250m erreichenden Hügelketten, um vom skandinavischen Inlandseis hinterlassene Importartikel handelt, konnte die Freude des Litauers darüber, jetzt endlich in Litauen zu sein, nicht trüben.

Und er blieb dort bis heute, und - wie sich aus der historischen Rückschau ergibt - aus gutem Grund: Die folgenden Jahrhunderte fast ununterbrochener, wechselnder Angehörigkeit zu polnischen oder russischen Staatsgebilden sollten beweisen, daß es gehöriger Aussitz-Qualitäten bedurfte, den Landstrich überhaupt als Litauen zu behaupten - und wer sonst wäre dazu in der Lage gewesen, als eben der Litauer?

Also ging er mit seinem Boden eine enge Verbindung ein, wobei er es ihm nicht weiter übel nahm, daß der außer respektablen Torf-Vorkommnissen nichts Verwertbares in diese Liaison einbrachte. Vielmehr erlaubten es dem Litauer seine agrarischen Ambitionen, Neigung und historische Berufung aufs glücklichste übereinzubringen und bis in unser Jahrhundert hinein hauptberuflich als Bauer zu wirken. Dankbar gab er seiner Verbundenheit in dem durch die litauische Volksreligion vorgesehenen allabendlichen Gebet an die Erdgöttin Zemyna mit anschließendem Küssen des Erdbodens Ausdruck.

Die bereits angedeuteten Verstrickungen brachten es mit sich, daß dem Litauer die ungestörte Ausübung seines

Ritus

nicht allzu lange vergönnt war. Schon wenige Jahrzehnte nachdem der obengenannte Gedymin seine Loyalität gegenüber dem Donnergott Perkunas, dem Oberbefehlshaber der litauischen Götterriege, den heftigen Überzeugungsversuchen des Deutschen Ritterordens zum Trotz, mit seinem Vertrauen in die Unmöglichkeit von Naturwundern bekräftigt hatte

"Eisen wird zu Wachs schmelzen und Wasser zu Stein erstarren, ehe wir zurückweichen".

- verfiel sein Enkel Vytautas aus Staatsräson dem überlegenen Wunderglauben und wurde polnisch-katholisch. Die restlichen Litauer folgten ihm zwar nur mit innerlichem Zögern und mußten sich noch im 19. Jh. bei allerlei abergläubischen Verrichtungen erwischen lassen. Jedoch beweist es den Sinn des Litauers für vielschichtige historische Parallelen, daß Vytautas II. Landsbergis das Diktum des alten Gedymin rezitiert, um sich unter dem Signum des Katholizismus dem westlichen Ritterorden heutiger Prägung zu attachieren.

Der litauischen

Sprache

blieb das Los der Volksreligion erspart, sehr zur Freude der Philologie, die im Litauischen ein seltenes Exemplar eines frühen Stadiums der Sprachentwicklung vorfindet. Nicht nur durch ihren grammatikalischen Formenreichtum mit sieben Fällen, doppeltem Präteritum und ihrer Dual- und Aspektbildung, sondern auch in ihrer semantischen Nuancierung konnte sich diese Sprache durch die Jahrhunderte jeglicher modernisierenden Vereinfachung widersetzen. So geben nicht weniger als 66 Diminutivbildungen des Wortes "mama" oder eine für jede Tierart unterschiedliche Bezeichnung für "fressen" Einblick in die vielfältige Erlebniswelt des Litauers, wie die folgenden Beispiele ebensosehr von der Differenziertheit seiner körpersprachlichen Ausdrucksmittel zeugen:

gunginti: mit hochgezogenen Schultern gebückt einhergehen

guoglineh: beständig mit dem Kopf wackelnd einhergehen

gurinti: mit kleinen Schritten in gebückter Haltung gehen usw.

Freilich sollte der archaische Konkretismus dieser Sprache auch noch seine Tücken zeitigen. Daß jene sich, als die Zeiten immer moderner wurden, infolge des fast völligen mangels an geistiger, gar wissenschaftlich-technischer Begrifflichkeit als untauglich erwies, das rege Geistesleben der umgebenden Völker nachzuvollziehen, gab dem Litauer sehr zu rymoti (besondere Art des meist traurigen Sinnens, bei dem der betreffende den Kopf in die Hand stützt).

Dies allerdings weniger deshalb, weil ihm dadurch jenes fortschrittliche Gedankengut entgangen wäre, sondern wegen der drohenden Überfremdung des Litauischen durch andere, vorwiegend slawische Ausdrucksweisen, mit denen man die sich zunächst im administrativen Bereich auftuenden Verständigungslücken zu schließen begonnen hatte. Es ist - so ironisch es klingen mag - gerade das Verdienst derjenigen Litauer, denen der Zugang zum fremdländischen Geistesleben vergönnt war, die drohende Verunreinigung des Litauischen als allgemeines Grundübel aufgegriffen zu haben, denen sie eine bewußte Pflege der heimischen Sprache als Inbegriff heimatverbundenen Denkens entgegenstellten:

"Mögen sie doppelt so viele Schulen bauen - kein einziger Litauer wird zum Moskowiter werden. Mögen die Polen uns locken und unsere Sprache und Art in den Staub ziehen - wir werden immer - Litauer bleiben und darauf stolz sein!" (Satrijos Ragana)

Man kann hier von einer Schicht von Litauem zweiten Grades sprechen, insofern diese sich das Ziel gesetzt hatten, ihren Landsleuten die Vorzüglichkeit des Litauisch-Seins gegenüber der Zugehörigkeit zu anderen Völkern - die jene ja auch gar nicht kennen konnten - überhaupt erst vor Augen zu führen. Das ging einerseits nicht ohne gewisse Korrekturen an der vorfindlichen Praxis ab: So mußte aus den dutzenden von Dialekten, deren jeder nur einige Tagwerk weit galt, überhaupt erst ein "Litauisch" herausdefiniert werden (man entschied sich für die südliche Mundart des Westhochlitauischen), welches sodann von allen slawischen Elementen zu reinigen war. Wie notwendig eine gewisse Maßregelung des litauischen Sprachgebrauchs selbst heute noch ist, zeigt die folgende Institution des litauischen Parlamentarismus:

"Frau Marciulionyte macht sich nach Beginn der Sitzung Notizen, wenn das Litauisch eines Redners mangelhaft ist, und reicht den Zettel später dem betreffenden zur Selbstkorrektur." (Süddeutsche Zeitung)

Das besondere Interesse des nationalen Erweckungsprogramms galt der Schaffung eines litauischen Schrifttums, das bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts aufgrund der vorwiegend oral fixierten Kulturtradition außerhalb der Gebetbücher kaum vorhanden war. So blieben der litauischen

Literatur

in beispielhafter Weise alle motivlichen Ablenkungen erspart, so daß sie sich von Anfang an ihrem ausschließlichen Leitgedanken widmen konnte: dem Lob Litauens. Umgekehrt wurde der litauischen Sprache die Gunst zuteil, daß ein ganzer Literaturbetrieb vorsätzlich zu dem Zweck ins Leben gerufen wurde, sie zu pflegen. Besondere Verdienste hierum erwarben sich namentlich die im Ausland, vorwiegend in den USA ansässigen Litauer, die bis heute die Beherrschung einer Weltsprache gegenüber der mühsamen Pflege des heimatlichen Idioms hintanstellen.

Auf diese Weise entkam auch die altlitauische Volksdichtung der Vergessenheit, an deren einfachen, aber unermüdlich abgewandelten Märchen- und Sagenmotiven der Litauer immer wieder seinen Stolz bildet. Die folgenden Beispiele alter "Dainos", einer Frühform der Arbeiterlyrik von teilweise beachtlicher onomatopoetischer Expressivität, mögen die Berechtigung dieses Stolzes illustrieren:

"Es schwamm ein Gänslein über den See,

über den See.

Gu, gu, gu, gu, gu, gu,

Über den See.

Es tanzt ein Mägdlein

Hübsch Kasatschok

Cak, cak, cak, cak, cak, cak,

Hübsch Kasatschok."

Aber auch:

"Ei Schwester, ei Schwesterchen, Schwesterlein mein,

Du weißt viel, was Krieg ist, das Krieglein, das Kriegchen, Da fliegen die Kugeln, die Küglein, die Kügelchen

..."

Wie sich bereits in dem letzten Fall, einer Keimform der Antikriegsliteratur, andeutet, treten aus dem zunächst Kontemplativen Untertöne hervor, die sich schließlich immer mehr Bahn brechen sollten. Das folgende Zitat aus dem späten 19. Jh. steht beispielhaft für den Umbruch, den das kritische litauische Denken in der Moderne erfuhr: Einerseits knüpft der Autor an die konkretistische Denktradition an, indem er den mangelhaften Entwicklunysgrad des litauischen Verkehrswesens anprangert, andererseits aber arbeitet er sich zur vollen begrifflichen Schärfe dessen durch, worin sich jeglicher Mißstand auf litauischem Territorium zusammenfaßt - im Beherrschtsein durch Menschen fremder

Rasse

"Nicht so erdröhnt die breite Chaussee von den schweren Wagen wie unsere Bauern wehklagen über die fremden Herren." (Baranauskas)

Das Deutungsmuster, wonach das Ärgernis der Herrschaft ganz in dem Beiwort "fremd" begründet sei, Freiheit demzufolge darin bestehe, einer gleichrassigen Herrschaftsschicht anvertraut zu sein, sollte sich als die Grundkonstante der weiteren litauischen Denkentwicklung erweisen. Hiermit gelangte die litauische Intelligenz - hier sowohl als national engagierte Bevölkerungsschicht verstanden als auch, im ursprünglichen Sinne, als allgeneine Denkfähigkeit - in mehrfacher Weise zu ihrem Ziel: Einerseits konnte damit in vollem Maße Anschluß an das Denken der hochentwickelten Nachbarvölker gefunden werden, bei denen bekanntlich analoge Schlußweisen anzutreffen sind. Andererseits gelang es zugleich, durch die Betonung von "Litauen" diesem Gedankenzug etwas unverwechselbar Litauisches zu verleihen. Daß es damit - ungleich mehr als durch den rapiden Ausbau des Bildungswesens durch die sowjetische Führung - gelungen ist, die ganze Breite des Volkes für ein Denken zu gewinnen, das an seine Eigenart anknüpft und dennoch auf der Höhe der Zeit ist, wird durch heutige Zeugnisse ausnahmslos belegt:

"Gründe für ihre schwierig Wirtschaftslage sehen die Litauer vor allem in ihrer Abhängigkeit von Moskauer Entscheidungen" (Die Zeit)

Es läßt sich sicherlich die Frage anbringen, ob eine solche Deutung dem fraglichen Sachverhalt immer in dessen ganzer Differenziertheit Rechnung trägt. So muß es z.B. dahinstehen, ob der innersowjetische Warenverkehr, gefaßt als ein Verhältnis von "Zwangsablieferungen" einerseits und Zwangsverordnung zwecks Perpetuierung der wirtschaftlichen Abhängigkeit andererseits, überhaupt exakt bilanzierbar ist (zumal hierfür anerkannte Berechnungsbeispiele, z.B. über den Güteraustausch zwischen Rheinland-Pfalz und den übrigen Bundesländern, bislang fehlen). Jedenfalls ist es solange schwierig, das Ausmaß nationaler Erniedrigung bilanztechnisch zu fassen, wie einerseits die von den Litauern einzig anerkannte Berechnungseinheit, der "Litas", noch verpackt in amerikanischen Gelddruckereien lagert, die tatsächlich verwendete Recheneinheit, der "Rubel", jedoch von den Litauern als "Pseudogeld" betrachtet wird.

Neben methodischen Problemen steht auch die noch unvollständige empirische Basis einer lückenlosen Verifizierung des litauischen Axioms entgegen. Die in ihm enthaltene Hypothese, die sowjetische

Ökonomie

sei - ebenso die polnischen und zaristischen Dynastien der letzten 600 Jahre - nur dazu eingerichtet, Litauen zu knechten, konnte aufgrund der bisherigen Unzugänglichkeit der östlichen Archive noch nicht zweifelsfrei durch die Quellenlage erhärtet werden.

Insofern müssen sich die findigen Litauer schon immer mit Konstruktionen behelfen, die ihrem nationalen Genius zur Ehre gereichen Ihr unveräußerliches

Recht

auf baltisches Selbsteln entnehmen sie - ganz unvoreingenommen einer grusinischen Quelle. Die aus der Feder Stalins stamnende Verfassung enthält nämlich einen separatistischen Artikel, das Recht auf Austritt. Das mag der Litauer. Was er nicht mag, ist einerseits der ganze Rest der Verfassung, andererseits der Vorwurf, erst durch die Machenschaften von Stalin und Hitler zu dem Litauen gekommen zu sein, das heute seine Freiheit anmeldet. Die Gewinnung der Gegend um Wilna verdankt sich eindeutig einer Notlage, hervorgerufen durch eine Erpressung. Um den Preis des Beitritts zur Sowjetunion wurde der Litauer dazu gezwungen, sich an der Aufteilung Polens zu beteiligen. Dank seiner natürlichen Ausstattung mit zwei Aspektformen fällt es ihm leicht, stalinsches Unrecht von litauischem Recht auf Vilnius zu unterscheiden.

Insgesamt jedoch ist die eigentümliche Leistung des modernen litauischen Denkens weniger auf sachkundlichem Gebiet zu sehen als vielmehr in seiner sozialen und politischen Wirkung. Immerhin gelang es mit seiner Durchsetzung, eine homogene soziale Basis zu schaffen, die der Behauptung, das litauische

Volk

sei ein in sich geschlossener Organismus, der sich jeglicher Einbindung in einen größeren Staatszusammenhang schon per se grundsätzlich verweigere, überhaupt erst den realen Beweis liefert. In dem Volk, das außer einer kurzen, aber überaus glückvollen Zeitspanne

"Zwischen den beiden Weltkriegen unabhängig, hatte sich das Land in den zwanziger Jahren ein Präsidialsystem gegeben, in dem rechtsautoritäre Machthaber wie Antanas Smetona nicht gerade demokratisch herrschten" (Spiegel)

- sich auf eine staatliche Tradition gar nicht berufen kann, hat die litauische Dialektik einen stärkeren Zusammenhalt gestiftet als dies die reale staatliche Klammer jemals vermocht hätte: Gerade weil Litauen nie selbständig war, ist dies unwidersprechlich angesagt. Und auch die durch Erfahrung gestiftete Einsicht, daß sich am Interesse der Reinerhaltung des völkischen Substrats andere Erfordernisse zu relativieren haben

"Der Langjährige Litauische Parteichef Antanas Snieckus hatte seine Republik vor einer zu extensiven Industrialisierung verschont und auf diese Weise die Zuwanderung russischsprachiger Arbeiter in engen Grenzen gehalten." (Süddeutsche Zeitung)

- bietet eine solide mentale Ergänzung seiner sorgfältig bewahrten Einsprachigkeit, Bäuerlichkeit und Artreinheit. Die Gemeinschaft der freien Völker darf somit eine echte Bereicherung erwarten.