DER KLIENT: EIN TOTAL ORALER ARSCH

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.
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Narziß: ein neuer Sozialisationstypus
DER KLIENT: EIN TOTAL ORALER ARSCH

Sozialpädagogen sind schon ein seltsames Völkchen: Um sich ein Selbstverständnis als weitherzige Toleranzlinge der bürgerlichen Gesellschaft par excelleace zu erhalten, die als einzige den Zukurzgekommenen ohne jedes Vorurteil, dafür mit umso mehr Helferethos zur Seite springen, sind sie sogar bereit, ihre Klientel mit derartigen Schimpfkanonaden zu belegen, daß es selbst einer Sau graust. Zwar mag sich der Leser bei folgendem entsetzten Ausbruch:

"Die leere Cola-Dose und die Zigarettenkippe landen auf dem Boden, die getragenen Socken werden unters Bett geschoben, das gelesene Comic-Heft fliegt in die Ecke, der störende Speichel im Mund wird an die Fensterscheibe gespuckt" (10)

an eine Standpauke seiner Mama erinnert fühlen. Doch schon der trotz aller Erregung kühl konstruierte Satzbau - "Du Rotzlöffel!" wird in der leicht mißglückten Alliteration "störender Speichel gespuckt" ausgedrückt - verrät, daß hier beileibe keine über die Unordnung ihrer Rangen besorgte Mutter, sondern ein höchst theoretischer Kopf am Werk ist. Die simple Aufforderung, die Bude endlich aufzuräumen, unterbleibt daher; stattdessen macht der pikierte Denker sich an die Interpretation des nicht umsonst so liebevoll zusammengestöpselten Stillebens. Leere Cola-Dosen sind nämlich nicht einfach leer - sie sind dies sogar "im Wortsinn", den man nur gehörig ausmalen muß, um auf einen ganz anderen Sinn als den des Worts zu stoßen.

"Die äußeren Gegenstände (so macht man eine leere Dose zu einem Gegenstand tieferer Bedeutung), die im Wortsinn entleerten Dinge (Hervorhebung des Autors, der sich genötigt sieht, die Richtung seines Tiefsinns anzuzeigen: der Dose ist nicht ihr pappig-aufmunternder Inhalt, sondern ein Inhalt überhaupt abhanden gekommen) wenden fallengelaasen (und zwar nicht auf den Bodem statt in den Papierkorb, sondern), hinter sich gelassen (Hervorhebung diesmal von uns, um anzuzeigen, daß der Theoretiker sich zwar wiederholt, aber zielstrebig das Problem des Hinterns ansteuert), gleichsam (na also!) ausgeschieden ("gleichsam" eine unfreiwillige Parodie des Volksvorurteils, daß Psychologen nichts als - wie sagt man? - Ausscheidungen im Kopf haben) und einem gigantischen imaginierten Versorgungsapparat überlassen." (10)

Gott sei's gedankt - der Sittenschilderer ist nach der sechsten Wiederholung seines Ausgangspunkts mitttels der in seinem Hirn präsenten Dialektik von Außen-Leer-fallen-Hinter sich-Ausgeschieden endlich beim Problem des "Versorgungsapparats" angelangt, den er sich als recht gigantisch imaginiert, um aus unordentlichen Jugendlichen ein einigermaßen anspruchsvolles theoretisches Problem zu machen, also sowas wie "eine Herausforderung für die Erziehungswissenschaft und politische Pädagogik" (10). Das wäre ja gelacht, wenn ein gestandener Bewältiger sozialer Herausforderungen die Dosen einfach fallen lassen müßte, ohne sie als bloße Erscheinungen hinter ihrem Rücken (?) vorgehender gesellschaftlicher Prozesse zu entlarven und auf diese Weise für sich zu vereinnahmen. Die siebte Wiederholung der unaufgeräumten Bude ist daher ein neues Wort, das jetzt allerdings als das Wesen der Unordnung aufspaziert und deshalb einer verallgemeinernden Diskussion fähig ist - es heißt metaphorisch "Narziß", wissenschaftlich "neuer Sozialisationstypus" und kann abkürzungshalber "auch NST genannt" werden. Warum auch nicht?

Na Sowas Tolles!

Mit der Destillation des NST aus der Cola-Dose, die "herausgeforderte" Narzißmustheoretiker nun guten Gewissens aus der weiteren Diskussion ausscheiden bzw. hinter sich fallen lassen können, haben sich die Sozialpädagogen einen hochprozentigen Begriff erarbeitet;

1. ist der NST, wie der Name schon sagt, neu. Damit - d.h. mit dem Namen - läßt sich schlüssig beweisen, daß gewisse bisherige Erziehungsansätze wie z.B. "Konflikt-Didaktik" (21) oder "politische Bildung für Lehrlinge" (30) heutzutage schlechterdings veraltet sind. So läßt sich gekonnt darüber hinwegsehen, daß über das Alter ihrer Ansätze sowieso nur Pädagogen entscheiden - schon deshalb, weil außer ihnen kein Mensch merkt, welcher erzieherische Umbruch sich gerade wieder im immergleichen Einerlei des Unterrichts vollzogen hat (wie man hört, sollen sich auch in der spannenden Arbeit mit Jugendgruppen die Revolutionen im Rahmen halten) -, und der alte Stiefel erscheint auf einmal als Reaktion auf grundlegend veränderte Verhaltensweisen der Jugendlichen, denen gegenüber die Erzieher in so erstaunliche Emotionen verfallen wie "polemische Trauer" (36): Diese Jugend mag man ja gar nicht mehr erziehen, mag man ja - so etwa der Inhalt der trotzigen Träne -, aber jetzt erziehen wir sie erst recht; erziehen wir sie! Das heißt eben, die "Realität als Herausforderung" (Aufsatztitel, 52) zu nehmen - immer geben die Zöglinge, Klienten etc. ihren Aufpassern die Maßstäbe dessen vor, was mit ihnen angestellt werden soll. Es ist nur logisch, daß, kaum plaudert ein Pädagoge "aus der Schule", ein Quark herauskommt, den sich "die Realität" nie hätte träumen lassen. Da stellt ein Mathe-Lehrer fest, daß er seinen Schülern die Bruchrechnung nicht so recht beibringen kann, was ihm aber (wenigstens soweit er mit einem kleinen Aufsatz zur "Narzißmus-Diskussion" beiträgt) weder Anlaß zu weiterer Bemühung noch zu der Bemerkung "Pech gehabt" gibt, sondern ihn zum freien Gebrauch seiner intellektuellen Phantasie anreizt:

"Mir scheinen jedenfalls mit großer Sicherheit zwei Gründe maßgeblich daran beteiligt zu sein, wenn sich innerhalb des Unterrichts der Hauptschule Lernprozesse (um seinen Unterricht geht es schon gar nicht mehr!) nicht mehr ausreichend vollziehen. Der eine ist die Unfähigkeit, Objekte zu besetzen, der andere die magische Phantasie des Versorgtwerdens." (41)

Der Inhalt dieser monströsen Darstellung der "Schwierigkeiten mit der Bruchrechnung" (42) ist also nichts weiter als die Wiedergabe des Faktums, daß seine Schüler nichts lernen (= Unfähigkeit, Objekte zu besetzen), zusammen mit der steinalten Lehrerweisheit "Die meinen wohl, das lernt sich von selber" (= "magische Phantasie des Versorgtwerdens"); nur die in der Tat ausgefallene Manier der Darstellung erweckt überhaupt den Anschein, er habe jetzt etwas über "Gründe" verlauten lassen. Nachdem er der NST-Diskussion aber schon so schöne Formeln entnommen hat, hält er gar nicht mehr an sich mit Beschreibungen seines Mathe-Unterrichts, die jeden Beteiligten staunen lassen würden, bekäme er sie jemals zu Ohren:

"Die Bruchrechnung ist nicht mehr Bildungsgut (wann mag sie wohl das gewesen sein?), sie ist zu einer Ware geworden. (Dennoch kann sie nicht für 1,50 DM bei Tengelmann erworben werden, da:) Eine ausgesprochen unattraktive Ware mit geringem Gebrauchs- und Tauschwert. ..." (42)

Es ist natürlich klar, daß die gute alte Bruchrechnung genausowenig eine Ware ist (auch nicht ein klein bißchen) wie der Hauptschullehrer ein staatlich geprüfter Einzelhändler für Rechen-Kurzwaren; macht aber nichts, das Phänomen "Die lernen nichts!" sollte ja auch nur mit dem geschickten Zwischenschritt "ausgesprochen unattraktiv" (als ob Zähler und Nenner schon je ausgerechnet durch ihre Schönheit das Lernen der Schüler auf sich gezogen hätten!) zu einem gesellschaftlichen Grund seiner selbst umgedeutet werden: Der "Warencharakter" der Bruchrechnung verhindert im raffinierten Zusammenspiel mit seinem Gegenteil - daß man die Brüche halt nicht kaufen kann - glasklar das Lernen derselben. Aber dessen nicht genug!

"Mit der Warenebene innig verknüpft ist... was diese (=NST-) Theorie mit mißglückter Kindheit beschreibt." (42)

Sehr logisch! Wenn die "Lage der Jugend" schon den Grund dafür abgibt, daß die Pädagogen einen "Erriehungsansatz" nach dem andern entwickeln, dann wird wohl auch die Umkehrung erlaubt sein, daß das Scheitern dieser Ansätze seinerseits wieder auf Defekte der Erzogenen - natürlich außerhalb der Schule: frühe Kindheit! - zurückzuführen ist. Es trifft sich nur glücklich, daß die Kleinen ihre Probleme mit der Schule bereits zu einem Zeitpunkt vorzubereiten wußten, als sie sie noch gar nicht kannten. Bewiesen ist das schnell. Nach bewährtem Verfahren übersetzt der Herr Lehrer das nicht erfolgte Lernen seiner Bruchrechnung in sage und schreibe 12 (in Worten: zwölf) Lernhemmungen der Schüler, die allesamt mit seinem Unterricht nicht die Bohne zu tun haben, aber eins ums andere Mal die Tatsache begründen sollen, daß sie nichts lernen:

"mangelnder Realitätsbezug (Mathe = Realität, oder wie?), Lustlosigkeit (ob der pädagogische Quatschkopf wohl beim "Addieren von ungleichnamigen Brüchen" immer ganz scharf wird?), Strukturlosigkeit (gerade bei Brüchen von Nachteil, da man dauernd Zähler und Nenner verwechselt), Mangel an Vertrauen (ob der Bruch wohl aufgeht?), unzulängliche Fähigkeit zu Triebaufschub (in der Klasse muß es ja zugehen!), zielloses Verhalten, blindes Agieren (der Lehrer wird mit der Tafel multipliziert und dann durch zwei geteilt!), unterentwickelte Fähigkeit zu Sozalität (Bruchrechnen ist doch sozial!), Sehnsucht nach diffuser Kommunikation (hhmmppffmal schünf isweiundsswanssig), Stumpfheit, Verantwurtungslosigkeit (ihr Hunde, wollt ihr mir ewig Schwierigkeiten machen) und die Unfähigkeit eigene Interessen und Bedürfnisse zu erkennen (Bruchrechnen, mein Wunsch als Jüngling!.." (42)

Dann ist er selber irgendwie unbefriedigt, weil er nur seinen Groll auf die Schüler losgeworden, ist und doch eigentlich auch was zum NST beitragen wollte. Deshalb übersetzt er gleich sich selbst noch einmal und sagt das auch offen:

"Anders ausgedrückt (warum nicht gleich so?) heißt das, die Schüler hatten in wesentlichen Bereichen (jetzt wird's gründlich) in ihrer primären und sekundären Sozialisation (sehr gründlich) nicht die Möglichkeit, sich über die orale Phase hinaus zu entwickeln. Sie sind auf diese Phaae, in der die eigenen Körperzonen und der Mund (Körper und Mund, gründlicher geht's wirklich nicht mehr) eine wesentliche Rolle spielen, fixiert, gewissermaßen (noch ein anderer Ausdruck für denselben Schwachsinn!) 'Säuglinge' geblieben." (42)

Da der Autor hier selbst keinen Zweifel darüber aufkommen läßt, daß er nur ein paar für sehr "wesentlich" erklärte Bilder statt Argumenten geliefert hat, fragt sich nur noch: Wie kommt er überhaupt auf den Mund etc., da seine Kollegen doch anfangs eher die - entgegengesetzte "Körperzone" ins Spiel zu bringen schienen? Freilich eine blöde Frage, da abzusehen war, daß der Bruchtheoretiker auch hier einfach alles durch die richtige Wortwahl erledigt:

"Ich habe oft den Eindruck, daß die Schüler noch gar nicht wissen, daß die Aufgabe sich nicht einfach einverleiben läßt..." (43)

Na eben! Und mit dieser beeindruckend neuen Gestalt eines "Eindrucks", den ergraute Schulmeister schon vor 100 Jahren nicht loswurden, wenn die Bengel nicht parierten, obwohl sie noch gar nicht wußten, daß da lauter kleine Narzißten und "orale Flipper" (10) in den Klassen herumschleckten, lassen wir den theoretisierenden Lehrer nun sitzen, weil sein Eindruck schließlich

Typisch Konsumgesellschaft!

2. das Typische der heutigen Jugend erfassen soll, demnach weit über die Bruchrechnung hinausgreift. Es heißt nämlich "Neuer Sozialisationstypus", und deshalb muß man ganz allgemein "ohne Süffisanz oder diskriminierende Absicht" (36) feststellen, daß

"das Aufwachsen der neuen Generation unsrerer Gesellschaft durch ein Verhalten geprägt ist, das durch ein permanentes In-sich-Hineinstopfen und Herausblubbern gekennzeichnet ist" (10)

Wenn's nur wenigstens das eine oder das andere wäre! Aber das Individibum als bloßes Durchgangsstadium zwischen reingewürgtem Cola und hintenweg fallender Dose; ganz ohne diskriminierende Absicht: Da kann einem Pädagogen ja so schlecht werden, daß ihm die Worte ausgehen ("Herausblubbern") und er ein weiteres Mal ein Sittengemälde entwerfen muß, um seine Absicht verständlich zu machen:

"Da sitzt ein achtjähriges Kind zu Hause, der Fernseher ist eingeschaltet, aus dem Kassettenrecorder tönt Musik, das Kind liest ein Comic-Heft und bedient sich aus einer Tüte Chips, wobei es auch noch ab und zu mit einem anderen Kinde im Raum mittels Satzfetzen wie: 'Echt stark!' - 'Das bringt's!' kommuniziert." (10)

Ein sauber konstruiertes "Schlaglicht": weil selbst dem abgebrühtesten Verfechter der "Konsumterror"-Theorie gegen die besonderen Gebrauchsgegenstände wie Paprikachips und Musik (nach einer These der selben Fraktion haben böse Menschen keine) kein Widerwort einfällt, muß eben die Vorstellung des gleichzeitigen Genusses von Disco-Sound, Wim Thoelke und Micky Maus die gewünschte Überzeugungskraft einbringen. Die pädagogische Menschenfreundlichkeit, die noch in jede Freizeitbeschäftigung einen "Sinn" für ihr Erziehungsziel zwingen will - und hier drängt sich das positiv unterstellte reaktionäre Gegenbild ja geradezu auf: das Kind liest ein gutes Buch, greift anschließend zur Kinnbratsche, um dann mit seinen Eltern (und Omi!) ein philosophisches Gespräch zu führen, doch leider, leider "vermittelt die Familie nicht mehr die Nestwärme, welche für die Entwicklung unentbehrlich ist" ( nicht "Mut zur Erziehung", sondern S. 22) - läßt sich dabei ebensowenig verleugnen wie ihre Grundlage, der Antimaterialismus: der "neue Sozialtypus" ist nichts anderes als die moderne Neuauflage des Schlaraffenmärchens, er "signalisiert einen Zustand totaler Versorgung" (10) und damit das Unglück der Menschheit.

Als Anhänger des Spruchs von der "Überflußgesellschaft" wollen die Wiedererwecker des heidnischen Mythos vom Narziß, der auf unserer christlichen Erde massenhaft leibhaftig geworden sein soll, sich also unbedingt einbilden, aus den bundesdeutschen Wohnstuben und Küchen sei der Mangel verschwunden. Dabei bedarf es schon einiger Souveränität gegen die Realität, um sich die BRD '80 als ein "Dauerfestival der Befriedigung der Konsumenten" (74) vorzustellen.

Die Beweise dieser absurden Weltsicht, nach der aus dem Wirtschaftswunderland die Fabriken verschwunden sind - weshalb nur noch "Konsumenten" den Tag zwischen Karstadt und Hertie verbringen -, sehen auch entsprechend aus: Entweder wird eine "ständige Sättigung" (74) mit einem passenden Vergleich belegt - ein AUERNHEIMER denkt z.B. an seinen Vater, der sich die "Erfüllung langgehegter Wünsche vom Munde absparen mußte" (75), um aus der relativ schlechteren Situation damals (Kambodscha heute hätte es auch getan) den verrückten Schluß auf "unseren" absoluten Reichtum zu ziehen (womit die auch der arbeitenden Klasse von 1980 noch zur Genüge vertraute Dialektik von Sparen und Pumpen wenigstens theoretisch um ihre Existenz gebracht wäre) -, oder sie wird einfach unterstellt, um als Gegenteil "wirklicher" Befriedigung abgekanzelt zu werden - wie dies ein DÖPP so schön zu sagen weiß:

"Eine hochgradige Abhängigkeit von äußeren Verhältnissen läßt den Subjekten keinen Raum für die Entfaltung ihrer Spontanität, ihrer Individualität und ihrer Orientierungsfähigkeit." (21)

Diese Sorte Theorie hat Rücksichtnahme auf die Realität wirklich nicht nötig. Der DÖPP mag sich ja einbilden, er hätte damit ein gewichtiges Stück Gesellschafts- und Konsumkritik abgeliefert. Aber die Einkleidung seiner Vorstellung, erst unter Verzicht auf Konsumgüter und mit der Erringung rein innerlicher Befriedigung könne "das" Individuum wieder frei agieren, in das philosophische Vokabular, "die Subjekte" verfielen immer mehr "äußeren Verhältnissen", würden also durch ihren Konsum im Gegenteil selbst konsumiert (die Rache der Cola-Dose!), zeigt außer der fixen Idee eines irgendwie gearteten Widerspruchs von Innen und Außen leider überhaupt keinen Inhalt. Immerhin: Eines leistet die um metaphorische Anschaulichkeit (es denke sich eben jeder seins dazu!) bemühte "Bestandsaufnahme" schon - sie dient der Fortsetzung dea Kategorienkreisels. Über die schlampige Bude des Anfangs ist man nämlich immer noch nicht hinaus; durfte sie bereits als neue Herausfordenng pädagogischer Bemühung, als typisch für den Zuatand der kritikablen Wegwerfgesellschaft studiert werden, so heischt der Zugriff der letzteren auf das vom eigenen Konsum in die Ecke gedrängte Individuum energisch nach der Frage der Sozialisation!

Der Narziß: Sozialisiert ist sozialisiert...

Nicht nur, weil 3. ein NST ohne S einfach kein Sozialisationstyp mehr wäre, sondern weil leere Doaen den Inhalt dea Inhabers knallhart zum Problem machen, steht dieser nun zur kritischen Begutachtung an. Der Logik des Gedankengangs zufolge zeichnet er sich dadurch aus, daß seine äußere Welt ("Objekte") in keiner Weise mehr seine äußere Welt ist - der "Narziß" weiß sozusagen gar nicht, wo er selbst aufhört und die Realität anfängt:

  • "ein zerfließendes Ich" (26);
  • "ein diffus ins Kosmische erweitertes, auf Omnipotenz (Perry Rhodan? - oder die Gier nach einem automatiachen Müllschlucker?) abzielendes archaisches (das Neueste ist halt immer zugleich das Älteste) Ich-Ideal" (26);
  • "unplastisches, zielloses Verhalten" (27);

- "Aggressivität ist der kraftlose (?) Reflex amorpher Frustration" (von nichts richtig, aber von allem ungeheuer frustriert: solche Urteile müssen einem erst einmal einfallen! - hier auf S. 27); usw. usw.

Auf diese Weise formuliert der NST-Theoretiker noch die Tatsache, daß ihm jetzt allmählich jeder Gegenstand zerfließt, als dessen Charakteristik. Vage gibt er der psychologischen Überzeugung Ausdruck, daß die Schwierigkeiten, die jemand mit der Welt oder die Welt mit ihm hat, ihren Ursprung allemal in der verqueren Einstellung des Individuums zu sich haben; allerdings gelingt ihm nur die Konstruktion einer so diffusen Einstellung, daß er, um die "empirische Beobachtung" (!!) einer

"Zunahme narzißtischer Reaktionen, in denen das Verhältnis zur gesellschaftlichen Realität schlechthin aufgekündigt wird" (31) -

diese Beobachtung wird er selbst bei Selbstmördern kaum machen! - überhaupt erst plausibel machen zu können, zur 435. Analogie greift, obwohl er schon im Logik-Unterricht des 19. Jahrhunderts hätte lernen können, daß Analogieschlüsse unzulässig sind:

"eine Reaktion ähnlich der des Kleinkindes, das, weil ihm die Interaktion mit der Mutter nicht glücken will, den Daumen in den Mund steckt und auf die Welt pfeift" (31 - in letzterem scheint uns umgekehrt das Kleinkind sehr ähnlich dem vorzustellen beabsichtigten NST; mit dem Daumen im Mund auf eine Welt pfeifen, die es vor lauter Mutter noch gar nicht kennt, bringt auch nur ein sozialisationstheoretisches Baby fertig!).

Das Schöne an dieser kindinchen Reflexion ist 1., daß eine Beobachtung veranschaulicht wird, der NST-Typ also die Existenz von etwas beweisen will, das er angeblich laufend (sogar "zunehmend"!) sieht; 2., daß die empirische Veranschaulichung nur eine neue Theorie ist (diesmal über Kleinkinder); und 3., daß für einen Psycho-Sozial-Pädagogen ein Beispiel gleich den Grund für das abgibt, wofür es doch nur ein Beispiel sein sollte ("ähnlich...") - mit der Kraft seiner Assoziationsgabe hat man sich nun das Kleinkind als Wesen des "Narziß" erschlossen:

"Die emotionale Kälte im frühkindlichen Sozialisationsprozeß (Mutter und Säugling verkehren nur noch schriftlich miteinander) erlangt heute die Bedeutung, die vormals der autoritären Triebunterdrückung zukam." (23)

Sowas nennt man Vorgänge bis zu ihrer Wurzel verfolgen! Etwa: Bruchrechnung nicht lernen - sich einverleiben wollen - Mund Omnipotenzphantasien - Frustration bezüglich oraler Befriedigung in früher Kindheit. Der Fortschritt existiert zwar nur in den Köpfen der Narzißmustheoretiker, man könnte ja genausogut lauter Gleichheitszeichen zwischen die Kettenglieder der "oralen" Assoziationsreihe setzen; aber die Sicherheit, daß der unlustige Zögling bzw. Klient ein Arsch ist, wenn er das nicht mitmacht, was man von ihm will - obwohl das doch bekanntlich genau das ist, was er vom Erzieher will -, ist ja auch nicht zu verachten. Egal wo sie herkommt! Letztendlich kann man den "Narziß" mit denselben Argumenten auf frühkindliche Sozialisationswinter wie auf zu intensive Hitzeperioden dazumal zurückführen:

"Die 'schwache' Mutter sucht in dieser Symbiose mit dem Kind (na bitte! grad war's zuwenig Interaktion, jetzt ist'zuviel!) ihre eigene Stabilisierung (ob sie wohl, wie der Säugling den Daumen, stattdessen den Säugling in den Mund steckt?), während der 'schwache 'Vater, traditionellerweise Repräsentant des Realitätsprinzips, als Besetzungs- und Identifikationsobjekt kaum noch in Betracht kommt" (23 - diese Kinder: rückt Mama ihnen zu nahe, sind sie beleidigt, rückt Papa weg, denken sie sich Weltherrscherphantasien aus, die sie später betätigen, indem sie sich der Welt total unterwerfen!)

Das Ganz ist also schon konsequent gedacht - der feste Wille, mit einem neuen Begriff (!) so ziemlich alles in der heutigen Jugend/Familie/Gesellschaft/Erziehung/Pädagogik zu erledigen, um sich mit nichts beschäftigen zu müssen, fördert auch Erklärungen zustande, die jedes Verhalten und sein Gegenteil abdecken: Mehr kann man doch nicht verlangen! Selbstbewußtes NST-Schlußwort:

"Zwar liefern die bisherigen Ergebnisse über den narzißtischen Charakter keine Lösungswege, sie helfen zunächst aber (und mehr hat ja auch keiner verlangt), den Groll darüber zu mildern, daß 'nichts mehr so läuft wie früher' und helfen (in Wiederholungen kennt er sich aus!), nicht ständig an sich selbst zweifeln zu müssen." (48)

Ach so! Na, dafür bringt's natürlich auch die blödeste Theorie....