DER KANZLER IST MIT KOHL ZUFRIEDEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1984 erschienen.
Systematik: 

Die Wende wird ein Jahr
DER KANZLER IST MIT KOHL ZUFRIEDEN

"Helmut Kohl übersprüht sich nicht jeden Tag mit Führerspray - er tritt zivil auf und entspannt." (Kremp in der "Welt")

Nach "einem Jahr der Wende" hat sich Bundeskanzler Helmut Kohl auf dem kleinen Parteitag der CDU für seine "erfolgreiche Politik für Frieden und Freiheit" auf die Schulter geklopft. Was bei anderen als billige Angeberei erscheinen könnte, stellt hier, wo einer qua Amt alle Maßstäbe seiner Leistung selber setzt, gleich eine gewichtige "Regierungsbilanz" dar: Der NATO-Doppelbeschluß habe verwirklicht werden können, auf wirtschaftspolitischem Gebiet sei die Talfahrt gestoppt worden, und andere Mehrheitsverhältnisse im Bundestag seien nicht zu haben (na dann!). So spricht eben ein Kanzler - die Opposition im Sack, die großen innen- und außenpolitischen Aufgaben fest im Visier.

Helmut Kohl hat dieses Selbstbewußtsein der Macht nicht erst erlernen müssen, mit dem er in den Augen mancher Kritiker heute noch nicht zurande kommt. Daß es ihm mit der Kanzlerschaft zufallen würde, hatte r schon als Kanzlerkandidat gewußt, der dem Wahlvolk versicherte, im Fall der "Berufung" ein guter Amtsverwalter zu sein. Das ist er nun, wie seine unsäglichen methodischen Kalauer "im Bewußtsein der großen, ja schweren Verantwortung, die ich in meinem Amt trage..." (Regierungserklärung vom 21.11.83) jedem mißliebigen Skeptiker beweisen sollten: Hier betet einer seinen Amtseid nach - so sehr gefällt ihm seine "schwere Verantwortung". Das Innenleben der Macht gibt es tatsächlich. Die deutsche Politik wird von einem Menschen mit Fleisch und Blut verantwortet, der ganz persönlich in seinem hohen Amt aufgeht. Nur sollte man sich die Zweifel an seiner Befähigung für das Amt, gestützt auf Anekdoten aus der Schlüssellochperspektive, ersparen. Der Mann an der Spitze redet Tag für Tag Klartext über seine Ambitionen mit der Bundesrepublik Deutschland und handelt auch danach. Diese Vorhaben haben es in sich - egal, ob der Meister dabei mit den Wimpern klimpert und den Kopf ruckend in Schräglage bringt: "Wir müssen unsere Pflicht tun, jeder an seinem Platz -- alle Bürger unseres Landes, ihre frei gewählten Abgeordneten, ihre demokratisch legitimierte Bundesregierung und auch ich ganz persönlich."

Wenn die Bürger ordentlich arbeiten und den Reichtum der Nation mehren, sind die Politiker so frei, ihren ebenso demokratischen "Beitrag" in Sachen nationaler Verwendung des Reichtums abzuleisten. So komfortabel ausgestattet zu sein, mag Kohl "ganz persönlich" am liebsten! Denn daß es in dieser Republik mit dem Kampf um "die Freiheit" vorwärts geht, ist wirklich des Kanzlers sehnlichster Wunsch und keine Seifenblase.

Was will uns der deutsche Chef damit ans Herz legen? Sein Anliegen heißt:

"Kein demokratischer Politiker darf sich in die Lage bringen, nicht mehr frei entscheiden zu können. Allein die Standfestigkeit der freien Völker kann totalitären Staaten ihre Grenzen zeigen."

In Kohls durch und durch patriotischem Kopf lebt die Vision einer Welt, die ihm als Führer des deutschen Volks alle Freiheiten gibt, die Russen in die Schranken zu weisen. Solch rabiate Anmaßung speist sich natürlich nicht aus der Kohlnatur dieses Menschen, sie zeigt nur, daß dieser Mann im Verfechten globaler Ansprüche gegen jeden Widerstand im Osten nicht ohne Leidenschaft ist. Das zeichnet ihn aus vor gewöhnlichen Deutschen, die brav an ihrem Platz die Voraussetzungen solchen Engagements schaffen.

So kann der Führer dieses guten Volkes wirklich "zivil" und "entspannt" auftreten. Im satten Bewußtsein einer gar nicht hoch genug zu schätzenden Botmäßigkeit seiner Untertanen läßt sich locker "Bodenständigkeit und Gefühlswärme" demonstrieren. Daß er gern gut ißt und über zwei Zentner wiegt, soll diesen Genießer seiner Macht gleich zu einem von uns machen? Wo doch sonst die Fülligen eher als Parasiten am Volkskörper gehandelt und zu mehr Verantwortungsbewußtsein für sich und die Gemeinschaft angehalten werden. Daß sich dünnen Negern mit Vorliebe dicke Häuptlinge präsentieren, ist der Presse gemeinhin ein Grinsen wert - nicht so beim "schwarzen Riesen" Kohl, dessen körperliche Vitalität zum Beispiel die Hofberichterstatter des "Spiegel" immerhin so erstaunlich fanden, daß sie sie gleich zum geheimen Grund seiner politischen Führungskunst verrätselten.

Diesen überspannten Hütern des Führerkults 1983 will nicht auffallen, daß ihr jovialer Kohl "dieses unser Land" nicht mit wolkigen "Unverbindlichkeiten" regiert, auch nicht, wenn er sich zu Vivaldis Trompetenklängen auf die Verbreitung seines deutschen Spruchguts einstimmt. Seine beim "Arbeiter", bei der "Frau", der "Jugend", etc. beschworenen Tugenden sind ja schon als Ideologie ein reichlich anspruchsvolles Bekenntnis zur Notwendigkeit von Opfern für den staatlich programmierten Weltfrieden: "Dieser Friede in Freiheit hat seinen Preis. Wir (?) müssen bereit sein, dafür Opfer zu bringen." Seinen Teil an Opfermut hat Kohl damit schon auf sich genommen: "In schwerer Zeit" trägt r die Last "geistiger Führung", dem hart arbeitenden Rest der Deutschen bleiben die "schweren Zeiten" vorbehalten. Der Bundeskanzler malt sich nämlich nicht nicht in der Vorstellung das schöne Bild einer gelungenen faschistischen Aufgabenverteilung zwischen Volk und Führung aus, sondern steht diesem Verhältnis vor. Er schwärmt nicht nur von Patriotismus, sondern klagt Opfer ein - in der Sicherheit, daß "unser Volk zu großen Opfern bereit" ist; denn er und seine Vorgänger muten sie ihm des längeren schon zu. Aus "reaktionärem" Munde tönt nicht ein Ewig-Gestriger mit vagen Hoffnungen auf morgen, sondern ein Staatsmann von heute, der sich mahnt, seinen Erfolgen im Herannehmen der Leute treu zu bleiben. Zu solchen Gemütsmenschen paßt die barocke Blasmusik - mit ihr gratuliert er sich zu sich selber und dem Volk zu seinem Kanzler.

So gemütlich hätte es Adolf selig wohl auch gern gehabt: anstatt ständig den Antreiber zu machen, daheim bei Hannelore und Erbsensuppe sitzen und den "Menschen draußen im Lande" mit gekonntem Augenaufschlag versichern, daß sie sich auf Helmuts "Politik des guten Willens und der besten Absichten" verlassen dürfen. E r "vertraut" ja auch auf ihre vielen kleinen, aber lebenslangen Dienste: "Wir glauben an die Kraft, das Wissen und den Willen unseres Volkes". Bei einer derartigen "Bonhommie" dürfte Doktor Kohl bald schon die 1000-Wörter-Sprachschatzschallmauer seines politischen Ziehvaters Konrad Adenauer nach unten durchbrechen können. Was soll ein Mann auch groß reden, für den "die enge persönliche Abstimmung mit dem amerikanischen Präsidenten in der deutschen Nachkriegsgeschichte ohne Beispiel (ist)." Höchstens: Lassen Sie mich doch noch diesen einen Satz sagen:

"Unsere Sicherheit, der Schutz unserer Freiheit gebieten nunmehr, daß wir mit der Stationierung neuer amerikanischer Raketen beginnen."

Wenn die Raketen einmal da sind, sprechen sie doch wohl gleich am besten für den Kanzler.