DER IMPERIALISTISCHE SINN DER DEUTSCHEN VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1989 erschienen.

Von der "Erinnerung" an den "Ausbruch" des 2. Weltkrieges zur "Verantwortung" für die Korrektur seiner Ergebnisse
DER IMPERIALISTISCHE SINN DER DEUTSCHEN VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG

Wenn sich einprägsame Daten der faschistischen deutschen Vergangenheit jähren, sind stets amtliche Worte der Besinnung angebracht. Die Kunst des Distanzierens des Rechtsnachfolgers des III. Reiches von eben diesem, die dabei zu Ehren gelangt, ist an sich eine einfache Übung, weil der Katalog der im Pflichtteil namhaft zu machenden Schandtaten feststeht. Doch manchmal wird bei der Kür gepatzt, und die Feststimmung bei der Inszenierung der offiziellen Heuchelei stellt sich nicht so recht ein, wenn die Anschauung vom Faschismus als deutscher Fall von tragischer Verstrickung bloß bei der verständnisvollen Darbietung aller - damals wie heute - einleuchtenden Gründe fürs Mitmachen hängenbleibt. Sicher hat Jenninger, den solches Mißgeschick vor einem knappen Jahr um sein Amt brachte, bis heute nicht begriffen, womit er bei seiner einfühlsamen Rede auf die Judenverfolgung eigentlich danebenlag. Die Redenschreiber des Kanzlers jedenfalls haben bei dessen "Erklärung zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges" nicht nur peinlich genau darauf geachtet, daß Schuld und Unschuld in passenden Dosierungen verteilt wurden. Sie haben vor allem darauf Wert gelegt, in Sachen "Kriegsschuld" die Anklagebank richtig zu besetzen.

Des Kanzlers Motto:

"Erinnerung - Trauer - Mahnung - Verantwortung "

stellte vorweg den einzufahrenden Ertrag der Rede vor Augen, für den diesmal des historischen Datums gedacht werden sollte. Thematisch galt es hierfür, am historischen Stoff die geschichtsphilosophisch-moralische Steilvorlage einzuholen, die Kohl in das schöne Bild vom "Guten", "das sich eben nicht zerstören läßt" und vom "Bösen in der Geschichte", das "auf Dauer keinen Bestand" hat, kleidete. (Alle Zitate aus: Erklärung der Bundesregierung zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges, 1.9.1989) In diesem Sinne, und damit auch jeder wußte, wovon anläßlich des Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen eigentlich die Rede war, galt es in einem ersten Zugriff die Scheidungslinie zwischen gut und böse in etwa anzubringen, und -

Der Kanzler erinnert sich

"Es ist wahr: Allzuviele Menschen in Deutschland - auch manche im Ausland - hatten sich vom Tyrannen blenden und irreleiten lassen. Das Urteil über die NS-Diktatur hängt indes allein von ihren Untaten ab, ihrem Vernichtungsfeldzug und dem Völkermord."

Wie es so ist, wenn ein Kanzler sich aus dem "Erinnern" an damals die Pflicht zur politischen "Verantwortung" schnitzt, die er heute trägt, ist schon der Gegenstand seiner Rückbesinnung eine verlogene Ideologie. Wenn der Mann "wahr" sagt, meint er, daß bei nüchterner und abgeklärter Überlegung an seiner Deutung des Faschismus keiner vorbeikommt. Derzufolge hat es sich darum gehandelt, daß das Volk seinem Führer gefolgt ist, aber nicht wußte, wobei eigentlich. Das kommt nach des Kanzlers Auffassung daher, daß das deutsche Volk - einerseits - von Haus aus "sittliche Substanz" ist. Dieses grundgute Vermögen bewahrheitet sich darin, an sich alle Tugenden ausgeprägt zu haben, mit denen sich ausgezeichnet Staat machen läßt: Kohl weiß da nicht nur die Idee der "Volksgemeinschaft" und die edlen "Werte der Heimatliebe und des Patriotismus" zu nennen, sondern auch all die anderen "Tugenden wie Tapferkeit, Loyalität und Opferbereitschaft", die auch der Reichskanzler vor ihm zu schätzen und zu nutzen verstand. Doch kommt es - andererseits - bei diesen Tugenden ganz darauf an, was ein guter Staatsmann aus ihnen macht. Und weil ja so manche faschistische Errungenschaft den an die Raffinessen demokratischer Staatskunst gewöhnten politischen Geschmack verletzt, heißt der erste Hauptsatz der Kohlschen Geschichtslehre vom Faschismus: Gutes Volk, aber schlechte Führung, die es nicht verdient hat.

So unerfindlich bleibt, was die erfolgreiche Inanspruchnahme aller völkischen Tugenden, die ihm selbst das Herz übergehen lassen, mit "blenden" und "irreleiten" zu tun haben soll, so unergründbar ist auch der Inhalt des Verdikts Kohls, die politischen Machenschaften der faschistischen Führung betreffend. Der Mann mit Doktor sagt "Urteil" - und macht damit bloß erneut seinen Unwillen zum Dogma, zwischen einem solchen und einer moralischen Verurteilung zu unterscheiden. Die hält er für zwingend geboten, hütet sich allerdings vor falschen Beschuldigungen und reserviert den ja schon feststehenden moralischen Malus ausschließlich den Machenschaften, die ihn schon im Namen tragen. Die Taten nämlich der "NS-Diktatur" - von der faschistischen Ordnung im Innern bis zur Fortsetzung des Staatsprogramms per Krieg nach außen - gehen dem Vernehmen nach im Prinzip in Ordnung; panz zu Recht in der Logik eines Staatsmannes, schließlich ist die Anwendung von Gewalt sein Metier. Gnadenlos verurteilt gehören sie sich in dem Fall, wo ein Kohl nicht anders kann, als sie für "Untaten" zu halten - weil sie aus dem Repertoire von Formen zivilisierter Gewaltausübung nach 1945 aussortiert wurden. Und solche Untaten, an denen er einen ihm einleuchtenden und deshalb ehrenwerten Staatszweck nicht erkennen können will, kann Kohl gleich zweifach hersagen: ein Krieg, der zweifellos nicht im Namen eines edlen Werts geführt wurde, deswegen bloß "Vernichtungsfeldzug" war und sich einer ganz absurden Feindschaft verschrieb - "Völkermord".

So zur apolitischen, rein moralischen Chimäre verklärt, hebt der deutsche Faschismus sich wohltuend schlecht vom heutigen Staat der Deutschen ab, und die "Dimension des Grauens", die da herübergrüßt, kann gar nicht deutlich genug deutlich gemacht werden. Vor allem aber kommt es auf die Schlußfolgerung an, die aus den vom Kanzler eigens namentlich nochmal erwähnten bekannten unschuldigen Opfern ("Kolonnen ausgemergelter Kinder, Frauen und alter Menschen", freilich auch Sinti Roma, Shoah, usw.usw.) zu ziehen ist:

"Sich der unschuldigen Opfer zu erinnern heißt: das Grauen im Gedächtnis zu bewahren, es sich im ursprünglichen Wortsinne - zu vergegenwärtigen. Es muß uns immer Mahnung sein und darf nicht durch falsche Vergleiche verharmlost werden. Hüten wir uns davor, gedankenlos oder gar in polemischer Absicht Worte wie 'Faschismus' oder 'Widerstand' ohne weiteres auf aktuelle Sachverhalte arzuwenden!"

Richtig verglichen nämlich, so hört man vom Goebbels-Gorbatschow-Spezialisten, stellt sich angesichts des faschistischen "Grauens" augenblicklich Zufriedenheit darüber ein, von solchen Formen staatlichen Terrors in der Demokratie verschont zu sein. Also heißt Dankbarkeit aus Prinzip die Parole, wenn man demokratisch regiert wird, was hinter das Kapitel "Trauer", von der der Kanzler "tief bewegt" ist, einen erfreulichen Schlußpunkt setzt.

Die Klärung der Kriegsschuldfrage

fällt dem Kanzler insofern leicht, als er nur seine Hymne auf die demokratische Regierungskunst wiederholt. Über den Kriegszweck Hitlers redet er ohnehin nicht, und da er zwischen der ehrenwerten Liebe zur Wahrheit und seiner eigenen zum deutschen Vaterland sowieso nicht zu unterscheiden pflegt, ist der GröFaZ ganz schnell und bequem an dem "politisch-moralischen Anstand" blamiert, den der deutsche Kanzler aus seinem Amtseid bezieht:

"Hitler hat den Krieg gewollt, geplant und entfesselt. Daran gibt es nichts zu deuteln. Wir müsser entschieden allen Versuchen entgegentreten, dieses Urteil abzuschwächen. Das ist ein Gebot der Wahrhaftigkeit und des politisch-moralischen Anstands. Es ist auch Gebot eines recht verstandenen Patriotismus, meine Damen und Herren. Denr Hitlers Vernichtungswille hatte sich zuletzt auch gegen unser eigenes Volk gerichtet: Im Angesicht der totalen Niederlage wollte er es mit sich in den Abgrund reißen."

Was ist das nur für eine ehrliche Haut! Er stellt eine Tatsache fest - und leugnet sie glatt nicht! Heroisch stemmt er sich gegen Anfechtungen, es doch zu tun, und hält sich dabei ausgerechnet noch für anständig. Und dann teilt er den geneigten Damen und Herren mit, daß diese edle Gesinnung auch noch dem Vaterland dient, insofern dieses am Verlust des von Hitler 'entfesselten' Krieges ein einziges Zeugnis dafür besitzt, wie wenig der Führer dem deutschen Interesse gedient hat: Von der hohen Warte eines für Deutschland erfolgreichen Führers aus besehen, ist ein für Deutschland verlorener Krieg Vaterlandsverrat von dem, der ihn angefangen hat - das "entschieden" und ungeschminkt an die Adresse Hitlers loszuwerden, macht nicht nur jedes "Deuteln" überflüssig, sondern ist genau die Tour, in der sich der Kanzler in seinem Erfolg sonnt. Daher seine Wahrhaftigkeit und sein Anstand.

Gar nichts falsch gemacht haben dagegen die Patrioten, die sich von Hitler kommandieren ließen, treu zum Staat standen und auch im Faschismus all das taten, was sie sonst auch tun:

"Wir müssen urs hüten, aus heutiger Zeit vorschnelle Urteile zu fällen. Wer von uns, meine Damen und Herren, könnte guten Gewissens vor sich behaupten, daß er im Angesicht des Bösen die Kraft zum Martyrium aufbrächte? Und wer von uns kann eigentlich ermessen, was es damals bedeutete, im Bewußtsein der Gefahr für die eigere Person auch das Wohl der eigener Familie aufs Spiel zu setzen?"

Einsam sind die Tapferen, denn wer verzichtet schon auf seine Karriere als Lehrer, Arzt, Beamter, Jurist... bloß weil grad' Faschismus ist?! Um so größer schon wieder das fällige 'Dankeschön' für den Segen der heutigen Herrschaft:

"Die Menschen heute sind nicht besser und nicht schlechter als die Menschen damals. Aber sie stehen glücklicherweise nicht unter dem Zwang, sich unter den Bedingungen einer totalitären Diktatur entscheiden zu müssen."

Das "Argument", das der Kanzler hier für den Glücksfall ins Feld führt, unter der Fuchtel seines demokratischen Rechtsstaats zu stehen, ist ziemlich unwiderleglich: Wo Rechtsstaat ist, gibt's den 'Entscheidungszwang', einer Diktatur zu gehorchen oder nicht, in der Tat nicht. Den Gehorsamszwang gegenüber dem Rechtsstaat aber schon; und daß das ein Glück für die Untertanen wäre, ist bloß die nette Geste eines zufriedenen Machthabers, der von der prinzipiellen Unanfechtbarkeit seiner Machenschaften ohnehin ausgeht und sein Volk dafür lobt, daß es ihm beim Regieren nicht in die Quere kommt. Dafür darf der Kanzler aber auch was von seinem Volk verlangen, denn umsonst ist das Glück, bedingungslos, aber ohne Diktator, geltendem Recht und Gesetz Folge leisten zu dürfen, natürlich nicht: Damit es auch wirklich vom nächsten Hitler verschont bleibt, muß es wie beim ersten wie ein Mann hinter seinem Staat stehen:

"Wer heute konsequent den Rechtsstaat verteidigt, wird morgen nicht in die Lage kommen, Widerstand leisten zu müssen."

In andere Lagen aber lässig, und dafür verdienen sich die Bürger von heute dieselbe Anerkennung ihres Kanzlers, die der auch den Volksgenossen des III. Reiches zollt - die waren an der Heimatfront oder auswärts stets "ehrlich und aufrichtig überzeugt, ihrem Land treu zu dienen", und haben darüber nicht wenig an "menschlicher Größe" produziert. Versteht sich von selbst, daß auf solche Patrioten selbst ein "Vernichtungskrieg" keinen Schatten wirft, und zwar umso weniger, je länger der gedauert hat:

"Das nationalsozialistische Regime verstrickte Menschen guten Willens in ein verwirrendes, in ein diabolisches Netz, dem zu entkommen immer schwieriger wurde."

Das wird allen Polen, die zugehört haben, schwer ans Herz gegangen sein, zumal der Kanzler in Sachen "Schuld und Versöhnung" auch noch eigens

Grußworte an das polnische Volk

fand.

"In deutschem Namen und von deutscher Hand ist dem polnischen Volk Furchtbares angetan worden"

Nachdem ja in etwa feststeht, daß hierfür der wesentlich undeutsche Vaterlandsverräter Hitler verantwortlich zeichnete, leiten sich aus deutschen Versäumnissen damals gleich Pflichten deutscher Politik heute ab:

"Wir wollen Verständigung zwischen dem deutschen und dem polnischen Volk. Das ist unsere Pflicht, und es entspricht auch der Sehnsucht beider Völker."

Der Kanzler weiß nicht nur genau, daß die Sehnsüchte des polnischen Volkes in dem begründet liegen, worauf sich die deutsche Außenpolitik verpflichtet. Er kennt sich vor allem auch darin aus, was für die Erfüllung des polnischen Wunschtraums von "Verständigung" und"dauerhafter Aussöhnung" alles vonnöten ist: Mit derselben Unverfrorenheit, mit der er aus der moralischen Abgrenzung seiner Demokratie gegenüber Hitler im Innern das Recht auf absolute Handlungsfreiheit herleitet, begründet er mit dem Titel "Versöhnung" das moralisch unanfechtbare Recht aller Ansprüche deutscher Ostpolitik und pocht mit dem Verweis auf die gelungene Aussöhnung der - Deutschen mit der NATO darauf, daß den deutschen Ansprüchen gefälligst Rechnung getragen gehört - im wohlverstandenen polnischen Eigeninteresse, versteht sich. So hören die Polen zunächst, daß sie nicht die einzigen waren, denen "von deutscher Hand" übel mitgespielt wurde - auch noch Franzosen, Juden, ja

"die allermeisten Völker Eüropas erfuhren schweres Leid".

Dann belehrt sie der Kanzler darüber, daß sie mit diesen beileibe nicht bloß das Leid verbindet, sondern auch der nicht locker lassende deutsche "Versöhnungs"wille. Und der hat vielleicht "Erfolge" vorzuweisen! Durch schlichtes Nichterwähnen der handfesten imperialistischen Grundlage deutscher Politik, der deutsch-französischen Waffenbrüderschaft im NATO-Verbund ebenso wie des politischen Einigungswerkes "Europa", präsentiert Kohl die Erfolgsbilanz bundesdeutscher Außenpolitik als ein einziges "Zuschütten" von "Gräben" zwischen "Völkern" und liebevolles Einsammeln von "Partnern" und "Freunden". Natürlich darf dabei - auch das prächtige Verhältnis, das der NATO-Frontstaat in Europa zum westlichen Vorposten im Nahen Osten pflegt, als leuchtendes Beispiel des Geistes der Aussöhnung nicht fehlen:

"Das Beispiel unseres Verhältnisses zum Staate Israel und zu Juden in aller Welt zeigt, daß bei gutem Willen auf allen Seiten selbst über tiefe Abgründe Brücken geschlagen werden können."

Es sei denn, die Abgründe sind doch zu tief wie bislang im Falle Polen. Die deutsch-jüdische Allianz beweist nämlich, daß es an den Polen liegen muß, wenn eine entsprechende "Aussöhnung" mit denen noch nicht zustande gekommen ist. Doch der Kanzler ist guter Hoffnung:

"Ich bin überzeugt, daß sich die gesellschaftliche Öffnung in Polen günstig auf unsere Bemühungen auswirken wird. Die Möglichkeiten für eine Verständigung zwischen unseren Völkern werden um so besser, je weiter die Entwicklung zu mehr persönlicher Freiheit in Polen voranschreitet. Denn wahre Versöhnung ist nicht nur eine Frage menschlichen Wollens, sondern natürlich auch der politischen Gegebenheiten."

Und was für Polen gilt, ist für das restliche Ost-, Mittel- und Südosteuropa in etwa auch der Fall. Das deutsche Recht auf imperialistische Einmischung, das Kohl aus der Aufarbeitung der deutsch-polnischen Vergangenheit ableitet, ist die Zukunftsperspektive der deutschen Nation, und die hat nicht nur für Polen jede Menge Verantwortung, sondern sieht sich - die europäischen Staaten im Osten betreffend - so ziemlich überall dort verpflichtet, "die Frage" nach den ihr passenden "politischen Gegebenheiten" aufzuwerfen, wo sie sich angesichts der bestehenden ganz von selbst aufdrängt. Auch dies versteht der Kanzler - dem Anlaß seiner Rede gemäß - als deutsches Erbe des Hitlerkrieges auszudrücken, wofür er eigens

Mitschuldige am Weltkrieg

bemüht. Das sind einmal die, deren "guter Wille" ein Fehler war. Der Kanzler, der sich, flockig wie immer,

"zur Absage an Krieg und Gewalt als Mittel der Politik"

bekennt, weiß von einer damals ungemein verbreiteten, doch schwächlichen "Sehnsucht nach Frieden in unserer Zeit" zu berichten und vom Verhängnis der

"Illusion, der Fanatismus der nationalsozialistischen Machthaber lasse sich durch Kompromisse und Zusammenarbeit zähmen"

- und gibt auf diesem Wege nicht nur zu bedenken, daß der Weltkrieg nie von deutschem Boden ausgegangen wäre, wenn die anderen ihn rechtzeitig angefangen hätten. Seine tiefe historische Einsicht von der Macht, die

"zu welchem Zweck auch immer verliehen, nur durch Gegenmacht zu kontrollieren ist",

führt denselben Kohl, der von Verständnis für alle braven Mitmacher beim deutschen Faschismus nur so trieft, dazu, im mangelnden Antifaschismus Stalins den Miturheber des Weltkriegs und aller seiner Folgen dingfest zu machen. Er schafft es auch noch obendrein, sich vom Stalinschen Erbe an die politische Verantwortung mahnen zu lassen, die in der westlichen Kriegs- und Wertegemeinschaft von heute begraben liegt:

"Wir Deutsche begreifen die besondere Verantwortung, die uns daraus erwächst, daß Hitler nach Abschluß dieses von vielen so genannten Teufelspaktes Polen mit Krieg überzog. Damit wurde dieses Land das erste Opfer des nationalsozialistischen Rassen- und Vernichtungskrieges...

Wir verurteilen ihn und die nächfolgenden Gewalttaten ohne jede Einschränkung. ...

Der Hitler-Stalin-Pakt war das Produkt eines zynischen Zusammenspiels zweier Diktaturen. Die eine der beiden ist in dem von ihr selbst entfachten Inferno ein für allemal untergegangen. Die Sowjetunion steht - 36 Jahre nach Stalins Tod - mitten in einem schmerzhaften Prozeß der kritischen Selbstprüfung im Zeichen 'neuen Denkens'."

Der Mann kann unterscheiden. Von der deutschen Nachkriegs-Diplomatie mit dem Osten beschwört er Passagen lang den "Geist der Aussöhnung" und gibt mit der "Annäherung" und dem "Wandel" an, die durch die hehre Vertragskunst ins Werk gesetzt worden seien. Und hier ist ihm der bloße Umstand einer diplomatischen Vereinbarung zwischen feindlichen Parteien untrügliches Indiz von Komplizenschaft der Beteiligten - weil der Vertragspartner Stalin heißt! Daß Hitler "nach Abschluß " des Vertrages Polen überfallen hat, ist nur deswegen einer Erwähnung wert, weil das "nach" als "nicht ohne" und das "nicht ohne" als "wegen" verstanden sein will. Daß ein Erfolg der Hitlerschen Vorkriegsdiplomatie etwas anderes ist als die im politischen Programm des deutschen Imperialismus liegende Notwendigkeit des Kriegführens, das will Kohl nicht unterscheiden.

Das kindische Bild vom "Teufelspakt", wonach sich in Hitler und Stalin Abgesandte desselben Übels namens "Totalitarismus" getroffen hätten, um in Weltkriegsdingen gemeinsame Sache zu machen, faßt die ganze Lehre zusammen: "Damit" haben sie beide den Auftakt zum Hitlerkrieg gegeben! Daß die Sowjetunion schon damals als das Hauptopfer dieser Unternehmung feststand, irritiert nicht weiter. Ob das interessierte Leugnen eines historischen Faktums in Ordnung geht oder nicht, hat mit Wahrheit sowieso nichts zu tun, sondern ist ganz vom Interesse abhängig, das sich die Fakten zu seinen Zeugen frisiert. Deswegen sind "Auschwitz"- und ähnliche Lügen unstatthaft, weil das Selbstlob der Demokratie nicht über die Beschönigung faschistischer "Schandtaten" läuft - zum Zweck der wohlfeilen Distanzierung von ihnen dürfen sie ja gerade nicht vergessen werden.

Kohls Hitler-Stalin-Pakt-Lüge

liegt dagegen voll auf der Linie der "Lehre", die "die Geschichte" nach dem Abdanken des III. Reiches für den Rechtsnachfolger vorformuliert hat und die berufene Alphabeten wie Kohl vorwärts wie rückwärts als "Auftrag" hersagen können: Der tiefe Sinn der Mär von den beiden Bösewichten, die sich wegen ihres gemeinsamen bösen Zwecks im Pakt gefunden hätten und von denen bislang erst einer sein verdientes Los kassierte, besteht darin, über den anhängigen Rest-"Totalitarismus" - der unverdientermaßen dem "Inferno" entronnen ist - genau dies losgeworden zu sein. Die zum Weltkriegsgeburtstag fällige Trockenübung in Sachen Anti-"Totalitarismus", mit der der Kanzler seine Nation in ein schönes Licht rückt, geht wie von selbst über zur antikommunistischen Frontstellung der deutschen Republik von heute. Nahtlos knüpft sich an das dümmliche Bild vom weltgesetzmäßig dem Tod geweihten Imperium des Bösen das imperialistische Recht des guten Deutschland, den Totalitarismus der Freiheit dort wahr werden zu lassen, wo er hingehört. So kann gar nicht entschieden genug darauf hingewiesen werden, wer alles von diesem "Anschlag auf das Völkerrecht" betroffen war:

"Die damaligen Vereinbarungen bedeuteten eine schändliche Mißachtung der Unabhängigkeit und territorialen Integrität Polens, der baltischen Staaten, Finnlands und Rumäniens."

Dann steht nach einer formellen Distanzierung der BRD von ihrem Rechtsvorgänger nämlich sofort der einzige Nutznießer dieses Vertrages fest und damit auch zum Abschuß frei: Weil die BRD keinen Wert auf Rechtsgültigkeit der von Hitler getroffenen Vereinbarungen legt, was ihre Interessen heute betrifft, hat sie auch schon das Recht, sich zum Richter über die Hinnehmbarkeit des sowjetischen Besitzstandes von heute aufzuschwingen:

"Das bedeutet auch, daß wir aus dem Pakt selbst und aus seinen Zusatzvereinbarungen keinerlei Rechtfertigung für nachfolgende Völkerrechtsverstöße des Deutschen Reiches und der Sowjetunion herleiten."

Nach dieser Logik: 'Wir leiten aus einem Vertrag keine Rechtsansprüche mehr ab, also hat die Gegenseite ihren Besitzstand herauszurücken!', harrt noch manches in Europa in Ermangelung seiner höheren Rechtfertigung durch das deutsche Interesse von heute der Inangriffnahme - seitens einer Politik, die so gerne unter dem Titel "Selbstbestimmungsrecht der Völker" antritt, weil der den Kodex aller Richtlinien und Maßnahmen meint, nach denen sie die Brauchbarkeit von "Völkern" für sich einzurichten pflegt:

"Für die Deutschen in der DDR und für viele Völker in Mittel-, Ost- und Südosteuropa wurde das Kriegsende zum Ausgangspunkt für die Ablösung der einen Diktatur durch eine andere. Die Spaltung Deutschlands und Europas läßt sich durch den Zweiten Weltkrieg zum Teil erklären, jedoch in keiner Weise rechtfertigen."

Während man nach dem 1. Weltkrieg noch tief unter der "Schande" litt, die Versailles für die Nation brachte - bis die sich dann im nächsten Krieg ihr verletztes Recht wieder verschaffte, kommt der deutsche Revanchismus von heute durch und durch verlogen daher: "Freiheit! " heißt die so über- und un-national anmutende Parole, auf die der deutsche Kanzler deutet, um die Unannehmbarkeit des Kriegsergebnisses zu begründen und so seinem Interesse, Europa von Deutschland aus neu zu ordnen, den Status einer sittlich-ideellen Mission zu verleihen. Im Unterschied jedoch zu intellektuellen Geistesriesen, die bei ihrer Anwendung der Techniken geschichtswissenschaftlicher Deutungskunst auf ihre Weise aus der Vergangenheit der deutschen Nation einen so oder ähnlich lautenden Auftrag zur Gestaltung der"Zukunft" heben, ist des Kanzlers Vision vom Auftrag der deutschen Politik alles andere als eine bloße idealistische Phrase. Sicher - es ist pures Geschwätz, wenn der Kanzler die Frucht seines "Erinnerns" an den 1.9.1939 in folgende Sentenz faßt:

"Liebe zum Vaterland und Liebe zur Freiheit, Patriotismus und europäische Gesinnung dürfen allerdings nie wieder getrennte Wege gehen. Das ist die Konsequenz, die wir gemeinsam ziehen müssen."

Vom bloßen Schwätzer unterscheidet ihn aber wesentlich die Macht, über die er nicht nur als oberster Befehlshaber der deutschen Nation verfügt, sondern die dieser auch noch als Mitglied eines Kriegsbündnisses namens NATO zuwächst: Die mit ihrem Programm und der Wucht ihrer Mittel ist die substantielle Basis, von der aus ein Kohl aus dem Weltkrieg Nr.2 die "Konsequenz" für geboten erachtet, daß am deutschen Wesen zwar nicht die Welt, aber die Grenzen in Europa jedenfalls schon zu genesen haben.