DER GROSSE WEISSE MEDIZINMANN AUF DEM SCHWARZEN KONTINENT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.

Papstreise
DER GROSSE WEISSE MEDIZINMANN AUF DEM SCHWARZEN KONTINENT

Wenn die Schwarzen anläßlich des Papstbesuches in einigen afrikanischen Diktaturen ein großes Tam-Tam mit Urwaldtrommeln, Kulttänzen und weißen Zaubermännern auf Stelzen veranstalten und sich vor Begeisterung gleich noch gegenseitig tottrampeln, wenn der Oberkatholik Wojtyla "nachsichtig lächelnd" seine Sprüche vom "Erbe der afrikanischen Seele" vom Stapel läßt und noch den letzten verhungernden Negergreis als "jungen Menschen auf einem jungen Kontinent" tituliert, dann kommt zurecht niemand auf die Idee, hier würde gegen den christlichen Auftrag verstoßen. Der mit Affenfell und sonstigen Insignien des großen Medizinmannes ausstaffierte Seelenhirte verkörpert die Wertschätzung der Neger als durchaus taugliche Christenmenschen, die heutzutage auch auf dem Gebiet des Höheren "ihren eigenen afrikanischen Weg gehen".

Wo der Imperialismus höchst erfolgreich auf schwarze Souveräne setzt, will die Kirche nicht zurückstehen: sie beglückt die Mobutus mit einem päpstlichen Staatsbesuch, die Opfer der Herrschaft mit der Anerkennung als souveräne Gläubige.

Der neue Mann auf Petri Stuhl... überließ sich schier hemmungslos dem Anschauungsunterricht, dem Lernprozeß der Begegnung... Nicht die Kirchenverfassung, nicht die Strukturen sind das Eigentliche, sondern der spontan, jeweils in Andersartigkeit gelebte Glaube. Und wie sollte ein so sehr der Tradition verhafteter und verpflichteter Wojtyla nicht fasziniert worden sein vom afrikanischen Reichtum an Formen und Farben, an Riten und Haltungen, die sich allesamt als katholisch verstehen möchten!" (alle Zitate wahllos aus der deutschen Presse)

Sehr eindrucksvoll, wie der weiße Vater in Zaire zunächst seine römische Zentralautorität in Sachen Liturgie und Christenmoral in den Vordergrund rückte - von wegen Vielweiberei, freie afrikanische Liturgie und so! -, um als Resultat eines eigens dafür inszenierten "Lernprozesses" dann endlich in Kenia mit "spontaner Natürlichkeit" selber zur Trommel zu greifen! Da soll noch einer sagen, die Kirche würde das dunkelhäutige Volk nicht für voll nehmen. Vorbei sind also die Zeiten, wo der Neger als Inbegriff des barbarischen Heiden galt, der überhaupt keinen respektablen geistigen Herrn hat, weshalb hiesige Schulkinder von ihrem Gesparten arme Negerseelen ins Himmelreich einkaufen durften. Statt sich wie früher mit einem Zehner das Pläsier zu machen, den Sarottimohr im Kirchenvorraum mit dem Kopf wackeln zu lassen, wird heute ganz brüderlich der farbigen Rasse vom 'Brot für die Welt' etwas abgegeben. Indem der Papst dem "schwarzen Kontinent" seine Reverenz erweist, zieht er einen Schlußstrich unter "kolonialistische Irrtümer" der Kirche, wie sie sich seinerzeit auch ein christlicher Philosoph zuschulden kommen ließ:

"Die Neger sind als eine aus ihrer uninteressierten und interesselosen Unbefangenheit nicht heraustretende Kindernation zu fassen... Das Höhere, das sie empfinden, halten sie nicht fest; dasselbe geht ihnen nur flüchtig durch den Kopf. Sie übertragen dies Höhere auf den ersten besten Stein, machen diesen dadurch zu ihrem Fetisch und verwerfen diesen Fetisch, wenn er ihnen nicht geholfen hat." (Die Leprakranken, die dem Papst "für die Holfnung, die er ihnen gebracht habe", Lobgesänge darboten, sind dagegen wirklich ein Fortschritt!) "...Die Fähigkeit zur Bildung ist ihnen nicht abzusprechen; sie haben... hier und da das Christentum mit der größten Dankbarkeit angenommen und mit Rührung von ihrer durch dasselbe nach langer Geistesknechtschaft erlangten Freiheit gesprochen... Aber einen inneren Trieb zur Kultur zeigen sie nicht. In ihrer Heimat herrscht der entsetzlichste Despotismus; da kommen sie nicht zum Gefühl der Persönlichkeit des Menschen, da ist ihr Geist ganz schlummernd, bleibt in sich versunken, macht keinen Fortschritt und entspricht so der kompakten, unterschiedslosen Masse des afrikanischen Landes." (C.W.F. Hegel, Enzyklopädie III)

Auch vvenn Papst Wojtyla die bornierte Naturidolatrie des Negervolks, seine Hingabe an überall herumwesende Schicksalsmächte, nicht mehr so schön aus der Geographie des "schwarzen Kontinents" ableitet, wie dies Hegel in seiner Rechtfertigung der Kolonialherren zuwege bringt: denselben Rassismus beherrscht der aufgeklärte Kirchenmann lässig und versteht es sogar, ihn als Achtung vor den in spiritueller Hinsicht doch so wertvollen Exoten erscheinen zu lassen:

"Die afrikanische Seele verfügt über ein Erbe, das bewahrt, entfaltet und, ich wage zu sagen, befreit werden muß." (Johannes Paul II.)

Keineswegs will er die Afrikaner mit "geistigem Kolonialismus" und "abendländischem Denken" vergewaltigen. Im Gegenteil: die moderne Befreiung von der "Geistesknechtschaft" des Fetischglaubens, hin zur höchst zivilisierten "geistigen Unterwerfung" unter den Herrn Jesus, bedient sich ganz offiziell der zum rassischen Erbe verfabelten Borniertheit und weiß an den Negern, wenn schon nicht den lupenreinen Glauben, so doch um so mehr ihre durch keine überflüssige intellektuelle Regung behinderte Gläubigkeit zu schätzen, kurzum:

"Zehn Tage Afrika haben den Papst glücklich gemacht."

Funktionaler Aberglaube an die höhere Macht

Auch in dieser kontinentalen Provinz der imperialistischen Weltherrschaft, wo der Großteil der einheimischen Bevölkerung im Grunde nur stört, versteht es die Kirche also, den Glauben funktional zu gestalten und sich mit der dortigen Herrschaft ins Einvernehmen zu setzen. Sie nimmt sich der Ausbildung der wenigen, für die lokalen Staatsfunktionen benötigten Funktionäre an, denen auf der Missionsschule die Grundregeln der aufgeklärten Denkungsart und zivilisierten Heuchelei beigebracht werden. Dem Rest der Negerwelt gönnt sie die Segnungen der Religion ganz umstandslos als das, was er ist: Objekt der Herrschaft, zu der er weder um seine Zustimmung befragt, noch irgendwie groß zur Mitwirkung aufgefordert wird. Bei einer Rasse, der außer gewissen Hilfsarbeiten vor allem die Aufgabe zukommt, den anderen mit ihren Lebensbedürfnissen nicht zur Last zu fallen, für deren (Nicht-)Benutzung die Entwicklung eines Selbstbewußtseins und weitergehender geistiger Fähigkeiten durchaus entbehrlich ist - also auch nicht geschieht -, nimmt die Kirche den Spruch von den "Gotteskindern" ganz wörtlich. In Afrika baut sie erst gar nicht den Gegensatz von Glaube und Aberglaube auf, und mit viel "Tanzen und Symbolsprache" ist dem negermäßigen Verständnis des Höheren schon Genüge getan. Wozu braucht es auch den Glanz der gehobenen philosophuschen Auseinandersetzungen, das demonstrativ-höchstpersönliche Ringen hiesiger Geister mit den eigenen Glaubenszweifeln, wo die Eingeborenen irgendwie erst gar nicht in die Versuchung geraten, der "Erniedrigung des Materialismus" (Wojtyla) anheimzufallen, stattdessen aber mit vielen "Werten" - sprich einem dumpfen Sinn für höhere Mächte - ausgestattet sind. Wozu also diesen echten Kinderglauben zerstören, anstatt ihn zu benützen? Auf das zivilisatorische Element des Christentums, das mit dem Messen an eigenen Grundsätzen und Gewissen dem Selbstbewußtsein eines freien Christenmenschen Anerkennung zollt, ist in Afrika leicht zu verzichten, wenn dort dem Herrn Jesus in Gestalt eines Affenfells der gebührende Gehorsam entgegengebracht wird.

Oberfetisch Jesus Christus

Den Vorwurf, sich gegen ein tiefverwurzeltes "Lebensgefühl" zu vergehen, das "die Übereinstimmung der Menschen mit ihrer Lebensweise sichert", hat die Kirche keineswegs verdient:

"Man erlebt den afrikanischen Menschen am besten, wenn er feiert und wenn man mit ihm feiert. Der Papst sollte das erleben und eine Zaire-Messe feiern. ... Der Priester trägt Gewand und Kopfschmuck des Häuptlings, weil er ja Stellvertreter des großen Häuptlings Jesus Christus ist... Allumfassendheit, Authentizität bedeutet: das Eigene voll einbringen...; Basisgemeinden: der Afrikaner ist kein Individualist. Er lebt in der Gemeinschaft und denkt so." (Missionsschwester Lea Ackermann von den "Weißen Schwestern")

Ein schönes Dokument für die Leistung der Missionierung, die ihre berechnende Herablassung als Respekt vor der afrikanischen Eigenart ausgibt: Der christliche Glaube übernimmt den alten Urwaldzauber und seine Überzeugungskraft, daß auch und vor allem übernatürliche Herren walten - bloß heißt der Oberfetisch jetzt Jesus Christus, wohnt nicht im Baum, sondern in der Kapelle. Historisch war das die Klarstellung, daß die Weißen auch in punkto Religion recht haben, weshalb so mancher Missionar, der sich mit dysfunktionalen Formen des Aberglaubens anlegte, im Kochtopf gelandet sein soll. Heute konkurriert die Kirche fröhlich mit der zaireschen Staatspartei darum, wer den authentischen Volkstumsgeist und die jeweiligen Ansprüche auf Fügsamkeit am besten für sich reklamieren kann. Bekanntlich war dieser Streit aber locker durch eine nachgeholte katholische Heirat von Mobutu und seiner Hauptfrau zu lösen. Dort, wo sich die Herrschaft mit ihrer Gewalt ausweist und Mobutu mit Leopardenmützchen als deren 1. Häuptling, wäre es ja auch blöd, bloß wegen afrikanischer Identität usw. auf den Dienst zu verzichten, den die von Rom ermächtigten Medizinmänner für diese Herrschaft auf ihre Weise genausogut leisten. Bekanntlich hat die Kirche von Mobutu nicht verlangt, auf seinen allabendlichen Zauber im Fernsehen zu verzichten, wo er zu Programmbeginn als "der Mann, der aus den Wolken" auf alle Provinzen seines Reichs mit Blitz und Trommelschlag herabkommt, wie der Messias selbst, ohne Hilfe des Hl. Geistes, sondern mit einem Helikopter, was für seine Untertanen ein mindestens ebenso großer Zauber ist wie für Europäer die unbefleckte Empfängnis. So leicht ist eben in Afrika ein bilaterales Bündnis mit dem höchsten Herrn zu haben - was schon deshalb kein Wunder ist, weil es der Papst bei den diversen schwarzen Staatsmännern sowieso mit der zu höherem Bewußtsein gelangten Elite der Missionszöglinge zu tun hatte.

Die spirituelle Stimme der Unschuldigen

Es ist also nur konsequent, wenn hierzulande kein Kommentator auf die Idee gekommen ist, der Papst hätte doch auch in Afrika - wie er es in Polen so schön vorexerziert hat - seine Stimme gegen unmenschliche Despoten erheben sollen. Hat sich dort ein Ostblockstaat an dem praktischen Beweis blamiert, daß die Einheit seines Volks ganz außerhalb der offiziellen Ideologie im Katholizismus liegt, so braucht es dem Papst in ordentlich funktionierenden afrikanischen Diktaturen auch nur auf das Arrangement mit der Herrschaft anzukommen - schließlich geht es ihm ja um das Spirituelle:

"Nicht von ungefähr nutzte der Papst, der vorbei an Lenin-Bildern zur Festmesse von Hunderttausenden fuhr, diese Gelegenheit, um Grundsätzliches über das Kirche-Staat-Verhältnis zu sagen: bei klarer Trennung der Aufgaben sei gegenseitiger Respekt, ja 'lokale Zusammenarbeit' möglich. 'Ich weiß, Herr Präsident, daß Sie dies verstanden haben', lobte der vatikanische Afrika-Pilger den Obersten N'guesso. Und doch (!) sollte der Pontifex gleich darauf wieder im zairischen Kisangani soziale Übel anklagen, ohne doch, wie er betonte, praktische Lösungen anbieten zu wollen."

Die Lüge des "und doch" besteht darin, daß der Oberhirte keinerlei Illusionen darüber verbreitete, daß ein vom Glaubensstandpunkt aus beurteiltes Elend etwas anderes wäre als ein Argument für die Glaubensverantwortung:

"Resigniert nicht vor der Misere und der Ungerechtigkeit: Es ist gegen das Evangelium Christi, wenn die Stärkeren und Bessergestellten die anderen ausbeuten."

Auch so kann man die Neger darauf hinweisen, daß sich für sie nichts ändert und daß das schöne Kompliment an ihren Mobutu, er solle sich doch noch mehr gegen die Korruption starkmachen, auch genauso gemeint war. Der Opportunismus gegenüber der Herrschaft verträgt sich eben glänzend mit der christlichen Caritas, dem unverschämten Aufruf an "die Menschen" überhaupt, sie sollten in Wojtyla "die Stimme der Unschuldigen hören, die sterben, weil sie kein Wasser und Brot haben."