DER GRÖSSEN-WAHN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 9-1986 erschienen.
Systematik: 

DER GRÖSSEN-WAHN

"Ehemalige Wortführer der APO bereiten ein Treffen vor

16 Jahre nach der Auflösung des ursprünglich sozialdemokratischen Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) wollen sich 'geistige Väter' der 'Außerparlamentarischen Opposition' (APO) - ehemalige Studentenführer und andere '68er'- in Frankfurt treffen, um über die Rolle der 'linken Intelligenz' in der aktuellen politischen Situation zu beraten. Nach den Vorstellungen der Organisatoren sollen zu der Tagung vom 11. bis 13. November mehrere hundert Alt-Linke und andere Interessierte kommen. Nach den Worten des SDS-Vorsitzenden der Jahre 1964 bis 1966, Helmut Schauer, soll das Treffen 'Diskussionszusammenhänge herstellen', aus denen heraus eine Analyse der 'Krise der industriellen Zivilisation' entwickelt werden kann. Mehrere Vorbereitungstreffen verzeichneten nach einem Bericht der Berliner Tageszeitung (taz) eine gute Resonanz. Zu Wort meldeten sich Hochschulprofessoren wie Elmar Altvater, Jürgen Habermas, Oskar Negt, Claus Offe, Peter von Oertzen, Ulrich Preuss und Ursel Schmiederer, laut Frankfurter Rundschau aber auch SPD-Mitarbeiter wie Tilmann Fichter (aus der Bonner SPD-Baracke) oder Christian Semler (heute Berater von Europaabgeordneten der Grünen). Die Gewerkschaftsbewegung ist durch Schauer vertreten, der beim IG-Metall-Vorstand in der Abteilung Tarifpolitik arbeitet." (Süddeutsche Zeitung, 22.7.)

Liebe ehemalige Wortführer,

eure Nostalgie ist zwar menschlich gesehen überhaupt nicht verständlich, aber sie zeugt immerhin vom verkorksten Zustand eures Gemüts. Das waren noch Zeiten, als eure Fehler Konjunktur hatten und mit dem Schein des Erfolgs zu verkaufen gingen, oder? So ähnlih denkt ihr doch, wenn ihr an der Rolle der "linken Intelligenz" herumselbstelt, gell! Nein, das versteht ihr nicht? Dann in aller Güte eins nach dem anderen.

Erstens ist es eine der billigsten psychologischen Übungen, über seine eigene Rolle zu beraten. Das können heute Parteien und Frauen, Manager und geschiedene Eheleute, Kinder so und Fußballer. Wenn ihr nichts besseres zu tun habt als öffentlich eure eigene Bedeutung breitzutreten, dann wird wie bei allen anderen Selbstbespiegelungen unserer Tage eines ganz sicher herauskommen: Ihr habt eine Bedeutung und dazu Probleme mit ihr. Das Ergebnis ist garantiert, weil manche Fragen einfach schon ihre Antworten sind. Dazu braucht man noch nicht einmal zu wissen, was man selbst für einer ist. Das ergibt sich ohnehin nur aus einer objektiven Beurteilung der eigenen Werke, und zu der seid ihr nicht in der Lage, weil nicht willens.

Zweitens fragt ihr euch sicher, woher wir das wissen. Auch das können wir noch anders erklären als eben, obwohl das schon reicht. Ihr scheut euch nämlich nicht, das methodische Geisterziel anzusteuern, zu dem sich kein vernünftiger Mensch von zu Hause nach Frankfurt bewegt - "Diskussionszusammenhänge herstellen" wollt ihr. Und damit ihr solche "Diskussionszusammenhänge" kriegt, trefft ihr euch zum Diskutieren? Das kann ja heiter werden, wenn sich die versammelten Honoratioren alle nichts sehnlicher wünschen als miteinander im Gespräch zu bleiben!

Drittens gesteht ihr glatt, daß so etwas wie ein Gesprächsstoff auch noch vorgesehen ist. Aber der dementiert nun auf einen Schlag die Titulierung eures Haufens als "linke Intelligenz", die sich gerade über ihre Rolle hermacht. Liebe "geistige Väter", wenn ihr mit habermasoidem Jargon die "Krise der industriellen Zivilisation" bequatscht, dann seid ihr weder links noch intelligent. Es ist nämlich zwar Mode, aber dennoch saudumm, an Gegenständen herumzudenken wie der "industriellen Zivilisation", die sich allein dem Konstruktionswahn methodisch kontrolliert versponnener Sozialphilosophen verdanken. Und nicht links, sondern extrem konservativ-fürsorglich ist es, einer solchen Chimäre gleich noch eine Krise anzudichten, deren man/frau Jahrgang kritisch '68 sich nun diskussionszusammenhängend anzunehmen hätte. Kritik an den niedlichen Zuständen der Republik und ihres freiheitlichen Lagers wäre schon ein Zeichen fürs Links-Sein, und ihr könntet - wenn euch danach der Sinn stünde - schön darüber nachdenken, wie Kritik geht = was läuft und warum und was man dagegen hat. Aber das Sorgerecht für eine Krise anzumelden, die ein menschheitsmäßiges Totum betroffen haben soll - das gehört doch eher zu erzmoralisch-verantwortlich gestimmten Gemütern, die den Wald lieben. Und den Oswald, dessen Spenglereien sie sich ganz gut vorlesen können. Also, entweder wißt ihr noch ungefähr, was gespielt wird in der BRD und anderswo - oder es interessiert euch nicht, wer wem unter Anrufung sämtlicher "Sachzwänge" übel mitspielt.

Viertens also zurück zum Anfang. Das Bedürfnis von euch Seichbeuteln, ein Treffen zu machen, ist doch schlicht aus dem blöden und gar nicht linken, sondern elitären Geist geboren, der euch damals schon so wichtig vorgekommen ist. Der schließlich die SPD ins Amt gebracht hat - und euch alle dazu. Ihr seid samt "Frankfurter Rundschau" und "taz" und euren sonstigen publicity-Machern zu bescheuert, um zu merken, daß eure Karrieren unmöglich ein Gütesiegel für Linke sein können. So steht nun in der Zeitung eine Liste der geistigen Prominenz aus der Welt des höheren Blödsinns - und der Titel 'linke Intelligenz' höchst 'kontrafaktisch' dazu.

Fünftens ein Rat. Schaut euch mal mit eurem Schauer um, wenn ihr nach Frankfurt kommt! Und tauft nicht gleich die Geld- und Kreditinstitute mit dem Ehrentitel "Zivilisation", die Hoechst-Werke auf "Industrie", um hinterher bei der Besichtigung von Türken, Arbeitslosen und anderem Schrott des Kapitals "Krise" zu stammeln! Und wenn ihr am Gewerkschafts-Hochhaus vorbeikommt, dann überlegt mal, warum so Neue-Heimat-Bank-und-Grundeigentums-mäßig die Arbeiterbewegung geendet ist!

Sechstens hat Habermas überhaupt nicht nach seiner "Rolle" zu fahnden. Als Ideologe von soziologischen Ungetümen, die er nicht einmal selbst für existent = wirklich hält, hat er längst seine Rolle. Und als Nebenbeschäftigung betreibt er bei Verlagen das eigentümliche Geschäft, nicht nur seinen eigenen Krampf zu vertreiben, sondern Schriften anderer Leute zu verhindern. Wie ein Rechtsanwalt der Zivilisation denken, brunzdumm die Schönheiten des Kapitalismus in "Kommunikation" übersetzen - und dann ganz gemein im Verlagsgeschäft dafür sorgen, daß anders Denkende ihren Kram nicht in die Buchhandlungen kriegen. Wenn das kein erfülltes Leben in einer zivilisatorischen Krise ist.

Siebtens und letztens: Ihr seid elende Angeber - und Kinder der Wende, ihr "geistigen Väter"!