DER GANZ NORMALE WAHNSINN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1986 erschienen.

DER GANZ NORMALE WAHNSINN

Der Prozeß

Jemand mußte Sergej Antonow, Todor Ajwazow und Jelio Wassilew verleumdet haben. Eines Morgens jedenfalls standen italienische Geheimpolizisten vor ihrer Türe und nahmen sie in Haft. Sie erklärten ihnen, daß die Justiz in Rom einen Prozeß gegen sie vorbereiten würde. Der Prozeß fand statt und dauerte neun Monate und dreizehn Tage. Die Angeklagten erfuhren nie so genau, wessen man sie eigentlich beschuldigte. Von einem Polen namens Wojtyla, von Beruf Papst, war andauernd die Rede. Auf ihn hätte ein Türke namens Agca Ali geschossen. Sie wären aber eigentlich dahintergestanden. Warum? Sie seien Bulgaren; Bulgarien ist ein kommunistischer Staat. Der Kommuaismus komme aber letztlich immer aus Moskau. Und deshalb sei auf Wojtyla aus Moskau mittels eines Türken geschossen worden, hinter dem sie als Bulgaren gestanden hätten. Man nannte das "Bulgarian Connection". Im Prozeß trat der Türke Agca Ali auf. Er sagte, er sei der Jesus. Das Gericht, das ihm immer geglaubt hatte und wegen ihm gegen die drei Bulgaren prozessierte, glaubte ihm ausgerechnet das nicht. Der Jesus sei schließlich der Wojtyla, auf den Agca Ali geschossen hatte.

"Die angebliche Verschwörung des bulgarischen Geheimdienstes mit rechtsextremistischen türkischen 'Grauen Wölfen' zur Ermordung von Papst Johannes Paul II. ist bei einem neunmonatigen Prozeß in Rom unbewiesen geblieben. Ein Schwurgericht in der italienischen Hauptstadt sprach die drei bulgarischen Angeklagten und zwei von vier Türken jetzt aus Mangel an Beweisen frei. Verurteilt werden nur Omar Bagci (drei Jahre und zwei Monate wegen illegaler Einfuhr der Tatwaffe) und Mehmet Ali Agca (ein Jahr wegen des illegalen Besitzes dieser Pistole). Agca war schon wenige Wochen nach den Schüssen auf dem Petersplatz in Rom wegen des Anschlages zu lebenslänglich verurteilt worden." (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.4.86)

Die drei Bulgaren wurden ausdrücklich "mangels Beweisen" freigelassen. Dies war angebracht weil neun Monate und dreizehn Tage lang behauptet worden war, man könne beweisen, daß auf Wojtyla von einem Russen namens Andropow geschossen wnrden war. Jetzt endete der Prozeß mit dem Urteil, daß man das leider nicht beweisen konnte. Die internationale Presse hatte nach ca. 3 Monaten schon mit dem Schreiben über den Prozeß aufgehört. Jetzt wartet sie auf einen Prozeß, in dem nachgewiesen wird, daß der Türke Agca Ali ein guter Freund von einem Libyer namens Gadafi Mohammed gewesen ist.

Wo "Terrorismusbekämpfung" ganz verkehrt wäre...

"Im Norden Nicaraguas sind acht Deutsche von antisandinistischen Rebellen entführt worden... Vier weitere Bundesbürger, denen die Flucht gelungen war, berichteten auf einer Pressekonferenz, die Waffen der Aufständischen stammten aus der Bundesrepublik. Einheiten der von den USA finanziell unterstützten Contra-Rebellen hatten nach Angaben aus Managua am Samstagmorgen das Dorf Jacinto Vara überfallen und zwölf Deutsche entführt, die dort beim Aufbau einer Siedlung mitarbeiteten... Die Bundesregierung hatte am Pfingstsonntag die Entführung als Akt der Gewalt verurteilt." (Süddeutsche Zeitung, 10.5.86)

Der Fall liegt also klar: Terroristen, unterstützt von einer auswärtigen Macht, in diesem Fall den USA, mit Helfershelfern anscheinend auch in einschlägigen Unterstützerkreisen hierzulande (Waffen aus der BRD!), entführen deutsche Zivilisten. Der deutsche Rechtsstaat schaut ohnmächtig zu. Die Bundesregierung fordert die Unterstützerstaaten der Terroristen zur Intervention auf:

"Außenminister Genscher hat am Dienstag in Briefen an die Außenminister von Costa Rica, Honduras und der Vereinigten Staaten darum gebeten, die Bemühungen um die Befreiung deutscher Staatsangehöriger zu unterstützen." (FAZ, 21.5.)

Der erklärte Hintermann der Terroristen, der sie politisch ermutigt und finanziert, sitzt in Washington. Er ist auch noch voll geständig: Der Präsident der USA bekennt sich öffentlich als "Contra"! Und er weigert sich frech, seine Killerkommandos zurückzubeordern. Muß jetzt also die deutsche Luftwaffe das Weiße Haus bombardieren, oder werden wenigstens 15 Angehörige der US-Botschaft ausgewiesen? Falsch, ganz falsch!! Gehe zurück nach Bengasi und überlege noch einmal, wer die "Terroristen" sind. In diesem Falle nämlich eindeutig die Gekidnappten:

"Sie gingen nach Nicaragua, um das mit der Sowjetunion eng verbundene leninistische Regime der Sandinisten zu stützen. Sie sind also Helfer übler Unterdrückungs-Herren." (FAZ-Kommentar, 21.5.)

Feindbild originell

Kommentar von Reporter Sepp Ortmeier bei der TV-Übertragung eines Eishockeyspiels der sowjetischen Mannschaft beim Stande von 3:0 gegen Kanada:

"Ja, mein Gott, warum kommt denn hier keine Stimmung auf? Warum wird hier nicht gejubelt? Da spielt die eigene Mannschaft wie ein Weltmeister und die Zuschauer feuern sie gar nicht an! Ich kann mir das nicht erklären.

Vielleicht sind nur Zuschauer anwesend, die sonst nicht zum Eishockey kommen. Vielleicht handelt es sich um lauter ausgesuchte Funktionäre, die hier in der Halle sind."

Also: Kein patriotischer Fanatismus, wie es sich (bei uns) gehört. Da muß was faul sein! Da muß die Partei dahinterstecken, wie wir das von einer 'kommunistischen Diktatur' ja kennen. Der Verdacht drängt sich auf: die 15000 Zuschauer - lauter ausgewählte Parteigenossen?! Bestellt, um - nicht zu jubeln!

Ein übler Trick! Die wollten wohl unser Feindbild durcheinanderbringen.

Imperialistische Rechtsbelehrung

...Die Zeitung New York Times hat inzwischen Einzelheiten des mysteriösen Telephonats zwischen Reagan und Marcos enthüllt. Das Blatt berichtete unter Berufung auf Begleiter des Präsidenten, Marcos habe geltend gemacht, er sei noch immer rechtmäßiger Präsident der Philippinen. Dem habe Reagan widersprochen und erklärt, die USA unterstützten jetzt Präsidentin Corazon Aquino." (Süddeutsche Zeitung, 29.4.)

So kann's gehen, wenn man sich verwählt hat.

Wühlarbeit

Streit ist aufgekommen über einen im Auftrag des Innenministeriums angefertigten Bericht der Verfassungsschützer über die "Bündnispolitik" der DKP mit der SPD. In dem Fall ist der Verfassungsschutz ganz ohne V-Leute ausgekommen; er hat nur die "UZ" gelesen:

"Der Bericht selbst besteht zum größten Teil aus einer Zusammenstellung von Zitaten von DKP-Politikern und Berichten des DKP-Organs Unsere Zeit (UZ).

In dem Dossier wird unter anderem hervorgehoben, daß die UZ beispielsweise vom Ostermarsch 1983 ein Photo veröffentlicht habe, auf dem neben führenden DKP-Politikern auch der saarländische SPD-Politiker Oskar Lafontaine zu sehen sei. Mit Genugtuung habe die Zeitung auch Äußerungen des SPD-Abrüstungsexperten Egon Bahr abgedruckt, so etwa die Erklärung Bahrs, für die Sicherung des Friedens seien 'im atomaren Zeitalter Kommunisten unentbehrliche Partner'. Vermehrt sei es dem DKP-Organ auch gelungen, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler zu Interviews zu gewinnen." (Süddeutsche Zeitung, 6.5.86)

Das Parteiorgan der DKP scheint sich also inzwischen am allerliebsten SPD-Propagandisten als Sprachrohr zur Verfügung zu stellen. Fragt sich nur, wer da wen erfolgreich unterwandert.

Citius, altius, fortius oder Wettstreit im rechtsstaatlichen Naßmachen

"Wettkampf mit Wasserwerfern

Wasserwerfer-Züge der norddeutichen Bereitschaftspolizei und des Bundesgrenzschutzes haben in Büchen (Kreis Herzogtum Lauenburg) in einem Wettkampf den Einsatz von Wasserwerfern geübt. Zum Wettkampf gehörten Zielübungen und Geschicklichkeitsfahren mit den zwölf Tonnen schweren Fahrzeugen. Vertreter des Grenzschutzkommandos Küste wiesen darauf hin, daß diese Übung zur Spezialausbildung der Besatzungen von Wasserwerfern gehört. Gerade in einer Zeit vermehrter und verstärkt unfriedlicher Demonstrationen müßten die Besatzungen lernen, auch in Extremsituationen die Nerven zu behalten und differenziert vorgehen zu können. Trotz des hohen Wasserdrucks, der zu Blutergüssen und Prellungen führen könne, sei die Verletzungsgefahr für Demonstranten nicht sehr groß, erklärten die Organisatoren." (Süddeutsche Zeitung, 24.5.)

Offene Gesellschaft

"Shultz spricht von geheimen Operationen gegen Libyen

Die USA sollten nach Meinung von Außenminister George Shultz den Druck auf Libyen mit noch schärferen wirtschaftlichen Sanktionen verstärken und auch Geheimoperationen gegen das arabische Land prüfen. 'Wir haben viele verschiedene Werkzeuge in unserer Tasche und wir müssen noch mehr Werkzeuge schaffen', sagte Shultz in einem Gespräch mit der Los Angeles Times. Wenn 'verdeckte Aktionen' erfolgreich sein sollen, dann müsse es allerdings in den USA eine klare Vorstellung darüber geben, daß es wichtig sei, einige Dinge im Geheimen zu tun, betonte der Minister." (Süddeutsche Zeitung, 28.4.)

Während die "feigen" und "heimtückischen" Terroristen heimlich Anschläge beschließen, ihre "Hintermänner", die "tollwütigen Hunde" in Tripolis und Damaskus, davon nichts gewußt haben wollen und sich hinterher distanzieren, verschmäht es eine demokratische Regierung, ihre Absichten zu verheimlichen. Offen und ehrlich wird der Terror angekündigt, auch wenn er dann geheim ausgeführt wird. Auch das dient der guten Sache.

MSZ-Service für den Sozialkundelehrer

"Diese deutschen Sowjetbürger demonstrieren auf dem Roten Platz in Moskau für ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland. Sekunden später war die Demonstration beendet. Milizionäre zerrissen die Plakate und führten die Demonstranten ab. Die Inschriften der Transparente lauten: " SOS rufen Deutsche in der UdSSR", "Laßt uns in die Heimat!" Obwohl die Vorfahren dieser Deutschen Jahrhunderte in Rußland ansässig waren, ist das Leben dort für sie so unerträglich geworden, daß sie nicht mehr in die Sowjetunion, sondern die Bundesrepublik Deutschland als ihre Heimat betrachten."

In der brandneuen Ausgabe der "Informationen zur politischen Bildung" Nr. 210 zum Thema "Menschenrechte" findet sich u.a. auf S. 25 dieses Bild mit Bildunterzeile. Als Material für den Unterricht bieten sich folgende Fragestellungen an:

- Erkläre mit Hilfe deines historischek Wissens, wie das Leben in "Rußland" in den letzten Jahrhunderten, besonders seit der Zarenzeit, immer unerträglicher geworden ist.

- Wieso sind diese Sowjetbürger noch immer "Deutsche"?

- Warum lieben so viele Russen ihre deutsche Heimat, ohne sie zu kennen?

- Wie groß war vor Jahrhunderten Deutschland? Was war damals deine Heimat?

- Für wen sind die deutschsprachigen Plakatinschriften bestimmt?

- Wie groß muß der Zufall sein, daß bei einer sekundenlangen Demonstration ein westlicher Fotograf mit schußbereiter Kamera auf dem Roten Platz auftaucht?

- Wem rufen die Deutschen SOS zu?

Zweierlei Dienst für die wehrhafte Demokratie

Den "Zivildienst" hat die westdeutsche Demokratie für ihre Kriegsdienstverweigerer eingerichtet, damit junge Männer mit sensiblem Gewissen in Friedenszeiten dem Staat ein paar soziale Unkosten minimieren helfen dürfen und im Ernstfall die Etappe von wehrfähigen Männern freihalten müssen. In dieser Funktion hat der Zivildienst sich nun ein Vierteljahrhundert bewährt. So hat sich jetzt die regierende C-Mannschaft dazu durchgerungen, den Zivildienstleistenden ausdrücklich das Prädikat 'Auch wertvoll' zu verleihen:

"Ministerin: Zivildienst verdient gleichen Dank wie die Bundeswehr

Die mehr als 300.000 jungen Männer, die in den vergangenen 25 Jahren in der Bundesrepuhlik Zivildienst geleistet haben, verdienen nach Auffassung von Bundesfamilienministerin Rita Süssmuth (CDU) 'den gleichen Dank der Allgemeinheit wie ihre Kameraden bei der Bundeswehr'. In einer Feierstunde zum 25jährigen Bestehen des Zivildienstes meinte die Ministerin in Köln, Zivildienstleistende hätten mit ihrer Arbeit unzähligen Menschen geholfen, die auf Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen seien." (Süddeutsche Zeitung, 11.4.)

Selbstverständlich behielt Frau Süssmuth das Gütesiegel "Besonders wertvoll" den jungen Männern im grauen Ehrenkleid vor.

"Nach ihren Worten hofft die Regierung, daß der Anteil der jungen Männer, die sich von ihrem Gewissen aufgerufen fühlten, an der Verteidigung mitzuwirken, nicht ab-, sondern zunehmen möge."

Weil's aber um die Feier der Zivis ging, hat sie sich diesmal eine Umdrehung der üblichen CDU-Polemik gegen die Kriegsdienstverweigerer einfallen lassen. Statt "Ihr könnt doch bloß verweigern, weil die anderen ihren Kopf hinhalten!", war die Bundesregierung diesmal

"überzeugt, daß sich diese Verteidigung nur lohne wenn sie einer freiheitlichen Rechtsordnung gelte, zu der das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen unverzichtbar gehöre. Kriegsdienstverweigerer seien 'weder Rechtsbrecher noch Drückeberger', sondern junge Männer, die ein Grundrecht in Anspruch nähmen, betonte die Ministerin." (ebd.)

Eine vorurteilsfreie Bestätigung der Nützlichkeit des Zivildienstes als Freisetzungsinstrument für den direkten Waffeneinsatz kommt auch vom Bundesverwaltungsgerichtshof aus Westberlin. Sein Urteil bekräftigt im übrigen, daß in einer wirklich wehrfähigen Demokratie letztendlich die ganze Gesellschaft dem Barras zuarbeitet:

"Arbeiter von Rüstungsbetrieben können Wehrdienst verweigern

Ein in einem Rüstungsbetrieb als Mechaniker beschäftigter 27jähriger Mann ist vom Bundesverwaltungsgericht in Berlin als Kriegsdienstverweigerer anerkannt worden. Weil dieser Betrieb unter anderem auch Flugzeuge für die Bundeswehr herstellt, sah die Wehrbereichsverwaltung in dieser Tätigkeit einen Widerspruch zur Gewissensentscheidung des Wehrpflichtigen. Dagegen hatte der Wehrpflichtige argumentiert, daß man 'im Prinzip überall und selbst als Bäcker der Bundeswehr zuarbeitet'. Die Bundesrichter teilten seine Auffassung und bestätigten damit ein gleichlautendes Urteil der Vorinstanz. Danach steht seine Arbeit bei dem Unternehmen 'der Glaubwürdigkeit seiner Gewissensentscheidung nicht entgegen'. (Aktenzeichen: 6 C 81.83)" (Süddeutsche Zeitung, 11.3.)

Diskriminierung der Frau

"Bild" vom 30.4. bringt im Rahmen einer Meldung erst die gute und dann die schlechte Nachricht: Frauen dürfen zum Bund (endlich!), aber nicht schießen (blöd):

"Alles klar: Frauen bald zur Bundeswehr

tep. Bonn, 30. April Rund 30000 Frauen dürfen bald zur Bundeswehr. Das hat nach BILD-Informationen Verteidigungsminister Wörner (CDU) in Gesprächen mit Generalen angekündigt: "Anfang der neunziger Jahre rücken die ersten ein. Da führt kein Weg dran vorbei". Mindestens 495000 Soldaten sind notwendig - von 1992 an fehlen aber bis zu 30000. Für sie sollen dann Frauen einspringen. Verteidigungsexpertin Ingrid Roitzsch (CDU): "Das Grundgesetz verbietet Frauen den Dienst an der Waffe. Deshalb würden sie als Funkerinnen, Transport-Pilotinnen oder LKW-Fahrerinnen im Nachschub dienen können".

Dennoch dürfte bald alles klar gemacht werden, wie Verteidigungsexpertin Roitzsch veranschaulicht: Eine "Transport-Pilotin" ist doch fast schon so waffenlos wie ein General im Befehlsstand.

Arndt von Bohlen und Halbach +

Vom Leben und Sterben des reichen Mannes

Was man sich immer schon denken sollte, das erfuhr man jetzt posthum und exklusiv in einer "Bild"-Serie von Will Tremper: Der "Krupp-Erbe" hat's auch nicht leicht gehabt. Am Ende hat er letztendlich freiwillig den Löffel abgegeben: "Ich will alleine sterben. Ich bin so häßlich." (Arndt auf dem Totenbett. "Bild" war dabei).

Eine freudlose Kindheit ("im Salzkammergut auf Schloß Blühnbach, wo Bertha und Gustav Krupp, die Großeltern, total vereinsamt in 72 kalten Zimmern hausten") prägte die späteren Vorlieben des jungen Bohlen, der vor "den kalten Spinnenfingern, mit denen meine böse Großmutter meine Wangen betätschelte" in ein "Tiroler Puppenhaus" floh.

Später, nachdem er erfahren hatte, "daß ich ein Krupp bin", und von der Mutter aufgeklärt wurde, daß "das etwas Entsetzliches" ist, studierte er Volkswirtschaft, "nicht ohne Erfolg". Nach Auskunft des späteren Halbach, hat er "mehrere Zwischenprüfungen fast bestanden". Die Universität insgesamt lag ihm jedoch weniger. Er suchte die Praxis und "volontierte in allen Zweigen der Firma". Umsonst: Bertold Beitz, der Prokurist seines Vaters Alfried, intrigierte Arndt aus dem produktiven Erbe hinaus, und die neu gegründete Krupp-Kapitalgesellschaft fand den Erben ab: ein paar Millionen Apanage pro anno und den Jahresgewinn einer Kruppschen Eisenhütte in Essen.

Das machte ihn in den siebziger Jahren als "Deutschland reichsten Frührentner" zum Objekt "sozialen Neids" und für die IG Metall zur idealtypischen Bebilderung ihres Abschreckungsmodells vom "untätigen Unternehmer". Vor seinem Ableben hat er noch zweimal geheiratet. Einmal eine Adelige Hetty und dann noch einen Hamburger Bodybuilder. Mit keinem der beiden Partner ist er aber glücklich geworden. Als die ersten Metastasen kamen, wurde er auch noch "sehr fromm". Jetzt liegt er "in der Marmorgruft der Blühnbacher Schloßkapelle: Vier Jäger hielten Totenwache am braunen Eichensarg."

Die Angehörigen verloren "den schönsten Krupp, den es je gab", und an die "vierzig Männer und Frauen", vom Verantwortlichen für die "langen, seidigen Wimpern, die, ganz leicht nur, mit Harriet-Hubbards-Super-Long-Mascara angetuscht waren" bis zum Chauffeur, einen Arbeitsplatz.

Ein Lebenslauf, wie ihn nicht jedermann vorweisen kann: So einer geht nur mit Geld. Arndt von Bohlen und Halbach hat deswegen eine schlechte Presse gehabt, weil er seines nicht investiert hat. Dies lag weder an mangelnder Intelligenz - Vater Alfried soll so notorisch blöd gewesen sein, daß seine alliierten Richter nach 1945 erwogen, ihn wegen "mangelnder Schuldfähigkeit" freizusprechen -, und erst recht nicht an Extravaganzen in Liebesdingen - Großvater Gustav erholte sich vom Kanonenbauen mit der männlichen Jugend Capris. Der letzte Bohlen "durfte" nicht Unternehmer werden, sondern wurde für das Unternehmen "geopfert". Darunter "hat er still gelitten" und Schwerstarbeit geleistet beim Verjuxen der Revenue. Eine kapitalistische Ironie: Geld macht, daß es nicht glücklich macht. Wer's glaubt, glaubt mit der "Bildzeitung", daß er im Unterschied zum "letzten Krupp" fein raus ist: Er hat seine Arbeit, und mit seinem Geld kommt er nie in die Verlegenheit, "bei Feinkost-Käfer Austern zum Kaffee" einwerfen zu müssen.

Ganz abgesehen vom bitteren Ende: Jetzt soll Arndt nicht nur Krebs, sondern auch noch "Aids" gehabt haben - da weiß man schließlich, wer so etwas bekommt. Ein "vierjähiger Leidensweg", genüßlich und detailliert aufbereitet, dokumentiert, daß der Tod immer noch der einzig reale Sozialist ist: Er macht wirklich alle gleich! Nix hat es ihm genützt, das ganze Geld. Und jetzt, bei seinem Übergang ins christliche Himmelreich, an das er "am Ende ganz fest geglaubt" hat, steht er womöglich noch wie ein Kamel vorm Nadelöhr. Als Reicher arm. Wie reich "wir" Armen...