DER GANZ NORMALE WAHNSINN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 9-1985 erschienen.

DER GANZ NORMALE WAHNSINN

Demokratischer Personenkult: Bürgerkönig mit Badehose

Als Photographen der Rechtspresse den Reichspräsidenten Ebert 1922 heimlich in Badebekleidung abknipsten, war die Veröffentlichung dieser Staats-Pin-ups Auftakt zu einer "beispiellosen Verleumdungskampagne gegen Ebert und die junge Weimarer Demokratie" (aus unserem Geschichtsbuch für die Oberstufe). Bonn hingegen ist nicht Weimar: Hier beschließt die Presseabteilung der Villa Hammerschmidt, Abteilung Demokratischer Führerkult, ein Bad des Chefs in der Öffentlichkeit, und sofort riegelt GSG 9 großräumig ein Bad in Bonn ab, damit der Präsident einen öffentlichen Swimming-Pool für sich und BamS ein Bild für die sonntägliche Staatsverherrlichung hat. Bürgernähe ist nämlich, wenn das Volk seine Herrschaften als Privatleute serviert bekommt und sich darüber freuen soll, daß sie zumindest außerhalb ihres Amtes Menschen sind. Das fördert den Respekt!

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Freiheitsführer mit Krebs

"Amerikaner freuen sich mit ihrem Präsidenten: Reagan ist wieder da."

"Eine Marinekapelle spielte Jazzmusik, Regierungsbeamte schwenkten Luftballons und viele Zuschauer wünschten auf Fähnchen 'Alles Gute, Ron': Das Weiße Haus bereitete US-Präsident Ronald Reagan bei seiner Rückkehr am Samstag einen herzlichen Empfang.

Nur eine Woche nach seiner Krebs-Operation hatte der 74jährige mit dem 'O.k.' seiner Ärzte das Bethesda-Hospital bei Washington verlassen dürfen - um vier Pfund leichter und erstaunlich frisch wirkend, wie US-Medien erfreut meldeten. Mit dem Hubschrauber legten Reagan und Frau Nancy die kurze Strecke zwischen Klinik und Weißem Haus zurück. Dort wird der Präsident zunächst vor allem im Wohntrakt bleiben, obwohl er es kaum erwarten konnte, 'die Arbeit wieder aufzunehmen', wie er bei seiner ersten Rundfunkansprache nach der Operation versicherte." (Abendzeitung München, 22.7.)

Und bei dieser "Arbeit" kann man die Begeisterung des Mannes verstehen: kaum den Darmausgang wieder offen und schon den Besuch aus Rotchina empfangen und mit US-Atomkraft verarztet. Die letzten Fäden noch nicht gezogen, da drückt das Weiße Haus eine C-Waffen-Aufrüstung mit Dislozierung an der BRD-Front im Kongreß durch. Zwischendurch kurz ein karzinogener Nasenpopel herausgeschnitten und dann kerngesund 25 Mrd. Dollar US-Auslandshilfe unterschrieben: lauter Bluttransfusionen für die freiheitlichen Contras in Nicaragua, Afghanistan, Angola und anderswo. Und mit den Amerikanern freut sich natürlich die ganze NATO-Welt über den robusten Schaffensdrang des Führers:

"Es ist klar, auch die Kräfte eines Ronald Reagan sind nicht unerschöpflich. Die ganze Welt staunte sowieso über die Vitalität dieses Mannes, der mit dem Schwung eines federnden Fünfzigers seinen mörderischen Job besorgte." (Wochenspiegel, 29.7.)

Klar, wer das Amt des Präsidenten nicht nach seinen mörderischen Entscheidungen, sondern als mörderische Last betrachtet, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

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Zurückhaltung

"Nixon dachte viermal an Einsatz von Atomwaffen.

Der frühere amerikaniiche Präsident Richard Nixon hat nach eigener Aussage während seiner Amtszeit von 1969 bis 1974 viermal daran gedacht, Atomwaffen einzusetzen; er sei jedoch nie einem Befehl dazu nahe gewesen. In einem Interview des Nachrichtenmagazins Time sagte Nixon, kurz nach seinem Amtsantritt habe er ihren Einsatz zur Beendigung des Vietnam -Kriegs erwogen; der Wunsch nach besseren Beziehungen zur Sowjetunion und China habe ihn aber davon abgebracht. Außerdem habe er nicht Millionen Zivilisten töten wollen, weshalb auch die Deiche nicht zerstört wurden. Im Nahost-Krieg von 1973 habe er wegen einer drohenden sowjetischen Intervention und einer Niederlage Israels für die Atomstreitkräfte Alarm ausgelöst; in einer Note an die Sowjetunion sei deutlich gemacht worden, daß die USA dies nicht hinnehmen und notfalls Atomwaffen einsetzen würden. Auch während der sowjetisch-chinesischen Grenzgefechte habe er an den Einsatz von Atomwaffen gedacht, weil er den Eindruck gehabt habe, daß die UdSSR Kernwaffen gegen China richten könnte, sagte Nixon. Gleiches galt während des indisch-pakistanischen Kriegs, wo eine Intervention Chinas zu befürchten gewesen sei; dies hätte wiederum die UdSSR als Vorwand für einen Angriff auf China nutzen können." (Süddeutsche Zeitung, 13.7.)

Den USA ist mit "Watergate" ein "überaus fähiger Außenpolitiker " (Time) verlorengegangen. Nixons nachträgliche Enthüllungen aus dem Oval Office, wo der Schreibtisch mit dem "roten Telefon" steht, illustrieren ein paar schlichte Wahrheiten über imperialistische Politik, an die unter Demokraten niemand glauben will: In keinem der angeführten Fälle drohte auch nur im entferntesten ein Angriff auf die USA oder eine atomare Bedrohung der NATO. In jedem der Fälle wurde mit dem Atomkrieg als Mittel der Politik kalkuliert und allein aus diesem Grund auf ihn verzichtet. Während die friedensbewegte Menschheit vor dem atomaren Holocaust warnt, über neue Eiszeiten spekuliert oder über die Möglichkeit von SDI grübelt, planen die NATO-Stäbe atomare Einsätze bei Bedarf in allen Weltteilen, und der US-Präsident denkt über Entscheidungen nach.

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Christ und Welt (I): VfB gegen IHS

"Der baden-württembergische Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder hat gefordert, daß die Termine von Sportveranstaltungen nicht in die Gottesdienstzeit fallen dürften. Der Minister, in dessen Bereich auch der Sport fällt, appellierte an die Mitglieder des Landesbeirats für Sportfragen: 'Kinder dürfen am Sonntag nicht vor die Alternative Sport oder Kirche gestellt werden'. Besonders in ländlichen Gegenden, in denen nur ein sonntäglicher Gottesdienst angeboten werde, gebe es wiederholt Klagen. Der Minister wies auf die Gesetzeslage in Baden-Württemberg hin, die zur Hauptgottesdienstzeit unterhaltende Veranstaltungen, für die Eintrittsgelder erhoben werden, verbietet. Mayer-Vorfelder ist zugleich Vorsitzender des Fußball-Bundesligavereins VfB Stuttgart." ( Süddeutsche Zeitung, 9.8.)

Der Mann hat Nerven! Wann soll die Jugend eigentlich einmal mit ihren Eltern "Mensch ärgere dich nicht!" spielen oder ein gutes Buch lesen wenn sie von ihrem KuMi erst in die Kirche und dann auf den Sportplatz gehetzt wird?

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Christ und Welt (II): Ökumene in Afrika

"Der Papst spricht mit Medizinmannern"

"Im weiteren Verlauf des Tages will das Oberhaupt der katholischen Kirche unter anderem in Togoville, dem religiösen Zentrum Togos, mit einer Gruppe von Medizinmännern zusammentreffen. Mit dem in seiner Art einmaligen Treffen trägt der Papst der Tatsache Rechnung, daß sich auch heute noch etwa 70 Prozent der Einwohner Togos zu den von den Medizinmännern repräsentierten alten afrikanischen Naturreligionen bekennen." (FAZ, 10.8.)

Endlich ein päpstlicher Schritt zur Überwindung des der Sache nach durch nichts gerechtfertigten Schismas zwischen Glauben und Aberglauben: Gegen den gottlosen Marxismus, der nach römisch-katholischer Auffassung die "Hauptgeißel für die Menschen Afrikas" sein soll, schmiedet der Schamane aus dem Vatikan das Bündnis mit den Schweinepriestern aus dem Urwald. Wir sagen's ja schon immer: Gläubiger Dogmatismus und kirchlicher Opportunismus wachsen auf einem Holz!

"Ein sechs Monate altes Nashorn wurde dem Papst bei seinem Besuch in einem kenianischen Wildpark vorgestellt. Johannes Paul segnete das Tier." (Münchner Merkur)

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Die Militärstrategen des Vatikans

haben das SDI-Projekt der NATO geprüft und sind dabei zu einem negativen Gutachten gelangt. Nach gründlichem Studium der Bibel (vor allem Josua VI, Makkabäer I und II!), einschlägiger Enzykliken und der gesammelten Reden und Schriften Papst Wojtylas, die ja alle irgendwie um christliche Kriegsführung, Abteilung, Fremde Heere Ost, gehen, kamen die Weisen aus dem katholischen Abendlande "einstimmig" zum Urteil: untauglich. SDI würde zu seiner Realisierung "noch 10-15 Jahre dauern", eine "100prozentige Wirkung" erscheine "nicht möglich". Im Gegenteil: Der Feind könne mit einer "Super-Rakete" kontern, und die käme noch dazu um die Hälfte billiger als der Bau eines "Schutzschildes" (Süddeutsche Zeitung, 8. Juli). Johannes Paul II. fürchtet jetzt eine wehrkraftzersetzende Wirkung des Weltraumrüstungspessimismus seiner Militärberater und wiegelt ab: Die Stellungnahme ist "kein Dokument gegen etwas", es handelt sich vielmehr um eine "wissenschaftliche Stellungnahme zu dem, was diese sogenannte Strategie bedeutet". Wojtyla verkündete abschließend ex cathedra: "In der Frage des sogenannten Kriegs der Sterne befindet man sich immer noch in einer Phase der wissenschaftlichen Forschung." Die Militärkongregation am Heiligen Stuhl wollte also lediglich die Forschung auf die noch zu lösenden Fragen verweisen. Seit den Mißgriffen der Inquisition im Falle Galileis will sich die Kirche schließlich nicht noch einmal vorwerfen lassen, sie stemme sich gegen den Fortschritt in der Wissenschaft.

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Jude und Welt

"Allen Protesten zum Trotz bestehen die beiden Oberrabbiner Israels nach eigenen Angaben auf Einhaltung der religiösen Konversionsriten durch farbige äthiopische Juden. Die Rabbiner erklärten, sie sähen die sogenannten Falaschen zwar als jüdisch an, im Laufe der Jahrtausende habe es jedoch zahlreiche Mischehen mit Nicht-Juden gegeben. Deshalb stelle erst das rituelle Bad der Taufe sicher, daß die äthiopischen Einwanderer 'vollständig jüdisch' seien." (Süddeutsche Zeitung, 9.7.)

An der Beantwortung der heißen Frage 'Wer ist ein Jude?' haben sich Hitlers Rassen"theoretiker" noch abgearbeitet, als Himmlers Endlösungsmannschaft bereits am Sortieren war. Heute entscheiden endlich die Juden selber, wer einer ist und wessen Vorfahren die Rasse verwässert haben. Als Zionisten haben sich die Juden endlich vom Rassismus emanzipiert: Sie haben ihn zur Staatsdoktrin erhoben.

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Bewältigte Vergangenheit (I)

"In der Stadt Bergen Widerstand gegen eine Anne-Frank-Straße

Ein Antrag der SPD-Ratsfraktion der Stadt Bergen im niedersächsischen Kreis Celle, die Straße zum früheren Konzentrationslager Belsen nach der dort als junges Mädchen umgebrachten Jüdin Anne Frank zu benennen, hat zu erbitterten Auseinandersetzungen auch in der Öffentlichkeit geführt. In Leserbriefen hieß es unter anderem, man wolle sich nicht 'mit einem Kainsmal brandmarken lassen'. Befürworter des Antrags, über den in den nächsten Tagen entschieden werden soll, erhielten anonyme Drohanrufe. Wortführer der Antragsgegner ist der Verleger eines Anzeigenblattes, zugleich CDU-Ratsherr, der zur Umbenennung in 'Anne-Frank-Straße' meint, diese bedeute für die Bürger von Bergen eine 'tägliche Vorführung'." (Süddeutsche Zeitung, 15.7.)

Die Bergener Bürger haben sich so sehr zum neuen nationalen Selbstbewußtsein emporgearbeitet, daß sie im Gedenken selbst an die unschuldigen Opfer, die damals durch ihre Stadt nach Belsen transportiert worden sind, nur noch den Vorwurf merken. Den lassen sie sich nicht gefallen. Wenn sie schon damals dem Treck russischer Kriegsgefangener durch die Belsener Straße zu den Erschießungspelotons zusehen mußten, dann wollen sie heute nicht auch noch an dieser "wichtigen Hauptstraße" ein "belastendes" Straßenschild sehen. So gibt es unter Führung ihrer CDU erstmals Widerstand in Bergen: Kaum 50 Jahre steht das KZ in Belsen, und schon protestieren die Bürger - gegen einen Straßennamen.

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Vergangenheit (II)

"Wolfsburger CDU nimmt Anstoß am Begriff Faschismus

In Wolfsburg ist ein Streit um die Umbenennung des Ausländerfriedhofs entbrannt, auf dem 415 ausländische Kinder, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge begraben sind. Während des Zweiten Weltkrieges waren diese Ausländer überwiegend in der Rüstungsproduktion des Volkswagenwerkes eingesetzt. Anlaß für den Streit ist ein bisher von mehr als 4000 Bürgern unterzeichneter Antrag, in dem eine Umbenennung in 'Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus' gefordert wird. Bei einer ersten Beratung über diese Initiative im Wolfsbwger Stadtrat sagte CDU-Sprecher Manfred Kolbe, die Union stoße sich am Namen 'Faschismus', der dem kommunistischen Wortschatz entnommen sei. Die CDU sei für eine Umbenennung, möglicherweise in Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus oder der Gewaltherrschaft." (Süddeutsche Zeitung, 19.7.)

So geht die christlich-verfassungsgemäße Variante von der "Auschwitz- Lüge": Der Faschismus war und ist eine kommunistische Erfindung! Dagegen sind die Namen "national", "sozialistisch", "Gewalt" und "Herrschaft" dem christlich-demokratischen Wortschatz entnommen.